Smartphones und Laptops. Was folgt, ist eine der bemerkenswertesten Eröffnungssequenzen des deutschen Gegenwartskinos: Luca lässt sich ins Wasser gleiten, liegt lang auf dem Beckenboden, taucht auf – und niemand hat es bemerkt. Mit dieser einen, erschreckend stillen Szene hat Joscha Bongard die Essenz seines Debütspielfilms BABYSTAR auf den Punkt gebracht.
BABYSTAR ist ein Film, der genau dort hinsieht, wo die meisten lieber wegschauen: in das Innenleben jener sorgfältig kuratierten Bilderbuchfamilien, die Social-Media-Feeds bevölkern und Millionen Follower mit einem scheinbar makellosen Alltag beglücken. Luca, 16 Jahre alt, ist seit ihrer Geburt der Star des Family-Channels „our_bright_life“ – das erste Ultraschallbild ging online, noch bevor sie das Licht der Welt erblickt hatte. Jetzt folgen ihr 4,3 Millionen Menschen auf TikTok, und dennoch hat sie keine einzige echte Freundin. Als ihre Eltern verkünden, sie wollten ein weiteres Kind bekommen – eine geschäftstüchtige Entscheidung, die den Kanal mit frischem Schwangerschafts-Content versorgen soll –, beginnt Lucas sorgfältig aufgebaute Fassade zu bröckeln.

Bongard, der nach dem Abitur beim YouTube-Netzwerk TubeOne arbeitete, bevor er sein Studium an der Filmakademie Baden-Württemberg aufnahm, kennt die Strukturen der Plattformökonomie aus eigener Anschauung. Das spürt man in jeder Einstellung von BABYSTAR. Der Film entfaltet seinen sozialkritischen Blick in kühlen, weitgehend leeren Bildern, in denen Kameramann Jakob Sinsel die weitläufige Designervilla der Familie Sommer wie ein steriles Laboratorium inszeniert. Glasflächen, weißer Marmor, makellose Oberflächen – ein Haus, das weniger bewohnt als bespielt wird. Die hohen Kameraperspektiven, die Luca immer wieder aus der Distanz beobachten, als würden Überwachungskameras mitlaufen, verleihen dem Film eine beunruhigende Qualität: Wir als Zuschauer werden mitschuldig, wir schauen zu – genau wie die unsichtbaren Millionen Follower.
Im Zentrum dieses klugen sozialen Sezierstücks steht Maja Bons in einer Darbietung, die man so schnell nicht vergisst. Ihre Luca ist kein einfaches Opfer und keine eindimensionale Rebellin, sondern ein Mensch im Schwebezustand zwischen Komplizenschaft und Aufbegehren. Bons trägt diese innere Zerrissenheit mit einer feinen Körperlichkeit: Die Augen, die zu Beginn noch mit jenem geübten Social-Media-Glanz leuchten, verdunkeln sich Szene für Szene. Wenn Luca sich irgendwann bereit erklärt, einen KI-Avatar von sich anfertigen zu lassen – eine digitale, ewig 16-jährige Version ihrer selbst, die als personalisierte Projektionsfläche für Follower dienen soll –, ist das einer der beklemmendsten Momente des Films: die kommerzielle Kolonisierung der eigenen Identität, vollzogen im Einverständnis.

Bea Brocks und Liliom Lewald sind als Elternpaar Stella und Chris brillant besetzt. Beide spielen Menschen, die die Sprache des Brandings so vollständig internalisiert haben, dass echte Empathie kaum noch durchscheint. Lucas Ausbrüche werden als temporäre PR-Krise gemanagt, ihr Schmerz als verwertbarer Konflikt-Content umgedeutet. Die subtile Kälte, mit der dieses Elternpaar agiert, ist erschreckend – und gleichzeitig erschreckend glaubwürdig. Joy Ewulu als Videoregisseurin Julie, die Luca kurzzeitig das Gefühl gibt, mehr als eine stromlinienförmige Influencerin zu sein, setzt einen wichtigen Kontrapunkt und verleiht dem Film einen Moment echter menschlicher Wärme.
Visuell setzt BABYSTAR dabei auf einen ebenso simplen wie cleveren satirischen Trick: Wo immer Markennamen auf Kleidung oder Logos im Bild auftauchen würden, werden sie konsequent verpixelt. Diese Auslassung macht das kommerzielle Geflecht, das die Familie Sommer zusammenhält, erst recht sichtbar – das Wegblenden blendet nichts weg, es zeigt vielmehr, wie allgegenwärtig die Vermarktung tatsächlich ist. Komponist Jonas Vogler unterstützt die Bildsprache mit einem elektronischen Score, der zwischen bedrohlicher Ambiance und kühler Eleganz pendelt und dem Film seine ganz eigene, unverwechselbare Atmosphäre gibt.

Mit BABYSTAR legt Joscha Bongard einen Debütfilm vor, der Fragen stellt, die längst überfällig sind: Wo beginnt Kinderarbeit in der digitalen Ökonomie? Wem gehört die Identität eines Menschen, der von Geburt an als Produkt vermarktet wurde? Was bleibt von einem jungen Menschen übrig, wenn die Persönlichkeitsentwicklung vollständig in der Öffentlichkeit stattfindet? Diese Fragen brennen im Bewusstsein nach, lange nachdem der Abspann gelaufen ist. Dass Bongard sie ohne erhobenen Zeigefinger, dafür mit umso größerer ästhetischer Konsequenz verhandelt, macht BABYSTAR zu einem der eindringlichsten deutschen Spielfilme der Saison. (Marcel Kober – citybloop)
Durch und durch gelungenes deutsches Drama!
Fotos © Jakob Fliedner
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