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BLACK BIRD

Im Gespräch mit Paul Walter Hauser, Greg Kinnear, Sepideh Moafi und Dennis Lehane über BLACK BIRD auf Apple TV

DIE DUNKLE SEITE EINES MENSCHEN

 

Einmal mehr steht Apple TV+ für eine qualitativ hochwertig produzierte und inszenierte Serie. Mit BLACK BIRD wird dabei der wahre Fall des Larry Hall aufgegriffen, der als Serienmörder gilt, obwohl man ihm nur einen Mord nachweisen konnte. Die mit Taron Egerton (Kingsman: The Secret Service, Kingsman: The Golden Circle, Rocketman), Paul Walter Hauser (I, Tonya, BlacKkKlansman, Der Fall Richard Jewell und TV-Serie COBRA KAI), Greg Kinnear (Oscar-Nomination für Besser geht’s nicht, ansonsten bekannt durch Mystery Men, Wir waren Helden, Unzertrennlich und Little Miss Sunshine), Sepideh Moafi (TV-Serie The L Word: Generation Q) und dem leider vor Kurzem verstorbenen Ray Liotta (GoodFellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia, Flucht aus Absolom, Cop Land, NARC) hochkarätig besetzte, spannende Miniserie nimmt sich vor allem der dunklen Seite eines Menschen an. Das Drehbuch dazu entstammt der Feder von Dennis Lehane, der als Buchautor die Vorlage für die Filme Mystic River, Shutter Island, Gone, Baby, Gone, THE DROP und Live by Night geliefert hat.

Zum Start der Miniserie BLACK BIRD, welche man ab dem 8. Juli auf Apple TV+ sehen kann, haben wir uns mit Paul Walter Hauser, Greg Kinnear, Sepideh Moafi und Dennis Lehane zum Gespräch getroffen.

 

Paul Walter Hauser

DEADLINE: Zuerst Gratulation für deine Performance als Larry Hall in BLACK BIRD, die einem wirklich unter die Haut geht. Diesbezüglich habe ich mir die Frage gestellt: Wie genau hast du deine Stimme für Larry Hall gefunden – inwiefern entspricht jene der realen Person?

 

Paul Walter Hauser: Danke für das Kompliment. Für meine Stimme von Larry Hall hatte ich kaum eine hörbare Vorgabe – ich fand auf YouTube nur kurze Audioaufnahmen von ihm, die nicht länger als 20 Sekunden sind. Dabei fiel mir jedoch auf, dass seine Stimme schon überzeichnet hoch klingt. Daran orientierte ich mich, als ich meine Stimme für Larry Hall definierte. Der Rest, die Art und Weise, wie er sich bewegt, habe ich mir selber zusammengereimt. Mir dabei die Frage gestellt, wie sich wohl jemand bewegt, der im Gefängnis sitzt, sich manchmal überlegen und manchmal vollkommen am Ende fühlt.

 

DEADLINE: Wie findet man sich als Schauspieler in solch eine anspruchsvolle und düstere Rolle hinein?

Paul Walter Hauser: So etwas ist sehr schwer. Am Ende führt kein Weg am Drehbuch vorbei, welches einem die notwendigen Eckpunkte und Informationen liefert. Ich selbst möchte gar nicht mehr über Larry Hall wissen als das, was im Drehbuch steht. Würde es sich bei Larry Hall um eine politische oder historische Figur handeln, dann hätte ich zusätzliche Nachforschungen betrieben und mich in den Werdegang eingelesen. Bei einem Mörder möchte ich dies jedoch nicht tun, da reicht mir das Drehbuch voll und ganz. Ich habe versucht, Larry Hall so zu spielen, dass ich damit nicht das Andenken jener beschmutze, die durch seine Hand gestorben sind. Solch eine Rolle zu spielen macht grundsätzlich keinen Spaß, genauso wie es auch keinen Spaß macht, einen Rassisten zu spielen, wie ich es in BlacKkKlansman gemacht habe. Was bleibt, ist die Herausforderung, solch eine Rolle so zu spielen, dass sie dem Zuschauer unter die Haut geht und der Story entspricht.

 

DEADLINE: Inwiefern ist es dir gelungen, die Rolle in den Drehpausen abzuschütteln, dafür zu sorgen, dass dich Larry Hall nicht in dein Privatleben verfolgt?

Paul Walter Hauser: Das war gar kein Problem für mich, da ich jedes Mal froh darüber war, nicht Larry Hall sein zu müssen. Wir haben die Serie während der Coronapandemie gedreht und wurden am Set auch noch von einem Sturm heimgesucht, was alles zu Verzögerungen im Drehplan geführt hat. Ich musste die Rolle daher wesentlich länger als geplant spielen, weswegen ich es auch kaum abwarten konnte, Larry Hall hinter mir zu lassen. Ich möchte auch nicht zur Rolle zurückkehren müssen – sollte es je ein Musical über Larry Hall geben, dann müssen die Produzenten dafür nicht an meiner Tür anklopfen. (lacht)

 

DEADLINE: Ist Larry Hall für dich eine böse Person?

Paul Walter Hauser: Ich weiß nicht, ob man dies so sagen kann. Eine böse Person macht meiner Meinung nach Dinge aus Vorsatz, da sie weiß, dass sie was Schlechtes macht. Dann gibt es jedoch auch viele Menschen, die gar nicht realisieren, dass sie was Böses tun, da sie es einfach nicht anders kennen. Ohne ihn in Schutz nehmen zu wollen, zählt Larry Hall meiner Meinung nach dazu. Er verfügt über eine Backstory, eine Kindheit, die wir in der Serie ebenfalls beleuchten. Ebenjene macht einiges verständlicher, da er am Ende auch ein Opfer seiner Umwelt ist. Opfer und Täter können schließlich oft auch dieselbe Person sein.

 

Dennis Lehane

 

DEADLINE: Was hat dich an dem Projekt angesprochen, dass du dich dazu entschieden hast, dafür das Drehbuch zu schreiben?

Dennis Lehane: Anfangs rein gar nichts. Ich wollte das Projekt nicht machen, da ich nicht schon wieder eine düstere Geschichte erzählen wollte. Auch bin ich Vater von zwei Töchtern, weswegen das Thema der Geschichte auf mich eher abstoßend wirkte. Trotzdem las ich das Buch in With The Devil: A Fallen Hero, A Serial Killer, and A Dangerous Bargain for Redemption von James Keene, in welchem der Fall von Larry Hall thematisiert wird. Ich brauchte fast bis zum Ende, bis mir klar wurde, dass sich dahinter eine gute Geschichte versteckt, die ich gerne erzählen möchte. Ich erkannte zwei Geschichtsstränge, die ich ausarbeiten wollte. Da wäre zum einen die Geschichte von James Keene, eine Person, die einen ganz persönlichen Läuterungsweg beschreitet und am Ende zu einem besseren Menschen wird. Andererseits jedoch auch jene Geschichte über toxische Männlichkeit, die sich hier in der Person von Larry Hall äußert. Im Buch gibt es eine Textzeile, die besagt, dass man einen gemeinsamen Nenner finden müsse, um sich zu verstehen. Ebenjener ist bei vielen Männern leider der, dass Frauen als Objekte betrachtet werden. Über dieses Thema wollte ich etwas machen, wobei mir sehr daran gelegen war, keine direkte Gewalt, sondern nur die Folgen der Gewalt zu zeigen. Gewalt soll kein Grund sein, wieso man sich die Serie anschaut, sondern die Geschichte.

 

DEADLINE: Gab es für dich keine Limitierungen seitens der Produzenten oder Apple TV+, wenn es darum ging, sich der dunklen Seite der Figuren anzunehmen?

Dennis Lehane: Ich hatte vollkommene Freiheit … wobei, warte, eines durfte ich nicht machen. Ich durfte die Figuren nicht rauchen lassen. (lacht) Es gibt nur zwei Szenen in der Serie, in welchen die Figuren rauchen, und für beide Szenen musste ich wie ein Löwe kämpfen, dass sie im Drehbuch bleiben konnten. Ansonsten hatte ich vollkommene kreative Freiheit.

 

DEADLINE: Was kannst du über die Zusammenarbeit mit Ray Liotta erzählen, der leider vor Kurzem überraschend verstorben ist?

Dennis Lehane: Ich finde, er ist einer der meistunterschätzten Schauspieler, die es gibt bzw. gab. Er wurde immer entweder als Gangster, böser Cop oder Bösewicht besetzt. Ebenjenes Rollenklischee wollte ich ihm in der Serie nicht geben, vielmehr wollte ich ihm die Chance geben, eine andere Seite zu präsentieren. Aus diesem Grund habe ich ihm die Rolle des Vaters von James Keene auf den Leib geschrieben. Er war mein Wunschkandidat für die Rolle, und er hat glücklicherweise nicht einmal 24 Stunden nachdem wir ihm das Drehbuch geschickt hatten, zugesagt. Am Set selbst hat er sich sofort mit Taron Egerton verstanden – beide haben auf Anhieb eine Vater-Sohn-Chemie miteinander entwickelt. Viele seiner Dialoge hat er dabei improvisiert, keine Aufnahme war wie die andere. Am Ende der Dreharbeiten habe ich mit ihm abgemacht, dass er in meinem nächsten Projekt ebenfalls dabei sein wird. Er hat darauf nur geantwortet: „Klar, doch diesmal gibst du mir eine größere Rolle!“ Er war ein toller Mensch, mit welchem ich die Zusammenarbeit sehr genossen habe.

 

DEADLINE: Was kannst du über die Zusammenarbeit mit Paul Walter Hauser erzählen?

Dennis Lehane: Er hat die Rolle des Larry Hall absolut auf den Punkt gebracht. Dabei hat er so oft improvisiert und Dinge versucht, dass es eine wahre Freude war.

An einem Tag war jedoch meine Tochter am Set, und er hat mal wieder die Dialoge abgeändert, weswegen ich zu ihm ging und gesagt habe: „Kannst du dich heute an mein Drehbuch halten? Ich möchte meine Tochter damit beeindrucken.“ Er ging danach dann zu meiner Tochter und hat ihr ins Ohr geflüstert: „Ich glaube, dein Vater wird mich feuern.“ (lacht)

 

Greg Kinnear & Sepideh Moafi

 

 

Photo Credit: Jill Greenberg

 

DEADLINE: Die Rolle der FBI-Agentin Lauren McCauley ist eine sehr toughe. Wie hast du dich auf ebenjene Rolle vorbereitet?

 

Sepideh Moafi: Ich habe im Vorfeld der Produktion sehr viel Sport gemacht. Nicht wegen etwaiger Actionszenen, da es in der Serie gar keine gibt, sondern um als Person die notwendige Glaubwürdigkeit auszustrahlen. Ebenfalls habe ich viele Bücher und Artikel über die Arbeit des FBI gelesen und mir auch viele Episoden eines FBI-Podcasts angehört, in welchem es um vergangene Fälle geht. Zu den Machern des Podcasts konnte ich auch Kontakt aufnehmen, weswegen ich die Ehre hatte, mit echten FBI-Agenten über ihre Arbeit sprechen zu dürfen. Dabei habe ich auch erfahren, dass es Frauen über Jahrzehnte hinweg nicht erlaubt war, beim FBI zu arbeiten. J. Edgar Hoover selbst vertrat in den 70er-Jahren noch die Ansicht, dass Frauen nicht beim FBI zugelassen werden sollen. Erst in den Jahren danach änderte sich die Situation langsam – zuvor sahen sich viele Frauen einer sehr starken und kaum überwindbaren Diskriminierung gegenüber. Mir war es daher wichtig zu zeigen, dass eine Frau im FBI genauso gut wie ein Mann sein kann. Eine Frau kann Verbrechen aufklären und sich in einen Fall verbeißen, um Gerechtigkeit zu erreichen.

 

DEADLINE: Einer der Regisseure der Serie ist belgische Filmemacher Michaël R. Roskam, der 2014 den sehenswerten THE DROP inszeniert hat. Was kannst du, Greg, über die Arbeit mit ihm erzählen?

 

Greg Kinnear: Ich habe die Arbeit mit ihm sehr genossen. Er ist ein sehr talentierter Filmemacher, der sehr viel kreative Energie am Set eingebracht hat. Die meisten meiner Szenen sind unter seiner Regie entstanden, die mir sehr viel Freiraum gelassen hat, eigene Nuancen in meine Rolle einzubringen. Ich selbst stamme aus der Gegend, in welcher Larry Hall lebte, und weiß genau, wie die Leute da ticken, sich bewegen und sprechen. Es war mir daher sehr wichtig, ebenjenes Flair auch in meine Rolle einbringen zu können.

Ich finde auch, dass Michaël das Drehbuch absolut verstanden hat – er und Dennis (Anm.: er meint Dennis Lehane) haben viel darüber gesprochen, sodass er das Maximum herausholen konnte.

 

DEADLINE: Dennis Lehane hat in seinem Interview gesagt, dass er die Serie anfangs nicht machen wollte, da er keine weitere düstere Geschichte erzählen wollte. Wie habt ihr das erlebt, war euch die Geschichte am Anfang auch zu düster, als ihr sie zum ersten Mal gelesen habt?

 

Greg Kinnear: Nein. Ich war froh, dass man mir keine weitere Komödie anbot, sondern etwas, was ich so schon sehr lange nicht mehr gespielt habe. Am Ende ist es jedoch egal, ob eine Rolle komödiantischer oder dramatischer Natur ist, da es nur um die Qualität des Drehbuchs geht. Wenn das Drehbuch gut ist, dann spiele ich alles. Wenn die Aussage und das Ziel der Geschichte es wert sind, erzählt zu werden, dann bin ich dafür zu haben.

 

Sepideh Moafi: Ich stimme dem absolut zu. Das Drehbuch war zu gut, als dass man es hätte ablehnen können. Für mich war das Drehbuch wie eine Goldmine, weil ich als Schauspielerin darin so viel entdecken konnte, was ich zuvor so noch nie spielen durfte.

 

DEADLINE: Greg, würde es dich reizen, auch mal solch eine Rolle wie Larry Hall spielen zu können?

Greg Kinnear: Ja und nein. Als Schauspieler bin ich für jede Herausforderung offen. Ich mag es, meine Grenzen auszutesten. Jedoch bin ich auch der Vater von drei Töchtern, weswegen ich mich nicht wohl dabei fühlen würde, einen Mädchenmörder zu spielen. Auch denke ich nicht, dass ich die Rolle besser als Paul (Anm.: er meint Paul Walter Hauser) spielen könnte, der sich absolut darin verbissen hat.

 

Sepideh Moafi: Wir allen können dankbar sein, dass sich Paul dieser schweren Rolle angenommen hat. Es fiel ihm am Set oftmals sehr schwer, die Rolle zu spielen. Es gab Momente, wo er eine Pause brauchte, um sich zu erholen. Ich habe den größten Respekt vor seiner Leistung.

 

Interviews geführt von Nando Rohner

 

 

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