Besonders in diesem Jahr sind es die Indie-Spiele, welche die Gaming-Industrie am Laufen halten. In Zeiten von Microsofts Reset mit Massenentlassungen und Sonys Entscheidung, keine Discs mehr zu produzieren, sind die Indies wie ein Hafen der Normalität.
Schnappt euch also mal wieder ein Käffchen am metaphorischen Kaffeeautomaten, setzt euch auf eine Picknickdecke in einem Park Ihrer Wahl und schauen wir mal, welche kleinen Highlights die ersten sechs Monate für uns bereithielten. Hier noch Tipps!
PERFECT TIDES – STATION TO STATION


Den Anfang macht das ungeheuer charmante PERFECT TIDES – STATION TO STATION. Sind in den letzten Jahren Slice-of-Life-Games mit einem narrativen Fokus sowieso in Mode, erzählt PERFECT TIDES eine berührende Geschichte rund um Identität, Zusammenhalt und Zugehörigkeit. All das fühlt sich beinahe wie ein spielbares LADY BIRD an. So begleiten wir Hauptcharakter Mara Whitefish ein Jahr lang durch ihr Leben in der Großstadt.
Dabei begegnen wir schillernden Figuren, erleben zu Herzen gehende Geschichten und fühlen uns schon bald sehr zu Hause in dieser beseelten Großstadt. Das Gameplay ist dabei ganz klassisch wie in einem Point-and-Click-Adventure gehalten. Wir führen also jede Menge Gespräche, lösen kleine Rätsel und streunen so durch die Welt. Das ist nicht nur sehr entspannend, sondern beinahe heilsam. PERFECT TIDES ist eines dieser Spiele, die allein durch ihre Schreibe prägen und im Gedächtnis bleiben. Eines dieser Spiele, das als Geheimtipp durch die Gamingforen geistert.
Berührend und echt.
SEKTORI


SEKTORI ist pures Adrenalin, in einen Sturm aus Farben und Formen gegossen. In diesem Top-Down-Arcade-Shooter ist alles bewusst aufs Nötigste reduziert und entfaltet dadurch eine geradezu hypnotische Klarheit. Designt von ehemaligen Housemarque-Entwicklern (SAROS, OUTLAND) ist es kein Wunder, dass hier ein Kleinod entstanden ist. Jeder Durchlauf verlangt anschließend eine mindestens fünfminütige Pause zum Durchatmen.
Die Zielgruppe für diese Art von extrem klassischem Arcade-Shooter mag nicht die größte sein, darauf kommt es jedoch absolut nicht an. An alle da draußen: Wer SEKTORI nichts abgewinnen kann, hat die Arcade-Halle nie geliebt. Also Kopfhörer auf, die treibenden Beats übernehmen lassen und die Handgelenke zum Glühen bringen. Auf eigene Gefahr.
Arcade-Träume aus Finnland.
MINA THE HOLLOWER


Nachdem SHOVEL KNIGHT als einer der größten Erfolge im Indie-Bereich in die Geschichte einging, stand Entwickler Yacht Club Games zehn Jahre später am Abgrund. Daher wurde alles auf eine Karte gesetzt. Auf ein Spiel, welches sich am besten mit dem Satz beschreiben lässt:
„Was wäre, wenn ZELDA und BLOODBORNE auf dem Game Boy Color Nachwuchs bekommen hätten?“
MINA THE HOLLOWER ist nicht genau das, was sich Fans des Studios erhofft hatten. Es ist viel mehr als das. Nicht einfach nur ein Zelda-Like in Pixeloptik, sondern etwas völlig Einzigartiges, das nun völlig zu Recht von Erfolgsmeldung zu Erfolgsmeldung hüpft.
Hier stimmt einfach alles. Die Optik des Game Boy Color wird perfekt eingefangen – von den Tönen über die Grafik bis zum allgegenwärtigen Schwierigkeitsgrad. Die größte Kirsche auf der Torte ist jedoch das lupenreine Spieldesign. Jeder einzelne Bildschirm ist zum Bersten gefüllt mit Rätseln, interessanten Ideen, optischen Einfällen und variierenden Gegnern. MINA THE HOLLOWER ist, wie die Heldin Mina, klein, aber enorm tiefgehend. Und plötzlich fragt man sich, warum die Zugfahrt nicht noch eine Stunde länger gehen kann.
Perfekter ZELDA-BLOODBORNE-Mix.
BUBSY 4D

BUBSY könnte als das THE ROOM der Videospielindustrie bezeichnet werden. Ein ungeheuer nerviger, gepfoteter Hauptcharakter, nervige Gegner, nerviges Leveldesign, nerviger Soundtrack, sogar nerviges Marketing. BUBSY hatte es nicht leicht über die Jahrzehnte. Nicht ein einziges gutes oder auch nur mittelmäßiges Spiel in Sicht.
Daher ist es auch so erstaunlich, dass mit BUBSY 4D nun endlich ein ganz netter 3D-Plattformer herausgekommen ist. Das mag sich jetzt etwas antiklimaktisch lesen, besonders in Anbetracht der großartigen bislang genannten Titel. Aber noch einmal: Das ist das erste vernünftige BUBSY-Spiel in seiner 30-jährigen Historie. Das ist keine große Errungenschaft, aber dennoch beachtlich. Und verdient daher hier seinen Platz. Vielleicht wird das nächste Spiel dann sogar richtig gut?!
Für BUBSY erstaunlich gut!
LATER ALLIGATOR


Ein kleines „Late to the Party“ gibt es dann auch noch, denn mit LATER ALLIGATOR hat sich ein älterer Release in diese kleine Übersicht geschlichen, der jedoch durch einen Re-Release neue Relevanz gewonnen hat.
In diesem bezaubernden Adventure klicken wir uns durch ein New York, das ausschließlich von Alligatoren bewohnt wird. Große, kleine, seltsame, mit Hüten, Haaren, Glatzen, Brillen, Gitarren und so ziemlich allem, was man sich vorstellen kann. Wunderbar visualisiert von der Animationsschmiede SmallBu (bekannt durch BAMAN AND PIDERMAN), erfahren wir so eine sehr lustig geschriebene Geschichte voller Herz, Witz und so ziemlich jedem möglichen Alligator-Wortspiel, das die englische Sprache zu bieten hat. Das ist nicht nur ungeheuer charmant, sondern geht auch sehr zu Herzen. Spiele wie dieses sind es, wofür es den Indie-Markt so dringend braucht.
In a while, crocodile!
Natürlich gab es noch jede Menge andere großartige kleine Spiele in diesem starken ersten Spielehalbjahr. Ein einzelner Redakteur kann aber nur so viele Spiele spielen. (Simon Greichgauer)

