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DEADLINE präsentiert: DIE PAN-KURZGESCHICHTE Mai/Juni 2026

Das wunderbar vielfältige und breite Genre der Phantastik hat auch im deutschsprachigen Raum viel zu bieten. Sei es im Film, im Comic, im illustrativen Bereich und natürlich auch in seiner literarischen Form.

Das PAN – Phantastik Autor*innen Netzwerk unterstützt Autor:innen, bietet Networking, Support rund ums Schreiben und vergibt seit 2021 Arbeits-Stipendien. Die beliebte Aktion „PAN-Kurzgeschichte“ soll einem breiten Publikum deutschsprachige Phantastik näherbringen – und Lust auf mehr machen. Als Kooperationspartner von PAN präsentieren wir euch seit Mai 2024 kurzen phantastischen Lesestoff. Alle zwei Monate eine andere Geschichte. In voller Länge. Hier auf unserer Website. 

Die dreizehnte Story stammt aus der Anthologie MENSCH 3.0. Wird das Klonen von Menschen alltäglich werden, genau wie deren Entfliehen in virtuelle Räume, als Avatare? Verlieren Personen, die zunehmend mit technischen Ersatzteilen supplementiert werden, irgendwann ihre Menschenrechte? Ist der Tod verhandel- und das Leben tauschbar?

MIRIAM

von Rita Janaczek

Dort, wo die Dächer nicht mit Fotovoltaik bedeckt sind, reflektieren die riesigen Schüsseln das grelle Sonnenlicht und schicken es zurück ins All. Doch es ist, als würde man zu dicht am Feuer stehen und zum Schutz vor der Hitze eine Münze vor sich halten.

Ich werfe einen Blick auf mein ID-Armband und öffne die App »W- Check«. Heute bleiben die Wasserleitungen in meinem Stadtteil mal wieder trocken. Mein Vorrat wird nicht mehr lange reichen. Ich schaue aus dem Fenster, die Luft über der Stadt flirrt. Ich sollte mich auf den Weg machen. Luftige Hose, ein langärmliges Shirt, Leinenschuhe, Sonnenbrille und ein Käppi. Ich nehme zusätzlich den Schirm und mache mich widerwillig auf zum Loop.

Bereits nach wenigen Schritten bricht mir der Schweiß aus, es ist drückend heiß. Heftige Gewitter sind gemeldet – die letzten Monate sind sie stets gewaltig, aber trocken über uns hinweggezogen. Ich hoffe auf sanften, langenandauernden Regen. Die Stadt ist ein Glutofen. Grünzeug gibt es nur da, wo gewässert wird, also nirgends mehr. Wasser ist knapp und exorbitant teuer. Ich durchquere den Park: vertrocknete Bäume, auf beiden Seiten des Weges rissiger Boden. Niemand begegnet mir. Die Sonne verschwindet hinter den Wolken. Ich lasse den Schirm offen, die Wolken halten die UV-Strahlung ja nur unzureichend ab, das weiß jedes Kind. Ich erreiche den Ausgang des Parks und biege auf die Hauptstraße ab. Solarautos fahren an mir vorbei. Die gewaltigen Wohnblocks auf der gegenüberliegenden Straßenseite wirken wie abgeschottete Bunker. Alle Jalousien sind heruntergelassen.

Entfernter Donner ist zu hören. Die Prognose für Niederschlag ist diesmal nicht schlecht, doch wenn ein infernales Unwetter droht, werden die Verantwortlichen versuchen, die Wolken weit vor der Stadt abregnen zu lassen. Die Anlage für den Beschuss von Wolkenmassen mit Silberjodid wurde bereits vor zehn Jahren eingeweiht. Da stand ich kurz vor der Schulentlassung. Hin und wieder ist es schon gelungen, Starkregen über unbewohntem Gebiet zu entschärfen, doch der dringend benötigte Niederschlag hat auch mehr als einmal das Staubecken verfehlt.

Mir kommt ein Mädel entgegen, sie trägt eine geblümte Hose, ein trägerloses Top und eine riesige Sonnenbrille. Das blonde Haar ist locker zu einem Zopf gebunden. Vor meinem inneren Auge sehe ich bereits ein Melanom auf ihrer nackten Schulter wuchern. Ich schäme mich plötzlich für den Gedanken und wünsche ihr, dass sie gesund bleibt. An der nächsten Ampel überquere ich die sechsspurige Straße. Die Sonne lässt sich wieder blicken und ich habe das Gefühl, über einen Grill zu laufen. Neben einer Straßenlaterne liegen zwei tote Tauben. Gleich zwei. Mir wird bewusst, dass ich schon Monate keine Vögel mehr gesehen habe. Meine Schritte werden langsamer, ohne dass ich es beschlossen hätte, ich fühle mich bereits jetzt total erschöpft. Mehr als erleichtert erreiche ich endlich den Zugang zum Loop. Ich schließe den Schirm und schiebe ihn zusammen.

Hier unten ist es kühler, wenngleich ebenso stickig wie draußen. Während es auf meinem Weg hierher verlassen war, drängen sich die Menschen in dieser Unterwelt. Ich halte das ID-Armband an den Checkpoint und lade eine elektronische Fahrkarte. Von vielen Stadtteilen führen unterirdische Fußwege zum Loop. Das Gebiet, in dem ich wohne, ist noch immer abgehängt. Das ist ein riesiges Problem. Dort wohnen viele Kinder und jeder Weg zur Schule erhöht ihr Risiko für Hautkrebs. Ich stelle mich hinter die Absperrung und starre auf die Röhre aus durchsichtigem Hochleistungsacryl.

Mir wird auf einmal bewusst, wie einsam mein Leben ist. Vielleicht sollte ich mir eine Arbeit suchen, die mich unter Leute bringt, anstatt isoliert im Homeoffice auszuharren. Andererseits beneide ich niemanden, der da draußen unter der Sonne sein Geld verdienen muss. In einem Supermarkt zu arbeiten wäre schon ein Traumjob, allein wegen der Klimaanlagen. Doch die Märkte können sich vor Bewerbungen kaum retten.

Die Kapsel in Richtung Industriegebiet fährt ein. Mit einem Zischen öffnen sich die Luken der Röhre, dann schieben sich die Türen der Kapsel hoch. Menschen strömen auf den Bahnsteig, an mir vorbei und Richtung Tunnelsystem. Die Absperrung aus Metall bewegt sich zur Seite weg, undiszipliniert wie immer beginnt der Kampf um den Einstieg. Ohne mein Dazutun schwimme ich im Gedränge mit. Der Innenraum füllt sich, bis wir wie Sardinen aneinandergedrückt strammstehen und vor uns hin schwitzen. Es riecht und das erinnert mich daran, dass auch ich wochenlang nur Katzenwäsche betrieben habe. Ich habe mal gelesen, dass die Menschen in unserem Land vor

fünfzig Jahren noch täglich geduscht haben. Irgendwie unvorstellbar. Die Türen schließen sich. Ich spüre die Beschleunigung wie einen Rausch.

Kaum zwei Minuten später befinde ich mich am anderen Ende der Stadt. Die Menschen ergießen sich über den Bahnsteig und streben auf Tunnel und Ausgänge zu. Ich steige in Erwartung der Hitze die Treppen hinauf. Es donnert ununterbrochen. Das Wetterleuchten ist imposant. Ich bin nicht der Einzige, der ob dieses Schauspiels gebannt Richtung Himmel starrt. Es sieht fantastisch und gleichzeitig bedrohlich aus. Das Versprechen eines unkontrollierbaren Infernos lässt den Wunsch nach Niederschlag in meinem Inneren ersterben. Ich reiße mich von dem Anblick los. Es sind kaum zweihundert Meter zum Industriegebiet.

Bereits von Weitem kann ich die riesige Menschenschlange sehen. Ich ertappe mich bei einem gut hörbaren Seufzer.

»Jonas, bist du das?«

Irgendwoher kenne ich die Stimme, die hinter mir meinen Namen ruft. Eine junge Frau schließt auf und grinst mich an.

»Miriam. Wir haben uns ja ewig nicht gesehen.«

»Seit der Schulentlassung, denke ich«, sagt sie.

»Und du hast mich von hinten erkannt?«, frage ich ungläubig.

»Nein, ich habe dich schon im Loop ins Visier genommen, war mir aber nicht sicher. Und da wir anscheinend den gleichen Weg haben, bin ich dir gefolgt.«

»Okay«, sage ich gedehnt.

Wir gehen nebeneinanderher. Ich habe sie sofort erkannt. Miriam, der Schwarm aller Jungs. Wild und blond. Und ich? Damals hoffnungslos in sie verschossen und ohne jede Chance. Jetzt? Vielleicht sollte ich meinen Blutdruck messen.

»Was machst du so?«, frage ich, weil mir nichts Besseres einfällt.

»Wasser kaufen.«

»Ich auch. Wir … wir könnten zusammen Wasser kaufen«, stammele ich.

»Gern.«

Ich muss grinsen und schiele zu ihr herüber. Wie damals, die kleine, freche Maus. Spitze Nase, große Augen, das rechte Ohr steht etwas ab.

»Wo hast du dich verkrochen?«, will sie wissen.

»Ich lebe im Haselviertel, hab da eine Wohnung im vierten Stock.«

»Mit Klimaanlage?«

»Leider ohne.«

Sie verzieht das Gesicht und lacht dann auf. »Da werde ich dich nicht besuchen!«

»Und du?«

»Lorbeerviertel.«

»Auch nicht besser«, sage ich. »Von da gibt es auch keine Tunnel zum Loop.«

»Aber ich habe eine Kellerwohnung.«

»Eine sichere?«

»Noch nicht, aber es wird nächstes Jahr nachgebessert.«

Kellerwohnungen sind kühl und daher heiß begehrt – was für ein bescheuertes Wortspiel. Doch bei Starkregen ist es die riskanteste Art zu wohnen: Längst nicht alle Kellerwohnungen haben ein Schutzkammersystem oder Hochleistungspumpanlagen.

Es donnert heftig. Der Wind reißt Lücken in die dunklen Wolken. Ich halte den Schirm fester und Miriam hakt sich wie selbstverständlich bei mir unter.

»Wir könnten mal was zusammen machen«, schlägt sie vor. »Mir fällt manchmal die Decke auf den Kopf.«

»Wohnst du allein?«, frage ich.

»Seit fast drei Monaten. Ich habe ihn rausgeschmissen.«

»Kenne ich diesen ihn?«

»Ich denke nicht.«

Wir erreichen das Gelände der Wasserausgabe und reihen uns in die Schlange ein. Das Sonnenloch schließt sich und der Wind treibt dicke graue Wolkenschichten unter die braun-schwarze Wolkensuppe. Es blitzt ohne Unterlass und der Donner folgt schnell. Ich gebe mich vor Miriam gelassen, bin aber froh, als wir endlich in der Halle sind und den Höllenzauber da draußen eine Weile vergessen können. Nach fast einer Stunde des Wartens bezahlen wir unsere Wasserkanister über die ID. Der Tagespreis ist hoch, aber ich habe weder Lust, morgen wiederzukommen, noch zu einer anderen Ausgabestelle zu fahren. Als ich mit Miriam die Halle verlasse, löst der Anblick des Himmels Endzeitstimmung in mir aus.

»Gehen wir noch etwas trinken?«, fragt sie, als ob nichts wäre.

Ich blicke demonstrativ nach oben.

»Das ist doch völlig egal, wo wir sind, wenn das da runterkommt«, kommentiert sie meinen skeptischen Blick.

Mit Miriam im Bistro: Diese Gelegenheit kommt nicht wieder, schießt es mir durch den Kopf. Ich willige ein und wir schleppen uns mit unseren Kanistern zum Loop. Sie besteht darauf, ihr Wasser selbst zu tragen.

»Denkst du, ich würde mich mit deinem Kanister aus dem Staub machen?«, frage ich gespielt beleidigt.

»Was sonst«, entgegnet sie und lacht.

Im Loop ist es noch enger als auf dem Hinweg, viele haben Kanister dabei. Ich bin froh, als wir wieder draußen auf dem Bahnsteig sind. Wir verlassen den Untergrund und steigen hinauf zu einer Himmelsmasse, die wie ein brodelnder Fluss träge dahintreibt. Es ist jetzt zu stürmisch für den Schirm, also bleibt er zu. Wir beeilen uns, zum Bistro zu kommen. Die Markisen der Läden und Cafés am Marktplatz sind eingefahren. Ein Blitzeinschlag in der Nähe lässt es krachen, gerade als ich die Tür des Bistros öffne. Ich zucke unwillkürlich zusammen und sehe aus den Augenwinkeln, dass auch Miriam sich erschreckt hat. Wir setzen uns an einen Tisch, der vor einem bodentiefen Fenster steht. Ich bestelle zwei Tassen Kaffee und sie schaut mir offen in die Augen. Kaum auszuhalten.

»Was arbeitest du so?«, frage ich, um meine Unsicherheit zu überspielen.

»Ich bin im Supermarkt in der Neustadt.«

»Wow«, rutscht es mir neidvoll heraus.

»Aber nur Teilzeit mit zweiundvierzig Wochenstunden.«

»Ich mache auch nicht viel mehr. Achtundvierzig im Homeoffice für die Stadtverwaltung.«

»Ist das nicht furchtbar einsam?«

Ich zucke mit den Schultern. »Ja, doch. Manchmal schon.«

»Also hast du niemanden.«

Ich schaue auf meine Finger, obwohl die nicht wirklich interessant sind.

»Macht doch nichts, Jonas, ich bin ja im Moment auch Single.«

»Kein Problem«, sage ich leichthin, obwohl sie meinen wunden Punkt zielsicher getroffen hat.

Sie nippt an ihrer Tasse.

Es rumort in mir. Ich bemerke, dass ich hörbar atme.

»Geht es dir nicht gut?«, fragt sie. Ihre Stimme klingt besorgt.

»Ich würde dich gern wiedersehen«, platzt es wie ferngesteuert aus mir heraus.

»Ich dich auch«, antwortet sie, bevor ich mein Vorpreschen bereuen kann. Sie legt den Kopf ein wenig schief und lächelt. Eine kribbelnde Wärme durchströmt mich vom Magen her.

Mir bleibt keine Zeit den Moment zu genießen, denn jenseits der Fensterscheibe öffnet sich der Himmel. Selbst Starkregen ist ein zu schwacher Begriff für das, was sich jetzt auf den Marktplatz ergießt. Das Wasser nimmt uns die Sicht und stürzt wie ein endloser Schwall hinab. Die Pflasterung vor dem Bistro verschwindet unter den Wassermassen. Nur wenige Sekunden und ein reißender Fluss schießt auf der anderen Seite der Scheibe an uns vorbei. Ich springe auf. Menschen schreien. Einige sind bereits an der Tür. Sie lässt sich nicht öffnen, die Wassermassen drücken dagegen. Und schlimmer noch, sie drücken durch jede Ritze hinein.

»Gibt es von hier eine Treppe nach oben?«, rufe ich einer Kellnerin zu. Sie schüttelt den Kopf. Ich wünsche mich mit Miriam in meine Wohnung im vierten Stock. Doch ich bin hier.

»Weg da«, schreit ein Mann und stürmt mit einem Bistrotisch bewaffnet auf die Scheiben zu. Es splittert, das Wasser explodiert in den Raum herein. Kaum einer hat der Kraft etwas entgegenzusetzen, auch Miriam wird mitgerissen. Ich stehe günstiger und kann mich auf den Beinen halten. Es gelingt den ersten, das Bistro zu verlassen. Ich wate auf Miriam zu, fasse sie an der Hand und helfe ihr hoch. Es bildet sich ein Strudel und ich schaffe es gerade noch, sie durch das bodentiefe Fenster nach draußen zu ziehen. Der Regen stürzt kalt auf uns herab, es schüttet wie aus Eimern. Ich zerre sie an der Hand in Richtung Rathaus.

Das Wasser steigt schnell. Wir müssen ausweichen, Treibgut zieht an uns vorbei, Bistrostühle, Mülltonnen, Sonnenschirme. Ich habe Mühe, die Orientierung zu behalten. Mit letzter Kraft erreichen wir die Rathaustreppe. Ich sehe mich um. Menschen treiben wie in einem Sog auf den Eingang des Loops zu. Wir schleppen uns die Stufen hoch. Das Wasser ist schneller und holt uns ein, bevor wir das Portal erreichen. Die Flut drückt gegen die automatische Glasschiebetür und blockiert die Mechanik. Der Eingang öffnet sich nicht. Ein leerer Wasserkanister treibt auf uns zu. Geistesgegenwärtig greife ich zu und kann ihn gerade noch am Griff packen, bevor er vorbeischwimmt. Ich schiebe ihn Miriam vor den Körper und sie umklammert ihn mit beiden Armen. Ihre rechte Hand umfasst den Griff. Ich denke an ihren geneigten Kopf und ihr Lächeln, dann reißt die Strömung uns mit.

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MENSCH 3.0

236 Seiten

ISBN: 978-3982088631

Erstveröffentlichung: September 2023

Verlag: muc

Mehr Infos zur Anthologie und zum Verlag findet ihr hier.

Kurzbio RITA JANACZEK

Die Autorin Rita Janaczek wurde 1967 in Legden im Münsterland geboren und lebt heute in Haselünne im Emsland. Ihre zwei erwachsenen Kinder sind ausgezogen, ihr Häuschen teilt sie mit Mann und Katze Fine. Sie schreibt Krimis und Kurzgeschichten, begeistert sich aber auch für andere Genres.

2013 gewann sie den 18. Münchner Kurzgeschichtenwettbewerb. 2022 war sie unter den Gewinnern des SpaceNet Award.

Ebenfalls im Jahr 2023 schaffte sie es auf die Shortlist des Wettbewerbs „3. Oktober – Die Freiheit, die ich meine“.

Ihr Kurzkrimi „Gabriel und die Frau in Schwarz“ war 2024 für den Glauserpreis in der Kategorie Kurzkrimi nominiert.

2025 schaffte es ihr Kurzkrimi „7 Minuten vor Mitternacht“ ebenfalls in die Nominierung für den Kurzkrimi-Glauserpreis.

Rita Janaczek ist Mitglied bei den „Mörderischen Schwestern“ und beim „Syndikat“.

DEADLINE präsentiert: DIE PAN-KURZGESCHICHTE Mai/Juni 2026