Hier erhältlich als E-Paper
Warenkorb

DEADLINE präsentiert: DIE PAN-KURZGESCHICHTE November/Dezember 2025

Das wunderbar vielfältige und breite Genre der Phantastik hat auch im deutschsprachigen Raum viel zu bieten. Sei es im Film, im Comic, im illustrativen Bereich und natürlich auch in seiner literarischen Form.

Das PAN – Phantastik Autor*innen Netzwerk unterstützt Autor:innen, bietet Networking, Support rund ums Schreiben und vergibt seit 2021 Arbeits-Stipendien. Die beliebte Aktion „PAN-Kurzgeschichte“ soll einem breiten Publikum deutschsprachige Phantastik näherbringen – und Lust auf mehr machen. Als Kooperationspartner von PAN präsentieren wir euch seit Mai 2024 kurzen phantastischen Lesestoff. Alle zwei Monate eine andere Geschichte. In voller Länge. Hier auf unserer Website. 

Die zehnte Story stammt aus der Anthologie DAS ALIEN TANZT POLKA, die sich gegen Weltuntergangsszenarien und eine düstere Zukunft stellt – und die Reihe der tanzenden Aliens (konkret und übertragen) fortsetzt. Lustig, skurril, obskur und manchmal auch absurd.

DEUS EX MACHINA

von Kris Brynn

»Und? Wie findest du’s?« Klara vollführte eine allumfassende Bewegung mit den Armen.

»Schick.«

»Nur schick? Es ist göttlich!«

Es hatte mich einige Minuten gekostet, um mit meinem Gleiter überhaupt einen Parkplatz vor der gigantischen Wohnanlage zu finden. Allem Anschein nach verfügten die Eigentümer der unglaublich großzügig bemessenen Apartments nicht nur über Zweit,- sondern auch über Drittvehikel, die sie kreuz und quer abstellten und damit sogar die Fußwege verstopften. Da sie sicherlich ihre Fahrzeuge nur selten, wenn überhaupt, bewegten – die Wohnanlage war dafür konzipiert worden, die eigenen vier Wände nicht mehr verlassen zu müssen – war dieses enorme Gleiteraufkommen recht verstörend.

Klara hatte sich schon seit Monaten auf den Einzug gefreut. Ich war inzwischen selbst genauestens darüber informiert, in welchem Stockwerk welcher Müllschlucker, für welchen Abfall stand und wie die Aufzüge funktionierten. Über Iris-Scanner nämlich, denn die Fahrstühle durften eigentlich nur von den Wohnungseigentümern selbst benutzt werden. Um überhaupt in das Gebäude zu kommen, hatte Klara meine biometrischen Daten im Vorfeld schon an die Apartmentverwaltung geschickt, damit diese mir eine Freigabe zum Eintritt in die heiligen Gefilde gewährte. Das hatte auch einwandfrei funktioniert, aber die stechenden Augen der kleinen, weißhaarigen Dame, die mit mir den Lift teilte, und die mich von oben bis unten zu durchleuchten schienen, waren mir äußerst unangenehm gewesen. Auch ihr kläffender Köter, eine Mischung aus Dackel und Terrier, klein und offensichtlich hyperaktiv, hatte mich zwischen den kleinen Pausen, in denen er Luft zum Bellen holte, neugierig beäugt.

Klara hatte mir eben die Küche gezeigt – der Erwartung entsprechend vollautomatisch. Der Herd wog, analysierte und durchleuchtete jedes Lebensmittel, das in einem speziellen Topf auf die Platten gestellt wurde und bereitete die Mahlzeit dementsprechend zu. Daraufhin war eine Demonstration des Bads gefolgt. Hier scannte die Dusche erst einmal den nackten Leib des Bewohners, um Wassermenge- und druck genau zu berechnen. Und jetzt standen wir im Wohnzimmer, dessen Esstisch schon alleine Platz für die komplette Familie Trapp bot.

»Beeindruckend«, murmelte ich. Und das war nicht einmal gelogen.

Meine und meines Gatten Bude war übersichtlich komponiert, eine charmante Umschreibung des Begriffes »winzig«, und ich kochte unsere Mahlzeiten selbst. Etwas, auf das ich zutiefst stolz war und was ich nie im Leben einer Maschine überlassen würde. Meiner Meinung nach kam die Zubereitung von Nahrungsmitteln einer kulturellen Handlung gleich. Einem Ritual, das ich an meine Kinder und Kindeskinder weitervererben wollte.

Ich eilte meiner Freundin hinterher, die den weiten Weg bis zur ledernen Sitzgruppe, »echtes Tier«, wie sie betonte, mit schnellen Schritten durchwanderte und dann wie ein Dompteur auf eines der Sofas zeigte. »Setz dich.«

Vorsichtig ließ ich mich auf das, was von einem toten Vierbeiner noch übrig geblieben war, nieder.

»Bequem«, presste ich hervor und meinte den Geruch von Zersetzung zu riechen, als das Material unter meinem Hintern knarzte.

Ich ließ die Augen an den Wänden entlangschweifen und saugte mich an den Com-Panels fest, über die Nachrichten empfangen und gesendet werden konnten, und die gleichzeitig die Funktionen der gesamten Wohnung verwalteten. Momentan lief ein Newsfeed, der mich mit den neuesten Statistiken von Raubüberfällen und Attentaten quälte. Ich schaute weg.

Wir waren noch nicht lange in die begrüßenswert weichen Kissen der Sofas gesunken und hatten gerade eben erst angefangen, uns über unzuverlässige Handwerker zu echauffieren, als Klara auch schon wieder aufsprang. Sie wirkte hochgradig aufgedreht.

»Total vergessen!«, stieß sie aus.

»Ist was passiert?«

»Komm mit ins Schlafzimmer, ich muss dir unbedingt was zeigen!«

Erneut versuchte ich mit ihr Schritt zu halten, als sie durch den Flur stürmte, die Tür zu einem weiteren geräumigen Zimmer aufriss und sich mit verschränkten Armen und spitzbübischem Lächeln vor einen Schrank stellte, der gegenüber der verschwenderisch bemessenen, ehelichen Spielwiese stand.

Vom Hausflur drang das Gekläff des mickrigen Köters der Weißhaarigen ins Apartment – an der Dämmung hatte man offensichtlich gespart.

»Eine Garderobe?«, fragte ich wenig beeindruckt angesichts des Schlafzimmerschranks.

»Wart’s ab.« Sie schnipste mit dem Finger und die Tür glitt mit einem leisen Zischen zu Seite.

Instinktiv griff ich nach einem enzianblauen Kleid, das mir entgegenleuchtete. »Das ist wunderschön! Seit wann hast du das?« Das Material floss durch meine Finger, als ob es mich streicheln wollte. Es fühlte sich unglaublich leicht und weich an.

Klara schlug mir spielerisch auf die Hand. »Ach, Unsinn. Das habe ich schon ewig. Es geht um diesen Teil der Ausstattung.« Sie schob die Anzüge ihres Mannes zur Seite und drückte einen Schalter, der in die hintere Wand des Schrankes eingelassen war.

Mit einem Flüstern bewegte sich die Holzverkleidung, und ein Kasten schob sich ins Schrankinnere, der mich von Größe und Aussehen an einen antiquarischen Getränkeautomaten erinnerte.

»Okay …« Enttäuscht ließ ich vom Kleid ab. »Und das wäre …?«

»Ein Empfänger. Gehört zur Basisausstattung jedes Appartements hier.«

Ich verstand kein Wort und mein Gesicht sprach mit Sicherheit Bände.

»Eine Beichtmaschine.«

»Eine was?«

»Sie ermöglicht dir spirituellen Beistand, ohne, dass du das Haus verlassen musst.«

»Warum sollte ich das wollen?«

»Das Haus verlassen?«, fragte sie mit hochgezogenen Augenbrauen. »Du weißt doch, wie gefährlich das Leben draußen geworden ist.«

Ich teilte die Ansicht, dass nur Lebensmüde die Straße überquerten, im Supermarkt einkauften oder an unbewachten Veranstaltungen teilnahmen, nicht. Denn ich verließ gerne meine vier Wände und das nicht nur, weil sie übersichtlich waren, sondern, weil ich es genoss, den Himmel über meinem Kopf zu wissen, anstatt einer Betondecke. Aber ich hatte von etwas anderem gesprochen, und so schüttelte ich den Kopf. »Du weißt, was ich meine. Wozu in aller Welt braucht man eine Beichtmaschine?«

»Man muss doch vorsorgen.«

»Für was?«

»Nun für … das Danach.«

Irritiert massierte ich mit den Fingern meine Nasenwurzel. Klara hatte schon immer eine Schwäche für spirituelles Gedankengut gehabt, aber offensichtlich hatte ich es verpennt, dass sich diese Empfänglichkeit enorm gesteigert hatte. Da es jedoch unübersehbar war, mit wie viel Stolz meine Freundin ihr neues Zuhause präsentierte, nickte ich nur gespielt besonnen und brummte zustimmend vor mich hin.

Die Töle draußen kläffte immer noch.

»Und wie funktioniert das?«, heuchelte ich Interesse und versuchte das enervierende Hundejapsen zu überhören.

»Du enthüllst dem Empfänger deine Sünden und er erlässt daraufhin einige Handlungen, die für Vergebung sorgen.«

Ich runzelte die Stirn. Klara offenbarte einem Getränkeautomaten ihr Innerstes.

Über die Art der danach verordneten, sogenannten »Handlungen« wollte ich nicht weiter nachdenken. Trotzdem flimmerten neunschwänzige Katzen und mit Nägeln gespickte Bauchgürtel über meine innere Leinwand.

Scheinbar kannte mich Klara aber besser als ich sie. »Nichts Schlimmes!« Ihre Finger knufften spielerisch meine Seite. »Glaubst du, ich fange jetzt an, mich zu kasteien? Ich zeig dir, wie’s geht.«

Sie drückte auf einen grünen Schalter und der Automat erwachte zum Leben. Nach einigen Sekunden Weihnachtsbaumlichterketten-Geflimmere erfüllte eine sonore Männerstimme den Raum.

»Confessio oris«, sagte sie freundlich.

»Ich habe Katholizismus programmiert«, erklärte Klara nach einem kurzen Blick auf meine hochgezogenen Augenbrauen. »Wir können aber auch zu jeder anderen Religion wechseln.«

»Aha«, meinte ich nur.

»Hier steht alles zur Auswahl.« Ihre Finger glitten über das Display. »Hinduismus, Buddhismus, Judentum, Christentum, der Islam – natürlich alles inklusive der verschiedenen Ausformungen der einzelnen Religionen.«

»Und Naturvölker?« Tatsächlich wollte ich es gar nicht so genau wissen, es rutschte mir einfach heraus.

»Sicher. Afrikanische, ozeanische, indianische … Auch Stammesreligionen.«

»Animismus? Wicca-Religion?« Heute war ich anscheinend biestig drauf, aber ich befand mich auch gerade in einer Sondersituation. Außerdem hörte der Köter nicht auf zu bellen.

Aber sie nickte nur ernst. »Die Datenbank wird ständig aktualisiert.« Ein blaues Licht begann zu leuchten. »Ah! Es fängt an. Also, leg los.«

Von der abrupten Aufforderung zum Seelenstriptease recht überrascht, hüllte mich erst einmal einige Sekunden in Schweigen, während derer ich mir fieberhaft überlegte, was ich zu beichten hätte, würde ich einem Priester meine Aufwartung machen wollen. Zwei Minuten Zähneputzen statt vier? Falsche Mülltrennung? Dann schoss mir durch den Kopf, dass ich ja nicht wirklich vorhatte, mein Innerstes zu offenbaren, und sagte: »Ich habe meinen Bettgenossen mit einem Hammer erschlagen und den toten Körper im größten Müllschlucker entsorgt, den ich finden konnte.«

Klara sog hörbar die Luft ein.

Der Kasten aber schwieg.

Der Hund bellte.

Nach einer Weile des gegenseitigen Belauerns sagte Klara: »Das tut er sonst nie.«

»Was?«

»Na nichts. Er meldet sich immer sofort.«

Dann aber leuchteten wie auf Befehl eine Reihe roter Lampen auf, eine Klappe öffnete sich in Kniehöhe und eine einnehmende weibliche Stimme mit einem, so meinte ich, heraushören zu können, afrikanischen Akzent meldete sich: »Bitte legen Sie ein lebendiges Huhn mit einem Maximalgewicht von zwei Kilogramm in das Bußefach.«

Hatte die katholische Kirche während der letzten vierundzwanzig Stunden auf einem Konzil bahnbrechende Neuerungen beschlossen, die ich nicht mitbekommen hatte?

Ich musste mich beherrschen, nicht in Gegacker auszubrechen. Huhngemäß.

»Die Anfrage war zu komplex«, gab ich um Fassung bemüht, sarkastisch zum Besten und klappte das Fach wieder zu. »Oder vielleicht fehlte auch die religionstypische Ansprache.«

»Was für eine Ansprache?«, fragte Klara gereizt, die sich vorgebeugt hatte, um der Betriebsstörung auf den Grund zu kommen. Ihre Nase war nur wenige Zentimeter vom Display entfernt und sie warf dem Kasten einen beschwörenden Blick zu.

»Vergib’ mir Vater, denn ich habe gesündigt – oder wie das heißt«, antwortete ich.

»Das muss man nicht sagen. Das habe ich noch nie gesagt. Der Priester sagt Confessio oris und man fängt an.«

Der Priester. Sie nannte die Maschine »den Priester«.

Ich schob sie sanft zur Seite. »Lass mich mal machen.« Mein Finger wischte über die Anzeige, tippte auf Hinduismus und bestätigte dann mit dem Beicht-Button. »Jetzt du«, forderte ich Klara auf.

»Aber ich hänge diesem Glauben nicht an!«, protestierte sie.

»Das ist doch jetzt gleichgültig. Wir testen nur.«

»Hier geht es um eine Beichte! Da wird nichts getestet!«, ereiferte sie sich.

»Entschuldige mal, aber glaubst du im Ernst, ich hätte Markus mit einem Hammer erschlagen und ihn entsorgt?«

»Selbstverständlich nicht, aber …«

»Also.«

»… jetzt lass mich ausreden. Aber – wollte ich sagen –, du bist ja auch Agnostikerin. Ich kann für diesen Zweck nichts erfinden.«

Woher sie das zu glauben wusste, war klärungsbedürftig, denn wir hatten niemals über meine Religionszugehörigkeit gesprochen. Denn nicht jeder, der an der Kirche oder einem Tempel vorbei, statt hineingeht, betrachtet Spiritualität als ein Thema von vorgestern. Außerdem schaute ich mir gerne Kirchen von innen an. Es durfte nur niemand vorne predigen, während ich da war.

»An welchen Gott wollen Sie sich wenden?«, wurde ich durch eine äußerst attraktiv klingende Frauenstimme aus meinen Gedanken gerissen.

»Ganesha«, platzte ich heraus und ignorierte Klaras aufgerissene Augen. »Ich habe meinen Ehemann betrogen«, schob ich, ohne zu warten, hinterher.

Dieses Mal wollte ich es simpel halten, und es war mir egal, was meine Freundin meinte, in meine Beziehung zu Markus hineininterpretieren zu müssen. Hier ging es um die Analyse einer fehlerhaft arbeitenden Maschine. Außerdem war ich ziemlich mies drauf. Punkt. Ob das nun Neid war, angesichts des luxuriösen Domizils, das sich meine Freundin leisten konnte, die pure Verzweiflung, weil ich die Befürchtung hatte, Klara würde ihren Verstand verlieren oder der nervtötende Kläffer draußen auf dem Flur – ich wusste es nicht.

»Das ist eine schwerwiegende Sünde«, antwortete prompt die Stimme des katholischen Zuständigen. »Bete sechsundsechzig Ave-Maria. Spende außerdem sechshundertsechsundsechzig Credits in das Bußefach und bestätige deinen Obolus über das Display.«

Das Fach, das ich vorhin zugedrückt hatte, weil mir die Hühner ausgegangen waren, klappte ruckartig wieder auf.

»Mmh«, machte ich. »Interessant.«

»Da stimmt etwas nicht«, kommentierte Klara besorgt das Offensichtliche. »Ganz und gar nicht.«

»Wie oft hast du ihn den schon benutzt? Also … den Getränke … Empfängerautomaten?«

»Jeden Abend.« Sie war um Fassung bemüht. »Es hat immer funktioniert.«

»Und dieses Teil steht in allen Schlafzimmern, in allen Apartments?«

Klara nickte. »Die Verwaltungsfirma des Gebäudes ist um das seelische Wohl der Bewohner besorgt.«

Na prima, dachte ich. Das hatte sie aus ihren Erzählungen vor dem Einzug bestimmt absichtlich herausgehalten.

»Wie wäre es, wenn wir den Automaten auf die Werkseinstellung zurücksetzen und es dann noch ein letztes Mal ausprobieren?«, versuchte ich, meine Freundin aufzuheitern, der inzwischen einige Tränen über die Wangen liefen. Auch wenn ich die Funktion dieses Geräts in höchstem Maß für komplett überflüssig hielt – Klara sollte jetzt nicht durchdrehen. Denn momentan erweckte sie den Eindruck, als ob sie damit rechnete, jeden Moment vom Schnitter leibhaftig abgeholt und an einen Ort der unaussprechlichen Qualen geschickt zu werden.

Der Schalter für die Werkseinstellung versteckte sich unter einer kleinen Klappe, die wir nach nur wenigen Sekunden des Suchens gefunden hatten. Da der Vorgang des Zurücksetzens, so malträtierte die anschließend aufleuchtende Schrift auf dem Display unsere Augen, einige Minuten in Anspruch nehmen konnte, ließen wir uns in der Zwischenzeit vom Küchenherd einen Kaffee brauen. Ich hatte ungenießbaren Muckefuck erwartet, aber – bei aller Zurückhaltung: Das Zeug schmeckte köstlich. Stark, anregend und aromatisch. Ich nickte anerkennend, wir tranken in stiller Übereinkunft und stellten die leeren Becher anschließend auf die Arbeitsplatte, worauf sich sogleich die Mulde öffnete, in der der Geschirrspüler eingelassen war. Die Tassen wurden gewogen, auf Lebensmittelreste untersucht und anschließend platzsparend einsortiert.

Das funktionierte zumindest. Und für ein paar Minuten war auch das Leben mit Klara wie es stets gewesen war. Unbeschwert und unkompliziert.

Nur der Hund … der ging mir doch sehr auf die Nerven. Was trieb die Alte denn so lange im Flur? Es war, als ob auch das Tier nach Erlösung bellte.

Zurück im Schlafzimmer probierten wir es erneut mit der katholischen Variante, die uns beiden vertraut war. Ich muss sagen, ich hätte die auferlegte Buße einer Naturvolkreligion aller Voraussicht nach nicht korrekt beurteilen können und auch in den anderen Abteilungen fühlte ich mich nicht sattelfest. Das mit dem Huhn war eindeutig gewesen, aber wir wussten ja nicht, was sonst noch auf uns zukommen konnte.

»Confessio oris«, sagte die Tunnelstimme erneut.

Das schien schon mal zu klappen.

Nachdem das blaue Licht zu leuchten begonnen hatte, räusperte sich Klara: »Ich habe das gemeinsame Konto überzogen, um mir zwecklosen Tand zu kaufen und es meinem Mann gegenüber vergessen zu erwähnen.«

Ich pfiff leise durch die Zähne. »Habgier ist eine Todsünde«, sagte ich und meinte es natürlich nicht ernst, doch meine Freundin warf mir einen bitterbösen Blick zu.

»Du bist hier ebenfalls an das Schweigegelübde gebunden«, zischte sie mir zu.

Wie der Automat?

»Natürlich«, versicherte ich feierlich.

Dann warteten wir.

Der Empfänger schwieg.

Klara drückte eine Taste.

Das Gerät machte keinen Mucks.

Als erneut Tränen über Klaras Wangen rollten und ich versuchte, sie wortreich davon zu überzeugen, dass von diesem lächerlichen Ding ihr Seelenheil nicht abhängen würde, erwachte das Com-Panel neben der Fensterfront des Schlafzimmers zum Leben und der kleine Schlitz unter dem Display spuckte ein Stück Papier auf den Boden, das sich dort zusammenrollte wie ein gefolterter Regenwurm.

Da Klara in ihrem Schmerz offensichtlich nicht fähig war, sich zu bewegen, hob ich es auf. »Sehr geehrte Eigner des Apartments 06/56b«, las ich laut vor. »Das ist eure Nummer, oder?«, wandte ich mich an meine Freundin.

Sie riss mir den Zettel aus der Hand. »Sie sind als Eigentümer und Bewohner dieses Gebäudekomplexes nicht mehr … tragbar …«, las sie weiter und stockte. »Was ist das?«, fragte sie mich.

Dieses Mal entwand ich ihr das Dokument. »Allem Anschein nach können Ehebrecher und Mörder in dieser Anlage nicht geduldet werden …«, meinte ich schulterzuckend. »Und das mit dem zwecklosen Tand hat dem Ganzen wohl noch die Krone aufgesetzt.«

Sie starrte mich an wie eine Tigerin vor dem Sprung.

»Was ja eine vernünftige Schlussfolgerung ist. Wo kämen wir denn da hin?«, plapperte ich wie eine Idiotin weiter. Im Unverstand schüttete ich gerade die letzte Schippe Erde auf das Grab unserer Freundschaft, das ich in der letzten Stunde ausgehoben hatte.

Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen.

»Ihr müsst ausziehen.« Ich hielt ihr das Schreiben vor die Nase und zeigte auf die letzte Zeile. »Du musst hier«, mein Finger tippte auf das Papier, »unterschreiben.«

Mit nur einem Satz stürzte sie sich auf mich und ich riss abwehrend die Hände hoch.

Was hatte ich erwartet? Ich hatte mich benommen wie eine blöde Schnepfe.

»Mach das wieder gut!«, schrie sie. »Du musst das wiedergutmachen!«

»Du bist aufgeregt, Klara, das verstehe ich …«, setzte ich an.

»Wirf die Credits in das Bußefach!«, verlangte sie.

Sechshundertsechsundsechzig Credits waren mehr als ein Monatsverdienst. Diese teuflische Zahl würde ich dem Getränkeautomaten nicht in den Rachen stopfen.

»Bist du noch ganz bei dir?«, schnappte ich. »Da muss es doch eine andere Lösung geben!«

Und die gab es. Der Hund bellte immer noch.

Ruckartig drehte ich mich um und stürmte aus dem Schlafzimmer. Die empört gebrüllte Feststellung von Klara, dass es mir ähnlich sehe, mich jetzt aus dem Staub zu machen, ignorierte ich. Ich eilte den Apartmentkorridor zur Eingangstür entlang, riss sie auf, flog nahezu auf den Hausflur, schnappte mir in einer fließenden Bewegung die Dackel-Terrier-Mischung, klemmte sie mir unter den Arm, schenkte seiner kreischenden Besitzerin keinerlei Beachtung und rannte zurück ins Schlafzimmer.

»Was …?« Klara starrte mich mit aufgerissenen Augen an.

»Mach das Bußefach auf!«, schrie ich.

»Aber …«

»Tu es einfach!«

Bevor ich den kleinen Kläffer in das Ausgabefach hineinstopfte, stellte der sein Gejaule ein und sah mich mit einem dermaßen ergebenen und wissenden Gesichtsausdruck an, das ich kurz die Augen schließen musste, weil mir schwindelte. Alles für das Seelenheil, hypnotisierte ich mich im Stillen.

Dann drückten wir die Klappe zu.

Einige grüne Lichter blinkten auf. Ansonsten passierte nichts.

»Ist der Hund schon weg?«, fragte Klara.

Mit einem Mal fing der Automat an zu leben. Klingende Geräusche, eine Mischung aus choralen Melodien und Trommelwirbeln, ertönten. Dann rumpelte es, ein Scheppern folgte, ich meinte aus weiter Ferne ein Winseln zu hören und dann … Stille.

Als das Com-Panel einen weiteren Zettel mit der Meldung, man habe die Kündigung rückgängig gemacht, ausspuckte, fiel mir Klara weinend um den Hals.

Wenig später stand ich erneut vor meinem Gleiter. Der Alten war ich nicht begegnet, höchstwahrscheinlich war sie in dem Moment in ein aufgewühltes Gespräch mit der örtlichen Polizeibehörde vertieft, die mich sicherlich wenig später dingfest machen würde. Ich hatte keine Ahnung, welche Strafe mir angesichts von Hundeentführung und dem Hineinstopfen eines Haustiers in einen Empfänger blühen könnte.

Mein Finger lag schon auf der Taste zum Schließen der Flügeltür des Gleiters, als etwas weiß-braun Geschecktes mit kurzen Beinen auf den Beifahrersitz sprang. Zwei von zotteligem Fell umkränzte Hundeaugen sahen mich aufmunternd an. Die zerzauste Wolle stand an einigen Stellen ab, als habe man dem Tier einen Stromstoß verpasst. Anscheinend war der Weg durch den Empfänger strapaziös gewesen. Und anscheinend zerlegte dieser die Opfergaben nicht in deren Einzelteile, sondern spuckte sie in den Tiefen der Wohnanlage wieder aus. Der Hund schien gesund und munter. Und entweder er erkannte mich als Verursacherin seiner Achterbahnfahrt nicht wieder, es war ihm rechtschaffen egal, er hatte die sicherlich aufregende Expedition durch die Gedärme des Getränkeautomaten und des Gebäudetrakts genossen oder – der kleine verlogene Racker hatte alles von Anfang an so geplant, um seiner alten Besitzerin mit den Röntgenaugen zu entkommen. Nur der Himmel allein wusste, wie oft sie ihn schon in den Empfänger gestopft hatte. Deswegen hatte er sie nicht aus dem Flur gelassen. Deswegen hatte er sich die Hundeseele aus dem Leib gebellt.

Ich hätte vor Erleichterung fast geschrien.

»Na du?« Ich stupste ihn vorsichtig an die nasse Schnauze. »Das war ein Tag heute, was?«

Die Töle schenkte mir einen herzerfrischenden Blick und rollte sich auf dem Beifahrersitz zusammen. Da das Tier anscheinend nicht das Bedürfnis hatte, seine alte Heimat wieder aufzusuchen, schloss ich die Tür und betätigte den Knopf für die Zündung.

»Bei uns es ein wenig beengt«, gab ich zu Bedenken.

Er hob kurz den Kopf.

»Und wir haben eine Katze«, fügte ich hinzu.

Er entließ einen Hundefurz.

»Du hast recht, die wird sich schon einkriegen«, stimmte ich zu.

Dann zog ich den Gleiter in den wolkenlosen Himmel.

***

***

DAS ALIEN TANZT POLKA

Verlag: p.machinery
Anthologie, Taschenbuch
Seiten: 336
August 2018

Mehr Infos zur Anthologie und zum Verlag findet ihr hier.

Kurzbio der Autorin der PAN-Kurzgeschichte September/Oktober:

Die Autorin (*1968) arbeitete nach ihrem Studium der Literaturwissenschaften und der Kunstgeschichte als Medienlektorin. Zunächst angestellt, danach freiberuflich. Seit 2014 schreibt sie als Kris Brynn im Genre Near-Future. Unter anderen Pseudonymen erschienen Romane im Bereich Cosy Crime, historische Krimis und Thriller. Viele ihrer SF-Kurzgeschichten und -Romane wurden für einschlägige Preise nominiert und ihr Debut mit dem Phantastikpreis Seraph ausgezeichnet. Seit einigen Jahren hat sie den Lektorinnenberuf an den Nagel gehängt und schreibt hauptberuflich.

Kris ist »Mörderische Schwester«, Mitglied bei PAN e. V und den Climate Fiction Writers Europe. Sie tourt als Teil der »get-shorties-Lesebühne« durch die baden-württembergischen Lande und haut mit der »Schreibbude« live in die Tasten einer Olympia-Schreibmaschine aus den 70ern, um in 30 Minuten Geschichten zu tippen, die auf Wunschstichworten basieren.

Mit Familie und Kater lebt sie in Kornwestheim, ganz knapp von der Schwabenmetropole entfernt.


Instagram: @kris_brynn_autorin
Instagram: @autorin_reginebott
Facebook: Regine Bott
Homepage: www.schreibkosmos.de

DEADLINE präsentiert: DIE PAN-KURZGESCHICHTE November/Dezember 2025