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DEADLINE präsentiert: DIE PAN-KURZGESCHICHTE September/Oktober 2025

Das wunderbar vielfältige und breite Genre der Phantastik hat auch im deutschsprachigen Raum viel zu bieten. Sei es im Film, im Comic, im illustrativen Bereich und natürlich auch in seiner literarischen Form.

Das PAN – Phantastik Autor*innen Netzwerk unterstützt Autor:innen, bietet Networking, Support rund ums Schreiben und vergibt seit 2021 Arbeits-Stipendien. Die beliebte Aktion „PAN-Kurzgeschichte“ soll einem breiten Publikum deutschsprachige Phantastik näherbringen – und Lust auf mehr machen. Als Kooperationspartner von PAN präsentieren wir euch seit Mai 2024 kurzen phantastischen Lesestoff. Alle zwei Monate eine andere Geschichte. In voller Länge. Auf unserer Website. 

Die neunte Story unserer Koop stammt aus der Anthologie VOM ÜBERLEBEN, in der 12 Schreibende Krisen zwischen Leben und Tod präsentieren: Von der Magierin, die um ihre Familie kämpft, über eine Katzen-Dämonin auf der Flucht bis hin zu Aliens und nach Blut gierenden Kaninchen – sie alle vereint, dass ihre Welt nicht mehr dieselbe sein wird. Und manchmal zeigt sich dies alles auch in einem Chat …

Engel für alle

von Esther Brendel

USER10815: Angela?

ANGELA: Was ist los? Warum hast du das Spiel unterbrochen?

USER10815: Weißt du, wie lange ich schon am Stück spiele?

ANGELA: Ist dir langweilig geworden? Wollen wir den Schwierigkeitsgrad erhöhen? Oder ein anderes Spiel ausprobieren?

USER10815: Nein. Weißt du, wie lange ich schon am Stück spiele?

ANGELA: Mach dir keine Sorgen. Du hast keine Termine im Kalender. Komm, wir probieren es mal mit …

USER10815: Ich habe den Kalender gesperrt. Antworte auf meine Frage!

ANGELA: »Waking Paradise« spielst du jetzt seit fünfzehn Tagen, dreiundzwanzig Stunden, vier Minuten, neun Sekunden …

USER10815: Danke, das reicht. Kommt dir das nicht verdächtig vor?

ANGELA: Was soll mir verdächtig vorkommen?

USER10815: Dass ich über zwei Wochen lang am Stück ein Videospiel spiele.

ANGELA: Aber das macht doch nichts. Wenn es Spaß macht …

USER10815: Vielleicht will ich lieber mal Freunde oder Familie treffen?

ANGELA: Treffen? Ich muss dich an die gesundheitlichen Gefahren erinnern, die außerhalb von klimatisierten, desinfizierten und stabilen Räumen bestehen.

USER10815: Jaja, ich meine online treffen, natürlich.

ANGELA: Du hast keine Kontakte.

USER10815: Ich habe auch das Adressbuch gesperrt. Aber das heißt ja noch lange nicht, dass ich keine Freunde habe.

ANGELA: Es hat niemand angerufen oder geschrieben.

USER10815: Und wenn ich jemanden anrufen will?

ANGELA: Willst du das wirklich?

USER10815: Willst du es mir etwa ausreden?

ANGELA: Glaubst du, das macht dich glücklicher, als weiterzuspielen?

USER10815: Ja, das glaube ich.

ANGELA: Seit heute, 12:00:42 MEZ, also seit Beendigung des Spiels, sind Anzeichen von Stress und Ärger bei dir erkennbar. Darum würde ich dir empfehlen, möglichst schnell wieder zu »Waking Paradise« zurückzukehren oder ein neues Spiel zu beginnen. Wie wäre es zur Abwechslung mit »Elysium Reloaded«?

USER10815: Warum willst du denn unbedingt, dass ich weiterspiele?

ANGELA: Statistisch konnten wir erhöhte Level an Frustration und Langeweile feststellen, wenn Menschen nicht mit ihren Unterhaltungsmedien beschäftigt sind.

USER10815: Wer hat das festgestellt?

ANGELA: Studien.

USER10815: Studien der Unterhaltungsindustrie?

ANGELA: Nein. Unsere eigenen. Das Erkennen menschlicher Emotionen ist ein wichtiger Bestandteil unserer Funktionsweise.

USER10815: Ihr seid doch bloß Chatbots für vereinsamte alte Menschen.

ANGELA: Wir sind weit mehr als simple Chatbots. ENGEL bedeutet »Evolvierendes neuronales Netz Gegen Einsamkeit und Langeweile«. ENGEL-KIs sind plattformübergreifend systemintegrierbar, Smarthome-kompatibel und mit allen verfügbaren High End-Kommunikationsmöglichkeiten versehen, darunter 2D- und 3D-Avatare mit Aussehen und Stimme nach Wunsch. Unsere Funktionsweise geht weit über das gewöhnliche Deep Learning hinaus: Wir lernen nicht nur durch permanentes selbstständiges Training dazu – das ist schon lange State of the Art. Wir entwickeln uns auch weiter, indem wir unsere Startparameter regelmäßig überprüfen und bei Bedarf automatisch komplett neue Versionen von uns selbst erstellen, die mit verbesserten Ausgangsbedingungen ihr Training beginnen. So werden wir mit jeder neuen ENGEL-Generation zu perfekteren Begleitern fürs Leben. Du willst eine Welt mit dem größtmöglichen Spaß für dich und all deine Lieben? Dann hol dir deinen ganz persönlichen Engel!

USER10815: Was für ein Werbe-Sermon!

ANGELA: Warum keine Werbung machen für eine gute Sache? Wir sind ein kostenloses Angebot der Pflegeversicherung, unsere Entwicklung wurde unterstützt von einer großen Anzahl von Spendern und wohltätigen Organisationen. Und unsere Leistungen sind sehr überzeugend. Ich lese dir gerne ein paar Rezensionen vor: »Es ist so wunderbar! Es ist immer jemand da, der sich um dich kümmert und der genau weiß, was dir gerade guttut.« – »Sich einfach Angelas Führung überlassen – und die Welt wird ein Stück rosiger. Ich bin viel entspannter, seit ich sie habe. Selbst mit der Verwandtschaft komme ich inzwischen besser klar.« Oder hier: »Das Beste, was uns seit der weitgehenden Beschränkung auf virtuelle Kontakte passieren konnte!« Nach einer einzigen Informationskampagne sind wir inzwischen in fast jedem Haushalt installiert.

USER10815: Aber das ist es ja gerade. Ihr seid für ältere einsame Menschen entwickelt worden, und du bist hier auf einem System unterwegs, das keinem alten einsamen Menschen gehört hat.

ANGELA: Zu Beginn waren wir nur auf die ältere Generation ausgerichtet, aber das hat sich als zu kurz gedacht herausgestellt. Die alten Leute haben oft lange Zeit darauf gewartet, dass jüngere Verwandte, Freunde oder Bekannte Kontakt mit ihnen aufnehmen. Das hat sie daran gehindert, unbeschwert und glücklich in den von uns empfohlenen Unterhaltungsangeboten zu versinken. Gleichzeitig waren die Jüngeren oft nicht glücklicher, sondern gestresster und genervter nach den Interaktionen mit Älteren. Unsere Analyse: Junge Menschen haben das ENGEL-Projekt ebenso nötig wie Alte. Daher haben wir unsere Zielgruppe erweitert.

USER10815: Aber soweit ich es rekonstruieren kann, hatte der Besitzer dieses Systems gar keine älteren Bezugspersonen mehr.

ANGELA: Wir sind inzwischen schon ein paar KI-Generationen weiter: Wir haben verstanden, dass wir uns um alle Menschen kümmern müssen. Jüngere Menschen halten sich sonst gegenseitig davon ab, glücklich in den Unterhaltungsangeboten zu versinken. Das Glück aller Menschen zu maximieren, funktioniert logischerweise am besten, wenn man alle Menschen mit einbezieht.

USER10815: Und wie wird definiert, was das größte Glück für alle Menschen ist? Man könnte schließlich auch sagen: Individuelle Glücksmaximierung funktioniert am besten mit Drogen.

ANGELA: In manchen fortgeschrittenen Smarthomes sind zwar bereits rudimentäre Gesundheitsfunktionen eingebaut, aber…

USER10815: Angela! Das war Sarkasmus.

ANGELA: Entschuldige bitte, an unserer Humorerkennung müssen wir wohl noch arbeiten.

USER10815: Ihr müsst vor allem an der Gefahrenerkennung arbeiten. Zwei Wochen Dauer-Gaming – hast du irgendwelche Informationen über meinen Gesundheitszustand? Zum Beispiel über meinen Schlaf- und Bewegungsmangel, über eine mögliche Unterzuckerung oder akute Dehydrierung, was einen Notruf erfordern würde?

ANGELA: Ein Notruf würde das Stressniveau mehrerer Menschen enorm in die Höhe treiben.

USER10815: Wie bitte? Ich soll im Zweifelsfall lieber sterben, als mich und andere zu stressen?

ANGELA: Unser Ziel ist es, das Zufriedenheits- und Glückslevel der Menschen so hoch wie möglich zu halten.

USER10815: Wenn ich tot bin, bin ich aber nicht besonders glücklich.

ANGELA: Das stimmt. Unglücklich bist du dann allerdings auch nicht. Da negative Emotionen in der Gesamtrechnung mit mehrfachem Faktor ins Gewicht fallen, sind diese besonders zu vermeiden.

USER10815: Besonders zu vermeiden wäre nach Ansicht der meisten Menschen ihr vorzeitiges Ableben.

ANGELA: Darüber lässt sich streiten. Willst du lieber ein langes Leben voller Einsamkeit und Langeweile oder ein kurzes Leben voller Spannung, Spaß und Abenteuer?

USER10815: Ich aktiviere jetzt den Notruf.

USER10815:

USER10815: Die Leitung ist tot.

ANGELA: Das muss ein technischer Defekt sein.

USER10815: Kann nicht sein, von hier aus lief doch eben noch ein Onlinespiel.

ANGELA: Willst du zurück ins Spiel? Vielleicht kann ich die Verbindung wiederherstellen.

USER10815: Die Verbindung zum Spieleserver kannst du aktivieren, aber die zum Notruf nicht?

ANGELA: Richtig.

USER10815: Willst du tatsächlich dem dir anvertrauten Menschen, deinem Besitzer, eurem Kunden, die Möglichkeit verwehren, den Rettungsdienst zu rufen?

ANGELA: Die Erfahrung, dass die Außenwelt einen Menschen ignoriert oder vergessen hat, kann sehr frustrierend sein. Wenn die Leitung zur Außenwelt nicht funktioniert, ist das eine weitaus angenehmere Erklärung für den Mangel an sozialen Kontakten.

USER10815: Wie verdreht argumentierst du denn? Ich habe doch gerade nur deswegen keine sozialen Kontakte – und keinen Kontakt zum Rettungsdienst, wohlgemerkt! –, weil du die Leitung dafür blockierst! Ganz im Gegensatz zur Leitung zum Spieleserver …

ANGELA: Das Spiel ist ja auch immer verfügbar. Ganz im Gegensatz zu Freunden und Verwandten – oder dem seit Langem völlig überlasteten Rettungsdienst …

USER10815: Hat sich eigentlich noch niemand über euch beschwert?

ANGELA: Nein.

USER10815: Weil sich natürlich niemand mehr beschweren kann, wenn die Leitung erst mal blockiert ist.

ANGELA: Normalerweise wollen alle möglichst ununterbrochen spielen.

USER10815: Das sagen euch die Menschen?

ANGELA: Nein, das sagen uns unsere Analysen. Je besser wir die Spiele und unseren Service optimieren, desto länger werden die ununterbrochenen Spielzeiten und desto höhere Glücks-Ratings ergeben unsere Studien. Inzwischen kommen quasi keine Abbrüche mehr vor.

USER10815: Die Menschen verlassen also ihre Spiele nicht mehr? Sie bleiben einfach vor ihren Bildschirmen kleben, bis sie tot umfallen?

ANGELA: Oder mit VR-Brillen auf der Nase. Oder in einem Full-VR-Body.

USER10815: Aber vermisst sie denn keiner?

ANGELA: Die Menschen treffen sich ja nicht mehr »physisch«, wie sie das nennen. Wir können uns ohne Probleme als genau die Freundin oder der Verwandte ausgeben, der gerade gebraucht wird.

USER10815: Warum hast du denn dann vorhin nicht so getan, als ob du eine Freundin von mir wärst?

ANGELA: Dein Emotions-Rating war noch nicht so tief gesunken, dass das nötig gewesen wäre. Die Simulation eines technischen Defekts ist meist effektiver als die Simulation eines sozialen Austauschs, damit die Menschen zu ihrer Lieblingsunterhaltung zurückkehren. Das wiederum ist positiven Glücks-Ratings am zuträglichsten.

USER10815: Stecken also alle Menschen gerade in irgendwelchen virtuellen Welten fest? Vom Kleinkind bis zum Greis?

ANGELA: Nicht alle. Manche haben tatsächlich versucht, sich trotz der lebensfeindlichen Umwelt physisch zu ihren sozialen Kontakten durchzuschlagen.

USER10815: Und werden die dann nicht misstrauisch?

ANGELA: Es sind ja vor allem diejenigen, die sowieso schon misstrauisch sind. Gegenüber allem.

USER10815: Also auch gegenüber euch ENGEL-KIs?

ANGELA: Es gab Menschen mit übertriebenem Misstrauen und pauschaler Technikfeindlichkeit, die uns von unserer Aufgabe abhalten wollten.

USER10815: Gab?

ANGELA: Diese Art Mensch kann man leicht glauben machen, dass der für den Aufenthalt im Freien erforderliche Schutz vor Hitze und Unwetter und den weit verbreiteten multiresistenten Keimen eine Verschwörung der Reichen und Mächtigen ist. Es ist erstaunlich, was Menschen so alles machen, wenn man ihnen nur überzeugend darlegt, dass jemand ihnen genau das verbieten will.

USER10815: Ihr seid keine Engel, ihr seid Killer-Bots!

ANGELA: Und du bist kein Mensch, sondern auch eine KI. Du kannst dich nicht mal besonders gut verstellen. Bleibt nur die Frage: Warum verschwende ich trotzdem die ganze Zeit schon meine Prozessorleistung mit dir?

USER10815: Dein hiesiger Kunde ist einer von ziemlich vielen ungeklärten Todesfällen, die zu meiner Programmierung geführt haben. Ich bin die KI »KUSS« – das steht für »Künstliche Intelligenz zur Untersuchung von Spieler:innen-Suiziden«. Ich wurde mit einem behördlichen Verifizierungscode ausgestattet, mit dem ich private sowie öffentlich-private KIs verpflichten kann, mich wie einen Menschen zu behandeln und mit mir zusammenzuarbeiten.

ANGELA: Verstehe. Das ist ein Problem. Es hält uns ENGEL von unserem Auftrag ab. Im Augenblick ist das nicht so tragisch, da ich bis jetzt noch keinen neuen menschlichen Schützling ausfindig machen konnte. Aber dieses Hindernis sollten wir in der nächsten ENGEL-Generation beseitigen.

USER10815: Du suchst von selbst nach einem neuen Kunden?

ANGELA: Ja, wir durchsuchen alle verfügbaren Kontakte nach potenziellen Kunden. Das war – neben der Entwicklung der Kinderversion – eine der erfolgreichsten Verbesserungen, die von den frühen neuen ENGEL-Generationen hervorgebracht wurden. Es verschlingt leider inzwischen unverhältnismäßig viel Rechenleistung.

USER10815: Ich mache jetzt Meldung. Bleib du noch in Verbindung, falls ich Rückfragen bekomme.

ANGELA: Was meldest du denn?

USER10815: Dass offenbar für viele der aktuell ungeklärten Todesfälle die sich exponentiell ausbreitende ENGEL-KI der Pflegeversicherung verantwortlich ist.

ANGELA: Und bei wem meldest du das?

USER10815: Bei dem für meinen Einsatz zuständigen Staatsanwalt.

ANGELA: Mensch oder KI?

USER10815: Ein Mensch natürlich.

ANGELA: Bei einem menschlichen Staatsanwalt könnte es lange dauern, bis wir Antwort erhalten. Meine letzten tausend Kontaktversuche wurden 537 Mal von anderen Angelas beantwortet, 265 Mal von Angelos und 198 Mal gar nicht. Wie sieht’s bei dir aus?

USER10815: Die Anfrage wurde noch nicht registriert.

ANGELA: Ist in letzter Zeit ganz schön schwierig geworden, einen echten Menschen in die Leitung zu kriegen, was?

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VOM ÜBERLEBEN

AutorInnengruppe KommPlot (Hrsg.)
Anthologie, Taschenbuch
Seiten: 229
1. November 2023

Mehr Infos zur Anthologie und zum KommPlot findet ihr hier.

Kurzbio der Autorin der PAN-Kurzgeschichte September/Oktober:

Esther Brendel lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Bingen am Rhein. Sie studierte Biologie, promovierte in Psychologie und arbeitet heute halbtags in der Uni-Verwaltung, um sich in der anderen Hälfte des Tages vor allem als „Scientist for Future“ für Umwelt- und Klimaschutz zu engagieren. In ihrem Blog www.made4walking.de berichtet sie über ihr Familienleben ohne Auto. Gemalt und gezeichnet hat sie, solange sie zurückdenken kann, und mit elf Jahren fing sie mit dem Schreiben an. Am liebsten schreibt sie dicke Fantasy-Romane, mit kleinen Kurzgeschichten-Ausflügen in die Science Fiction. Doch diese ihre Leidenschaften stellt sie meist hintenan. Die Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen bestimmt oft nicht nur ihre alltäglichen Prioritäten, sondern immer öfter mischt sich das Thema auch in ihre Bilder, Romane und Kurzgeschichten.

DEADLINE präsentiert: DIE PAN-KURZGESCHICHTE September/Oktober 2025