Das wunderbar vielfältige und breite Genre der Phantastik hat auch im deutschsprachigen Raum viel zu bieten. Sei es im Film, im Comic, im illustrativen Bereich und natürlich auch in seiner literarischen Form.
Das PAN – Phantastik Autor*innen Netzwerk unterstützt Autor:innen, bietet Networking, Support rund ums Schreiben und vergibt seit 2021 Arbeits-Stipendien. Die beliebte Aktion „PAN-Kurzgeschichte“ soll einem breiten Publikum deutschsprachige Phantastik näherbringen – und Lust auf mehr machen. Als Kooperationspartner von PAN präsentieren wir euch seit Mai 2024 kurzen phantastischen Lesestoff. Alle zwei Monate eine andere Geschichte. In voller Länge. Hier auf unserer Website.
Die fünfzehnte Story stammt aus der Anthologie HUMORVOLLE SPÄTLESE. Und hier zitieren wir gern den Klappentext: „Gebrauchsanweisung: Nehmt eine Flasche Wein nach Wahl, öffnet diese und gießt euch ein. Schlagt dann das Buch auf und beginnt zu lesen. Nehmt zwischendurch immer wieder einen Schluck Wein. Lasst zu, dass eure Mundwinkel sich heben. Öffnet bei Bedarf eine weitere Flasche Wein und lest das Buch mit einem bleibenden Schmunzeln im Gesicht zu Ende, bis der Korken mit euch spricht. Und diesen Wink mit der Weinrebe werdet ihr verstanden haben, wenn ihr das Buch durchgelesen habt.“
WEISSWEINMONTAG
von Janice Wollenberg
»Also Leute, das ist Elis«, sagt Mads, als er durch die geöffnete Eingangstür zu Lucindas Wohnung tritt. Montagabend, kurz nach sieben. Der Himmel ist noch hell, aber das Licht kippt langsam in Richtung Dämmerung. Durch das Fenster weht eine leichte Brise. Der Duft von frisch gebackenem Baguette liegt in der Luft, vermischt mit dem Klirren von Gläsern und dem konzentrierten Murmeln von Gustav, der gerade versucht, auf dem Couchtisch eine Pyramide aus Teelichtern zu errichten.
Drei Köpfe drehen sich synchron zur Tür. Elis tritt ein, selbstsicher, ganz in Schwarz. Ihre Augen mustern den Raum mit ruhiger Aufmerksamkeit. Sie nickt, aber sagt nichts.
»Das ist sie also?«, murmelt Benno, lehnt sich zurück und nippt an seinem Weinglas, bevor er es auf dem Tisch vor sich zwischen Schalen mit Oliven und Crackern abstellt. Jemand hat eine Dose Kekse aufgemacht, sie ist halb leer. Oder halb voll, je nach Philosophie.
Benno mustert Elis wie ein Türsteher. »Na ja, hoffentlich bist du den Aufwand wert. Diese Runde hier ist normalerweise ein exklusiver Kreis. Geschlossen. Geheimbund-Stimmung, verstehst du?« Er beugt sich leicht vor, lässt seinen Blick über sie gleiten und fügt mit einem schelmischen Lächeln hinzu: »Aber für eine Frau wie dich machen wir vielleicht mal ’ne Ausnahme.«
Elis blinzelt langsam. »Wenn du das Eintrittskriterium bist, bin ich vermutlich deutlich überqualifiziert.«
Benno verzieht das Gesicht, sichtbar gekränkt, und hält sich theatralisch die Brust.
Lucinda bricht in schallendes Lachen aus. »Oh, die mag ich jetzt schon.«
»Benno, du musst wirklich aufhören, jede Frau anzuflirten, die dir begegnet«, sagt Mads mit einem schiefen Grinsen.
»Vor allem nach dem Debakel mit der Psychologiestudentin.«
»Oder der Frau an der Kinotheke«, wirft Gustav ein.
»Oder der Pizzalieferantin, die eigentlich nur Trinkgeld wollte«, ergänzt Lucinda.
»Hey!« Benno hebt die Hände. »Ich glaube an das Schicksal! An zweite Chancen! Und an … spontane Funken!«, sagt er und schielt zu Elis.
Lucinda hebt eine Augenbraue. »Spontane Funken? Sieht mir eher nach Stromausfall aus.« Dann dreht sie sich zu Elis. »Komm rein, mach’s dir bequem. Wenn du Benno in unter zehn Sekunden kränkst, bist du quasi schon Teil der Familie.«
Gustav brummt zustimmend und rückt seinen Teelichtturm zurecht.
»Also, äh …« Mads fährt sich durch die Haare. »Wir haben uns gestern auf einer Party kennengelernt. Spontan. Wir haben den ganzen Abend über Wein geredet und noch mehr davon getrunken. Sie steht auf abgefahrene Sorten, so wie wir. Und ehrlich gesagt, mein Schädel brummt immer noch ganz schön. Ich hab ihr von unserem Montagsritual erzählt und dachte, ich bring sie mit als …«
»Ein Date«, unterbricht Lucinda die Stille. »Nenn’s doch, wie’s ist.«
»Ich nenne es ein metaphysisches Miteinander. Klingt besser als Date«, erwidert Elis mit einem schiefen Lächeln.
»Okay …«, sagt Gustav, sichtbar überfordert mit der Begrifflichkeit. Er steht auf, als würde er eine Zeremonie eröffnen. »Also gut, Neuling. Du bist hier nicht einfach in irgendeinen Abend reingestolpert. Nein, nein.« Er positioniert sich wie ein Moderator in der Mitte des Raumes. »Willkommen zum Weißweinmontag. Ein Montag für Philosophie, zum Nachdenken und, am allerwichtigsten, für die Weißweinverkostung.«
Lucinda nickt. »Manche dieser Weine sind selten. Manche alltäglich. Manche … verboten.«
»Manche trinken sie mit Ehrfurcht«, sagt Gustav. »Andere aus purer Dummheit.« Er zwinkert. »Wir gehören zur zweiten Kategorie.«
»Eher ein Hobby mit Nebenwirkungen«, sagt Lucinda, während sie einen Korkenzieher wie ein Zepter dreht.
»Ein Fetisch für Flaschen«, wirft Mads ein und schnappt sich eine Olive.
Er hält Elis die Schale hin, sie winkt aber ab.
»Jeden Montag probieren wir einen besonderen Wein«, erklärt Gustav.
»Ich besorg’ die Flaschen«, sagt Benno lässig. »Weinschwarzmarkt. Nicht ganz legal, aber wo wär da auch der Spaß.« Er lehnt sich zurück. »Einmal hatten wir einen Wein, der alle zur radikalen Ehrlichkeit gezwungen hat. Innerhalb von zwanzig Minuten flogen sieben Geständnisse auf den Tisch. Drei davon hatten mit Lucindas Exfreund zu tun und eins mit einem verschwundenen Meerschweinchen.«
»Wir wollten doch nicht mehr über den Riesling der Reue sprechen …«, murmelt Mads und senkt den Blick.
»Dann gab’s den Unsichtbarkeitswein«, erinnert sich Lucinda. »Hat dich aber nur für dich selbst unsichtbar gemacht.«
»Mads hat zwei Stunden lang nackt Geige gespielt, ohne es zu merken«, sagt Gustav.
»Die Akustik war magisch!«, verteidigt sich Mads.
»Oder Chardonnay Charmeur«, seufzt Benno. »Ich war nie so beliebt wie in diesen dreißig Minuten. Ich hätte fast Lucinda rumgekriegt.«
»Ha! Träum’ weiter, Charmeur.«
»Und dann war da Riesling Réverse. Bringt dich vierunddreißig Minuten in der Zeit zurück. Einmal am Tag, pro Person. Das war ein langer Montagabend.«
»Wie hieß noch mal der, bei dem man nur rückwärts sprechen konnte?«, fragt Mads.
»Retour de la Langue«, antwortet Benno. »Ich hab damals meinen Namen vergessen. Rückwärts klang er wie ein IKEA-Regal.«
Elis legt den Kopf schief. »Warum eigentlich nur Weißwein? Kein Rotwein? Liegt’s daran, dass er zu lange atmen muss? Oder wegen der Histamine, der Tannine, der Oxidation?«
»Whoa, da kennt sich aber jemand aus«, sagt Benno und stößt einen beeindruckten Pfiff zwischen den Zähnen hervor.
Lucinda winkt ab. »Nah, Gustav kriegt von Rotwein Sodbrennen.«
Benno richtet sich auf und beginnt seinen Rucksack zu öffnen. »Aber heute, meine lieben Freunde, heute wird’s besonders.« Mit dramatischer Geste zieht er eine Flasche heraus und stellt sie mit einem sanften »Klonk« auf den Tisch. Das Etikett ist teilweise abgerissen, aber der Name ist noch lesbar.
»Sauvignon Séance«, las Lucinda laut, »ich glaub, davon hab ich schon mal gehört.«
Gustav reißt die Augen auf. »Séance? Ein Wein, der uns mit den Toten sprechen lässt? Wir sollten das lieber sein lassen.«
»Beruhig’ dich«, sagt Benno. »Ich hab mit dem Händler gesprochen. Kein Totenfunk.«
»Sicher? Letztes Mal hattest du auch gesagt, der Wein löse keine Halluzinationen aus, und dann hatte ich über drei Stunden ein sehr intimes Gespräch mit Lucindas Toaster.«
»Und du hast dich gut unterhalten. Du hast ihn gefragt, was er von deinem bisherigen Lebensweg hält und uns danach begeistert von seinen interessanten Einsichten erzählt«, mischt Lucinda sich ein.
Mads dreht die Flasche in den Händen. »Mir kommt der Name auch bekannt vor, davon hab ich mal gelesen. Soll dich mit irgendwem irgendwo verbinden, wenn ihr beide zur selben Zeit trinkt, oder so was in der Art, richtig?«
Exakt!«, sagt Benno und hebt die Flasche präsentierend hoch. »Dieser Wein verbindet zwei zufällige Trinker irgendwo auf der Welt. Sie sehen und hören einander und jeder um sie herum kann die Erscheinung auch wahrnehmen. Nur anfassen geht nicht. Ich bin mir sicher, das Schicksal hat mich über diese Flasche stolpern lassen. Das ist der Weg, auf dem ich hier und jetzt, heute Abend, meine Traumfrau kennenlernen werde, ich spüre es. Eine Art holografisches Blind Date.« Benno grinst.
»Also Speed-Dating mit Geistereffekt«, sagt Elis.
»Genau! Und deutlich günstiger als Tinder Gold!«, ruft Benno begeistert.
»Also funktioniert es nur, wenn gleichzeitig jemand anders diesen Wein trinkt?«, fragt Lucinda, während sie Gustavs Teelichtturm abbaut und die Dochte entzündet.
»Genau. Zeitzonen, Partys, Weinliebhaber. Die Chancen stehen besser, als du denkst.«
»Na dann? Wer will zuerst?«
»Unser Angsthase vielleicht?«, stichelt Benno.
Gustav schnaubt, greift zur Flasche, öffnet sie und gießt ein. »Ich habe vor nichts Angst. Außer vielleicht dem Tod.«
»Und Raupen«, wirft Lucinda ein, ohne aufzusehen.
»Und allem Unbekannten«, ergänzt Mads.
»Ich habe nichts gegen das Unbekannte. Ich will nur vorher wissen, womit ich’s zu tun habe.« Gustav hebt das Glas, prostet in die Runde und trinkt.
Puff.
Plötzlich steht eine Frau mitten im Wohnzimmer. Braunes Kleid, zerzaustes Haar, ein halb volles Weinglas in der Hand. Sie schwankt leicht. Aus der Erscheinung dringt leise Musik, ein lateinamerikanischer Popsong mit zu viel Bass. Sie scheint auf einer Hochzeit zu sein.
»¿Qué carajo?«, murmelt sie und schaut sich verwirrt um.
Die fünf Freunde starren zurück.
»Sieht sie uns?«, flüstert Mads.
»Ich glaube schon«, sagt Lucinda. »Sie schaut Gustav an, als wäre er der Nachtisch.«
»Vielleicht bin ich das ja auch«, murmelt Gustav und richtet sich ein wenig auf.
Die Frau lächelt. Sie wankt zwei Schritte auf ihn zu, hebt die Arme und beginnt im Takt der Musik zu tanzen. Ihre Bewegungen sind weich, halb elegant, halb betrunken. Sie versucht Gustavs Hände zu greifen, doch ihre Finger gleiten einfach durch ihn hindurch.
Verwirrt hält sie inne und fasst sich an den Kopf.
»Tanz doch mit ihr«, ruft Mads. »Sieht gar nicht so schlecht aus.«
»Ich tanze nicht mit Geisterprojektionen, die auf Hochzeiten schweben«, sagt Gustav und verschränkt die Arme. »Ich habe Prinzipien.«
»Wie lange bleibt sie jetzt?«, fragt Lucinda und wirft einen Blick auf ihre Armbanduhr.
Alle schauen zu Benno.
»Was guckt ihr mich an? Keine Ahnung. So weit hab ich nicht gedacht.« Er hebt abwehrend die Hände.
»Vielleicht verschwindet sie, wenn ich noch einen Schluck nehme«, sagt Gustav, der bereits sein Glas neu aufgefüllt hat.
»Gustav, warte!«, ruft Lucinda, doch er hebt das Glas, prostet der tanzenden Spanierin zu und trinkt.
Puff.
Ein halb nackter Mann taucht plötzlich neben der Spanierin auf. Dampfend, mit einem Handtuch um die Hüften und einem Gesichtsausdruck irgendwo zwischen Entrüstung und Kreislaufkollaps.
»Was zum … Nicht schon wieder!«
Hinter ihm flirren hölzerne Saunawände im Dampf, Schweiß perlt ihm von der Stirn. Seine Erscheinung flimmert leicht wie wabernde heiße Luft über Asphalt.
Gustav verschränkt die Arme und nickt bedächtig. »Ich sage es ungern, aber Wein und Sauna vertragen sich nicht. Kreislauftechnisch, meine ich.«
»UNGLAUBLICH!«, schreit der Mann, springt beinahe in die Höhe. »Was soll das? Wer seid ihr? Das ist MEINE PRIVATSPHÄRE! Ein massiver Eingriff in meine Menschenrechte! Ich verklag euch alle!«
»Entspannen Sie sich mal«, sagt Mads seelenruhig und greift sich einen Cracker vom Tisch. »Was haben Sie denn erwartet, wenn Sie diesen Wein trinken?«
»Der ist gar nicht meiner!« Der Mann gestikuliert wild. »Woher soll ich wissen, dass meine Frau so ein esoterisches Séance-Gedöns im Weinkeller hat!«
Lucinda zieht eine Braue hoch. »Dann hätten Sie vielleicht vorher das Etikett lesen sollen.«
Der Mann zieht das Handtuch ein Stück höher, verschränkt die Arme und dampft beleidigt weiter. Unterdessen ist die Spanierin dazu übergegangen, eine Polonaise durch den Raum zu tanzen.
»Ich sag’s nur ungern«, bemerkt Gustav, »aber ich glaube, der beschlägt uns unsere Gläser.«
»Okay, vielleicht verschwinden die Leute wieder, wenn jemand anderes einen Schluck nimmt«, überlegt Mads laut und greift schon nach einem leeren Glas. Er schenkt sich ein und trinkt beherzt.
Puff.
Eine dritte Erscheinung.
Diesmal eine alte Dame, die gemütlich in einer schaukelnden Hängematte liegt. Sie hält ein Weinglas mit der Gravur »Rente rockt« in der Hand und hat ein bunt bemaltes Vogelhäuschen auf dem Schoß. Die Hängematte schwebt auf Hüfthöhe durch den Raum, begleitet von leisem Windspielgeklimper.
»Oh, wie schön!«, ruft sie entzückt. »Noch eine Séance! Beim letzten Mal war ich in einem Friseursalon in Sibirien.«
Lucinda schüttelt ungläubig den Kopf, greift aber bereits nach ihrem eigenen Glas. »Was soll’s, ich will auch mal.« Ohne zu zögern, trinkt sie.
Puff.
Ein äußerst gepflegter Herr erscheint, gekleidet wie für einen Auftritt: schwarze Fliege, gebügeltes Hemd, ein Kontrabass lässig zwischen den Beinen. Im Hintergrund flackert das Licht eines verrauchten Jazzclubs, man hört gedämpftes Stimmengewirr und das Klirren von Gläsern.
Er sieht sich kurz um und hebt sein Glas leicht an. »Ach. Der Séance-Wein. Ich dachte, das wär ein Mythos. Cheers, Leute.« Dann zupft er an seinem Bass. Sanfte, melancholische Jazzmusik erfüllt das Wohnzimmer.
»Woohoo! Macht das Spaß, Leute!«, ruft Gustav, inzwischen deutlich angeschwipst, der sich bis eben mit der alten Dame in der Hängematte über seinen Haarschnitt unterhalten hat. Er hebt sein Glas in einer feierlichen Geste, kippt den Rest in einem Zug hinunter und grinst zufrieden.
Puff.
Eine Frau im Businessanzug erscheint. Sie sitzt an einem Schreibtisch. Vor ihr ein aufgeschlagener Laptop, daneben ein halb volles Weinglas. Ihr Blick gleitet einmal über die Gruppe, dann seufzt sie schwer und klappt den Laptop zu. Langsam steht sie auf und tritt einen Schritt näher. »Hallo. Ich bin Frau Tannin. Amt für Vinomantische Substanzregulierung.« Sie zieht die Augenbrauen zusammen. »Oder in diesem Fall: Die Séance-Polizei, wenn ihr so wollt.« Ihr Blick schweift streng durch die Runde. »Wir haben einen Alarm erhalten. Die magnetischen Feldlinien in diesem Umkreis sind kollabiert. Das Raum-Zeit-Gefüge ist bereits instabil. Wenn das hier noch weiter eskaliert, wird’s unangenehm.«
Alle werden still.
»Ich sage es euch jetzt offiziell: Mehr als sechs gleichzeitige Verbindungen über Sauvignon Séance führen zu einer Rückkopplung. Raum und Zeit beginnen sich zu entkorken und ihr löst euch langsam auf.«
Gustav springt auf. Sein Stuhl kippt scheppernd nach hinten. Dabei schlägt er Mads fast das Weinglas aus der Hand. »Was heißt hier entkorken? Was soll das heißen, wir lösen uns auf! Ich hab noch Bücher, die ich lesen will! Ich hab eine Pflanze, die auf mich angewiesen ist! Ich bin NICHT bereit, mich aufzulösen!«
Frau Tannin bleibt völlig ruhig. »Der Séance-Wein wird ausschließlich mit einer klaren Anleitung und einem Warnhinweis verkauft. Aber wenn ich euch so ansehe, ihr habt ihn vermutlich nicht im Fachhandel erworben.« Ihr Blick bleibt auf Gustav hängen. »Und nur, damit wir uns richtig verstehen: Der Wein ist nicht dafür gedacht, sich damit zu betrinken. Ein Schluck pro Abend ist die empfohlene Dosis.«
Lucinda schnappt nach Luft. »Wieso wissen wir das nicht?«
Benno pfeift leise in die Luft und tut so, als hätte er gerade ein besonders interessantes Detail an der Decke entdeckt.
»Beruhigt euch«, sagt Frau Tannin und hebt eine Hand. »Ihr seid noch unter der kritischen Marke. Und selbst wenn ihr sie erreicht: Es gibt Wege, das rückgängig zu machen. Mit … einer gewissen Ungewissheit, was die Nebenwirkungen angeht.«
»Also wir sterben nicht?«, fragt Lucinda.
»Nein, keine Angst. Aber der Prozess ist mit sehr viel Aufwand und einer sehr hohen Rechnung verbunden.«
»Toll, Gustav«, sagt Benno und verschränkt die Arme. »Jetzt haben wir die Weinpolizei im Wohnzimmer.«
»Hey!« Gustav richtet sich auf, das Kinn trotzig vorgeschoben. »Immerhin haben wir sie getroffen, bevor es zu spät war. Ich habe unsere kollektive Auflösung verhindert. Gern geschehen.«
Benno hebt die Hände. »Jaja. Aber korrigiert mich, wenn ich falschliege: Spanierin, Saunamann, Hängematten-Oma, Jazzbassist, Weinpolizei … das sind fünf. Einer geht also noch.«
Lucinda stöhnt. »Och nee.«
»Ich hab noch niemanden beschworen! Und ich spüre es – jetzt ist es so weit. Meine große Liebe, meine Seelenverwandte wird genau in diesem Moment ein Glas Sauvignon Séance heben. Sie wird erscheinen. Ich weiß es.«
»Ich finde nicht, dass wir die Grenze ausreizen sollten«, sagt Gustav mit skeptisch erhobener Braue.
»Da stimme ich zu«, sagt Frau Tannin. »Ich weiß nicht, ob ihr euch das leisten könnt.«
»Wenn du’s wirklich fühlst …«, nuschelt Mads und wirft verstohlen einen Blick zu Elis, die ein wenig zu locker für die Lage wirkt.
»Aber NUR diesen EINEN Schluck, Benno!«, ruft Lucinda scharf. »Dann sind’s sechs. Dann ist Schluss. Versprochen?«
Benno nickt feierlich, hebt das Glas, schließt die Augen und trinkt.
Puff.
Ein Mann erscheint. Schürze, fettige Haare, ein leicht verbrannter Patty in der einen Hand, ein halb voller Plastikbecher Wein in der anderen.
»Ey! Ich bin mitten im Service!«, ruft er empört.
Alle starren ihn an.
Benno blinzelt. »Das ist aber nicht meine Seelenverwandte.«
»Nein«, murmelt Mads und angelt sich einen Olivencracker, »aber er hat ’nen Burger dabei. Nah genug, oder?«
»Ich bin allergisch gegen Sesam!«, ruft Gustav panisch und zieht sich mit schützend erhobenen Händen zurück.
Plötzlich beginnt die Luft zu vibrieren. Die Kerzen flackern, die Weinflasche auf dem Tisch zittert. Ein dumpfes Gluckern ertönt aus dem Flaschenhals.
»Wie viele haben wir?«, ruft Lucinda panisch und wendet sich an Frau Tannin. »Sie haben doch gesagt, sechs sind okay!«
»Sechs sind auch okay! Ich versteh’s selbst nicht … sorry, Kids!« Frau Tannin tippt hektisch auf ihrem inzwischen wieder aufgeklappten und rauchenden Laptop herum.
»Plus uns fünf …«, murmelt Gustav. »Aber wir zählen nicht, oder?«
Mads blickt langsam an sich hinunter. »Ich glaube … ich verschwimme am Knie.«
»Meine Hände! Ich verliere meine HÄNDE!«, jault Benno, während er panisch mit halb transparenten Fingern herumfuchtelt.
Die Erscheinungen beginnen zu flackern wie schlechte Hologramme: Die Spanierin, der Saunamann, die alte Dame, der Jazzbassist, Frau Tannin, der Burgerwender und … Elis?
Alle Köpfe drehen sich zu ihr.
»Ups!«, sagt sie mit einem unschuldigen Lächeln.
»Elis?«, keucht Lucinda.
Elis zuckt mit den Schultern. »Ich war nie echt hier. Mads hat gestern auf der Party versehentlich Séance-Wein erwischt und mich beschworen. Und irgendwie … bin ich einfach geblieben.«
»Ist das überhaupt möglich?«, fragt Lucinda ungläubig.
Frau Tannin sieht von ihrem Laptop auf. »Kommt selten vor. Nennt sich Ankerung. Passiert, wenn einer der Trinkenden deutlich mehr als einen Schluck trinkt. Dann kann die Verbindung über Tage halten.«
»Das erklärt einiges«, murmelt Mads. »Ich habe gestern Wein wie Fruchtsaft runtergekippt, ich hätte wahrscheinlich nicht mal gemerkt, wenn Elis durchsichtig und halb verpixelt gewesen wäre.«
»Wieso hast du nichts gesagt?«, ruft Lucinda.
Elis lächelt verhalten. »Ich weiß nicht. Ich mochte die Gespräche. Und … na ja – Mads. Ich hatte einfach das Gefühl, ich gehöre irgendwie dazu.
»DU warst die Sechste! Du hättest das ruhig mal vorher sagen können!«, ruft Gustav empört.
»Vielleicht«, sagt Elis und hebt den Zeigefinger, »aber streng genommen war ich die Erste.«
Die Raumzeit beginnt zu zucken.
Der Saunamann rotiert wie ein dampfender Kreisel.
Der Jazzbassist dreht sein Instrument im Takt einer Musik, die längst auseinanderfällt.
Die alte Dame kreist schlafend in ihrer Hängematte.
Der Burger-Typ wendet sein Patty immer wieder, schneller, schneller.
Die Spanierin tanzt den Macarena, ihr Körper zuckt asynchron.
Musik überlagert sich – Salsa, Jazz, Windspiel, Stimmen. Alles wird laut. Schnell. Schrill.
Die Luft flimmert. Der Raum wackelt. Nichts passt mehr zusammen.
»Wir brauchen einen Reset! Irgendjemand! IRGENDWAS!«, brüllt Gustav.
»Was sollen wir tun?«, schreit Lucinda verzweifelt zu Frau Tannin.
Die Beamtin versucht zu antworten, gestikuliert wild, doch ihre Stimme ist nur noch ein verzerrtes Gurgeln. Kein Wort ist mehr verständlich.
Da schnippt Lucinda plötzlich mit den Fingern. »Ich hab eine Idee!«, ruft sie und rennt in die Küche.
Wenige Sekunden später stürmt sie zurück. In ihrer Hand: eine goldbeschriftete Weinflasche.
Riesling Réverse.
Dreht die Zeit zurück. Exakt 34 Minuten. Nur einmal am Tag. Noch ein letzter Schluck ist übrig.
»Du bist brillant!«, brüllt Gustav über den Lärm des sich verformenden Wohnzimmers.
Lucinda zögert keine Sekunde. Sie öffnet die Flasche und trinkt.
Die Welt zieht sich zusammen.
Alles wird neblig.
Dann hell.
Geräusche laufen rückwärts: Jazz in Moll.
Ein Burger-Patty fliegt durch die Luft.
Spanische Musik.
Windspiel.
Dann Stille.
Lucinda sitzt wieder auf dem Sofa.
Gustav gegenüber.
Benno starrt fassungslos seine Hände an.
Alle atmen schwer, erschrocken, aber lebendig.
Keine Erscheinungen. Kein Gluckern. Kein Flackern.
Die Tür geht auf.
Mads tritt ein. »Also Leute, das ist Eli…« Er hält inne. Alle starren ihn an. Er ist allein. »Whoa. Sie war doch gerade eben noch neben mir.«
»Die Zurücksetzung der Zeit muss auch die Ankerung zwischen euch gelöst haben«, schlussfolgert Lucinda.
Benno greift in seine Tasche und zieht die Flasche Sauvignon Séance hervor.
Ungeöffnet.
Die Luft ist ruhig. Die Gläser leer.
Lucinda seufzt, greift zu einer Flasche Grauburgunder aus dem Supermarkt, öffnet sie kommentarlos und schenkt sich ein. »Lasst uns einfach diesmal einen stinknormalen Weißwein trinken, ja?«
Benno hebt die Flasche Sauvignon Séance kurz an, betrachtet sie lange und stellt sie seufzend auf den Tisch. »Dito. Ich bin nicht bereit für noch eine nach Burger riechende Enttäuschung.«
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HUMORVOLLE SPÄTLESE
192 Seiten
ISBN: 978-3985280575
Erstveröffentlichung: November 2025
Verlag: Shadodex – Verlag der Schatten
Kurzbio JANICE WOLLENBERG

Die Berliner Physikstudentin Janice Wollenberg schreibt in ihrer Freizeit Geschichten, um ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen und in fantastischen Welten ihre Kreativität auszuleben.

