Ein Film von Wes Anderson ist ein cineastisches Event. Das ändert sich auch mit seinem mittlerweile zwölften Feature nicht, das am 29. Mai auf die hiesigen Leinwände kommt – elf Tage nach seiner mit langanhaltendem Applaus bedachten Premiere in Cannes und knapp 23 Monate nach dem Kinostart des Vorgängers, ASTEROID CITY.

Credit: Courtesy of TPS Productions/Focus Features © 2025 All Rights Reserved.
Obgleich beide in den 1950er-Jahren spielen, unterscheidet sich THE PHOENICIAN SCHEME, der im deutschen Sprachraum angemessen obskur DER PHÖNIZISCHE MEISTERSTREICH betitelt ist, in mancherlei Hinsicht stark von jenem. Am deutlichsten wohl im Hinblick auf Tempo und Umfang der Erzählung: Während das Wüstentheaterstück über weite Strecken eher statisch anmutet, unternimmt der MEISTERSTREICH riesige Schritte. Sowohl seine Handlung betreffend, die eine gewaltige, unterschiedlichste exotische Locations umfassende Abenteuerreise mit einer wilden Verbrecher- und Geheimdienst-Story sowie wahrhaft dramatischen Familien-Erweckungsmomenten verquirlt, als auch in Bezug auf die Geschwindigkeit, mit der das Geschehen präsentiert wird. Schon immer erforderten Wes Andersons Zelluloid-Zaubereien ein gehöriges Maß an Aufmerksamkeit, um keines der liebevoll eingewobenen Story- und Design-Details zu verpassen. Hier jedoch legt seine Inszenierung eine Rasanz an den Tag, die es fast unmöglich macht, die Kreativität und das künstlerische Niveau seiner meisterlich orchestrierten Szenenbilder vollumfänglich zu würdigen. Schon während der Erstsichtung fühlt man sich so zur Zweitsichtung nahezu genötigt.

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Im Mittelpunkt der Erzählung steht dabei Zsa-Zsa Korda (Benicio del Toro, nach THE FRENCH DISPATCH in seinem zweiten Anderson-Film), ein nach dem Motto „Kommt dir etwas in die Quere: Leg es um“ lebender, ruchloser Geschäftsmann – und ein Patriarch der ganz alten Schule, was sich nicht nur in seinem Auftreten, seinen Anzügen und seinem Zigarrenkonsum äußert, sondern auch in seinen Familienverhältnissen. Volle zehn Kinder hat er, die meisten stammen von seinen drei zwischenzeitlich verstorbenen Ehefrauen, einige aber hat er auch adoptiert. Nicht etwa aus altruistischen Gründen. Sondern um die Chance zu erhöhen, einen neuen Albert Einstein unter seinen Nachkommen zu finden. Neun von ihnen sind kleine Jungs, überzeugen kann ihn jedoch keiner davon. Deshalb entscheidet sich Korda, das einzige Mädchen zu seiner Alleinerbin zu machen: Liesl (Kate Winslets Tochter Mia Threapleton), die allerdings dummerweise als Nonne in einem Orden lebt.

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Die Notwendigkeit dazu verspürt er, da er sein Ableben nahen sieht: Jemand hat es auf ihn abgesehen. Vielleicht sind es auch viele, die ihn jagen. Zahlreichen Attentaten jedenfalls ist er bereits knapp entgangen – am Anfang des Films erlebt er seinen sage und schreibe sechsten Flugzeugabsturz (der übrigens mit einer kurzen, kecken Splatterszene eingeläutet wird). Und dies wird nicht Zsa-Zsas letzter Tango mit dem Jenseits bleiben. Stets gefolgt von einer Nahtod-Vision in kontraststarkem Schwarz-Weiß, in der er sich vor der Himmelspforte mit einem Konglomerat düsterer Gestalten konfrontiert findet, unter denen Willem Dafoe, F. Murray Abraham und Bill Murray als – jawohl! – Gott herausstechen.

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Um seine Tochter auf das Erbe vorzubereiten, das sie in Zukunft zu vertreten hat, nimmt er sie mit auf eine Reise zu seinen Geschäftspartnern, mit denen gemeinsam er seinen letzten, jahrzehntealten Traum verwirklichen will: ein minutiös geplantes, gewaltiges Infrastrukturprojekt, mit dem der Nahe Osten (bzw. das alte Phönizien) wirtschaftlich erschlossen und zu Lande wie zu Wasser miteinander verbunden werden soll. Ein echter „Meisterstreich“, dem jedoch diverse Probleme im Wege stehen. Nicht zuletzt eine gewaltige Finanzierungslücke dank einer groß angelegten Sabotageaktion der US-Regierung, angeführt vom Geheimagenten „Excalibur“ (Rupert Friend).

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Begleitet werden Vater und Tochter von Bjorn, einem norwegischen Hauslehrer, Insektenkundler und mehr (Anderson-Debütant Michael Cera in seiner bis dato vielleicht besten Rolle). Auf seiner Reise erlebt das exzentrische Trio zwischen schräg und spektakulär oszillierende Abenteuer, trifft dabei auf Anderson-typisch skurrile Charaktere und lernt tatsächlich eine Menge über sich selbst – was im bunten Bildersturm nur zum Teil untergeht. Allem Abwechslungsreichtum, allem kontrollfreakartigen Detaildesign, allem weitläufigen Größenwahn des Gezeigten zum Trotz trägt DER PHÖNIZISCHE MEISTERSTREICH eine erstaunlich profunde Aussage in sich. Die sowohl als Statement zur Bedeutung zwischenmenschlicher Bindungen als auch gar als politischer Kommentar gelesen werden kann.

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Auch rein als Kunst-Stück betrachtet aber ist der an frühere Großtaten wie GRAND BUDAPEST HOTEL anknüpfende Film schlicht aufregend gut geraten: äußerst vielfältige Arthouse-Unterhaltung mit Elementen von Actionfilm und Spionagethriller, die vor allem in Ausstattung, Setbau und Kostüm besticht und mit hyperästhetischen Bildkompositionen beeindruckt. Dabei wirkt Andersons feingliedrige Puppenhaus-Optik hier noch ein ganzes Stück variabler als zuvor. Statt auf seinen bisherigen Dauer-Kollaborateur Robert D. Yeoman hat der Regisseur dafür auf den sechsfach Oscar-nominierten Kameramann Bruno Delbonnel gesetzt. Geschadet hat es nichts.
DER PHÖNIZISCHE MEISTERSTREICH ist eine so detailverliebte wie in halsbrecherischer Geschwindigkeit kredenzte Kreuzung aus Kuriositätenkabinett und filmischem Wimmelbild, die in einem fort Meme-geeignete Bilder liefert und bis in die Nebenrollen exzellent besetzt ist: nicht zuletzt mit Tom Hanks, Bryan Cranston, Charlotte Gainsbourg, Scarlett Johansson und Hope Davis. Für Freundinnen und Freunde des cineastisch Fantastischen, die ästhetische Reize genauso schätzen wie eine fordernde, außerordentlich reichhaltige Narration – und sehr viel schwarzen Humor:
(Dominic Saxl)
„Ein märchenhaft lohnendes Kinokunst-Ereignis

