Ein neuer Film von Christopher Nolan ist stets ein Ereignis. Nicht zwingend aufgrund seiner Qualität, sondern vielmehr wegen des kulturellen Diskurses, den er auslöst. Absolut jeder schaut einen Nolan-Film, von Gen Z bis zur Omi – irgendwie haben wir uns gesellschaftlich darauf geeinigt. Umso interessanter ist es also, wenn er sich einem der bekanntesten Stoffe der Menschheitsgeschichte annimmt: der ODYSSEE.

Dabei ist es gar nicht so einfach, diesen Stoff zu adaptieren. Allein dadurch, dass sich die Sage in mehrere Handlungsstränge aufspaltet (Troja, Irrfahrt, Ithaka), ist es schwierig, einen klaren Fokus zu setzen. Nolan greift daher auf ein bewährtes Mittel seiner Filme zurück: das nonlineare Erzählen. Ähnlich wie in DUNKIRK werden hier alle Geschichten gleichzeitig erzählt, von einem erzählerischen Rahmen eingefangen und dadurch dramaturgisch aufgewertet. So ist es auf jeden Fall nachvollziehbar, warum sich Nolan als Nächstes den Irrfahrten des Odysseus zugewendet hat – passt diese Erzählstruktur doch hervorragend zu seinem bisherigen Schaffen.

Und tatsächlich gelingt Nolan dieser Spagat famos. Die verschiedenen Orte und Geschichten gleiten wunderbar ineinander über, kaum ein Handlungsstrang bleibt zu lange statisch. So vergehen die gut drei Stunden wie im Flug – perfektes Handwerk.
Auch schafft es Nolan erneut, mit seinen IMAX-Kameras große Bilder zu erzeugen. Während viele frühere Verfilmungen der ODYSSEE zu stark ins Fantasy-Genre abgebogen sind, erdet Nolan den Stoff konsequent. Das zeigt sich besonders in der Gestaltung der Schauplätze. Die griechischen Inseln dürfen einfach Inseln sein, keine schwebenden Paläste, keine sichtbaren Götter oder andere Fantastereien. Das Übernatürliche, das Mythische liegt wie ein kaum wahrnehmbarer Schleier über allem – vorhanden, aber nie aufdringlich. Das ist nicht nur erfrischend in einer von Bombast und flotten Sprüchen geprägten Kinolandschaft, sondern führt auch das Ursprungswerk angenehm zu seinen Wurzeln zurück. Die ODYSSEE ist nicht Hochglanz, und genau das ist wundervoll.

Bis hierhin liest sich das alles wie ein absoluter Homerun, doch leider begibt sich auch Nolan immer wieder auf inszenatorische Irrfahrten.
Er stolpert erneut über die üblichen Schwächen, die sich durch viele seiner Filme ziehen. Vor allem die Figuren wirken wieder bedeutungsschwer und schauen nachdenklich in die Ferne, doch eine wirkliche Verbindung zu ihnen baut das Publikum kaum auf. Zwischenmenschlichen Momenten wird schlicht nicht genug Zeit eingeräumt, da sich alles der Struktur unterordnen muss.

Ist der Soundtrack einmal mehr großartig, fällt die Tonmischung erneut extrem basslastig aus. Immer wieder übertönt die Musik wichtige Dialoge, sodass man nur erahnen kann, worauf gerade Bezug genommen wird.
Generell sind es die Dialoge und die Sprache, an denen sich viele Zuschauer reiben dürften. Nolan entscheidet sich für einen sehr modernen Ansatz – ein „Dad!“ ersetzt ein „Father!“. Das ist letztlich Geschmackssache, nimmt dem Gesagten aber immer wieder etwas von seiner Gravitas und Bedeutung.
Die Schauspielerinnen und Schauspieler schaffen es jedoch größtenteils, diese Sprachwahl aufzufangen, und liefern beinahe durch die Bank hervorragende Leistungen ab. Lediglich Tom Holland wirkt als Telemachos in vielen Szenen wie ein Fremdkörper und kann kaum mit der Präsenz und Energie von Anne Hathaway oder Robert Pattinson mithalten.

So sind es vor allem die letzten 20 Minuten, in denen die Inszenierung ins Stolpern gerät und keinen wirklich befriedigenden Abschluss findet. Das bricht dem Film zwar nicht das Genick, schwächt den Gesamteindruck aber dennoch spürbar.
Unterm Strich darf DIE ODYSSEE durchaus zu Nolans stärkeren Filmen gezählt werden. Die Vision ist klar, der Stoff passt zu seinem Erzählstil, und alles besitzt die nötige Größe. Zweifler wird der Film jedoch kaum bekehren können, dafür treten Nolans typische Schwächen und Eigenheiten erneut zu deutlich zutage. (Simon Greichgauer)
Große Bilder, größeres Kino, typisch Nolan
Hier noch Clips:
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr Informationen

