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DIE UNVERWUNDBARE – EIN NACHRUF AUF HAYDEN PANETTIERE

Hayden Panettiere wurde mit der Science-Fiction-Serie HEROES zum Star, fand in NASHVILLE eine ihrer stärksten Rollen und wurde als Kirby Reed Teil der SCREAM-Familie. 2011 sprach ich mit ihr über ihren Einstieg ins Horrorfach. Nun ist die Schauspielerin mit nur 36 Jahren gestorben.

Als ich Hayden Panettiere im Frühjahr 2011 am Telefon interviewte, war sie 21 Jahre alt und gerade dabei, sich von jener Rolle zu lösen, die sie weltberühmt gemacht hatte. Vier Jahre lang wurde sie durch HEROES zu einem der bekanntesten Gesichter ihrer Generation. Nun betrat sie in SCREAM 4 erstmals das blutige Terrain von Ghostface. Es war zugleich der letzte Teil der Reihe, bei dem Horrormeister Wes Craven Regie führte. Craven starb 2015 im Alter von 76 Jahren.

«Du hörst dich sehr fit an. Bedeutet das, dass du SCREAM 4 überlebt hast?», fragte ich sie damals zum Einstieg. Panettiere spielte sofort mit: «Tja, wer weiß. Wer ist der Killer? Oder die Killerin? Das kann ich leider nicht verraten. Noch müssen sich Fans in Geduld üben – und werden staunen.»

15 Jahre später ist Hayden Panettiere im Alter von nur 36 Jahren gestorben. Sie wurde am 16. August in Greenville im US-Bundesstaat South Carolina leblos aufgefunden. Die genaue Todesursache ist bislang nicht bekannt.

Die Nachricht von ihrem Tod brachte auch die Erinnerung an dieses Gespräch zurück. Ich habe Panettiere als ausgesprochen offen, sympathisch und humorvoll in Erinnerung. Natürlich war es ein Presseinterview zu einem neuen Film, doch von jener routinierten Distanz, die solche Gespräche bisweilen prägt, war wenig zu spüren. Vor allem schien sie große Lust auf diesen neuen Abschnitt ihrer Karriere zu haben.

Dabei war Panettiere trotz ihres jungen Alters längst ein Hollywoodprofi. Schon als Kleinkind stand sie für Werbespots vor der Kamera, später folgten die Soaps ONE LIFE TO LIVE und GUIDING LIGHT sowie Filme wie REMEMBER THE TITANS an der Seite von Denzel Washington und das Fantasy-Drama THE DUST FACTORY. 2011 spielte sie im True-Crime-Fernsehfilm AMANDA KNOX: MURDER ON TRIAL IN ITALY die Titelrolle. Dem Genre blieb sie auch nach SCREAM verbunden: Im Horrorspiel UNTIL DAWN lieh sie 2015 der Figur Sam nicht nur ihre Stimme, sondern auch ihr Aussehen; später folgten unter anderem die Thriller AMBER ALERT und SLEEPWALKER.

Zum Star aber machte sie das Fernsehen. Mit der Science-Fiction-Serie HEROES gelang ihr 2006 der Durchbruch. Die gerade 17-jährige Panettiere spielte mit Claire Bennet eine Highschool-Schülerin ungefähr ihres eigenen Alters, die sich von praktisch jeder Verletzung regenerieren konnte. «Save the cheerleader, save the world» wurde zum Leitsatz der Serie – und Panettiere zu ihrem Aushängeschild.

Nach vier Jahren Heldenreise suchte sie bewusst nach etwas Neuem. «Ich wollte mir in Ruhe meinen nächsten Schritt überlegen», erzählte sie mir 2011. Sie habe nach einem besonderen Drehbuch gesucht, «nach etwas, das mir genauso viel Spass machen würde». Die Anfrage zu SCREAM 4 hätte mit dem Cast und einem Regisseur wie Wes Craven «wie die Faust aufs Auge» gepasst. Die Dreharbeiten beschrieb sie als «Aufenthalt in einem Ferienlager».

Kirby Reed wurde zu einer ihrer populärsten Figuren. Panettiere mochte an ihr, wie sie mir erzählte, dass sie «sarkastisch, tough» sei, einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und grossartigen Humor habe. Vor allem aber kannte Kirby die Regeln des Genres. «In ‹SCREAM 4› ist sie der Horrormovie-Boss und löst damit Randy Meeks aus den Vorgängerfilmen ab.»

Zunächst hatte Panettiere durchaus Respekt davor, neben Neve Campbell, Courteney Cox und David Arquette in eine Filmfamilie zu kommen, die bereits drei gemeinsame SCREAM-Filme hinter sich hatte. «So ein Mist, dachte ich. Wie soll ich in diesem zähen Haufen meinen Platz finden? Was erwarten die von mir?» Doch ihre Sorge sei schnell verflogen: Die alte Truppe habe die Neuen offen und freundlich aufgenommen.

«Du wurdest nun also offiziell von der ‹Scream›-Familie adoptiert?», fragte ich. Panettiere lachte. «Ja, so fühle ich mich.»

Zwölf Jahre später kehrte sie in SCREAM VI tatsächlich in diese Familie zurück. Aus dem horrorfilmverrückten Teenager war eine FBI-Agentin geworden, aus dem vermeintlichen Opfer endgültig eine Überlebende.

Dazwischen fand Panettiere jedoch noch einmal eine Rolle, die mindestens ebenso sehr mit ihr verbunden bleiben sollte. Von 2012 bis 2018 spielte sie in NASHVILLE die Country-Sängerin Juliette Barnes – ehrgeizig, verletzlich, selbstzerstörerisch und immer wieder darum kämpfend, die Kontrolle über ihr Leben zurückzugewinnen. Panettiere sang in der Serie selbst und wurde für ihre Darstellung zweimal für einen Golden Globe nominiert. Gerade in Juliette zeigte sich, dass hinter dem Image des ehemaligen Kinderstars eine Schauspielerin steckte, die auch die dunkleren und widersprüchlichen Seiten einer Figur tragen konnte.

Wie schmerzhaft nahe manche davon ihrem eigenen Leben kamen, wurde erst nach und nach deutlich. Panettiere sprach öffentlich über Depressionen und ihre Alkohol- und Opioidabhängigkeit und darüber, wie schwierig es gewesen war, praktisch ihr gesamtes Leben vor Kameras verbracht zu haben. Ein weiterer schwerer Einschnitt folgte 2023: Ihr jüngerer Bruder Jansen, ebenfalls Schauspieler, starb mit nur 28 Jahren an den Folgen einer nicht diagnostizierten Herzerkrankung. Panettiere sagte später, sie werde diesen Verlust nie ganz überwinden. Erst wenige Monate vor ihrem Tod blickte sie in ihren Memoiren «This Is Me: A Reckoning» schonungslos auf ihr Leben zurück.

Umso stärker bleibt mir heute die junge Frau am anderen Ende der Telefonleitung in Erinnerung: schlagfertig, zugänglich und hörbar begeistert von ihrer neuen Rolle. Selbst über ihre eigene Angst vor Horrorfilmen konnte sie lachen. Natürlich möge sie das Genre, versicherte sie mir – allerdings nur unter einer Bedingung: «Solange ich sie nicht alleine schauen muss. Dann bekomme ich nämlich total Schiss und schlafe wochenlang nicht mehr.»

Am Ende unseres Gesprächs kam ich noch einmal auf HEROES zurück. Ich fragte sie damals, ob sie selbst gerne Claires Fähigkeit besitzen würde, unverwundbar zu sein. Panettiere war hin- und hergerissen. Einerseits sei eine solche Superkraft natürlich großartig. Andererseits, sagte sie, hätte sie Angst davor, nichts mehr zu fühlen. Die Unverwundbare war am Ende eben doch nur ein Mensch.

Sarah Stutte

DIE UNVERWUNDBARE – EIN NACHRUF AUF HAYDEN PANETTIERE