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EIN NACHRUF AUF TAREK EHLAIL (31. AUGUST 1981–29. AUGUST 2025)

Mit tiefem Bedauern nehmen wir Abschied von Tarek Ehlail, einem künstlerischen Freigeist, dessen Leben und Werk stark von Punk, Menschlichkeit und Leidenschaft geprägt waren. Er verstarb am 29. August bei einem tragischen Verkehrsunfall auf der A 1 nahe Köln – nur zwei Tage vor seinem 44. Geburtstag. Die Nachricht traf mich wie ein Schock. Wir teilten eine Filmleidenschaft, die wir irgendwann zu unserem Beruf machten. Ich war einen Tag beim Dreh von CHAOSTAGE in Homburg vor Ort, der mir unvergesslich bleiben wird. Ganz spontan entschied Tarek bei einer in einem Supermarkt spielenden Szene, dass dort das DEADLINE-Magazin ausgelegt und zu sehen sein sollte. Ich sprang dann am Abend für einen Fahrer ein und fand mich bald schon auf dem Weg nach Köln – mit Ralf Richter auf der Rückbank. Neben der legendären, von der Polizei aufgelösten CHAOSTAGE-Party in Hannover, bei der SLIME auftraten und Punks das Nobelhotel verwüsteten, kreuzten sich unsere Wege über die Jahre hinweg immer wieder. Unsere letzte Begegnung liegt nun auch schon einige Jahre zurück, aber sie ist mir besonders stark in Erinnerung geblieben, weil so Begegnungen normal nicht ablaufen. Es war in Berlin, ich war auf einer Party eingeladen, musste aber noch ein wenig arbeiten und quartierte mich mitsamt meinem Laptop in einem Nebenraum ein. Im benachbarten Raum lag Tarek auf der Couch (denn die Behausung gehörte gemeinsamen Freunden), er kam gerade von einem anstrengenden Filmdreh und sagte mir, er müsse dringend runterkommen und könne gerade keine Energie für ein Gespräch aufbringen. Da ich genau wusste, wie er sich fühlte, war das für mich okay und selbstverständlich. So verbrachten wir schweigend und jeder für sich über eine Stunde in Sichtweite des anderen, ohne dass es komisch gewirkt hätte.

Geboren in direkter Nachbarschaft zu mir, in Homburg, als Sohn eines palästinensischen Vaters und einer deutschen Mutter, fand Tarek früh in der Punkbewegung seinen Platz. Die Subkultur und ihre Werte – Freiheit, Radikalität, Authentizität – waren etwas, das er lebte.

2003 gründete er die Produktionsfirma Sabotakt, die für kreative Undergroundprojekte bekannt wurde. Gemeinsam mit Matthias Lange inszenierte er mit der „Sabotakt Boxparty“ ein europaweit tourendes Punk- und Kampfsport-Event, das Konventionen herausforderte und Grenzen sprengte. 

Sein Filmdebüt gelang 2008 mit CHAOSTAGE – WE ARE PUNKS!, einem energiegeladenen Spielfilm über die titelgebenden Punk‑Straßenschlachten. Es folgte GEGENGERADE – NIEMAND SIEGT AM MILLERNTOR (2011) rund um den FC St. Pauli – ausgezeichnet beim Filmfestival Max Ophüls Preis. Sein bis dato letztes Werk, das düstere Science-Fiction-Drama VOLT (2016), setzte eindringliche Bilder und Musik (u.  a. von Alec Empire) ein, um von einem Europa im Ausnahmezustand zu erzählen.

Dazu führten wir viele Interviews. Tarek gab immer den Schauspielern den Vortritt, um nicht zu sehr im Mittelpunkt zu stehen. So konnten wir uns zu seinen Filmen mit Claude-Oliver Rudolph, Benno Fürmann, Kida Khodr Ramadan oder Denis Moschitto unterhalten.

Parallel drehte er zahlreiche Musikvideos für Bands wie Slime, Egotronic, Nyze feat. Bushido, D-Bo oder Johnny Mauser – Projekte, die seine Wurzeln in der Musikkultur und Subkulturszene zeigten.

2013 erschien sein Buch PIERCING IS NOT A CRIME, eine Sammlung von 33 Anekdoten aus seiner Zeit als Piercer – humorvoll, reflektiert und ehrlich. Seit 2015 leitete er zudem die Sicherheitsagentur Solid, mit der er ein weiteres kreatives Standbein entwickelte.

Trotz all seiner Projekte blieb Tarek ein bodenständiger, warmherziger Mensch. Freunde werden sich immer an seine offene Art, sein lautes Lachen und seine Fähigkeit, jede Begegnung zu einem besonderen Moment zu machen, erinnern.

Seine Heimat im Saarland, aber auch seine Wahlheimat Hamburg waren ihm stets nah. Er blieb seiner Region eng verbunden, besuchte Familie und Freund:innen regelmäßig und prägte mit seinem kreativen Schaffen weit über Landesgrenzen hinaus.

Mit Tarek verschwindet eine unverkennbare Stimme aus dem deutschen Kino und der Subkultur. Seine Risikobereitschaft, sein Engagement, seine Authentizität und sein unbändiger Tatendrang werden uns fehlen – doch sein Vermächtnis lebt in seinen Filmen, Bildern und Geschichten weiter.

Unser tiefes Mitgefühl gilt seiner Familie, seinen Freund:innen und allen, die ihn kannten und schätzten. Möge er uns ewig in Erinnerung bleiben.

(Yazid Benfeghoul)

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