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EIN SUPERHEISSES DING – AUSGABE 2 IM KÖLNER SCHAUSPIEL

TRIGGERWARNUNG: SCHLIMME FILME

Zum zweiten Mal fand am 6. Februar der FILMTALK DES GRAUENS im Kölner Schauspiel statt. Nach der ersten Ausgabe, in der japanische Riesenmonster der Kaju Eiga thematisiert wurden, wählten die beiden Gastgeber und DEADLINE-Kolumnist Jörg Buttgereit und Christian Fuchs ein wesentlich ernsteres Thema. TRIGGERWARNUNG: SCHLIMME FILME versprach einen Abend mit verstörendem Potenzial. Schon die Paarung Buttgereit und Fuchs ist naheliegend – mit dem Gast DEADLINE-Kolumnist Prof. Dr. Marcus Stiglegger wurde aus dem Duo ein Trio der wohl wichtigsten Stimmen abseitiger Filmkultur im deutschsprachigen Raum. Wie folgerichtig diese Kombination ist, wird klar, wenn man weiß, dass alle drei sich seit Jahrzehnten kennen und immer wieder miteinander zu tun hatten. Alle drei verfolgen seit Jahrzehnten konsequent ihre Liebe und Obsession zum Abseitigen, zum Transgressiven. Und alle drei begleiten den Autor seit über 30 Jahren.

Jörg Buttgereit, der durch seine tabubrechenden Undergroundfilme NEKROMANTIK 1 und 2, DER TODESKING und SCHRAMM international berühmt wurde, ist Autor, Filmkritiker, Hörspiel- und Theaterregisseur, schreibt Comics und ist DER Sachverständige im deutschsprachigen Raum für Kaju, die berüchtigten japanischen Monsterfilme, über die er auch das Standardwerk JAPAN – DIE MONSTERINSEL verfasst hat. Christian Fuchs begegnete mir zuerst als Sänger der Industrial-Noiserock-Band FETISH 69. Als Filmkritiker und FM4-Moderator geht er heute hauptberuflich seiner Filmleidenschaft nach. Nebenbei ist er noch mit mehreren Bands und Projekten (DIE BUBEN IM PELZ, BLACK PALMS ORCHESTRA, DER KLEINE TOD oder aktuell CHRISTIAN FETISH) aktiv. Marcus Stiglegger ist der Dritte im Bunde und nicht weniger Tausendsassa als seine Gastgeber. Filmwissenschaftler, Dozent, Musiker (MARS, VORTEX), Buchautor, ehemals Herausgeber des :IKONEN:-Magazins, ist er heute präsenter denn je. Tatsächlich hielt ich noch am Vorabend der Veranstaltung eine alte Ausgabe von 2004 in der Hand. Unter anderem im Heft: ein Interview mit Jörg Buttgereit und ein Text über den japanischen Fotokünstler Nobuyoshi Araki von Christian Fuchs. Der Kreis schließt sich.

Vom ersten Moment an stimmt die Chemie auf der Bühne. Nach einer kurzen Einführung und einer Erklärung, was genau eine Triggerwarnung eigentlich ist, gibt es zur Einstimmung den Trailer zu Dario Argentos meisterlichem FOUR FLIES ON GREY VELVET. Bereits dieser wild zusammengeschnittene Trailer, der nichts über die Handlung verrät, hat das Potenzial, zu „triggern“. Und nun kommt Christian Fuchs zum ersten schlimmen Film des Abends. Es handelt sich um Gerald Kargls ANGST (1983), einen auf einer wahren Begebenheit beruhenden österreichischen Serienmörderfilm. Der Täter wird kurz nach seiner Entlassung aus der Haft wieder rückfällig, das Einzige, was ihn antreibt, ist die Befriedigung seiner dunklen Triebe. Er bricht in ein abgelegenes Haus ein und ermordet die drei Bewohner grausam. Das Schockierende: Der Film wird mittels Voice-over ausschließlich aus der Sicht des Täters, beklemmend intensiv gespielt von Erwin Leder (DAS BOOT), erzählt. Die spektakuläre Kameraführung von Zbigniew Rybczyński zieht den Zuschauer sofort und unwiederbringlich „into the mind of a serial killer“. Der brillante Soundtrack von Klaus Schulze (u. a. TANGERINE DREAM, ASH RA TEMPLE) verstärkt diese Wirkung, kalt und unerbittlich, ohne Suspense-artige Zuspitzung bleibt man im Innenleben des Killers gefangen. Ein hoffnungsloser, schwer zu ertragender Trip in die Hölle. Fuchs berichtet, wie sehr ihn das damals, lange vor dem aktuellen True-Crime-Boom, beschäftigt habe. Als, wie er selbst sagte, „zorniger junger Mann“ schrieb er darüber in seinem Buch KINO KILLER: MÖRDER IM FILM, aus dem er auch zitiert. ANGST war damals ein Skandal, ein Film, den Regisseur Gerald Kargl lange hasste, der ihn in den finanziellen Ruin trieb und mit dem er erst spät, als der Film auf Festivals im Ausland endlich die gebührende Anerkennung bekam, seinen Frieden schloss. Ein absoluter Ausnahmefilm, nicht nur im österreichischen Kino. Für den Großteil des anwesenden Publikums offenbar neu, lohnt sich in jedem Fall eine Wiederentdeckung.

Der vom Schockfaktor her sicherlich als Höhepunkt des Abends anzusehende Teil lässt nun selbst die Hartgesottenen im Publikum ein wenig unruhig werden. Jörg Buttgereit erzählt von der Band THROBBING GRISTLE, Pioniere des Industrial, Provokateure und Performance-Künstler gleichermaßen – Industrial music for industrial people. Buttgereit erlebte als junger Punk im Berliner SO36 ein Konzert der Band, das ihn extrem verstörte und offenbar bis heute nachhallt. Die brutal hämmernde Musik, das Auftreten der fast vollständig in Tarnanzügen gekleideten Band und insbesondere deren wie ein entfesselter Psychopath wirkender Sänger Genesis P-Orridge, all das wirkte angsteinflößend und gefährlich. Verstörender Höhepunkt der Show war ein heute legendärer Schwarz-Weiß-Film, der mittels eines 16-mm-Projektors an die Wand geworfen wurde. Der Film, der den Titel AFTER CEASE TO EXIST trägt, zeigt unerträglich detailliert die Kastration eines Mannes durch eine Frau (vermutlich Cosey Fanni Tutti von THROBBING GRISTLE). Buttgereits Freund, der mit ihm auf dem Konzert war, kippte danach um. Das war zu viel. Vor allem, was war das? Kunst? Oder gar echte Aufnahmen, ein Snuff-Film? Es fehlte hier die Gebrauchsanweisung, die Einordnung – eben im Gegensatz zu heute, wo die eingangs genannten Triggerwarnungen immer präsenter werden. AFTER CEASE TO EXIST, über den der Autor dieser Zeilen seit den frühen 90er-Jahren (wohl erstmals in einem Artikel von Martin Büsser im legendären Hardcore-Fanzine ZAP) immer wieder mit morbider Faszination und einem gewissen Abwehrreflex las, schien für immer verschollen. Buttgereit hat ihn jedoch auf einer obskuren Seite im World Wide Web ausfindig gemacht. Und nun wird die Triggerwarnung ausgesprochen: Der Teil des etwa zwanzigminütigen Films, der die so realistisch wirkende Kastrationsszene beinhaltet, soll gleich gezeigt werden. Einige Zuschauer verlassen vorsichtshalber den Saal, die meisten bleiben aber tapfer sitzen – man kann sich ja immer noch die Augen zuhalten. Nach etwa fünf Minuten ist es vorbei, und es sind wirklich Bilder, die man, einmal gesehen, nie wieder vergisst. Auch wenn Buttgereit Entwarnung gibt und beteuert, dass das wohl alles gestellt war. Trotzdem sehr verstörend und unangenehm. Schlimmer Film, buchstäblich!

Der dritte und finale Teil des Abends gehört dem Gast Marcus Stiglegger. Er berichtet über einen Film, für den er genau der Richtige ist, wohl DER Experte im deutschsprachigen Raum: Liliana Cavanis DER NACHTPORTIER (IL PORTIERE DI NOTTE, 1974). Diese Amour fou zwischen einem ehemaligen SS-Mann (Dirk Bogarde), der im Wien der 1970er-Jahre als der titelgebende Nachtportier in einem Hotel arbeitet, und einer jungen Frau (Charlotte Rampling), die einst Häftling in einem KZ war, behandelte Stiglegger bereits 1999 in seiner Dissertation zu Faschismus und Sexualität im Film. Zunächst werden drei Filmsequenzen gezeigt: das Wiedersehen von Max und Lucia in der Hotellobby, die ikonische Salome-Sequenz und eine Liebesszene. Oberflächlich betrachtet, mag das skandalöse Potenzial des Films auf der Hand liegen: Nazi-Insignien, sexualisiert zur Schau getragen, sadomasochistische Handlungen, die Nähe von Eros zu Thanatos. Der wahre Skandal war jedoch, so führt Stiglegger aus, dass die Leidenschaft zwischen Max und Lucia nicht kommentiert, nicht bewertet wird. Ihre Aufrichtigkeit wird in keinem Moment des Films infrage gestellt. Und vor allem: Nicht unter Zwang lässt sich Lucia, das Opfer, auf Max, den Täter, ein. Es ist ein ambivalentes Verhalten zwischen anfänglicher Unterwerfung und später immer dominanterem Verhalten, ja sogar einer Umkehrung des Machtverhältnisses. So wurde die damalige Beschlagnahmung des Films in Italien von der römischen Staatsanwaltschaft damit begründet, dass der Film nicht nur von einer Frau inszeniert wurde, sondern auch eine Frau zeige, die beim Sex die Initiative ergreift. Und zwar „in einer Weise, die jedem Bordell Ehre machen würde“. Das Unerhörte war also die selbstbestimmte weibliche Sexualität, die sich auch bewusst gegen bürgerliche Konventionen wendet, ein extrem patriarchalisch gefärbter Blick auf den Film. Die Komplexität und Ambivalenz von Lucias und Max‘ Beziehung werden hier völlig übergangen oder missinterpretiert, ebenso auch in zeitgenössischen feministischen Kritiken. So komplex, wie der Film ist, so schwierig ist auch seine Rezeptionsgeschichte. All dies lässt sich für Interessierte am besten aufarbeiten mit der hervorragenden deutschen Blu-ray-Edition, die umfangreiches Bonusmaterial bietet, um tiefer in den Film einzutauchen. Wenn man bereit ist, sich Ambivalenzen auszusetzen, denn der Film tut etwas, was heutzutage selten ist: Er verweigert sich der Eindeutigkeit.

Zum Finale und um den Abend mit etwas Leichtigkeit zu beenden, wird eine Vorschau auf einen demnächst auf einem deutschen Label erscheinenden obskuren philippinischen Exploitation-Kracher (der Titel ist mir leider entfallen) gezeigt. Launig im Stil sensationsheischender Trailer der Bahnhofskinoära von Jörg Buttgereit eingesprochen, wurde hier noch mal alles an Schauwerten und entsprechend schnoddriger deutscher Synchronisation geboten, wofür man solche Filme liebt. So ging ein ebenso unterhaltsamer wie lehrreicher Abend zu Ende, und das Publikum wurde in die Kölner Nacht entlassen. Aber das nächste superheiße Ding kommt bestimmt! Seien wir gespannt!

(Text und Fotos von Jan Urnau)

EIN SUPERHEISSES DING – AUSGABE 2 IM KÖLNER SCHAUSPIEL