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ES WERDE LICHTER! – Rückblick auf das 19. Lichter Filmfest Frankfurt International vom 28.04. bis 03.05.2026

Von Dominic Saxl

Seit 2008 schon wird Frankfurt regelmäßig von einem Filmfestival beehrt, das es sich zum Ziel gesetzt hat, aktuelle regionale, nationale und internationale Kino-Highlights für ein breiteres Publikum zugänglich zu machen – und dabei für einen „Brückenschlag zwischen Film, künstlerischen Ausdrucksformen und gesellschaftlichem Dialog“ zu sorgen. Dabei hat das Festivalprogramm den Anspruch, nicht nur zu unterhalten, sondern Kino und Diskurs miteinander zu verbinden. Das zeigt sich insbesondere am internationalen Programm, das im Zeichen eines jährlich wechselnden Themenschwerpunkts steht.

In diesem Jahr richtete das Lichter Filmfest seinen Fokus auf das Thema „Kunst“ und nahm sich dabei den Slogan „Make Art, not War“ zum Vorbild: In Zeiten überhitzter Auseinandersetzungen rund um weltweite Konflikte aller Art sollte hier bewusst ein Gegengewicht geschaffen, eine offene und differenzierte Debattenkultur gefördert werden; Kunst sollte als Medium in den Mittelpunkt gerückt werden, das „Fragen stellt und neue Antworten zulässt“.

FILMANGEBOT

Das geschah nicht zuletzt durch ein Programm, das 25 Langfilme aus aller Welt mit unterschiedlich starkem Bezug zum Thema enthielt, darunter Cannes- oder Berlinale-Titel wie URCHIN, NINA ROZA, THE LOVE THAT REMAINS, TRISTAN FOREVER und THE GREAT ARCH. Starke Beiträge, wenn auch – abseits von NIGHTBORN und RESURRECTION – aus „unserer“ Sicht leider nicht so viel Interessantes dabei war wie 2025. Kein Wunder, damals lautete der Themenschwerpunkt „Angst“ und es gab folgerichtig eine größere Zahl genrenaher Werke zu goutieren.

Solche fand man in diesem Jahr interessanterweise eher in der Sektion „Zukunft Deutscher Film“: Beiträge wie STAATSSCHUTZ, ROSE und vor allem DIE BLUTGRÄFIN dürften in Form und Inhalt das Interesse unserer Leser:innen wecken.

Neben dem internationalen und dem regionalen Kurzfilm widmeten sich weitere Sektionen des Festivals dem regionalen Langfilm sowie dem Virtual-Reality-Storytelling; unter dem Label „Lichter Spezial“ erfuhr unter anderem die Doku BONEY M: DISCO. MACHT. LEGENDE. ihre Festivalpremiere in Anwesenheit des Regisseurs und weiterer Gäste.

RAHMENPROGRAMM

Das Rahmenprogramm umfasste einerseits den 16. Lichter Art Award für Videokunst, andererseits zahlreiche Partys und Konzerte, darunter einen Solo-Auftritt des DIE-STERNE-Sängers Frank Spilker sowie ein DJ-Set von Lars Eidinger. Noch interessanter aber war wohl der begleitende Kongress „Zukunft Deutscher Film“, der unter dem Motto „Film. Kunst. Jetzt.“ bereits zum sechsten Mal im Rahmen des Festivals ausgerichtet wurde.

Viel Betrieb
Viel Betrieb

Als besonders spannend stellten sich dabei folgende Veranstaltungen heraus:

CREATIVE INTELLIGENCE
Eine Podiumsdiskussion rund um die wachsende Bedeutung der KI nicht zuletzt innerhalb der kreativen Szene. Inwieweit bedroht sie menschliches Schaffen, inwieweit kann sie es unterstützen?

KANN DER DEUTSCHE FILM KUNST?
Rund um das Thema „Ästhetische Radikalität im Kino“ unterhielten sich Filmschaffende – sowie die Philosophin Mirjam Schaub – über Fassbinder, Schlingensief, Haneke sowie die Frage, ob provokatives Kino in Deutschland heute überhaupt noch möglich ist. Unter den Diskutant:innen: Regisseurin Katrin Gebbe (TORE TANZT, PELIKANBLUT).

Katrin Gebbe bei der Panel-Diskussion „Kann der deutsche Film Kunst

DIY-AUDIENCES: KINO, KRITIK UND PUBLIKUM
Wie kann das Kino heute neues Publikum gewinnen? Im Rahmen eines Workshops stellten mehrere internationale Akteur:innen Projekte vor, die dafür sorgen sollen, dass Film weiterhin relevant für möglichst viele Menschen bleibt. Darunter war Tim League, Mitgründer der Kinokette Alamo Drafthouse sowie des Filmfestivals Fantastic Fest – und Mitproduzent von THE ABCs OF DEATH. Er präsentierte sein neues Projekt „Metro Private Cinema“, das Kino als absolutes Luxusprodukt inszeniert. Und dabei sehr erfolgreich ist.

PREISTRÄGER:INNEN

Über 100 Filme, Q&As mit Filmschaffenden sowie filmkulturelle und gesellschaftspolitische Panels: Das 19. Lichter Filmfest machte Frankfurt wieder einmal zur Filmstadt. Dabei hatte das Publikum einiges zu melden und wählte die Doku ENSEMBLE MODERN – WHY WE PLAY zu seinem Langfilm-Favoriten. Den mit 3.000 Euro dotierten Jury-Preis der Kategorie Regionaler Langfilm gewann IN CASE WE NEVER MEET AGAIN von Noaz Deshe. Die weiteren Gewinner*innen könnt ihr auf der Website des Festivals nachlesen.

AUSGEWÄHLTE FILM-REVIEWS

ROSE


(Markus Schleinzer / Österreich, Deutschland 2026 / 94 Min.)
Während des Dreißigjährigen Kriegs taucht ein versehrter und von einer Kugel ins Gesicht entstellter Soldat in einem entlegenen Dorf auf und beansprucht einen verlassenen Gutshof als sein rechtmäßiges Erbe. Die Ortsansässigen beäugen den Fremden zunächst argwöhnisch, durch eine Reihe guter Taten gewinnt er jedoch bald ihr Vertrauen und wird gar mit der Tochter eines lokalen Großbauern verheiratet. Dann jedoch macht das Gerücht die Runde, der Mann sei gar keiner – sondern eine Frau … Sandra Hüller, die für ihre Darbietung bei der Berlinale 2026 den Silbernen Bären für die beste Hauptrolle gewann, ist ohne Zweifel eine herausragende Schauspielerin, und auch in diesem österreichisch-deutschen Historiendrama erweckt sie ihre Figur überaus überzeugend zum Leben. Problematisch ist nur, dass ihr Aussehen sowie vor allem ihre Stimme sie klar als Frau identifizieren. Die zentrale Plot-Idee des Films wirkt dadurch vom ersten Moment an maximal unglaubwürdig. Dasselbe gilt für einige Nebenfiguren und ihre Dialoge. Zudem fehlt es der Erzählung mitunter am nötigen Tempo. Die Kameraarbeit ist hingegen brillant, in den epischen Schwarz-Weiß-Landschaftsbildern möchte man fast ertrinken.

STAATSSCHUTZ

(Faraz Shariat / Deutschland 2026 / 113 Min.)
Seyo Kim (Chen Emilie Yan) ist eine junge Staatsanwältin in Brandenburg, die von der deutschen Justiz und ihrer Unparteilichkeit überzeugt ist. Nachdem sie in einem Prozess gegen einen Mann aus dem offenkundig rechtsextremen Lager jedoch Stellung gegen seine menschenfeindliche Ideologie bezieht, wird sie zur Zielscheibe seiner Gesinnungsgenossen – und entgeht nur knapp einem Mordanschlag. Ihre Bemühungen, die Täter zu ermitteln, führen schnell zur Erkenntnis, dass der Justizapparat nicht nur gelegentlich auf dem rechten Auge blind ist … Der Eröffnungsfilm des Festivals zeigt, dass auch hiesige Filmemacher zu großem, so unterhaltsamem wie politisch treffendem Kino fähig sind. Was zunächst an einen besonders hart treffenden TATORT erinnern mag, entwickelt sich nicht zuletzt durch ein smartes, pulp-ironisches Finale zu einem Leuchtturm des zeitgemäßen politischen Revenge-Kinos. Sehr empfohlen! International unter dem Titel PROSECUTION vermarktet.

DIE BLUTGRÄFIN


(Ulrike Ottinger / Österreich, Deutschland, Luxemburg 2026 / 118 Min.)
Man muss wohl die Wiener Art mögen, um diesen Film wirklich zu schätzen – den man guten Gewissens auch als einigermaßen bizarre Werbemaßnahme für die einzige österreichische Metropole betrachten kann. Die Handlung dreht sich theoretisch um ein mysteriöses Buch, das die Macht besitzen soll, Vampire wieder in Menschen zurückzuverwandeln. Auf die Jagd nach diesem Schriftstück macht sich im Wien der Gegenwart einerseits die leibhaftige, in grandiose Kostüme gehüllte Gräfin Elisabeth Báthory (verkörpert von keiner Geringeren als Isabelle Huppert, die konsequent Französisch spricht), andererseits ihr Neffe, der vegetarische Vampir Baron Rudi Bubi von Strudl, der dem Blutsauger-Dasein abschwören möchte, unterstützt von seinem Therapeuten Theobald Tandem (Lars Eidinger).

Lars Eidinger und Burghart Klaußner beim Q&A zu DIE BLUTGRÄFIN

Die Namensgebung sollte bereits verdeutlichen, auf welchem Humor-Niveau wir hier unterwegs sind – dem liebevollen Set-Design und den gelungenen Make-up-Effekten zum Trotz ist dieses Spätwerk von Regisseurin Ulrike Ottinger nur Menschen zu empfehlen, die eine skurril-altmodische Atmosphäre schätzen und keine Scheu vor überkandidelten Charakteren haben.

NIGHTBORN


(Hanna Bergholm / Finnland, Litauen, Frankreich, UK 2026 / 92 Min.)
Ein junges Ehepaar (Seidi Haarla und Rupert Grint, HARRY POTTER) zieht aus London in die tiefste finnische Provinz, um dort, fast direkt im Wald, das Projekt Familiengründung anzugehen. Schon bald wird das erste Kind geboren, doch es scheint nicht ganz normal zu sein: Statt Milch saugt es lieber Blut aus der Brust der Mutter, und auch sonst bringt es einige „haarige“ Probleme mit sich. Mutter Saga ist überzeugt, dass Böses im Baby schlummert, doch niemand will ihr glauben … ganz gleich, für wie viel Unheil im trauten Heim es sorgt. Der zweite Spielfilm von Hanna Bergholm (HATCHING) ist sowohl skandinavisch-trockene schwarze Komödie als auch fieser Body Horror. Ein so grotesk wie treffend übersteigerter Einblick in das Leiden junger Mutterschaft, irgendwo zwischen ROSEMARY‘S BABY, Cronenbergs THE BROOD und THE BABADOOK. Jüngst auch bei den Fantasy Filmfest Nights zu sehen, ab dem 6. August im deutschen Kino.

RESURRECTION


(Bi Gan / China, Frankreich, USA 2025 / 160 Min.)
Der vierte Spielfilm des chinesischen Regisseurs Bi Gan ist nichts weniger als die ultimative Hommage an die Kraft des Kinos, Träumen Gestalt zu verleihen – und zum Träumen zu inspirieren. In Cannes 2025 mit dem Special Prize der Jury ausgezeichnet, ist RESURRECTION gleichermaßen ein Trip durch ein Jahrhundert chinesischer wie auch der Filmgeschichte als solcher. Seine Rahmenhandlung dreht sich dabei darum, dass die Menschheit einer unbestimmten Zukunft dem Träumen abgeschworen hat: Wer nicht träumt, lebt nahezu ewig („wie eine nicht angezündete Kerze“), wer hingegen heimlich weiter träumt, schadet sich selbst und allen anderen, da er für ein „Zittern in der Geschichte“ sorgt. Im staatlichen Auftrag jagt eine Frau (Alt-Star Shu Qi) jene Verbrecher, die „Fantasmer“ genannt werden. Sie entdeckt einen solchen, der sich in einer alten Filmrolle versteckt hat … und gemeinsam mit ihr folgen wir seinen Erlebnissen durch unterschiedlichste (Film-)Jahrzehnte. Eine kohärente Handlung ist in der episodischen Erzählung nur schwer auszumachen, was in zahlreichen Walk-outs beim Festival-Screening resultierte. Cineasten können hier allerdings einer Art Heiligem Gral recht nahekommen. Im Verlauf seiner mit 160 Minuten überaus großzügig bemessenen Laufzeit zitiert der Film Elemente und Stilmittel unter anderem von Stummfilm, Film Noir, Drama, Gangster- und sogar Vampirfilm, während er gleichzeitig unsere Wahrnehmung thematisiert: Jedes Kapitel stellt in seiner Handlung einen bestimmten menschlichen Sinn in den Vordergrund, vom Hören bis zum Bewusstsein. Eine rauschhafte, einzigartige filmische Erfahrung. Ab 25. Juni bundesweit in ausgewählten Kinos selbst zu erleben.

(Dominic Saxl)

ES WERDE LICHTER! – Rückblick auf das 19. Lichter Filmfest Frankfurt International vom 28.04. bis 03.05.2026