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FANTASY FILMFEST – DER GROSSE RÜCKBLICK

Von Falk Straub

Auch dieses Jahr war das Fantasy Filmfest (FFF) von den Auswirkungen der Coronapandemie geprägt. Der Einlass dauerte etwas länger, die Reihen waren ein wenig leerer, die Filmauswahl übersichtlicher. Noch nicht jeder traute sich zurück ins Kino. Die, die es taten, setzten sich eine Maske auf und nahmen das Angebot dankend an, endlich wieder eine geballte Ladung Genrekino in einer Gemeinschaft aus Gleichgesinnten zu konsumieren. Und auch bei der inzwischen 35. Ausgabe, die von Mitte Oktober bis Anfang November 2021 gestaffelt in Berlin, Stuttgart, Frankfurt, Nürnberg, Hamburg, Köln und München über die Bühne ging, gab es einiges zu entdecken. Für all jene, die nicht vor Ort sein konnten, stellen wir in unserer kleinen Nachlese Filme vor, die sich lohnen, und welche, die man sich getrost sparen kann.

Im Vergleich zu früheren Ausgaben ist das Programm in diesem Jahr gleich in mehrfacher Hinsicht kleiner ausgefallen. Es waren weniger Filme, und große Namen und internationale Produktionen mit Blockbuster-Potenzial suchte man vergebens. Angesichts einer Pandemie, die die Welt seit eineinhalb Jahren in Atem hält beziehungsweise ihr den Atem raubt, ist das aber verständlich. Es wurden schlicht und ergreifend weniger und unter erschwerten Bedingungen Filme produziert, um die die Filmfestivals konkurrierten. Angesichts dessen hat das FFF-Team wieder einmal überzeugende Arbeit geleistet und stand dem Publikum vor Ort wie gewohnt mit Rat, Tat, guter Laune und anregenden Gesprächen zur Seite.

Auch bei den Inhalten machte sich die Pandemie bemerkbar. Das Gore-Highlight THE SADNESS handelt von einem Virus, das die Bewohner Taipehs in blutrünstige Zombies verwandelt. Und auffällig viele Filme spielen in abgeschiedenen Häusern auf dem Land, in denen eine überschaubare Anzahl von Charakteren zusammenkommt, was weniger auf eine Vorliebe für Waldhütten-Horror schließen lässt und eher darauf hindeutet, dass hier nicht nur am Budget gespart werden konnte, sondern vermutlich auch Corona-Auflagen leicht(er) umzusetzen waren.

6 der 36 Filme stammten aus Südostasien. Und hier bestätigte sich abermals, was sich bereits seit einigen Jahren (nicht nur in der Filmbranche) abzeichnet: Nicht nur mit Japan und Südkorea, auch mit China muss man rechnen! Den „Tele 5 Fresh Blood Award“ für den besten Debüt- oder Zweitfilm nahm in diesem Jahr zwar noch ein Japaner mit nach Hause. Der Preis ging an Junta Yamaguchis BEYOND THE INFINITE TWO MINUTES. Direkt dahinter lief aber der chinesische Beitrag ARE YOU LONESOME TONIGHT? von Regisseur Shipei Wen ein und verwies Nicolas Cage und sein Schwein in Michael Sarnoskis PIG auf den dritten Rang. Beim Kurzfilmpreis „Get Shorty“, um den in diesem Jahr zehn Kurzfilme konkurrierten, räumte Simon Filliots wunderschöner Puppen-Animationsfilm HEART OF GOLD ab.

Nicht nur dieser Film war schräg, wie unsere kleine Rückschau zeigt … (Falk Straub)

AFTER BLUE

Frankreich 2021 / 127 Min.

What the fuck?! Was uns das Festival in vier von sieben Städten am frühen Samstagnachmittag vor die Nase setzte, war wahlweise ein echter Wachmacher oder ein Schlafmittel. Auf jeden Fall aber ein echter Hingucker. Elina Löwensohn und Paula Luna mäandern als Mutter-Tochter-Gespann über den Planeten After Blue, auf dem die Menschheit eine neue Heimat gefunden hat. Weil die Atmosphäre den Männern nicht mundete, sind sie kurzerhand ausgestorben. Mutter und Tochter sollen die Verbrecherin Kate Bush (!) aufspüren und geraten dabei in die Fänge polnischer Verbrecherinnenbanden und der Künstlerin Sternberg (Vimala Pons). Bertrand Mandicos Vision einer weiblichen Zukunft quillt vor Ideen über. AFTER BLUE ist ein Zelluloid-Trip, den man am besten auf Drogen konsumiert. Er schaut aus, als hätten Tillie Waldens Comics ein Kind mit Alejandro Jodorowskys und Andrzej Zulawskis Filmen gezeugt. Leider ist das Ergebnis mindestens eine halbe Stunde zu lang. Der Originaltitel trifft es im Übrigen besser: PARADIS SALE, schmutziges Paradies.

(Falk Straub)

ARE YOU LONESOME TONIGHT?

China 2021 / 95 Min.

Es tut sich was im chinesischen Kino. Auf die Filmemacher der „fünften Generation“ um Zhang Yimou (ROTES KORNFELD, HERO) und Chen Kaige (GELBE ERDE, LEBE WOHL, MEINE KONKUBINE) sind mehrere Generationen aufstrebender Talente gefolgt, deren Filme es mit denen ihrer Vorgänger aufnehmen können. Regisseur Shipei Wen orientiert sich in seinem Langfilmdebüt klar an den Gangsterballaden von Jia Zhangke (A TOUCH OF SIN, ASCHE IST REINES WEISS) und Diao Yinan (FEUERWERK AM HELLLICHTEN TAGE, DER SEE DER WILDEN GÄNSE), die wiederum stark von Kar-wai Wongs Frühwerk beeinflusst sind. Bei Wen stolpert Xue Ming (Eddie Peng), ein Reparateur für Klimaanlagen, in eine Verbrechergeschichte um den toten Ehemann der Hausfrau Liang Ma (Sylvia Chang). Der Polizist Chen Er (Yanhui Wang) ist ihnen dicht auf den Fersen. Ein raffinierter Noir-Thriller aus drei Perspektiven.

(Falk Straub)

BEYOND THE INFINITE TWO MINUTES

Japan 2021 / 70 Min.

Dieser Film ist ein echter Crowd Pleaser. Beweise? Der „Tele 5 Fresh Blood Award“, den die irre lustige Zeitreisekomödie beim Fantasy Filmfest einheimste und damit starke Konkurrenz wie ARE YOU LONESOME TONIGHT? und PIG auf die Plätze verwies. Junta Yamaguchi zeigt, dass es für gute Unterhaltung keiner teuren Budgets bedarf. Sein Regiedebüt spielt ausschließlich in einem Café in Kyoto und in zwei angrenzenden Wohnungen. Der Aufbau der Story erinnert ein wenig an Nacho Vigalondos TIMECRIMES (2007), der vor 13 Jahren ebenfalls beim Fantasy Filmfest lief. Im Gegensatz zum Spanier setzt der Japaner aber auf Humor und hat die Lacher auf seiner Seite. Seine Figuren sind in einer Zeitschleife gefangen, die zwei Minuten in die Zukunft reicht und sich vor den Augen des Publikums scheinbar in Echtzeit entfaltet. Das Ganze ist so durchdacht und technisch so perfekt umgesetzt, dass man sich wiederholt verwundert am Kopf kratzt. Wer hätte gedacht, dass Zeitreisen so viel Spaß machen können?!

(Falk Straub)

THE BOY BEHIND THE DOOR

USA 2020 / 88 Min.

Gefühlt war jeder dritte Film im Programm des Fantasy Filmfests 2021 ein Kammerspiel. THE BOY BEHIND THE DOOR des Regieduos David Charbonier und Justin Powell zählte gleich aus mehreren Gründen zu den besseren Vertretern des Horrors auf beengtem Raum. Grund Nummer eins: ein Plot-Twist, den selbst Plot-Twist-Connaisseure nicht vorhersehen dürften (und der hier selbstredend nicht gespoilert wird). Grund Nummer zwei: eine atmosphärisch dichte Umsetzung, die wirklich alles aus dem Budget herausholt. Und zu guter Letzt Grund Nummer drei: realistisch geschriebene Charaktere. Denn Charbonier und Powell, die das Drehbuch selbst verfasst haben, lassen ihre zwei jungen Protagonisten, die entführt und in einem Haus gefangen gehalten werden, nicht zu Helden mit eiskalten Nerven mutieren, die es dem Kidnapper heimzahlen. Diese Kids haben Angst und verhalten sich genau so, wie verängstigte Kinder sich verhalten würden – was die Sache umso nervenaufreibender macht.

(Falk Straub)

THE BOYS FROM COUNTY HELL

Irland, Großbritannien 2021 / 88 Min.

Chris Baughs Horrorkomödie war einer von mehreren Filmen, in denen das Böse unter der Erde schlummert. Ausnahmsweise schlug hier aber einmal nicht Mutter Natur zurück. Bei Bauarbeiten in einer kleinen irischen Gemeinde wird der Untote Abhartach wiedererweckt, der den Ort buchstäblich ausbluten lässt. Baughs alternative Dracula-Version, die auf seinem gleichnamigen Kurzfilm aus dem Jahr 2013 aufbaut, war neben LET THE WRONG ONE IN die zweite Vampirkomödie von der Grünen Insel im Programm des Fantasy Filmfests. Auch wenn Baughs Genremix beim Publikum weniger gut ankam, ist THE BOYS FROM COUNTY HELL der bessere Film. Atmosphärisch dicht und mit Jack Rowan, Nigel O’Neill und John Lynch toll besetzt. Die Legende um Abhartach gibt es übrigens wirklich, und auch der Expertenstreit, ob Bram Stokers weltberühmter Blutsauger vom Woiwoden Vlad III. oder aber von Abhartach inspiriert ist, ist nicht erfunden. Wieder was dazugelernt.

(Falk Straub)

BROADCAST SIGNAL INTRUSION

USA 2021 / 104 Min.

Einer der stimmungsvollsten (und bedeutungsoffensten) Filme des Fantasy Filmfests 2021 stammt von Jacob Gentry (THE SIGNAL, SYNCHRONICITY). Aus den bis heute ungeklärten broadcast signal intrusions, also von Hackern gekaperten Rundfunksignalen, die in den 1980ern in den USA für Aufsehen sorgten, strickt Gentry einen nostalgischen Paranoia-Thriller. Der aus GLEE (2009–2015) bekannte Harry Shum Jr. spielt einen Videoarchivar, der mit dem Verlust seiner Freundin nicht klarkommt und sich immer tiefer in einen Kaninchenbau aus Verschwörungstheorien wühlt. Ende der 1990er angesiedelt, bietet dieser Film nicht nur Tonnen obsoleter Technik, sondern auch unzählige Interpretationsansätze. Den Vorhang zu und alle Fragen offen.

(Falk Straub)

CRABS!

USA 2021 / 80 Min.

Was wäre das Fantasy Filmfest ohne ein Creature Feature? Dieses Machwerk können sich Fans des animalisch-humoristischen Horrors allerdings getrost sparen. Denn das Witzigste an Pierce Berolzheimers Horrorkomödie war dessen Videobotschaft vor dem Film, die er via Sprachcomputerübersetzung ans Publikum richtete. Aus dem tollen Kleinstadtsetting und den titelgebenden Killerkrabben hätte man so, so, sooo viel mehr machen können, ja müssen! Doch Berolzheimer geht schlicht und einfach jegliches Gefühl für Pointen und Timing ab. Das Urteil des Publikums war denn auch schnell gefällt: CRABS! ist leider crap!

(Falk Straub)

THE FEAST

Großbritannien 2021 / 93 Min.

Ein Festschmaus ist THE FEAST nicht gerade, aber durchaus sehenswert. Lee Haven Jones’ komplett auf Walisisch gedrehtes Kammerspiel möchte in einer Liga mit den Filmen von Yorgos Lanthimos (DOGTOOTH, THE LOBSTER) spielen, spielt aber ein paar Klassen darunter. Als der Politiker Gwyn (Julian Lewis Jones) und seine Frau Glenda (Nia Roberts) in ihrem abgeschiedenen Haus ein Festessen geben, um mit ihren Gästen Finanzielles zu klären, läuft der Abend zusehends aus dem Ruder. Ihre Söhne verhalten sich seltsam, die angeheuerte Küchen- und Servierhilfe Cadi (Annes Elwy) noch seltsamer. Eine Ökohorror-Parabel, die visuell überzeugt, ihre Botschaft aber ein wenig zu plakativ aufträgt. Naturschutz ist gut, Kapitalismus schlecht – ja, ja, das kapieren inzwischen auch alle, die nicht Greta Thunberg heißen.

(Falk Straub)

GUNPOWDER MILKSHAKE

Frankreich, Deutschland, USA 2021 / 114 Min.

Der Auftaktfilm war ein halbes Heimspiel – weil in und rund um Berlin gedreht – und ließ es richtig krachen. Dass Karen Gillan, Lena Headey, Michelle Yeoh und Co. ordentlich austeilen können, haben sie hinreichend bewiesen. Unter der Regie von Navot Papushado kommen sie als eiskalte Profikillerinnen zusammen, die sich tagsüber als biedere Bibliothekarinnen tarnen und nachts nach allen Regeln der Kunst das Patriarchat ein paar Köpfe kürzer machen. Die von Gillan gespielte Sam ist die Jüngste im Bunde und verdingt sich für einen mächtigen Männerzirkel namens „The Firm“. Sams Ziehvater Nathan (Paul Giamatti) ist deren Sprecher. Eines Nachts läuft ein Auftrag schief, und Sam packt das schlechte Gewissen. Statt die erbeuteten Moneten brav bei Nathan abzuliefern, rettet sie der achtunddreivierteljährigen Emily (Chloe Coleman) das Leben. Beider Todesurteil! Theoretisch … denn Sam mutiert zum bösen Mädchen und drischt mit allem, was ihr in die Finger kommt, auf die noch böseren Buben ein. Papushado stürzt sein Publikum kopfüber in die neonlichterne Nacht. Inhaltlich und optisch wirkt sein Film wie ein Mix aus einem Spaghettiwestern, LEON – DER PROFI (1994), JOHN WICK (2014), HOTEL ARTEMIS (2018) und dem neonfarbenen Rachefeldzug KATE, der im September 2021 bei Netflix startete. Doch Papushado, der auch am Drehbuch mitschrieb, ringt dem nur scheinbar ausgelutschten Genre noch ein paar bislang ungesehene Bilder und einige originelle Ideen ab, um die toll choreografierten Kampfszenen aufzupeppen. Da muss Sam schon mal einen Vampir pfählen oder sich ihre Gegner mit tauben Armen vom Leib halten. Mit der 1,80 Meter großen Karen Gillan ist die Hauptrolle perfekt besetzt. Chloe Coleman, die schon dem Hünen Dave Bautista in DER SPION VON NEBENAN (2020) die Show stahl, ist ein ebenbürtiger Sidekick. Nach RABIES (2010) und BIG BAD WOLVES (2013) legt Navot Papushado seinen bislang besten Film vor. Kick-Ass-Action, die auf mehr hoffen lässt. Ein Interview mit Regisseur Navot Papushado könnt ihr in der  DEADLINE #90 lesen.

(Falk Straub)

THE INNOCENTS

Norwegen, Schweden, Dänemark 2021 / 135 Min.

Als Centerpiece war dieser Film genau an der richtigen Stelle platziert, denn überall anders im Programm hätten ihn viel zu viele übersehen. Der Plot – eine Familie zieht in eine Hochhaussiedlung, und ihre zwei Kinder verbringen die Sommerferien mit den wenigen Nachbarkindern, die nicht in den Urlaub fahren – hört sich auch nicht allzu spannend an. Doch was Eskil Vogt daraus macht, ist sensationell. Dass der 1974 geborene Norweger ein Gespür für sich ganz gemächlich steigernden Grusel hat, hat er als Stammautor von Joachim Trier (OSLO, 31. AUGUST, LOUDER THAN BOMBS, THELMA) zur Genüge bewiesen. In seinem zweiten abendfüllenden Spielfilm als Regisseur treibt er das Spiel mit der Spannung auf die Spitze. Im Zentrum stehen vier Kinder, die jedes für sich nicht besonders sind, die im Verbund miteinander jedoch Übernatürliches vollbringen. Es geht um Telepathie und Telekinese und darum, was die Kleinen tun, wenn die Erwachsenen nicht hinsehen. Dafür benötigt Vogt keine gigantischen Sets oder sündhaft teuren Effekte. Sein Film ist eine Art Antithese zum Hollywood-Kino. Was nicht heißt, dass THE INNOCENTS nicht klasse aussieht. Kameramann Sturla Brandth Grøvlen (VICTORIA, DER RAUSCH) ringt der in den Bergen gelegenen und von Wäldern umringten Hochhaussiedlung immer neue, spektakuläre Ansichten ab. Und unter der Mystery-Story verstecken sich noch zig andere, etwa soziale Auf- und Abstiegsgeschichten, Migrationsgeschichten und und und. Ein Film, der sich ganz gemächlich beim Publikum einnistet und garantiert niemanden kaltlässt. Eskil Vogt haben wir schon interviewt. Das Interview werden wir zum geplanten Kinostart im nächsten Jahr wohl bringen.

(Falk Straub)

JOHN AND THE HOLE

USA 2021 / 103 Min.

Einer der Geheimtipps des Fantasy Filmfests 2021 stammt vom Künstler Pascual Sisto. Das Spielfilmdebüt des Spaniers ließ das Publikum ratlos zurück, weil das Drehbuch aus der Feder von Nicolás Giacobone (BIUTIFUL, BIRDMAN ODER [DIE UNVERHOFFTE MACHT DER AHNUNGSLOSIGKEIT]) nichts erklärt. Warum steckt der 13-jährige John (großartig: Charlie Shotwell) seine Eltern (Michael C. Hall, Jennifer Ehle) und seine ältere Schwester (Taissa Farmiga) in ein Loch, aus dem sie aus eigener Kraft nicht wieder herauskommen? Warum lebt die Familie, nachdem der Spuk ein Ende hat, ihr Leben weiter, als wäre nichts gewesen? Und was zur Hölle hat die Rahmenhandlung um ein zwölfjähriges Mädchen (Samantha LeBretton) mit all dem zu tun? Die große Stärke dieses Films, dessen schmales Bildformat die Maße des Erdlochs spiegelt, ist dessen Rätselhaftigkeit. Das ist ebenso faszinierend wie verstörend – und einer der Gründe, warum sich ein Besuch beim Fantasy Filmfest lohnt. Im regulären Kinobetrieb würde solch ein Film untergehen.

(Falk Straub)

KNOCKING

Schweden 2021 / 78 Min.

Das Witzigste an Frida Kempffs Langfilmdebüt ist der Originaltitel, der im Film mehrfach fällt. Das schwedische Wort „knackningar“ (deutsch: „das Klopfen“) hört sich für deutsche Ohren einfach komisch an. Der Rest des Films ist überhaupt nicht lustig. Kempff liefert ein beklemmendes Kammerspiel ab, in dem Realität, Erinnerung und Einbildung immer stärker miteinander verschwimmen. Molly (Cecilia Milocco) ist gerade in eine neue Wohnung gezogen. Aus einer der Nachbarwohnungen hört sie ein Klopfen, hinter dem sie den Hilferuf einer Frau vermutet. Doch niemand will ihr glauben. Bildet sich Molly alles nur ein? Hat es mit dem Tod ihrer Lebensgefährtin zu tun, den sie noch nicht verarbeitet hat? Klaustrophobische Szenen wechseln sich mit wunderschönen Komplementärkontrasten ab. Ein Kammerspiel über Trauer und Paranoia, das ganz am Ende einen Plot-Twist im Plot-Twist offenbart.

(Falk Straub)

LET THE WRONG ONE IN

Irland 2021 / 96 Min.

In Irland gehen Blutsauger um! Neben THE BOYS FROM COUNTY HELL war Conor McMahons LET THE WRONG ONE IN die zweite Vampirkomödie von der Grünen Insel. Mit geringem Budget, aber treffsicheren Pointen ging es bei McMahon (STITCHES) gewohnt trashig zu. Im Zentrum steht Matt (Karl Rice), der sich gemeinsam mit dem Vampirjäger Henry (Anthony BUFFY THE VAMPIRE SLAYER Head) abmüht, Dublin vor einer Vampir-Invasion zu bewahren. Dumm nur, dass Matts älterer und vertrottelter Bruder Deco (Eoin Duffy) just gebissen wurde. Matt muss sich zwischen seiner Familie und seiner Heimatstadt entscheiden. Ist Blut wirklich dicker als Wasser? McMahons Komödie ist ein gelungener Spaß, der dem Subgenre zwar keine Bluttransfusion verschafft, aber es zumindest auch nicht ausbluten lässt. Nicht alle Gags sitzen, und 15 Minuten weniger Laufzeit hätten auch gereicht. Alles in allem aber bloody good entertainment!

(Falk Straub)

MOSQUITO STATE

USA, Polen 2020 / 100 Min.

Zu einer frühen Spielzeit angesetzt, dürfte dieses filmische Kleinod vielen Besuchern des Fantasy Filmfests entgangen sein. Der polnischstämmige und in den USA lebende und arbeitende Filmemacher Filip Jan Rymsza steigt in seinem mutigen Mix aus Körper- und Kapitalismushorror tief in die Vorwehen der Finanzkrise 2008 und in die menschliche Psyche hinab. Sein Film handelt vom genialen, aber menschenscheuen Analysten Richard Boca (Beau Knapp), der über der unerbittlichen Logik der Zahlen den Verstand verliert und freiwillig aus dem Leben scheidet. Allerdings nicht irgendwie, sondern erst nachdem er seine New Yorker Luxuswohnung in eine Brutstätte für Stechmücken verwandelt hat – mit ihm als Nahrungsquelle. Ein Film über deformierte Körper und Geister und über das Bankenwesen als Branche voller Blutsauger. Ausgang offen.

(Falk Straub)

OSS 117: FROM AFRICA WITH LOVE

Frankreich, Belgien 2021 / 117 Min.

Der inzwischen dritte Teil dieser französischen Agentenfilmparodie lief als „Special Screening“ beim Fantasy Filmfest. Im selben Jahr, in dem Daniel Craig seine Rolle als James Bond an den Nagel hängt, muss man konstatieren, dass die Zeit für Spione alter Schule wie den von Jean Dujardin gewohnt mit Witz und Verve auf die Leinwand geworfenen Hubert Bonisseur de la Bath alias OSS 117 endgültig abgelaufen ist. Die Späßchen sind ganz nett, und die Ausstattung ist klasse. Aber das Welt- und Frauenbild des Protagonisten ist schlicht und ergreifend so altbacken, dass es selbst als Parodie nur ein paar müde Lacher hervorruft. Mit Pierre Nineys Serge alias Bob Nightingale alias OSS 1001 stünde zwar ein moderner Nachfolger bereit. Doch der wird dummerweise von einem Krokodil verspeist. Auch ein Statement!

(Falk Straub)

PIG

Großbritannien 2021 / 92 Min.

So haben Sie Nicolas Cage noch nie gesehen!“ ist ein Satz, mit dem sich jeder zweite Film des Oscar-Preisträgers bewerben ließe. So wie in Michael Sarnoskis Langfilmdebüt PIG haben Sie Nicolas Cage aber tatsächlich noch nie gesehen! (Oder zumindest fast nicht.) Nach einer Story von Vanessa Block und ihm selbst erzählt Sarnoski die Geschichte eines Aussteigers. Der von Cage gespielte Rob lebt zurückgezogen als Trüffelsucher im Wald. Seine einzige Bezugsperson ist sein geliebtes Schwein, seine letzte Brücke zur Zivilisation der neureiche Trüffelhändler Amir (Alex Wolff). Die Ausgangslage erinnert an andere Aussteigerfilme, etwa an den ebenfalls beim Fantasy Filmfest gezeigten TED K. Was Sarnoski daraus macht, ist unerwartet, denn sein Protagonist reagiert auf die Rückkehr in die Zivilisation ganz anders als die Titelfigur in TED K und völlig anders, als von Cages üblichen Rollen gewohnt. Ein ruhiger Film über Schuld und Sühne, Trauer und Vergebung, Familie und Ersatzfamilien und last, but not least exzellentes Essen. Als Sahnehäubchen obendrauf läuft Nicolas Cage in all seiner Zurückhaltung zu Höchstform auf. Da brat’ mir doch einer ein Schwein! Die DVD und Blu-ray bekommt ihr hier als Aboprämie dazugeschenkt.

(Falk Straub)

THE SADNESS

Taiwan 2021 / 99 Min.

Als ultrabrutales Terrorkino angekündigt, hielt das in Taiwan spielende Regiedebüt des Kanadiers Rob Jabbaz, was es versprach – zumindest was den Gore-Faktor anbelangt. In Stuttgart verließen gleich reihenweise Zusehende den Kinosaal. Dafür dürfte aber nicht nur das Gezeigte, sondern vor allem das Gehörte verantwortlich sein. Der wahre Terror geht in diesem Film von der unglaublich schrillen und lauten Tonspur aus, die sich einem regelrecht in den Gehörgang fräst. Jabbaz, der auch das Drehbuch geschrieben hat, erzählt die Geschichte eines jungen, in Taipeh lebenden Paars, das während einer Zombieapokalypse versucht, zueinanderzufinden. Ein paar Seitenhiebe auf die Coronapandemie, auf Chinas Außenpolitik und auf Sexismus geben dem Film einen aktuellen Dreh. Erzählerisch haut er einen allerdings nicht vom Hocker, egal wie viele Knochen gebrochen und Körper geschreddert werden. THE SADNESS wurde von uns als Medienpartner auf den Fantasy FIlmfest präsentiert. Ein Interview mit Regisseur Rob Jabbaz ist schon geführt. Das erscheint im nächsten Jahr auch im geplanten Mediabook von Capelieght.

(Falk Straub)

SEE FOR ME

Kanada 2021 / 92 Min.

Eines der vielen Kammerspiele dieses Fantasy-Filmfest-Jahrgangs kommt aus Kanada und sieht (wie übrigens viele der übrigen auch) so aus, als hätte die Crew den Film übers Wochenende in einem Ferienhaus gedreht. Das Beste an SEE FOR ME ist seine Ausgangsidee: Die blinde Sophie (Skyler Davenport) soll eine abgeschiedene Luxusvilla hüten, in die prompt eingebrochen wird. Um sich der Einbrecher zu erwehren, greift Sophie auf eine App zurück, die dem Film den Namen gibt. Die in Florida lebende Kelly (Jessica Parker Kennedy) wird über Sophies Smartphone zu deren Augen. Randall Okitas zweiter abendfüllender Spielfilm steckt voller guter Ansätze, über die er aber nicht hinauskommt. Größtes Manko bleibt, dass man Hauptdarstellerin Skyler Davenport die Blindheit ihrer Figur zu keiner Zeit abkauft.

(Falk Straub)

SOUND OF VIOLENCE

USA 2021 / 94 Min.

Satz mit x …? Regisseur Alex Noyer macht aus einer schlechten Idee einen noch schlechteren Film. Mit viel Wohlwollen könnte man ihn unter der Kategorie „unfreiwillig komisch“ verbuchen. Und darum geht’s: Die Musikdozentin Alexis Reeves (Jasmin Savoy Brown) ist Synästhesistin. Sie sieht Töne in den buntesten Farben und empfindet nur dann etwas dabei, wenn es sich um Schmerzensschreie handelt. Um sich ihren Traum von einer Symphonie der Todesqualen zu erfüllen, geht Alexis über Leichen. Ihre Zimmergenossin Marie (Lili Simmons) guckt zu diesem wirren Plot irritiert drein, sieht dafür aber umwerfend aus. Und Tessa Munro interpretiert ihre Rolle als ermittelnde Kriminalpolizistin so, als handele es sich um eine Parodie. Wäre der Film eine, wäre er besser geworden. Denn auf die Spitze getrieben, hätte aus der völlig hanebüchenen Story ein echtes Gaga-Feuerwerk werden können. Doch leider nimmt sich der Film zu ernst. Das Fürchten lehrt er aber niemanden. Nicht nur musikalisch eine Lachnummer!

(Falk Straub)

THE SPINE OF NIGHT

USA 2021 / 93 Min.

Achtung, Déjà-vu-Gefahr! Dieser Animationsfilm erinnert verdächtig an all jene Klassiker des Genres, die er zum Vorbild hat. Und das im besten Sinn. Wer auf Filme wie FEUER UND EIS (1983) oder HEAVY METAL (1981) steht, ist hier genau richtig. Das Regieduo Philip Gelatt und Morgan Galen King lässt längst vergangen geglaubte Zeiten wieder auferstehen. Schön, dass es solche Animationsfilme noch beziehungsweise wieder gibt! Noch toller ist, dass das Duo, das auch das Drehbuch geschrieben hat, nicht einfach eine simple Fantasy-Story abspult, sondern von einem Kampf Gut gegen Böse erzählt, der sich über mehrere Jahrhunderte erstreckt. Als Erzählerin fungiert die Sumpfhexe Tzod, die im Original von Lucy „Xena“ Lawless gesprochen wird. Neben ihr reihen sich so prominente Sprecher wie Richard E. Grant, Patton Oswalt und Joe Manganiello ein. Ein in jeder Hinsicht ambitionierter Animationsfilm, der ein großes Publikum verdient.

(Falk Straub)

SPIRITWALKER

Südkorea 2021 / 108 Min.

Unterhaltung aus Südkorea ist derzeit in aller Munde. Nach dem Oscar-Gewinner PARASITE (2019) ist die Netflix-Serie SQUID GAME the nex big thing. Auch beim Fantasy Filmfest wurde vor und nach den Filmen fleißig getuschelt. Wer hat die ultrabrutale Survival-Show schon gesehen? Und lohnt sie sich? Nicht annähernd so blutig, aber dennoch sehenswert geht es in Jae-Keun Yoons SPIRITWALKER zu. Dieses versiert inszenierte Debüt besticht nicht nur durch temporeiche Nahkampfszenen voller fliegender Hände und wirbelnder Würfe, es punktet auch mit seiner Ausgangsidee. I-An (Kye-Sang Yoon), der sich weder an seinen Namen noch an seine Vergangenheit erinnern kann, schlüpft alle zwölf Stunden in einen anderen Körper. Wieso, weshalb und warum? – das gilt es herauszufinden. Was wie eine Detektivgeschichte beginnt, wird zu einem Mystery-Actionthriller, dem zwischendurch allerdings die Puste und die Ideen ausgehen. Die Lösung des Rätsels ist banaler als vermutet. Und die Handlung verheddert sich irgendwann in ihrer komplexen Struktur. Für einen Erstling ist das aber aller Ehren wert.

(Falk Straub)

SWEETIE, YOU WON’T BELIEVE IT

Kasachstan 2020 / 84 Min.

Nicht nur in Südostasien und in französischen Agentenfilmparodien ist das Verhältnis zwischen Frauen und Männern in Schieflage, auch in Kasachstan hinkt die Emanzipation anscheinend einige Jahrzehnte hinterher. Im Gegensatz zum durch und durch altbackenen OSS 117 tischt uns Regisseur Yernar Nurgaliyev seine durchgeknallte Survival-Story aber frisch und schmackhaft auf. Drei Freunde um den werdenden Vater Dastan (Daniar Alshinov) fahren zum Angeln, um eine Auszeit von der Großstadt und den nervenden Frauen zu nehmen. Auf dem Land geraten sie nacheinander an perverse Hinterwäldler, dämliche Kleinganoven und einen mysteriösen Killer mit scheinbar übermenschlichen Kräften. Dieser erste kasachische Beitrag beim Fantasy Filmfest ist ein wilder und witziger Ritt. Kultverdächtig!

(Falk Straub)

TED K

USA 2021 / 120 Min.

Noch so ein (Beinahe-)Kammerspiel über ein ökologisches Thema. Hier geht der Horror aber nicht von der Natur, sondern vom Menschen aus. Der von Sharlto Copley überzeugend gespielte Ted hat sich von der Welt zurückgezogen. Er haust in einer winzigen Hütte in Montana. Doch selbst der frömmste Aussteiger kann nicht in Frieden leben, wenn es den touristischen Nachbarn nicht gefällt, die im Winter mit ihren Schneemobilen durch die Landschaft pflügen. Ted greift erst zur Axt und später zu drastischeren Mitteln. Hinter dieser Ein-Mann-Armee unter all den Henry David Thoreaus da draußen steckt natürlich – das Kürzel im Filmtitel lässt es bereits erahnen – Ted Kaczynksi, der Unabomber. Regisseur Tony Stone macht aus den letzten Jahren des weltberühmten Terroristen ein ebenso beklemmendes wie kunstvoll in Szene gesetztes Psychogramm.

(Falk Straub)

TEDDY

Frankreich 2020 / 88 Min.

Teddy (Anthony Bajon) sieht nicht nur so knuffig aus wie ein Stoffbär, in ihm schlummern auch animalische Kräfte. Nach einem nächtlichen Zusammenstoß mit einem Wolf verwandelt er sich selbst in einen – und fährt fortan noch öfter aus der Haut als eh schon. TEDDY ist der zweite Film von Ludovic und Zoran Boukherma, und die Brüder tun gut daran, Teddys Verwandlung in einen Werwolf (lange) nicht zu zeigen. Auch das finale Gemetzel blenden sie aus. Zu Beginn erinnert ihr Film durch sein Setting in der französischen Provinz, die schrägen Charaktere und den schnoddrigen Humor stark an die jüngeren Werke Bruno Dumonts, vor allem an dessen kongeniale Miniserie KINDKIND (2014). Danach lässt der Film aber allzu schnell nach. Das Subgenre des Werwolffilms erfindet TEDDY definitiv nicht neu.

(Falk Straub)

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FANTASY FILMFEST – DER GROSSE RÜCKBLICK

Von Falk Straub

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