Eine Rückschau von Nicole Helfrich
Vom 26. September bis zum 5. Oktober fand die bereits 18. Ausgabe des Festivals des Fantastischen Films in Straßburg statt. Das Festival hat sich einen großen Freundeskreis aufgebaut und ist zu einer festen Größe der Genrefestivals geworden. Und auch 2025 läutete das FEFFS mit überraschenden, brandneuen und außergewöhnlichen Filmen den Festivalherbst ein.

Jan Kounen und sein Hauptdarsteller Jean Dujardin eröffneten mit ihrem Projekt DER MANN, DER IMMER KLEINER WURDE, einem auf die heutige Zeit gemünzten und gelungenen Remake des Klassikers DIE UNGLAUBLICHE GESCHICHTE DES MR. C von 1957.

Die Ehre der Masterclass 2025 wurde Alexandre Aja zuteil, der große Freude daran hatte, seinen Fans aus seinem Leben zu erzählen. Schon früh stand für ihn fest, dass auch er ins Filmbusiness einsteigen möchte und wie sein Vater Regisseur werden will. Zur Regiearbeit an der Neufassung von HÜGEL DER BLUTIGEN AUGEN kam Aja durch Wes Craven, den er in den USA beim Sundance Festival traf und dem sein Debüt HIGH TENSION sehr gefallen hatte.

Aja verliert kein böses Wort über Craven selbst, erinnert sich aber an die schwierige Zeit der Dreharbeiten, die in Marokko stattfanden. Und an die Nachricht, die er von Craven erhielt, als der Film schon zu einem großen Teil abgedreht war. Craven fand plötzlich alles nur noch scheiße – das Drehbuch, einzelne Szenen und auch Charaktere, vor allem auch die Sache mit dem jungen Vater, der sich auf die Suche nach seinem Baby macht und sich durch die Mutanten schlachtet. Für den jungen Aja war es gar nicht so leicht, so etwas zu hören, doch er hat sich nicht beirren lassen, sich schließlich durchgesetzt, und seine Version ist für viele Fans auch die bessere im Vergleich mit dem Original von Craven. Und Aja hat es wie kein anderer europäischer Regisseur geschafft, in den USA Fuß zu fassen und dort regelmäßig Filme zu drehen.

Aja durfte sich als Ehrengast mit der Carte Blanche Filme wünschen und brachte so den japanischen Schwarz-Weiß-Klassiker ONIBABA auf die Leinwand. Ein besonderer Abend war die Aufführung von John Carpenters THE THING in dem wunderschön restaurierten Cinema Cosmos. Aja freute sich, dass so viele Leute gekommen waren, und war erstaunt, weil die meisten den Film noch nie gesehen hatten. Seine Antwort: „Na, dann macht euch mal auf eine Überraschung gefasst.“ Er bekundete vor der Vorstellung seine ungebrochene Liebe für diesen Film und schwärmte von den immer noch großartigen Spezialeffekten und diesem Klassiker des Genres, der sich auch nach zig Sichtungen nicht abnutzt und immer noch ultraspannend bleibt.
Unter den Filmen im und außerhalb des Wettbewerbs liefen 2025 unter anderem:
GOODBOY

In GOOD BOY geht es um den kranken Todd, der mit seinem Hund in das verlassene Haus seines verstorbenen Vaters zieht. Doch kaum dort angekommen, spürt der sensible Indy, dass dort etwas Dunkles lauert, was nicht nur eine Bedrohung für sein Herrchen ist, sondern auch für ihn selbst. Es wurde oft geschrieben, dass GOOD BOY eine Geistergeschichte sei, was nicht stimmt. Es ist ein Horrorfilm aus der Sicht eines Hundes, der die fortschreitende Krankheit seines Herrchens wahrnimmt. Der Schluss des Films ist nicht nur für Tierbesitzer eine emotionale Tour de Force. Sehr originell und einer der besten Filme des letzten Jahres und nicht umsonst auf vielen Festivals preisgekrönt.
BOORMAN AND THE DEVIL

BOORMAN AND THE DEVIL ist die extensive Dokumentation über die scheinbar tatsächlich verfluchten Dreharbeiten zu THE EXORCIST II mit Weltstar Richard Burton und Linda Blair wieder als Reagan, die damals die unglaubliche Gage von einer Million Dollar verlangte – und tatsächlich auch bekam. Man erfährt unglaublich viele Details, bei denen man teils nur den Kopf schütteln kann, weil sich inzwischen die Bedingungen bei Dreharbeiten sehr geändert haben. Boormann selbst steht in hohem Alter Rede und Antwort, und natürlich erinnert er sich auch an die Verrisse und den großen Skandal damals, als der Film die hohen Erwartungen nicht erfüllen konnte. Die unvergessene Louise Fletcher packt Storys aus, gerade auch über ihren Co-Star Richard Burton, der wohl keinen Bock hatte, mit den anderen das Drehbuch durchzugehen, und daher einen nervösen Magen erfand. Boormann selbst erkrankte sehr schwer am sogenannten Valley Fever, was ihn fast das Leben gekostet hätte. Diese spannende Dokumentation bietet nicht nur Einblick in die teils sehr schwierigen Dreharbeiten, sondern auch in die damaligen Praktiken der Kinos und Verleiher, und ist ein absolutes Muss für jeden Filmfan und ein Stück Zeitgeschichte der Siebziger.
THE HOLY BOY

THE HOLY BOY ist Paolo Strippolis zweiter Spielfilm. Der desillusionierte Judoka Sergio wird als Lehrer in der Schule eines abgelegenen Bergdorfes angestellt. Mehr schlecht als recht findet er sich in die etwas seltsame Gesellschaft dort ein, aber er freundet sich mit dem Außenseiter Matteo an, der von seinem strengen Vater überwacht wird. Sergio trägt sein eigenes Trauma mit sich, und eines Abends wird er Zeuge, wieso Matteo so abgeschirmt wird. Die Freundschaft der beiden setzt leider eine Lawine in Gang, nach der nichts mehr ist wie zuvor und den Zuschauern am Ende der Mund offen steht. Strippoli verbindet geschickt reale und mystische Handlungsstränge miteinander, die sich perfekt ergänzen und die THE HOLY BOY zu einem ganz außergewöhnlichen Coming-of-Age-Film machen.
RABBIT TRAP

In RABBIT TRAP ist das Ehepaar Darcy und Daphne in ein altes, einsames Landhaus gezogen, um sich dort Inspiration für sein nächstes Album zu holen. Darcy erkundet die Umgebung mit seinem Mikrofon, um neue Töne aus der Natur aufzunehmen und sie dann zu verwenden. Er tritt in einen sogenannten Feenkreis, und danach merkt er, dass er eine seltsame Melodie aufgenommen hat. Daphne ist wie verzaubert und möchte sie für einen Song verwenden. Dann steht plötzlich ein seltsames Kind vor ihrer Haustür. Was zuerst wie eine Zufallsbekanntschaft wirkt, spitzt sich zu, als das Kind nicht mehr gehen will. RABBIT TRAP ist quintessenzieller britischer Folk Horror in einem Drei-Personen-Stück, der gegen Ende so richtig abgefahren, aber andererseits auch sehr anrührend wird. Wird sicher nicht jedem gefallen, ist aber definitiv einer der originellsten Genrefilme der letzten Jahre.
JUNK WORLD

JUNK WORLD ist die Fortsetzung von JUNK HEAD, und Regisseur Takahide Hori hat ganze drei Jahre daran gearbeitet. In einer weit entfernten Zukunft kämpfen die wenigen verbliebenen Menschen um ihre Existenz, wobei die Zusammenarbeit untereinander immer noch nicht so funktioniert. Als eine Raumstation attackiert wird, schafft es ein zusammengewürfelter Haufen Überlebender, zu entkommen. Nun folgt eine verschachtelte Story, die angesichts eines Zeitportals aus verschiedenen Sichtweisen erzählt wird und immer wieder an Szenen ansetzt, die man schon gesehen hat, die aber urplötzlich eine ganz neue Wendung nehmen. Die bekloppten Charaktere, die wahnwitzigen Szenen und die herrlichen Blutorgien und Monster sind wunderbar liebevoll gestaltet. Anleihen an Tippett, Švankmajer und die Quay-Brüder sind natürlich gewollt. Leider gehen nach dem dritten Akt der Geschichte etwas die Puste und die Ideen aus, weshalb das Ende nicht die erhoffte Wucht entwickelt. Alles in allem aber eine unterhaltsame und teils sehr witzig perverse Sci-Fi-Story mit vielen WTF-Elementen, die man einfach gesehen haben muss.
LUGER

Mit LUGER haben die Filmax-Produzenten mal wieder einen spanischen Hit gelandet, der sich absolut mit den Filmen eines Guy Ritchie messen kann. Hier geht es um zwei gute Kumpel, die eigentlich nur ein bestimmtes Auto klauen sollen. Das klappt auch nach einigen Anlaufschwierigkeiten, doch nun haben sie ein weitaus größeres Problem, denn im Kofferraum befindet sich etwas, das von unschätzbarem Wert ist und leider den falschen Leuten gehört. Was jetzt folgt, ist eine atemlose und oft sehr brutale Tour de Force durch die Vorstadt, die durchaus Anleihen an die Coen-Brüder verwendet und die es schafft, das Tempo bis zum Finale durchzuhalten. Absolut sehenswert!
TRAPPED

TRAPPED entführt uns nach China im Jahr 1995. Ein geflohener Gangsterboss will seinen verbuddelten Schatz in einer Grenzstadt heben, die von einem unmittelbar bevorstehenden Sandsturm bedroht ist, weshalb sich auch schon viele Einwohner aus dem Staub machen. Doch der lokale Polizist will das verhindern und setzt alles daran, ihm die Suppe zu versalzen. TRAPPED bietet teils gute Charaktere, vor allem Larger-than-Life-Bösewichte und tolle Kämpfe. Anfangs sehr unterhaltsam, wird er leider doch sehr vorhersehbar, auch gerade, was das Ableben bestimmter Charaktere betrifft. Mit über zwei Stunden ist er für die doch dürftige Geschichte schlicht zu lang und schafft es nicht, sich als ein neuer Klassiker zu etablieren.
ZERO

ZERO spielt im Senegal und bietet im wahrsten Sinne des Wortes explosive Spannung. Der nichtsahnende #1 genannte Tourist, der nur auf der Suche nach seiner Tochter im Senegal ist, wird betäubt, und als er aufwacht, trägt er eine Bombenweste. Er bekommt über Funk Befehle von einer Stimme (im Original kein Geringerer als Willem Dafoe), die er innerhalb einer genauen Zeitspanne zu erledigen hat, sonst … Bumm! Wie auch #1 werden die Zuschauer sofort in das hektische Geschehen hineingeworfen und sind genauso ahnungslos wie der unglückliche Protagonist, was denn als Nächstes passieren wird. ZERO schafft es, sein Tempo beizubehalten, allerdings verliert er im letzten Drittel angesichts der etwas arg konstruierten Auflösung etwas an Glaubwürdigkeit. Der Schluss allerdings ist unerwartet konsequent und doch auch poetisch.
DISFORIA

DISFORIA von Christopher Cartagena wirft seine Protagonisten in eine düstere Dystopie, in der die Menschen fast wie bei einer Epidemie Selbstmord begehen. Vorräte sind knapp, und Geld ist nichts mehr wert. Eine Familie flieht mit ihrer Tochter in ein abgelegenes Haus als Zwischenstation zu Verwandten. Doch eines Nachts ist der Vater verschwunden, und plötzlich taucht eine unbekannte Frau auf. DISFORIA konzentriert sich ganz bewusst auf die kleine dysfunktionale Familie, die diesem Schicksal entfliehen möchte und sich plötzlich mit einer ganz anderen Gefahr konfrontiert sieht, und wartet mit einem Bösewicht auf, den man so nicht erwartet hat, hält damit der heutigen Welt auch den Spiegel vor und treibt so manches Treiben auf Social Media auf die Spitze. DISFORIA ist sowohl Slasher als auch Thriller, allerdings auch Familiendrama, und man fiebert mit den Protagonisten bis zum spannenden Finale mit. (Siehe Interview weiter unten)
Das FEFFS bietet wirklich jedes Jahr von großen Produktionen bis hin zu vergessenen Schätzen aus den Untiefen des Giftschrankes alles, was das Fanherz begehrt.
Die Retrospektive widmete sich aus gegebenem Anlass der fortschreitenden Verrücktheit dieses Planeten der Faschifiktion, bei der unter anderem Klassiker wie DIE FARM DER TIERE, THX 1138, FAHRENHEIT 451, THE DEAD ZONE und 1984 gezeigt wurden.
Und natürlich wurde der Stargast Alexandre Aja mit einer ausführlichen Retrospektive seines eigenen Schaffens gewürdigt, die den Bogen von seinem Erstling HIGH TENSION bis hin zu seiner aktuellsten Arbeit NEVER LET GO spannte.
Egal ob poetischer Animationsfilm, bluttriefender Gore und Splatter, harter Thriller, originelle neue Klassiker oder klassische Storys – auf dem FEFFS gibt es etwas für jeden Geschmack, und das inmitten der wunderschönen mittelalterlichen Stadt Straßburg, die immer einen Besuch wert ist.
Die Exzentrische Nacht bot mit GODZILLA GEGEN MECHAGODZILLA, KRIEG DER INFRAS und HÄNSEL UND GRETEL VERLIEFEN SICH IM WALD wieder allerhand Seltenes und Krudes für die Fans des Außergewöhnlichen.
Die Gewinner des Jahres 2025 sind:
Goldener Oktopus, bester Internationaler Film – GOOD BOY
Special Mention der Jury – NEW GROUP
Publikumspreis – THE HOLY BOY
Silberner Méliès – THE HOLY BOY
Grand Prix Crossovers – LUGER
Bester animierter Film – ARCO
Interview mit Regisseur Christopher Cartagena und Darsteller Ferrán Vilajosana zu DISFORIA

DEADLINE: Habt ihr euch vor dem Dreh bereits gekannt?
Ferrán Vilajosana: Leider, ja. (lacht)
Christopher Cartagena: Wir kennen uns schon sehr lange, länger als zehn Jahre.
DEADLINE: Wie einfach oder schwer war es, das Projekt auf die Beine zu stellen? Man hört immer wieder, wie schwer es heutzutage ist, einen Film zu realisieren.
Christopher Cartagena: Yeah (lacht), eine gute Frage. Ich habe für eine Firma gearbeitet, und die kannten meine Arbeit, und sie hatten eine erste Version des Skripts, welches auf einem Buch basiert. Es gab Elemente, die ich mochte, aber mir war es zu viel Blut und nicht genug über die Charaktere. Also fing ich an, es umzuschreiben und mich mehr auf die psychologischen Komponenten zu konzentrieren. Im Buch ist das Kind erst zwei Jahre alt, in unserer Version aber schon acht, gerade auch, um diesen Konflikt mit der Mutter besser darzustellen.
DEADLINE: Woran, denkst du, liegt es, dass viele neue und gerade junge Regisseure, wie zum Beispiel gerade Paolo Strippoli, dessen neuer Film THE HOLY BOY ja auch gerade läuft, sich auf andere Aspekte des Horrorfilms konzentrieren, anstatt nur klassische Slasher-Narrative zu bedienen? Gerade Filme wie BRING HER BACK legen mehr Fokus auf die Charaktere, und dadurch fühlt man umso mehr mit den Protagonisten. Was glaubt ihr, wieso sich Horror mehr in diese Richtung bewegt hat?
Ferrán Vilajosana: Oh, das ist eine gute Frage.
Christopher Cartagena: Ich glaube, es ist eine sehr gute Zeit für Horrorfilme, gerade weil man mehr über psychologische Probleme reden kann. Es war lange so, dass man bei Komödien so gut wie keine Beschränkungen hatte, und jetzt gibt es dort fast nur noch Grenzen. Und gerade jetzt gibt es Filme wie WEAPONS und auch die Filme von Ari Aster, meinem Lieblingsregisseur, er konzentriert sich sehr auf psychische Krankheiten oder auch Familiendramen, echte Probleme, mit denen sich ganz viele Zuschauer identifizieren können. Da ist jetzt im Bereich des Horrorgenres alles möglich.
DEADLINE: Denkst du, es gibt auch immer mehr Personen mit psychischen Problemen, weil sie sich nicht mehr in der Welt zurechtfinden und sich verlassen vorkommen?
Christopher Cartagena: Ich glaube, es gibt es zwei Faktoren, zumindest meiner Meinung nach. Erstens sprechen wir generell mehr über mentale Gesundheit, und das ist auch ein Spiegel unserer Gesellschaft, also brauchen wir auch mehr Medien, die darüber reden. Es geht um uns alle, dass wir uns auf andere Menschen einlassen und eine Verbindung aufbauen müssen, und um unsere Ängste, als Mutter/Vater/Kind nicht zu genügen. Und mein zweiter Punkt ist, dass sich Leute verloren fühlen, generell und auch auf moralischer Ebene. Ich habe an dem Drehbuch mit meinem Bruder gearbeitet, der Psychologe ist. Es geht auch darum, wenn wir unser Vertrauen in Institutionen wie die Polizei verlieren oder generell in die Politik, und wenn man denen nicht mehr vertrauen kann, ist man verloren.
DEADLINE: Um nicht zu viel zu verraten über den Bösewicht in deinem Film und die Beweggründe, was aber auch viel mit der heutigen Zeit zu tun hat, glaubst du, dass eine Art Grausamkeit in uns allen steckt, egal ob männlich oder weiblich? Dass heutzutage alle alles für ein paar Klicks machen?
Ferrán Vilajosana: Als ich heute den Film gesehen habe, wurde ich bei dem von dir erwähnten Charakter sofort an Javier Bardems Rolle in NO COUNTRY FOR OLD MEN erinnert, diese nihilistische Persönlichkeit, einfach dieses Böse, das sich einfach weiter vorwärtsbewegt und kaum zu stoppen ist.
Christopher Cartagena: Ich denke auch gerade an die ganzen wirklich bösartigen und abartigen Kommentare auf Social Media von allen möglichen Leuten, die auch aufzeigen, wie ganz viele momentan drauf sind.
Ferrán Vilajosana: Das ist auch etwas an dem Film, was so gut in die heutige Zeit passt. Wenn man diese Kommentare liest, kommen sie einem leider sehr bekannt vor, das hat man alles schon gesehen.
DEADLINE: Apropos, wenn man sich die Kommentare auf Social Media heutzutage anschaut, vor ein paar Jahren hätte da noch gestanden „Ach, hau ab!“ oder auch ein „Verpiss dich!“. Heutzutage ist alles so aufgeladen, dass gleich „Warum stirbst du nicht einfach?“ gepostet wird. Was glaubt ihr, woran liegt das? Denkt ihr, die Politiker haben da auch einen großen Anteil daran, dass, wenn die sich rüde und ignorant und dumm benehmen, es den Leuten quasi das Recht gibt, sich auch so zu verhalten?
Christopher Cartagena: Ich glaube, jeder hat da eine Verantwortung zu tragen, für seine Manieren und für seine Moral. Aber das liegt an jeder einzelnen Person selbst. Auch wenn man viele schlechte Beispiele hat, heißt das nicht, dass man sich selbst auch so verhalten muss.
Ferrán Vilajosana: Wie Meryl Streep mal so schön gesagt hat: „Respektlosigkeit wird mit Respektlosigkeit vergolten.“ Sobald wir sehen, wie schlecht Politiker mit anderen umgehen, gibt uns das grünes Licht, uns auch anderen gegenüber so zu verhalten. Das ist sehr gefährlich – und traurig.
Christopher Cartagena: Ich denke, unser Film soll auch zeigen, wie man mit Familie umgeht, dass man auch lernen kann, zu verzeihen, Dinge hinter sich lassen kann, um sich dann auch selbst weiterzuentwickeln.
DEADLINE: Wie ist es für euch, jetzt mit dem fertigen Film auf die Festivals zu gehen und ihn dort zu präsentieren?
Ferrán Vilajosana: Ich könnte echt vor Freude heulen. Ich kenne Christopher seit über zehn Jahren, und er hat so viel gearbeitet, und er hat dieses Universum in sich, und er erzählt dir über die ganzen Storys, die er in seinem Kopf hat. Ich weiß noch, als er mir zuerst von dem Skript erzählt hat, da war ich noch nicht so überzeugt, weil das noch nicht seine Version war. Als er es umgeschrieben hatte, war ich begeistert, und für mich ist es aufregend, seine Arbeit auf der Leinwand zu sehen.
Christopher Cartagena: Dies ist unser zweites Festival nach Austin in Texas letzte Woche, und es ist sehr aufregend, den Film einem europäischen Publikum zu zeigen und auch zu sehen, wie hier auf den Film reagiert wird, und wir sind sehr happy, ihn hier zu präsentieren. In den USA sind wir gefragt worden, wie es denn eigentlich zu dieser Dystopie kommen konnte, die anfangs präsentiert wird, und ich habe zurückgefragt: „Habt ihr verstanden, was mit den Protagonisten passiert ist?“ Das ist nämlich die eigentliche Apokalypse in dem Film: das, was innerlich stattfindet, der mentale Kollaps einer Gesellschaft.
DEADLINE: Ganz herzlichen Dank für das Interview und ganz viel Erfolg mit dem Film.
Interview geführt von Nicole Helrich

(c) Fotos teilweise FEFFS und Nicole Helfrich

