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FILMFEST MÜNCHEN – DIE RÜCKSCHAU (INKL. INTERVIEW ZU OBEX)

42 Jahre ist das Filmfest München nun schon alt, und doch fühlt es sich noch immer frisch und unverbraucht an. Von allgemeiner Müdigkeit oder langweiligem Alltagstrott ist weiterhin nichts zu spüren, und so lud zwischen dem 27. Juni und 6. Juli abermals ein buntes Programm aus über 150 Filmen verschiedenster Genres das Münchner Publikum zu einem Besuch ein. Zu den zahlreichen Filmpremieren kamen zudem wie eh und je viele der Menschen hinter und vor der Kamera, um ihre neuesten Werke vorzustellen.

CineMerit Verleihung an STELLAN SKARSGÅRD mit dem Filmtalk IM GESPRÄCH MIT STELLAN SKARSGÅRD im Theatersaal im Amerikahaus anlässlich des 42. FILMFEST MÜNCHEN am 29. Juni 2025. © Joel Heyd / Filmfest München

So auch bei ZWEIGSTELLE – eine ebenso skurrile wie vergnügliche deutsche Komödie über das Leben nach dem Tod, bei der es um einen Haufen junger Leute geht, die bei einem Autounfall sterben. Das Werk ist ein absolutes Münchner Heimspiel. Regisseur Julius Grimm ist Absolvent der hiesigen Hochschule für Film und Fernsehen, feiert mit ZWEIGSTELLE sein Spielfilmdebüt und konnte dementsprechend auf seinen Heimvorteil bauen, der sich schlussendlich auch in der Auszeichnung mit dem Publikumspreis niederschlug, den er aufgrund seines besonderen, abwegigen Humors und seiner vielen kreativen Einfälle aber auch völlig verdient erhalten hat. Zudem bietet ZWEIGSTELLE viele originelle Gastauftritte bekannter deutscher Darsteller, die einen immer wieder zum Schmunzeln bringen.

ZWEIGSTELLE

Voller Kreativität und verrückter Einfälle steckt auch OBEX. In dem Science-Fiction-Abenteuer von Regisseur Albert Birney (siehe weiter unten ein Interview mit ihm) geht es um einen Mann, der an Agoraphobie (Platzangst) leidet und für den die eigenen vier Wände zum Gefängnis geworden sind. Als ein Dämon aus einem Computerspiel den Hund des Protagonisten entführt, ist der Einsiedler jedoch gezwungen, seine Grenzen zu überwinden und seine Wohnung zu verlassen. Zwar hat der Schwarz-Weiß-Film OBEX kleinere Längen, ist insgesamt gesehen aber ein packendes Sci-Fi-Erlebnis, bei dem sich exzellent beobachten lässt, was man aus einem geringen Budget alles herausholen kann und dass man inszenatorisch nicht immer nur altbekannte Pfade betreten muss, um einen richtig coolen, unterhaltsamen Film zu machen.

THE WIG

Anders als OBEX stand dem asiatischen Film THE WIG ein durchaus hohes Budget zur Verfügung, welches man dem Noir-Thriller absolut ansieht. So überzeugt die Geschichte über einen erfolgreichen Anwalt, der von seiner dunklen Vergangenheit eingeholt wird, zunächst einmal mit einer hochwertigen Ausstattung und großartigen Effekten. Aber auch inhaltlich weiß THE WIG den Zuschauer mit seiner packenden Erzählung und den überraschenden Wendungen bei Laune zu halten sowie mit seinen nuanciert eingesetzten, dafür aber umso effektiveren Actionszenen, die einem noch lange nach dem Film in Erinnerung bleiben, mitzureißen.

Sicherlich genug Action in seinem Leben hatte der im Februar im Alter von 102 Jahren verstorbene Peter Sichel, von dem die Dokumentation THE LAST SPY erzählt. Sichel war früher Geheimagent und berichtet in informativen Gesprächen auf oft humorvolle Art über seine damalige geheimnisvolle Arbeit und gewährt hierbei spannende Einblicke. Begleitet werden diese Szenen von Interviews mit Weggefährten und Historikern sowie historischem Bildmaterial, sodass man als Zuschauer einen ebenso ausgewogenen wie vielschichtigen Eindruck von der Person Peter Sichel erhält und zudem eine Idee davon bekommt, wie der Alltag eines Geheimagenten früher aussah.

BEING BITTEN BY A TICK

Ebenfalls geheimnisvoll, wenn auch auf etwas andere Art, geht es in der Body-Horror-Satire THE TRUE BEAUTY OF BEING BITTEN BY A TICK zu. Darin besucht Yvonne, eine Frau in ihren Dreißigern, eine Freundin, um sich eine Auszeit von ihrem stressigen Alltag zu gönnen. Doch anstatt traute Zeit zu zweit zu verbringen, sind überraschend auch noch andere Gäste anwesend. Der Film ist inhaltlich originell und schafft eine beklemmende Atmosphäre, bei der man schnell ahnt, dass hier nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Darüber hinaus ist THE TRUE BEAUTY OF BEING BITTEN BY A TICK jedoch in Sachen Satire und vor allem Body-Horror recht harmlos, sodass das Werk von Pete Ohs trotz gelungener Grundstimmung einige enttäuschte Gesichter zurücklassen wird.

© Mathew Lynn

In INSIDE kann wiederum von Harmlosigkeit in keiner Weise die Rede sein. In dem eher ruhigen australischen Thriller gerät ein junger Gefängnisinsasse, der wegen Gewaltdelikten einsitzt, zwischen die Fronten zweier älterer Knastgenossen, einer davon ist Guy Pearce. INSIDE ist ein intensives Erlebnis, welches durch drei brillante Hauptdarsteller besticht und ebenso spannend wir kompromisslos daherkommt, jedoch gerne noch einen Tick länger hätte sein können, um so noch ein wenig mehr über die Hintergründe der Figuren zu erzählen und dadurch eine bessere Identifikation mit diesen zu ermöglichen.

TORNADO

Keine Kompromisse kennt auch die Hauptfigur in TORNADO, in dem eine junge Samurai vor einer Horde wilder Banditen flüchtet. Das Besondere und Sehenswerte an diesem Werk ist gar nicht so sehr der Plot, der in den üblichen Bahnen verläuft und keine crazy Überraschungen zu bieten hat, sondern wie gekonnt hier die Welt des Westerns und die Welt des asiatischen Kampffilms miteinander vermischt werden, wodurch ein ganz besonderer Genrefilm mit knackigen Actionszenen entsteht, der zudem enorm durch die sehenswerten Leistungen der Darsteller aufgewertet wird.

EUPHORIE

Die im Herbst startende RTL+-Serie EUPHORIE setzt im Vergleich zu TORNADO schauspielerisch sogar noch einen obendrauf. Derya Akyol spielt die Hauptrolle im Remake des israelischen Originals mit enormer Intensität und überaus nahbar, sodass man als Zuschauer stets das Gefühl hat, direkt mit dabei zu sein und sie in echt vor sich zu erleben. Auch ansonsten ist EUPHORIE eine außerordentlich positive Überraschung. Das Format steckt voller Energie, ist packend und nimmt die Sorgen und Ängste der Generation Z absolut ernst, ohne in Klischees bzw. Stereotype abzurutschen oder ein reines Depri-Werk zu sein. So macht (Internet-)Fernsehen Spaß, und auch RTL selbst zeigt auf diesem Weg, dass sich die aufwendige Produktion einer deutschen Serie noch immer lohnen kann.

Während abgesehen von ZWEIGSTELLE (16.10.) zu den vorangegangenen Werken noch kein konkreter Kino- oder Home-Entertainment-Start in Sicht bzw. bekannt ist, haben wir auf dem Filmfest München auch einige Filme gesehen, für die es bereits einen Starttermin gibt oder die gar bereits veröffentlicht wurden:

KREATOR – HATE & HOPE

Seit dem 4. September könnt ihr zum Beispiel KREATOR im Kino sehen, eine Dokumentation KREATOR – HATE & HOPE über die titelgebende weltberühmte Trash-Metal-Band. Der Film von Cordula Kablitz-Post gefällt mit einem spannenden Blick hinter die Kulissen, ohne dabei voyeuristisch zu wirken, und informativen Interviews mit Bandmitgliedern wie Frontmann Mille (unser eigenes Interview mit ihm könnt ihr hier online aufrufen) und Weggefährten der Band. Auf DVD/Blu-ray könnt ihr zudem bereits den sehenswerten DIE LAUTLOSEN erstehen, einen packenden Thriller über den größten Raubüberfall, den es je auf dänischem Boden gab. Das Werk von Frederik Louis Hviid überzeugt mit einer stringenten Erzählung und einer handwerklich souveränen Inszenierung auf hohem europäischem Niveau. Und im Streamingbereich dürft ihr euch BRICK keinesfalls entgehen lassen, falls nicht schon gesehen, in dem Matthias Schweighöfer versucht, sich aus einem eingemauerten Hochhaus zu befreien. Das ist zwar nicht immer superlogisch, aber durchweg unterhaltsam anzuschauen und technisch toll gemacht.

James Larkin White (Albrecht Schuch) und Julika (Paula Beer) in Zürich

Noch nicht erschienen, aber bereits mit Starttermin (30.10.) ist darüber hinaus STILLER, der neue Film von Stefan Haupt. In seiner Adaption von Max Frischs gleichnamigem Roman verkörpert Albrecht Schuch (siehe Interview in der kommenden Ausgabe der DEADLINE #113) den Amerikaner James Larkin White, der eines Tages für den verschollenen Bildhauer Anatol Stiller gehalten wird. Schuch agiert in seiner Rolle gewohnt intensiv und feinfühlig, sodass er es schafft, für den Zuschauer eine beinahe unnahbare Figur ein Stück weit nahbar zu machen. Auch ansonsten lässt einen das Geschehen nicht kalt, da es dem Regisseur in seinem Drama gelingt, die zuweilen umständliche und ausufernde Sprache der Vorlage filmisch zu übersetzen und zu modernisieren.

Wie ihr seht, hatte das Filmfest München in diesem Jahr viel zu bieten und konnte mit Highlights wie EUPHORIE und STILLER punkten, sodass wir von der DEADLINE uns schon jetzt wieder auf das kommende Filmfest-Jahr freuen! (Heiko Thiele)

Das passende Interview mit dem Regisseur Albert Birney zu OBEX führte Sarah Stutte bei dem Festival International du Film Fantastique de Neuchâtel (NIFFF) in der Schweiz.

Zwischen Pixelträumen und Kindheitsängsten

©Miguel Bueno

Albert Birney ist nicht nur Regisseur, sondern auch Videospielerfinder – und das merkt man seinem Film OBEX in jeder Szene an: voller Lo-Fi-Charme, kindlicher Fantasie und abgründiger Nostalgie. Im Interview auf dem NIFFF erzählt Birney von seinen filmischen Einflüssen wie NIGHTMARE ON ELM STREET, seiner Liebe zu ASCII-Kunst und davon, wie ein pandemischer Nintendo-Sommer zur Grundlage für einen Schwarz-Weiß-Film über Einsamkeit und Heilung wurde.

DEADLINE: Dein Film hat mir sehr gut gefallen. Er hat mich ein wenig an HUNDREDS OF BEAVERS erinnert.

Albert Birney: Ja, den Vergleich habe ich schon ein paarmal gehört – der ist auch schwarz-weiß, hat diese Videospielästhetik, Lo-Fi-VFX … Ich liebe diesen Film! Ich hatte Kontakt mit dem Produzenten und dem Regisseur, sie wirken sehr nett. Ich glaube, wir interessieren uns für ähnliche Arten von Filmen und fürs Geschichtenerzählen. Es ist schön zu hören, dass es andere zeitgenössische Filme gibt, mit denen man sich irgendwie verbunden fühlt – nicht nur mit Klassikern.

DEADLINE: Die Geschichte ist natürlich ganz anders, aber vom Grad der Verrücktheit und Kreativität her gibt es eine gewisse Ähnlichkeit.

Albert Birney: Ja, das stimmt. Vor allem gegen Ende von OBEX wird es etwas verrückter. Ich finde, die erste Hälfte ist noch zurückhaltend, während HUNDREDS OF BEAVERS ziemlich schnell aufdreht. Manchmal denke ich, ich hätte OBEX insgesamt verrückter machen sollen – aber es ist einfach ein anderer Film. Und das ist auch gut so.

DEADLINE: Ein großer Einfluss waren für dich wohl die 80er-Jahre und vor allem NIGHTMARE ON ELM STREET. Die Referenz kommt mehrmals vor.

Albert Birney: Ja, Freddy Krueger hat sogar einen Auftritt im Film. (lacht) Ich habe den Film sehr jung gesehen, und er hat mich definitiv geprägt. Ein weiterer Einfluss war THE LEGEND OF ZELDA auf der NES – als Kind konnte man sich darin völlig verlieren, und dieses Gefühl wollte ich im Film wiedergeben. Auch ERASERHEAD von David Lynch und BARTON FINK von den Coen-Brüdern waren große Inspirationsquellen. Ich liebe Filme, die sich auf kleinem Raum sehr groß anfühlen. Die zweite Hälfte von OBEX ist inspiriert von alten Video- und Computerspielen, aber auch von Jim Jarmuschs DEAD MAN – ein großartiger, stiller Schwarz-Weiß-Film. Ich hoffe, man kann einige dieser Einflüsse erkennen, aber man muss sie nicht kennen, um den Film zu genießen.

DEADLINE: Du bist 1982 geboren. Du musst also zwei Jahre alt gewesen sein, als NIGHTMARE ON ELM STREET rauskam …

Albert Birney: Ja, ich habe ihn nicht im Kino gesehen. (lacht) Ich war vielleicht fünf, als ich ihn zum ersten Mal teilweise gesehen habe – bei der älteren Schwester eines Freundes. Ich erinnere mich genau an die Szene, in der Johnny Depp vom Bett gefressen wird. Ich wusste, ich sollte das nicht sehen – aber ich konnte nicht wegsehen. Ein paar Jahre später habe ich mir dann alle Filme in der Bibliothek ausgeliehen. Meine Mutter hat das nicht hinterfragt – es war wohl einfach eine andere Zeit. Ich habe mich sogar in der dritten Klasse zu Halloween als Freddy Krueger verkleidet. Ich mochte Freddy, weil er auch irgendwie witzig war – besonders in den späteren Filmen. Ich habe kürzlich ein Foto gefunden, auf dem ich mit sieben ein Freddy-Shirt trage. Freddy ist einfach ein Teil meiner Kindheit geworden, und als ich OBEX gemacht habe, dachte ich: Lass ihn uns irgendwie reinbringen.

DEADLINE: Was hat dich an Freddy Krueger so fasziniert?

Albert Birney: Ich glaube, es war dieses starke Gefühl von Angst – aber in einem sicheren Rahmen. Sobald der Film vorbei ist, ist alles wieder gut. Ich liebe dieses Gefühl bis heute. Und dann die praktischen Effekte! Kein CGI, alles handgemacht – das hat mich auch als Kind schon beeindruckt. Zum Beispiel diese Szene aus NIGHTMARE ON ELM STREET 4, in der eine Pizza mit Fleischbällchen Freddy Kruegers Gesicht zeigt – das ist irgendwie verspielt, fantasievoll, aber auch gefährlich. Diese Mischung hat mich angesprochen.

DEADLINE: Die Pixel-Piktogramme im Film – das war in den 70ern und frühen 80ern wirklich ein Ding, oder?

Albert Birney: Ja, das nennt sich ASCII-Kunst. Ich erinnere mich, dass ich das in der Schule mal gesehen habe – der Lehrer hat uns gezeigt, wie man mit Buchstaben eine Katze macht. Ich wollte Connor einen Job geben, den er 1987 machen konnte, ohne das Haus zu verlassen – also vor dem Internet. Und da kam mir die Idee mit den Porträts für Computermagazine. Im Film habe ich das gefakt – ich habe die Bilder mit einer Website erstellt, dann Zeile für Zeile gelöscht und das Ganze aufgenommen, sodass es so aussieht, als würde Connor live tippen. Ich selbst kann das nicht, aber ich finde es faszinierend.

DEADLINE: Auch der Videoturm hatte etwas Retro-Futuristisches. Ich fand, Connor war seiner Zeit voraus.

Albert Birney: Ja, 1987 war Heimvideo noch relativ neu – die Technik war teuer. Aber heute findet man solche Sachen überall. Ich mochte die Idee, dass Connor sich mit all diesen Maschinen und Kassetten seine eigene Welt geschaffen hat – wie eine kleine Festung. Und weil es vor dem Internet spielt, kann man sich fragen: Hatte jemand 1987 wirklich so viel Technik? Vielleicht nicht. Aber das ist ja gerade der Spaß daran, Connors Welt zu erfinden.

DEADLINE: Der Film ist sehr kreativ und witzig, behandelt aber auch ernste Themen wie Einsamkeit, Angst und Familienbeziehungen. Warum war dir das wichtig?

Albert Birney: Ich glaube, jede Geschichte schöpft aus dem eigenen Leben. Mein Leben ist anders als das von Connor – meine Eltern leben beide noch, sind aber geschieden. Ich bin in den 80ern aufgewachsen und erinnere mich an diese Gefühle von Einsamkeit, wenn man zwischen den Elternhäusern hin- und herpendelt. Connor sucht nach einem Gefühl von Zuhause. Er hat sich eine Festung gebaut, aber merkt dann, dass er etwas anderes braucht – Sandy, der Hund, hilft ihm, rauszugehen. Ich habe ein gutes Verhältnis zu meinen Eltern, und sie haben den Film gesehen. Sie fragten, ob alles okay sei – und ich sagte: «Ja, weil ich diesen Film gemacht habe.» Er hilft mir, mit diesen Gefühlen spielerisch umzugehen und ein bisschen Frieden zu finden.

DEADLINE: Hattest du selbst auch Phasen, in denen du nur zu Hause gesessen und Videospiele gespielt hast?

Albert Birney: Oh ja, viele! Als ich aufgewachsen bin, haben meine Freunde und ich ganze Wochenenden mit Nintendo verbracht – wir haben kleine Turniere gemacht. Dann haben mein Partner und ich uns 2020 eine Switch gekauft, und ich habe meine Liebe zu Games wiederentdeckt. Das war mitten in der Pandemie – man war zu Hause, aber über Online-Games mit Freunden verbunden. Daraus entstand dann auch das Videospiel TUX AND FANNY, das ich gemacht habe – und das führte direkt zu OBEX.

DEADLINE: Du hast die Hauptrolle übernommen, mit deinem eigenen Hund … War das von Anfang an der Plan – diese Mischung aus Fiktion und Realität?

Albert Birney: Ja, das war sehr organisch. Ich habe meinen Freund Pete Ohs gefragt, ob er nach Baltimore komme, um einen Film zu machen – wir wollten einfach Spaß haben. Da hätte es keinen Sinn gemacht, jemand anderen zu besetzen. Wir haben mit dem gearbeitet, was da war: mein Haus, mein Hund, ich selbst.

DEADLINE: Warum hast du dich entschieden, einen Schwarz-Weiß-Film zu machen? Waren die 80er nicht schon retro genug?

Albert Birney: Gute Frage. Manche Ideen kommen einfach schon in einer bestimmten Ästhetik – und bei dieser Geschichte fühlte sich Schwarz-Weiß richtig an. Der alte Apple-Computer war schwarz-weiß, die Zikaden, das TV-Rauschen – alles passte dazu. Außerdem war es technisch einfacher: Ich wusste, ich mache die VFX selbst, und in Schwarz-Weiß ist das viel weniger aufwendig. Wir haben den Film auch direkt in Schwarz-Weiß gedreht, nicht in Farbe mit Nachbearbeitung. Es sollte genau so sein.

DEADLINE: Dein Film hatte kein großes Budget – welche Herausforderungen brachte das mit sich?

Albert Birney: Das kleine Budget war ein Segen. Wir mussten niemandem Rechenschaft ablegen, konnten frei arbeiten. Das Einzige, was ich ausgegeben habe, war das Geld für Petes Flugticket. Die Requisiten hatte ich alle im Keller. Für die zweite Hälfte des Films haben wir dann etwa 10.000 Dollar bekommen – das war für uns viel, auch wenn es im Vergleich wenig ist. Die Herausforderung war, dass wir sehr effizient sein mussten. Manche Schauspieler hatten wir nur für fünf Tage. Es musste alles genau durchgeplant sein. Aber ich glaube, mit mehr Geld wäre der Film vielleicht nicht besser geworden. Das niedrige Budget war eine Stärke.

DEADLINE: Ist für dich die Agoraphobie von Conor eher verbunden mit der Pandemie oder mit seiner Vergangenheit und seinen Erfahrungen mit der Einsamkeit?
Albert Birney: Es ist wahrscheinlich ein bisschen von beidem. Ich weiß, Connor ist mir in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich. Ich glaube nicht, dass ich eine Agoraphobie habe, aber ich fühle mich definitiv sehr wohl zu Hause. Und manchmal muss ich sanft angestupst werden, um in die Welt hinauszugehen. Also denke ich, ein Teil von Connors Agoraphobie hat damit zu tun, dass er seine Mutter in einem jungen Alter verloren hat. Er ist also in dem Haus geblieben, in dem sie gemeinsam gelebt haben, und sie war weg – und mit der Zeit hat er sich einfach sehr wohl dabei gefühlt, nicht wegzugehen. Er ist irgendwie verkümmert und auf diese Weise festgefahren.

Die Reise im Film, bei der er Sandy rettet und in die Welt hinausgeht, ist vielleicht die Erinnerung daran, dass es eine Welt da draußen gibt. Aber ich denke, mit der Pandemie – es war eine schreckliche Zeit – gab es auch eine Art von Sicherheit: So nach dem Motto «Ich bin zu Hause und verpasse nichts. Ich habe hier alles, was ich brauche». Das ging mir durch den Kopf, als wir mit dieser Idee angefangen haben. Es war diese Vorstellung, dass es diesen sehr komfortablen, sicheren Hafen gibt – aber dass es wahrscheinlich ein Gleichgewicht im Leben gibt, wo man beides haben kann: seine Zeit zu Hause und dann seine Zeit draußen in der Welt mit anderen.

DEADLINE: Hast du ein neues Projekt?

Albert Birney: Ja. Zusammen mit Kentucker Audley, mit dem ich schon zwei andere Filme gemacht habe – SYLVIA und STRAWBERRY MANSION. Wir haben seit vielen Jahren an einem neuen Film gearbeitet. Wir sind jetzt endlich in der Castingphase. Hoffentlich können wir Anfang nächsten Jahres mit dem Dreh beginnen. Es ist ein sehr großer Film, mit vielen Kostümen, Requisiten und Sets.

Es war ein langer Prozess, und OBEX entstand sozusagen mitten in dieser Entwicklungsphase, während wir versuchten, den größeren Film auf die Beine zu stellen. Ich hoffe wirklich, dass wir bald damit loslegen können, weil ich glaube, dass es ein sehr unterhaltsamer Film wird. Er heißt SUPER DELIGHTS. Und wenn alles klappt, sind wir in ein paar Jahren wieder hier beim NIFFF damit. Das ist der Traum.

DEADLINE: Das wäre toll. Ich freue mich schon darauf. Vielen Dank für dieses launige Interview.

Interview geführt von Sarah Stutte

FILMFEST MÜNCHEN – DIE RÜCKSCHAU (INKL. INTERVIEW ZU OBEX)