In der griechischen Mythologie sind die Gorgonen das personifizierte Grauen: geflügelte Bestien mit Schlangenhaaren, deren Blick Betrachtende augenblicklich in Stein verwandelt. Ihre bekannteste Vertreterin, Medusa, hat Popkulturgeschichte geschrieben. Doch hinter dem Schauder des Monsters verbirgt sich seit jeher eher eine tragische Geschichte und eine zu Unrecht verdammte Person – die Dämonisierung weiblicher Autonomie durch ein verängstigtes Patriarchat. Wenn nun die griechische Künstlerin Evi Kalogiropoulou in ihrem Langfilmdebüt GORGONÀ dieses mythologische Erbe in eine von Männern dominierte, postapokalyptische Industriekulisse wirft, weckt das Erwartungen.
Die in Kapitel unterteilte Geschichte (Drehbuch: Evi Kalogiropoulou, Louise Groult) zeigt ein verseuchtes, ressourcenarmes Griechenland, in dem schwer bewaffnete Männerhorden die Macht an sich gerissen haben. Die einzige Konstante der Endzeit: Öl regiert noch immer die Welt. Und Männer. Hart müssen sie sein. Oberkörperfrei üben sie sich täglich im Kampf, schlagen sich auf die Brust, prahlen oder jammern über das schlechte Essen. Eine unterschwellige Homoerotik durchzieht ihr Machogehabe, das ihnen alternativlos erscheint und damit gleichermaßen unfreiwillig komisch wie zutiefst traurig wirkt. Die Männer kennen schlicht nichts anderes und kommen nicht einmal auf die Idee, den Status quo infrage zu stellen.

Frauen existieren in dieser Endzeit meist als Opfer oder Tauschware. Für einen Kanister Benzin und ein paar Früchte wurde Sängerin Eleni (Aurora Marion) gerade verkauft. Sie soll Anführer Nikos (Christos Loulis) als Gespielin dienen. Dieser ist krank und braucht eine Nachfolge. Überraschenderweise unterstützt er mit Maria (Melissanthi Mahut) die einzige Frau in seiner Männergang, die dort stets dem Misstrauen und Spott ihrer „Brüder“ ausgesetzt ist. Gemeinsam mit Eleni bricht Maria aus und entdeckt auf dem Weg in eine mögliche andere Zukunft eine verdrängte Vergangenheit.

Freilich muss man sich angesichts des Weltgeschehens fragen, ob wir noch eine weitere Endzeitvision im Kino brauchen. Gleichzeitig steht außer Frage, dass Evi Kalogiropoulous griechischer Blick, gedreht an echten Schauplätzen (Elefsina) und mit reichlich Lokalkolorit (Musik), eine erfrischende Abkehr von US-amerikanischen Effektgewittern bietet. Die Regisseurin und Co-Autorin interessiert sich jedoch weniger für die Auswirkungen von Klimakrise und Raubtierkapitalismus als für Geschlechterbilder und toxische Männlichkeit, deren Gedankengut alles andere als zukunftsorientiert ist. Der Film präsentiert das alles andere als subtil.
Getragen von verrosteten Öltanks und einer trostlosen Industrielandschaft in Grau-, Braun- und Blautönen bricht der Film die Tristesse immer wieder durch grelle Neonfarben, die symbolisch den Frauen zugeordnet sind. Trotz des postapokalyptischen Anstrichs bleibt ein Hauch von geordnetem Leben und Hoffnung: Eine neue Ordnung muss her, um zu überleben. Maria wird zum Sinnbild dieser Transformation. Kalogiropoulou lässt den Gorgonen-Mythos dabei subtiler einfließen, als es der Titel suggeriert, und streift die übernatürliche Ebene nur, um eine rätselhafte Atmosphäre zu schaffen.

Mit der aufkeimenden Liebesbeziehung zwischen Maria und Eleni schafft der Film eine Alternative zur heterosexuellen, männlichen Ordnung. Allerdings schießt sich GORGONÀ damit ein ideologisches Eigentor. Die Frauen bleiben auf ihre Körper reduziert, die Kamera bedient bei den Sexszenen den Male Gaze und verharrt lüstern auf ihren nackten Körpern. Empowerment und voyeuristischer Schauwert liegen zu nah beieinander. Zudem bedient sich das Drehbuch altbekannter Exploitation-Motive: Gewalt an Frauen wird explizit ausgestellt, um den anschließenden Rachefeldzug moralisch zu rechtfertigen. Dass der weibliche Siegeszug am Ende durch genau jene Waffengewalt erreicht wird, die der Film zuvor bloßgestellt, wenn nicht karikiert hat, enttäuscht. Denn man hätte dem Film ein cleveres Finale zugetraut.
GORGONÀ, oft als griechische Antwort auf MAD MAX beschrieben, ist visuell kraftvolles Genrekino, das mythologischen Arthouse-Anspruch mit roher Action kreuzt. Als feministisches Manifest taugt der Film jedoch nicht, da er sich zu sehr in jenen Schauwerten und Denkmustern verliert, die er selbst kritisiert. Dennoch sollte sich ein interessiertes Publikum nicht die seltene Chance entgehen lassen, einen derartigen Film jenseits von Festivals im Kino zu sehen. (Christian Daumann)
Endzeitkino mit Ecken und Kanten
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