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HERZ AUS EIS

(OT: LA TOUR DE GLACE)
Regie: Lucile Hadžihalilović / Frankreich, Deutschland 2025 / 118 Min.
Besetzung: Marion Cotillard, Clara Pacini, August Diehl, Gaspar Noé
Produktion: Muriel Merlin
Freigabe: FSK 12
Verleih: Grandfilm
Start: 18.12.2025

Ein Mädchen verkauft am Silvesterabend Schwefelhölzchen. Als wäre es nicht schon schlimm genug, dass sich niemand für ihre Waren interessiert, macht ihr auch die bittere Kälte zu schaffen. Schließlich kann sie nicht anders, als eines der Hölzchen anzuzünden, um zumindest für einen kurzen Moment etwas Wärme zu erfahren. Sie träumt, sie säße an einem warmen Ofen, und trifft sogar ihre verstorbene Großmutter, die sie mit sich in den Himmel nehmen will. Am Morgen dann ist sie erfroren, doch um ihren Mund herum bemerkt man ein seltsames Lächeln, und ihre Wangen sind gerötet. Der letzte Satz ihrer Geschichte lautet: „Niemand wusste, was sie Schönes erblickt hatte, in welchem Glanze sie mit der alten Großmutter zur Neujahrsfreude eingegangen war.“

So endet DAS KLEINE MÄDCHEN MIT DEN SCHWEFELHÖLZERN, eines von vielen Kunstmärchen des dänischen Autors Hans Christian Andersen. In das Schema „Märchen“, das der ein oder andere Leser vielleicht noch aus der Schule kennt, passen seine Texte nicht. Für das Mädchen in der Geschichte gibt es kein Happy End, kein „… und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“. Dann aber fällt uns dieser letzte Satz auf, der etwas eigentlich Schreckliches verwandelt, da die Mimik des Kindes Aufschluss darüber gibt, dass seine letzten Minuten von einem geheimnisvollen Glück erfüllt gewesen sein müssen, das wir nicht verstehen. Andersen ist keineswegs ein Romantiker gewesen, was diese Stelle deutlich macht, jedoch war er ebenso wenig ein Realist, wie man an den Träumen des Mädchens erahnen kann.

Diese Balance zwischen Traum und Wirklichkeit verbindet Andersens Texte mit den Filmen Lucile Hadžihalilovićs. Ihre bisherigen Werke – INNOCENCE, EVOLUTION und EARWIG – zeigen Welten und Figuren, die unserer Realität teils sehr nahe scheinen, doch was sie erleben, welche Prüfungen sie meistern müssen und wie diese sie letztlich verändern, könnte ebenso aus der Feder Andersens stammen.

Ihr neues Werk HERZ AUS EIS basiert auf einem der wohl bekanntesten Märchen des dänischen Autors: DIE SCHNEEKÖNIGIN. Hadžihalilović sieht das Märchen wie auch die anderen Geschichten Andersens als Erzählungen über Verwandlung, Verlust und Selbstentdeckung, die viel aktueller sind, als man vermuten würde. In ihrer Version der bekannten Geschichte übernimmt sie daher deren Grundthemen, verweist aber zugleich auf sehr moderne Bezüge wie den Ich-Kult, den Drang nach Perfektion sowie den schier niemals zu stillenden Hunger mancher Menschen nach Anerkennung und Bewunderung.

Als eine von vielen Waisen in einem Kinderheim in den französischen Alpen träumt Jeanne (Clara Pacini) davon, zu entkommen. Angespornt durch die Postkarte einer Freundin, die adoptiert wurde, beschließt sie, nicht länger zu warten, und reist in die Stadt. Müde und hungrig findet sie Unterschlupf auf einem Filmset, auf dem eine Adaption von Hans Christian Andersens DIE SCHNEEKÖNIGIN gedreht wird. Jeanne, die schon immer einen engen Bezug zu der Geschichte hatte, will bleiben und wird sogar als Statistin angestellt.

Besonders fasziniert sie Cristina (Marion Cotillard), die Darstellerin der Schneekönigin. Die kapriziöse Schauspielerin entwickelt eine besondere Beziehung zu dem Teenager, der sie bewundert und immerzu anzustarren scheint. Die gegenseitige Bewunderung wird jedoch schnell zu einem Machtspiel, und Jeanne merkt, dass die Welt der „Schneekönigin“ nicht nur Schönheit, sondern auch viele Gefahren beherbergt.

Wer mit DIE SCHNEEKÖNIGIN nur sprechende Schneemänner und „Let it go“ verbindet, sollte einen weiten Bogen um Hadžihalilovićs Version des Märchens machen. HERZ AUS EIS ist näher an dem düsteren Ton, der Andersens Vorlage auszeichnet, ebenso wie an der Balance zwischen Realität und Fantasie. Wie schon in INNOCENCE oder EARWIG entwirft Hadžihalilović unglaublich schöne, vielschichtige Bilder, die zugleich wie ein Spiegelbild des Innenlebens der Figuren anmuten, die wir im Laufe der Handlung kennenlernen. Auch wenn das Waisenhaus, aus dem Jeanne flieht, alles andere als einladend wirkt, strahlt die Gemeinschaft der Kinder doch zumindest eine gewisse Herzlichkeit aus, die sie in der „großen weiten Welt“ schon bald vermisst. Das Bild einer Eislaufbahn auf einer Postkarte wirkt, sobald die Lichter ausgegangen sind, die Menschen wieder in ihren Häusern sind und die Nacht angebrochen ist, auf einmal eher unheimlich. Kameramann Jonathan Ricquebourg hält jedoch den Bildausschnitt bei, den wir – und Jeanne – von der Postkarte her kennen, was diesem wie auch vielen anderen Momenten in HERZ AUS EIS eine schwer zu beschreibende Mischung aus Schönheit und Gefahr verleiht, bei der die Grenze zwischen Realität und Fantasie gar nicht mehr so deutlich ist.

Natürlich ist die Nähe zum Film an sich eine fast schon offensichtliche Verbindung. Jeanne scheint die Scheinwelt des Filmsets mehr und mehr als Spiegel ihrer Fantasie zu akzeptieren und sich viel lieber in ihr aufzuhalten als in der Welt vor den Türen des Studios. Ähnlich verhält es sich mit der von Marion Cotillard gespielten Cristina, die wie eine entfernte Verwandte von Norma Desmond aus Billy Wilders Meisterwerk SUNSET BOULEVARD wirkt. Cotillard spielt sie als eine Getriebene, die von ihrem eigenen Bild besessen ist und nicht mehr unterscheidet zwischen der Person auf der Leinwand und der im echten Leben. Bei einer Sichtung der Aufnahmen des Tages will sie am liebsten alles noch einmal drehen, weil nichts stimme, was die Crew und die anderen Schauspieler zähneknirschend zur Kenntnis nehmen. Ihre Besessenheit, ihre Version der Geschichte und dieser Figur zu erzählen, wird nicht akzeptiert – ebenso wenig wie Jeannes romantisch verklärte Sicht auf sie. Was die beiden Frauen eint, wird deutlich, doch ebenso der sich anbahnende Konflikt, denn es kann nur eine Geschichte geben.

Lucile Hadžihalilović erzählt in berauschenden Bildern von einer Welt, in der Menschen mehr und mehr einem Idealbild angepasst werden. Echtheit und Fantasie scheinen wie austauschbare Größen, wenn es darum geht, die Welt und die Menschen immer weiter dem eigenen Ideal anzupassen – koste es, was es wolle. Dieser zeitlos aktuelle Kontext macht HERZ AUS EIS zu Hadžihalilovićs bislang zugänglichstem Werk, dessen düstere Schönheit den Zuschauer nichtsdestotrotz in ihren Bann ziehen wird. (Rouven Linnarz)

Eine düstere Neuinterpretation des Märchens Hans Christian Andersens und eine sehr moderne Geschichte über Personenkult und das stetige Streben nach Bewunderung

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(OT: LA TOUR DE GLACE)
Regie: Lucile Hadžihalilović / Frankreich, Deutschland 2025 / 118 Min.
Besetzung: Marion Cotillard, Clara Pacini, August Diehl, Gaspar Noé
Produktion: Muriel Merlin
Freigabe: FSK 12
Verleih: Grandfilm
Start: 18.12.2025