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HÜTER DER ERINNERUNG-AUTORIN LOIS LOWRY IM GESPRÄCH

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HIGH-TECH PLEASANTVILLE

Autorin Lois Lowry im Gespräch zu HÜTER DER ERINNERUNG, der ab dem 2. Oktober in den Kinos läuft.

Ein Review ist in der DEADLINE #47 zu lesen.

Homepage: https://hueterdererinnerung.de/

 

„Die Zukunft hat viele Namen: Für Schwache ist sie das Unerreichbare, für die Furchtsamen das Unbekannte, für die Mutigen die Chance.“ Dieser Ausspruch von Victor Hugo beschreibt wohl schon recht gut, die Grundpfeiler der Idee, auf denen Lowis Lowrys dystopischer Jugendroman THE GIVER basiert. 1993 geschrieben, brauchte das erste Buch der „Quartet“-Serie der amerikanischen Schriftstellerin weitere siebzehn Jahre, um sich nun wahrscheinlich ziemlich erfolgreich in die Fantasy-SciFi-Reihe von Blockbuster-Sequels für junge Erwachsene einzureihen. HÜTER DER ERINNERUNG (OT: THE GIVER) ist ein dystopisches Drama mit Jeff Bridges in der Hauptrolle des weisen Alten und Hüter der Erinnerungen, der den jungen Jonas in sein Handwerk einführen und ihn als Nachfolger installieren will. In einer Gesellschaft, in der Emotionen wie auch Farben unterdrückt und von Seiten der Regierung absolute Gleichheit unter dem Volk gefordert wird, wächst in Jonas das Verlangen eine große Veränderung herbeizuführen.

 

Lowry wurde 1937 als Tochter eines Zahnarztes der US-Armee in Hawaii geboren und war seit jeher dazu gezwungen ihre Heimat in vielen verschiedenen Ländern und Städten zu finden. Bereits mit neunzehn Jahren heiratete sie und war mit sechsundzwanzig Mutter von vier Kindern. Das erlaubte Lowry erst im Alter von dreißig Jahren Literatur und Fotografie zu studieren und parallel dazu Autorin vornehmlich reflektierter Jugendliteratur zu werden. Zu den Themen oder der Aussage ihrer Bücher befragt, meinte sie zwar, dass alle ihre Romane einen profunden Hintergrund oder Botschaft hätten, die tiefere Bedeutung jedoch erst aus dem eigentlichen Ziel heraus eine Geschichte zu erzählen, entstünde.

 

 

 

DEADLINE:

Dein Roman THE GIVER hat Anfang der neunziger Jahre den Anstoß für die Entwicklung eines speziellen Genres in der Jugendliteratur gegeben. Welche Bücher oder Autoren haben dich bei deiner Arbeit inspiriert?

 

Lois Lowry:

Ich habe eigentlich schon immer alles gelesen, was mir zwischen die Finger gekommen ist. Von guter bis schlechter Literatur, dabei aber tendenziell eher Romane für Erwachsene. Die meisten Leute sind überrascht zu hören, dass ich mit Jugendliteratur wenig anfangen kann, obwohl ich ja selbst für diese Zielgruppe schreibe. Ein Buch, das mich schon als junge Leserin besonders beeinflusst hat, war „Der Report der Magd“, ein dystopischer Roman von Margaret Atwood, der Mitte der achtziger Jahre erschienen ist.

 

DEADLINE:

Auf welchen Teil des Films werden sich langjährige Fans des Romans deiner Meinung nach am meisten freuen?

 

Lois Lowry:

Ein Thema, das im Buch so überhaupt nicht vorkommt, das der heutigen Generation von Zuschauern aber sicher sehr gefallen wird, ist die Beziehung zwischen Jonas und seiner Freundin Fiona. Im Roman gibt es zwar gewisse Anklänge an eine Liebesgeschichte, allerdings wären die Charaktere mit zwölf Jahren einfach noch etwas zu jung dafür gewesen. Im Film sind sie schon im Teenager-Alter, das funktioniert. Trotzdem war es wichtig, dass das Ganze nicht in eine kitschige Romanze ausarten würde, vor allem, da der Film ja mit Jonas Abschied enden würde.

 

DEADLINE:

Im Großen und Ganzen wurden ja alle Hauptcharaktere älter gemacht, als sie ursprünglich in deinem Roman angelegt waren. Hat das Studio dich kontaktiert, bevor es sich für Änderungen entschieden hat?

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Lois Lowry:

In vielen Fällen haben sie tatsächlich meine Meinung eingeholt, obwohl das eigentlich nicht notwendig gewesen wäre, da das Studio ja ohnehin im Besitz aller Filmrechte für den Roman war. Über das Alter der Schauspieler wurde allerdings ohne mein Zutun entschieden. Ich könnte mir auch Vorstellen, dass Zuschauer, die den Roman gelesen haben, im ersten Moment etwas irritiert sind, dass sie keine zwölfjährigen Kinder, sondern junge Erwachsene vor sich haben. Aber das wird schnell vergessen sein, dafür spielen Jonas, Fiona und Asher einfach viel zu gut und überzeugend. Ganz abgesehen davon, wird Brenton Thwaites, der Jonas spielt, ganz sicher einigen jungen Mädchen den Kopf verdrehen.

 

DEADLINE:

Welcher Teil von THE GIVER war für dich am schwersten zu schreiben?

 

Lois Lowry:

Ich denke, dem kompliziertesten Part bin ich recht erfolgreich ausgewichen, obwohl ich bis heute immer wieder von jungen Lesern über diverse Details befragt werde. Vor allem Jungen wollen sehr präzise Einzelheiten darüber wissen, welche Art Technologie es der herrschenden Gemeinschaft erlaubt, die gesamte Welt und all ihre Gesetze unter Kontrolle zu halten, wie etwa das Wetter oder den Farbverlust. Das Problem ist, dass ich mich überhaupt nicht mit Technik auskenne und genau das Antworte ich ihnen dann auch. Man muss einfach alle Zweifel über Bord werfen und sich darauf einlassen, dass die Gemeinschaft zu all diesen Dingen fähig ist, ob es dafür nun eine Erklärung gibt oder nicht. Wenn ich mich wirklich mit der Wissenschaft hinter ihren Fähigkeiten auseinandergesetzt hätte, wäre ich rettungslos gescheitert. Die Entwicklung des Plots und der Charaktere hingegen, war für mich recht einfach. Nur das Ende hat mir ein wenig Schwierigkeiten bereitet, weil ich mich dazu entschieden hatte, es offen zu halten. Nicht weil ich nicht wusste, wie ich die Geschichte zu Ende bringen wollte, sondern weil ich den Leser ein wenig im Unklaren und in einem Moment des Staunens aus dem Roman entlassen wollte. Das gefiel natürlich sehr vielen Lesern überhaupt nicht, aber damit muss man als Autorin klar kommen.

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DEADLINE:

THE GIVER wurde ja unter anderem auch als Oper auf die Bühne gebracht. Was denkst du über die unterschiedlichen Versionen deines Romans?

 

Lois Lowry:

Auch in dramatisierter Version wurde das Buch mehrere Jahre als Theaterstück inszeniert und ich habe es selbst viele Male in unterschiedlichen Städten gesehen. Was die Opernfassung betrifft, denke ich, dass die meisten Kinder Schwierigkeiten damit haben könnten. Den ersten Opernbesuch muss man sich auf gewisse Weise erst erarbeiten, weil die Musik bei weitem nicht so einfach und fröhlich ist, wie man es zum Beispiel von Musicals gewöhnt ist. Aber genau wie das Theaterstück, ist auch die Oper eine sehr gelungene Adaption des Romans. Was den Film im Unterschied dazu so Einzigartig macht, ist auf jeden Fall der große Anteil an Action- und Spannungsmomenten, die der Geschichte hinzugefügt wurden. Einige Situationen und Entwicklungen gab es so im Roman gar nicht, aber ich finde sie haben die Änderungen ganz im Sinne der Charaktere gelöst. Für mich hat jede Version der Geschichte ihren ganz eigenen Reiz und als Autorin ist es besonders spannend zu sehen, wie sich die originäre Erzählung weiterentwickelt, wächst und jedes Mal zu einer völlig neuen Erfahrung wird.