KILL BILL ist Quentin Tarantinos offensichtlichstes Remix-Massaker. Als THE WHOLE BLOODY AFFAIR kommen nun beide Teile erneut ins Kino, ergänzt um eine spektakuläre Fahrstuhlszene und eine unverschämte Marken-Kooperation nach den Credits. Außerdem ist der große Gruppenkampf mit den Crazy 88 jetzt etwas anders geschnitten. Egal in welcher Version, KILL BILL sticht heraus, als Film überhaupt, aber auch im Vergleich zum restlichen Werk von Tarantino. Woran liegt das? Seit Veröffentlichung des ersten Teils 2003 ist KILL BILL sicherlich durch seinen exzessiven Einsatz von Zitaten in Erinnerung geblieben.

Mit popkulturellen Referenzen schmeißt Tarantino bekanntlich auch sonst ohne Ende um sich. Doch scheint das Ausmaß bei KILL BILL schon besonders krass zu sein. Jedenfalls ist es hier besonders deutlich. Man braucht kein allzu großer Nerd zu sein, um zu verstehen, dass etwa die Blutfontänen, der plötzliche Wechsel in einen Anime-Stil oder auch das ständige Windgeräusch beim Rumgefuchtel mit Waffen als direkte Verweise auf andere Filme bzw. Filmtraditionen dienen. Und damit ist das Hauptthema von KILL BILL vielleicht schon abgesteckt: Kultur/Kult/Kultivierung. Klar, der Plot erzählt eine Rachegeschichte. Wir sehen zahlreiche Hero Shots von der Killerin Beatrix Kiddo (Uma Thurman), die Vergeltung übt an Bill (David Carradine), ihrem ehemaligen Chef und Liebhaber.

Aber was wir die ganze Zeit über eben auch sehen, sind Figuren, die nichts anderes als Nerds sind. So tauchen in den Dialogen regelmäßig Kulturleistungen mitsamt ihrer Bewertung auf: Hattori Hanso (Sonny Chiba) mache die besten Schwerter der Welt, aber sein Sushi sei grottenschlecht; der Kampfkunstmeister Pai Mei (Gordon Liu) besteht bis zum bitteren Ende auf dem Essen mit Stäbchen; Budd (Michael Madsen) bereitet liebevoll seinen Drink zu; Bill erzählt vom Unterschied zwischen Superman und Spider-Man etc. Das ist der Kern des Films. Die Beschäftigung mit eigentlich nutzlosen Dingen, die kleinen Extras, die Details, auf die es aber ankommt.

Deswegen werden auch auf formaler Ebene so absurd viele Stile durchgespielt. KILL BILL ist Tarantinos großer Versuch, zu zeigen, dass in der Popkultur ein verbindendes Element stecken kann. Das mag vielleicht ein wenig naiv und angestaubt klingen. Und natürlich hat es einen gewissen Look, wenn eine weiße US-Amerikanerin vornehmlich japanische und chinesische Disziplinen meistert und dort alle, die sich ihr entgegenstellen, bei Weitem übertrifft. Aber man glaubt wirklich nicht, dass hier ein Allmachtsanspruch formuliert wird.

Das wahnwitzige Kämpfen mit dem Schwert soll eher zeigen, was alles möglich ist, sofern eben Kultivierung stattfindet, also das Einüben und der Austausch von Wissen über Praktiken, die den Beteiligten schlichtweg Spaß machen. Unterhaltung wird hier radikal begriffen und als eine Antwort auf die Frage nach dem guten Leben. Weiter kann Kulturindustrie nicht gehen. Der Unterschied zwischen Superman und Spider-Man ist die Maske, wie auch der Identitätskonflikt von Beatrix Kiddo – ist sie Killerin oder Musikverkäuferin, Braut oder Mutter oder gar Leiche? – zum Maskenspiel wird. Dabei interessiert das Spiel der Actionheldin unweigerlich, eben weil es so facettenreich und so unglaublich unterhaltsam inszeniert ist. (Vincent Kelany)
Ein Spektakel, serviert wie aus einem Springbrunnen
In diesen Städten gibt es die Möglichkeit, KILL BILL sogar im 70-mm-Format zu sehen. Ansonsten fast überall!
Karlsruhe, Schauburg
10. bis 12. April
Berlin, Zoo Palast
16. bis 18. April
Berlin, Delphi Filmpalast
17. bis 19. April
Hamburg, Savoy
23. bis 26. April
Hannover, Astor Grand Cinema
1. bis 3. Mai
Wien, Gartenbau
10. und 11. Mai
Essen, Lichtburg
15. und 17. Mai
Diese und weitere Termine findet ihr im Arthaus-Kinofinder
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