„Jedes Baby ist anders!“ Immer wieder hört die frischgebackene Mutter Saga (Seidi Haarla, ABTEIL NR. 6) diesen Satz, sei es von ihrer Ärztin, ihrer Mutter (Pirkko Saisio) oder ihrem Ehemann Jon (Rupert Grint, HARRY POTTER). Eine beschwichtigende Floskel, die geradezu absurd klingt, ist doch das Neugeborene alles andere als gewöhnlich. Es ist auffallend groß und stark behaart, meidet das Licht, schreit nahezu ununterbrochen und über dem Gesäß scheint ein verkümmerter Fortsatz sichtbar zu sein.

Nachdem Hanna Bergholm in ihrem Debüt HATCHING die trügerische Idylle einer finnischen Kleinfamilie und die Adoleszenz der Tochter als schwarzhumorige, blutige Fabel erzählt hat, wählt sie für ihren neuen Film ein dezidiert weibliches Thema: Mutterschaft nicht als die ultimative Erfüllung, sondern als Alptraum. In den letzten Jahren wurde die postpartale Depression wiederkehrend von Regisseurinnen thematisiert, erwähnt sei hier Lynne Ramseys intensiver DIE, MY LOVE. Bei Bergholm wird dies zu einem wilden Genrefilm, einem Amalgam aus Body-Horror-Elementen, schwarzem Humor und finnischer Mystik. Man fühlt sich an den großartigen BORDER von Ali Abbasi erinnert, in dem eine Grenzbeamtin zu ihrer wahren, wilden Natur findet.

Das mystische Element ist von Anfang an präsent. Als Saga und Jon durch den Wald um ihr künftiges Heim, die verfallene Hütte von Sagas Großmutter, streifen, wirken die Bäume wie Lebewesen, fast menschenähnliche Gestalten (dem geneigten Zuschauer kommt EVIL DEAD in den Sinn). Bereits hier wird der Unterschied deutlich: Während Jon unsicher durch die Wildnis irrt, fühlt Saga eine tiefe Verbundenheit mit der Natur und scheint hier einen viel intensiveren Zugang zu ihrem Inneren zu haben. Die düster-unheilvolle Stimmung schlägt dann mit einer blutigen Geburtsszene in eine immer drastischere Darstellung um. Der kleine Kuura (Finnisch etwa „Frost“ oder „Raureif“) ist auf der Welt. Und mit ihm das Chaos.

Saga ist permanent überfordert, eine echte Bindung zu ihrem Sohn kann sie zunächst nicht aufbauen. Bezeichnenderweise spricht sie von ihm als „it“. Gleichzeitig entfremdet sie sich immer mehr von Jon, der zunehmend in den Hintergrund gerät, das dritte Rad neben Mutter und Kind. Nach und nach findet Saga in teilweise bis ins Groteske übersteigerten Szenen zu ihrer Rolle als Mutter und so auch zu sich selbst. Seidi Haarla spielt dies mit fast schon animalisch anmutender Intensität, sie trägt den Film quasi im Alleingang. In grotesker Überzeichnung wird auch eine Gesellschaft vorgeführt, die schönredet, das Offensichtliche leugnet, fortwährend relativiert.

Das Infragestellen der Mutterschaft als Erfüllung, schmerzhafte Körperlichkeit, das Aufbegehren der Weiblichkeit gegen gesellschaftliche Normen sowie die letztliche Akzeptanz der Andersartigkeit des Kindes (und der eigenen) – all dies verpackt Hanna Bergholm in diese Groteske. Und am Ende ist NIGHTBORN das, was auch schon HATCHING war: ein dunkles Märchen für Erwachsene. Und der Wald holt sich, was sein ist.

(Jan Urnau)
„Die Schrecken des Elternseins als groteskes Körperhorrormärchen.“
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