Wer kennt das nicht: Man lebt allein mit seinem Hund auf einer abgelegenen Insel der schottischen Hebriden. Die Tage sind ruhig. Mal ein Schnaps hier, mal ein bisschen Aufs-Meer-Starren dort. Zwischendrin den Hund füttern. So geht es auch Michael Mason (Jason Statham). Schnaps und Hundefutter werden regelmäßig per Boot von der jungen Jessie (Bodhi Rae Breathnach, HAMNET) und ihrem Onkel gebracht. Eines Tages lässt ein Sturm das Versorgungsboot vor der Insel kentern. Jessie wird von Mason gerettet, ihr Onkel ertrinkt. Um Medikamente und Verbandsmaterial für ihre Verletzung zu besorgen, muss Mason aufs Festland. Hier wird der ehemalige MI6-Chef Manafort (Bill Nighy) auf ihn aufmerksam. Der hielt Mason für tot und eröffnet jetzt die Jagd auf ihn. Doch Jason, äh, Mason wäre nicht Mason, wenn er nicht auch das eine oder andere Ass im Ärmel hätte.

Zugegeben, die letzten Jason-Statham-Vehikel fühlten sich recht ähnlich an. Ob HOMEFRONT, BEEKEEPER oder A WORKING MAN – den einsilbigen Rächer gibt der Brite gern und gut. Ist SHELTER also ein weiterer Film, in dem Jason Statham macht, was Jason Statham halt so macht? Jein! Regisseur Ric Roman Waugh variiert den durchgenudelten Statham-Stunt-Stew und stellt dem maulfaulen Antihelden einen Teenager zur Seite. Allein die Idee, die übliche Action-Backstory durch ein junges Mädchen hinterfragen zu lassen, ist eine spannende Neuausrichtung der gewöhnlichen Elemente. Bodhi Rae Breathnach ist dafür eine erstklassige Besetzung. Sie erstickt die Befürchtung eines plappernden Comedy-Teenies im Keim und changiert stattdessen glaubwürdig zwischen Verängstigung und verzweifeltem Überlebenswillen. Und keine Bange: In Sachen Action liefert SHELTER trotzdem! Hier gibt’s viel „Aua!“ für Mitglieder von Ermittlungsbehörden, und es geht bisweilen die eine oder andere Scheibe zu Bruch. Die Verfolgungsjagd durch den Wald auf unbefestigter Straße sollte man sich aus Liebe zu seinem Mageninhalt auf jeden Fall nur auf großer Leinwand im Kino anschauen!

Ganz besonderen Spaß macht Bill Nighy als Bösewicht. Er widersteht der Versuchung, sich von den Dialogen in eine ironische Interpretation seiner Rolle locken zu lassen. Er bleibt straight, und das tut seinem Stephen Manafort sehr gut. Vermutlich hatte der Recke nur wenige Tage am Set. Diese durfte er fast ausschließlich hinter dem Schreibtisch verbringen. Das kann aber niemand so schön bedrohlich wie Nighy. Naomi Ackie (MICKEY 17) brilliert als seine MI6-Nachfolgerin Roberta Frost, die sich langsam durch die doppelte Intrige quälen muss.

Besonders hervorzuheben ist das Kostümbild. Stilsicher bewegt es sich zwischen ruralen Einsiedlern, Londoner Nachtleben und High-Society-Agenten. In den besten Momenten kommt gar ein wenig JAMES BOND-Feeling auf. Dem Production Design gelingt ein ähnlicher Spagat zwischen der abgelegenen Insel, auf welcher der Leuchtturm für den Film gar extra erbaut worden sein soll, und der unterirdischen Einsatzzentrale des MI6 mit stylischen Oberflächen samt Zentralrechner. Insgesamt ist SHELTER ein stimmiges B-Movie mit neuer Perspektive auf das bekannte Jason-Statham-Universum. Allen Tierfreunden sei jedoch aus aktuellem Anlass noch mal doesthedogdie.com ans Herz gelegt. Wir sagen’s bloß. (Timo Landsiedel)
Neue Perspektive im Statham-Universum

