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INTERNATIONALES FILMFESTIVAL MANNHEIM-HEIDELBERG 2025

Inkl. Interviews mit Regisseur Sven Bresser und Darsteller Gerrit Knobbe zu REEDLAND und Regisseur Tim Fehlbaum

74. Internationales Filmfestival Mannheim–Heidelberg 2025: Eine Bühne für neue Stimmen und große Emotionen

Eine Rückschau von Jessica Wittmann-Naun

Vom 6. bis 16. November fand das 74. Internationale Filmfestival Mannheim–Heidelberg (IFFMH) statt. Auch in diesem Jahr setzte das Festival auf eine liebevoll kuratierte Auswahl an internationalen Filmen. Das diesjährige Motto stellte dabei Innenschau und Emotionen in den Fokus: „Feel good?!“ als Frage und Aufforderung zugleich. Das Festival, das sich seit jeher der Förderung aufstrebender Regietalente verschrieben hat, setzte einen Fokus auf junge, globale Stimmen und große Gefühle. Neben der reinen Unterhaltung und dem Spaß am Kino inspirierten die Filme dabei auch zur intensiven Auseinandersetzung mit den drängenden globalen und emotionalen Themen unserer Zeit.

IFFMH 2025 Opening mit INSIDE AMIR

Der Blick beim IFFMH 2025 richtete sich besonders auf die neue Generation von Filmschaffenden, deren Werke von postmigrantischen Erfahrungen, Heimatverlust, gesellschaftlichen Konflikten und dem schmalen Grat zwischen Verwurzelung und Aufbruch erzählen. Ein wichtiges Novum war die erstmalige Verleihung des Deutschen Dokumentarfilmpreises im Rahmen des IFFMH, der damit dem nonfiktionalen Kino eine prominente Plattform bot. Der Gewinnerfilm war IM PRINZIP FAMILIE (Buch und Regie: Daniel Abma).

Das Festival bekräftigte einmal mehr seinen Ruf als bedeutendes Entdeckerfestival für den internationalen Filmnachwuchs. Mit einem sorgfältig ausgewählten Programm aus rund 40 bis 50 Langfilmen, darunter zahlreiche Deutschlandpremieren, bot das IFFMH einen tiefen Einblick in die aktuellen Themen und künstlerischen Visionen junger Regietalente aus aller Welt. Als Journalistin mit wenig Zeit auf diesem tollen Festival muss man leider immer den Tod sterben, nicht genug sehen zu können. Folgend aber ein Einblick in drei persönliche Highlights des Festivals:

INSIDE AMIR: die Melancholie des Abschieds und die Kraft der Freundschaft

Eröffnet wurde das Festival mit der Deutschlandpremiere von INSIDE AMIR des iranischen Regisseurs Amir Azizi, einem feinfühligen Porträt über die existenzielle Entscheidung der Migration, über Abschied und Freundschaft. Der Film ist ein warmherziges Drama über den jungen Iraner Amir (Amirhossein Hosseini), der kurz vor seiner Auswanderung nach Italien steht, wo seine Freundin bereits auf ihn wartet. Doch die Entscheidung, seine Heimat zu verlassen, ist kein einfacher Aufbruch, sondern ein schmerzhafter Zwischenzustand der gleichzeitigen An- und Abwesenheit. Die Handlung konzentriert sich auf die letzten Wochen und Tage in Teheran, die von diesem tiefen inneren Zwiespalt geprägt sind: die Entscheidung zwischen Verwurzelung und Aufbruch. Es geht nicht um die Dramatik der Flucht, sondern um die schmerzhafte Auseinandersetzung mit dem freiwilligen Abschied von Heimat, Familie und Freunden. Amir ist dabei oft auf seinem Fahrrad in den Straßen Teherans unterwegs. Das Rad wird zum Symbol für seinen Freiheitsdrang und seine Beweglichkeit, wodurch er sich wie ein Fremdkörper in der hektischen Stadt der Autos bewegt. Azizi zeichnet ein warmherziges und sanftes Porträt der modernen iranischen Jugend. Umgeben von Familie und Freunden, ist jeder Abschiedsschmerz spürbar. Die Melancholie mischt sich mit der Wärme der menschlichen Verbindung. Die Handlung ist dabei reich an vielsagenden Andeutungen und subtilen Nuancen, anstatt auf laute Dramatik zu setzen. Insbesondere sein entschleunigtes Tempo und der Fokus auf freundschaftliche Nähe und Intimität im Alltag machen INSIDE AMIR so berührend. Ein beeindruckend leiser Film, der das universelle Thema der Emigration und des Abschieds aus einer sehr persönlichen iranischen Perspektive beleuchtet.

LIFEHACK: der Heist-Thriller der Generation Screenlife

Der Actionthriller LIFEHACK von Regisseur Ronan Corrigan ist nicht nur ein nervenaufreibender Raubzug, sondern auch ein brillantes Beispiel für das sogenannte „Screenlife“-Genre. Der Film spielt sich komplett auf Computerbildschirmen, in Videoanrufen und Messaging-Apps ab und überzeugt als packendes, hypermodernes Kammerspiel, das die digitale Realität der Gen Z perfekt einfängt.

Die Geschichte dreht sich um eine Gruppe von vier befreundeten Teenagern – Kyle (Georgie Farmer), Alex (Yasmin Finney), Sid (Roman Hayeck-Green) und Petey (James Scholz) –, die ihre Abende überwiegend online verbringen und über beeindruckende Hacking-Fähigkeiten verfügen. Aus einer Mischung aus Übermut, Frustration über soziale Ungerechtigkeit und dem Reiz des Verbotenen beschließen sie, mehrere Millionen aus dem Krypto-Wallet des unsympathischen Techmilliardärs Don Heard (Charlie Creed-Miles) zu stehlen. Was als „digitaler Robin-Hood-Streich“ beginnt, eskaliert schnell zu einem Millionen-Dollar-Heist und zieht die Freunde in die düsteren Ecken des Internets und in eine reale Gefahr, die weit über ihre Computerbildschirme hinausgeht.

Regisseur Corrigan, der auch Co-Editor des Films ist, schafft es, die Spannung durch cleveres Storytelling und messerscharfe Montage konstant hochzuhalten. Die Hacking-Vorgänge wirken – im Gegensatz zu vielen Hollywoodfilmen – erstaunlich realistisch. Trotz des technischen Overlays werden die Charaktere nicht zur Nebensache. Die Interaktion der Freunde über FaceTime-Anrufe, Discord-Chats und Gaming-Sessions fühlt sich absolut echt an.

LIFEHACK ist eine aufregende, moderne Interpretation des Heist-Genres und ein starkes Regiedebüt von Ronan Corrigan. Er beweist, dass gute Geschichten auch ohne traditionelle Filmsprache auskommen, wenn sie sich konsequent ihrer Form verschreiben.

REEDLAND: die Macht der Langsamkeit – bildgewaltiges Porträt über Schuld

Sven Bressers Langfilmdebüt REEDLAND (Original: RIETLAND) ist ein fesselndes und atmosphärisches Drama, das tief in die raue Landschaft und die abgeschiedene Gemeinschaft der Reetbauer eintaucht. Der Film beginnt mit der Entdeckung einer Mädchenleiche im Schilf, die das ansonsten ritualisierte und monotone Leben des Reetbauers Johan (Gerrit Knobbe) aus den Fugen geraten lässt.

Anstatt sich auf die Aufklärung des Mordfalls zu konzentrieren, nutzt Bresser das Verbrechen als Katalysator, um die Ambivalenz der menschlichen Natur, Schuld, Gewalt und die stille Indifferenz der Natur zu erforschen – inspiriert von der Idee der „schuldigen Landschaft“. REEDLAND zeichnet sich durch seine visuelle Kraft aus. Die Aufnahmen von Kameramann Sam du Pon sind atemberaubend und machen das Schilfland selbst zu einem unheimlichen, fast mythischen Charakter. Die Inszenierung ist langsam und bewusst gewählt, was eine ständige, lauernde Bedrohung schafft, die mehr auf Atmosphäre und Andeutungen als auf explizite Action setzt. Bresser liefert kein konventionelles Krimi-Rätsel, sondern ein unbehagliches, stimmungsvolles Seherlebnis, das durch seine Ritualisierung des Alltags und die eindringlichen Bilder lange nachwirkt. Ein beeindruckender Erstling für Liebhaber des langsamen, bildgewaltigen Kinos, das sich an Themen wie Schuld und Geheimnis in der ländlichen Enge abarbeitet.

Interview mit Regisseur Sven Bresser und Darsteller Gerrit Knobbe zu REEDLAND

(c) Soenke Dannemann
Regisseur Sven Bresser und Darsteller Gerrit Knobbe (c) Soenke Dannemann

DEADLINE: Die Bilder in deinem Film sind sehr beeindruckend und erschaffen eine ruhige Stimmung, dennoch ist von Anfang an eine gewisse Spannung spürbar. Wusstest du schon beim Schreiben des Drehbuchs, dass du die Landschaft so darstellen wolltest?

Sven Bresser: Für mich beginnt ein Film mit Bildern, nicht mit Worten. Ich hatte von Anfang an eine klare visuelle Richtung vor Augen. Natürlich ändert sich diese, sobald die Vorstellungen auf die Realität vor Ort treffen. Aber gerade für den ersten Teil des Films wusste ich, dass wir Zeit und Geduld brauchten, um den Alltag des Mannes mitzuerleben. Ich habe zu meinem Kameramann gesagt, die ersten 15 Minuten sollten sich anfühlen, als würde man ein anderthalbstündiges Porträt über einen Reetbauer sehen. Dann wandelt sich der Film komplett. Diese Verwirrung – Dokumentation oder Fiktion, vorhersehbar oder nicht – hat mich sehr interessiert.

DEADLINE: Gerrit, du bist im wahren Leben Reetbauer. Kannst du mir etwas darüber erzählen?

Gerrit Knobbe: Ja, ich bin Reetbauer. Ich habe den Beruf von meinem Onkel gelernt, und mit etwa 17 oder 18 Jahren habe ich mein eigenes Land bekommen. Jetzt schneiden mein Bruder und ich 20 Hektar Schilf. Es ist Saisonarbeit, von Dezember bis April, und den Rest des Jahres arbeite ich im Baugewerbe.

DEADLINE: Sven, was war zuerst da, als du dich entschieden hast, diesen Film zu drehen: die Geschichte und das Genre oder die Landschaft?

Bresser: Die Landschaft. Ich denke nicht an das Genre, wenn ich einen Film machen will. Ich bin in der Nähe von Schilfgebieten aufgewachsen, die Anfang der 2000er-Jahre verschwunden sind. Dann habe ich eine andere Region entdeckt, in der die Menschen noch vom Schilfschneiden lebten. Und von da an begannen einige Ideen zu reifen. Für mich fängt es nie mit einer theoretischen, philosophischen oder intellektuellen Idee an. Ideen entstanden aus einfachen Bildern: ein Mann, der Schilf schneidet, oder ein Mann, der innehält und ängstlich oder aggressiv über die Schulter blickt. Aus solchen Bildern entwickelten sich allmählich Figuren und Geschichten.

DEADLINE: Johans Charakter wirkt gleichzeitig sympathisch und düster. Wie hast du diese Dualität entwickelt?

Bresser: Ich wollte einen Mann zeigen, der durch diese schreckliche, böse Tat auf seinem Land aus seinem Alltag gerissen wird. Einen gewöhnlichen Mann, der mit großer Gewalt konfrontiert wird, die langsam seine Umgebung und seine innere Welt vergiftet. Der Film legt diese potenzielle Dunkelheit offen.

DEADLINE: Gerrit, wie war es für dich, deine Arbeit auf der Leinwand zu sehen?

Knobbe: Das Schneiden von Hand, das man im Film sieht, mache ich nicht mehr. Dennoch entsprechen die meisten der täglichen Rituale im Film der Realität.

Bresser: Ursprünglich begann der Film mit der Maschine, aber rhythmisch passte das nicht. Wir wollten mit der Stille der Natur beginnen und zeigen, wie diese langsam durch ein Flugzeug und andere mechanische Dinge gestört wird.

DEADLINE: Mich interessiert die Symbolik, besonders das Nilpferd. Kannst du mir darüber etwas erzählen, Sven?

Bresser: Ich bin seit meiner Kindheit von Nilpferden fasziniert: Sie wirken friedlich in der Gruppe, können aber extrem aggressiv werden, wenn Platz und Wasser knapp sind. Und vor allem die Männchen verteidigen ihr Revier sehr stark. Diese Spannung hat mich fasziniert. Und zufällig stießen wir bei der Suche nach Drehorten auf eine Museumsausstellung über 150.000 Jahre alte Nilpferdknochen, die genau in dieser Region gefunden wurden. Das haben wir dann mit einbezogen. Und dann gibt es noch den Anfang des Kinderstücks, in dem eine Meerjungfrau von gewalttätigen Fischern gefangen wird und das Dorf verflucht, woraufhin es vom Meer überflutet wird. Das ist eine klassische niederländische Volkssage, die man an verschiedenen Orten findet, weil viele Dörfer überschwemmt wurden. Es ist also eine sehr regionale Sage, die wir in diesem Film verwendet haben. Und für mich ist sie auch eng mit dem Film selbst verbunden, durch diese Gewalt gegen eine Frau. Und danach wird das Dorf von einer Art Macht heimgesucht. Die Menschen haben keine Kontrolle über die Naturgewalten, aber auch über andere Dinge, und etwas verändert sich in ihnen.

DEADLINE: Wie hast du Gerrit für die Rolle des Johan gefunden?

Bresser: Bei einem dieser Treffen der Reetbauer. Er war ganz still, hörte nur zu und betrachtete seine Hände. Das hat mich beeindruckt. Später, als wir uns unterhielten, war er offen und herzlich. Dieser Kontrast faszinierte mich. Und nach diesem Treffen rief ich meine Produzentin an und sagte ihr, ich hätte einen Mann mit ganz besonderen Händen gefunden, die nicht lügen. Aber es war seine gesamte Erscheinung, sie war sehr ehrlich. Ich bat ihn um ein kleines Vorsprechen, obwohl ich ihn mir schon in der Hauptrolle vorstellte. Nach mehreren Treffen und nachdem wir das Drehbuch zusammen mit seiner Familie gelesen hatten, sagte er zu.

DEADLINE: Dein Film ist der niederländische Beitrag für den Oscar in der Kategorie bester internationaler Spielfilm. Wie fühlt sich das an?

Bresser: Ja, wir freuen uns sehr. Es verschafft dem Film Aufmerksamkeit. Niederländer meiden oft niederländische Filme, daher hilft die Publicity. Cannes war wahrscheinlich wichtiger für den Erfolg des Films, die Oscar-Einreichung ist das i-Tüpfelchen. Wir machen uns aber keine Illusionen, dass wir in diesem amerikanischen System wirklich gute Chancen hätten. Aber wir werden sehen.

DEADLINE: Wie hat das Publikum bisher auf den Film reagiert?

Bresser: Sehr unterschiedlich. Manche lieben den Film, andere lehnen ihn ab. Manche fühlen sich sogar ein wenig beleidigt. Er spaltet die Gemüter, aber es ist sehr schön, die Diskussionen im Nachhinein zu verfolgen. Diese Frage der Schuld und die unterschiedlichen Interpretationen.

DEADLINE: Und wie hat die Reetbauer-Gemeinschaft reagiert?

Bresser: Wir haben den Film in Gerrits Dorf unter freiem Himmel auf dem Fußballplatz uraufgeführt. Er war nervös, weil ihn jeder kennt. Aber die Resonanz war überwältigend. Für die beiden Kinos der Region, die sonst nur kommerzielle Filme zeigen, war der Film nun der erfolgreichste des Jahres. Es ist etwas Besonderes, dass sich Menschen, die normalerweise keine Arthouse-Filme sehen, damit identifizieren konnten, weil sie sich darin wiedererkennen.

DEADLINE: Ohne zu viel zu verraten: War das Ende von Anfang an so geplant?

Bresser: Größtenteils ja. Frühe Drehbuchfassungen hatten ein etwas anderes, aber ähnlich ambivalentes Ende. Fast alle Versionen enthielten genau diese Einstellung, diese Weitwinkelaufnahme des Mannes, der dort steht und in die Natur schaut. Die Leinwand ist eine Projektionsfläche für eigene Ideen. Für mich ist es ein Moment, in dem man diese Kontamination spürt. Ich sprach von dieser Vergiftung eines Mannes, aber auch einer Landschaft und einer Umwelt. Ich denke, sie ist in diesem Moment sehr präsent. Man glaubt zunächst, die Natur sei wieder im Einklang und das Leben gehe weiter. Aber was er gesehen und durchgemacht hat, hat sein ganzes Leben geprägt, zum Beispiel auch alltägliche Dinge wie ein auf dem Fahrrad vorbeifahrendes Mädchen.

DEADLINE: Habt ihr alles vor Ort gedreht?

Bresser: Wir haben rund um das Naturschutzgebiet, in dem Gerrit lebt, und in mehreren nahe gelegenen Dörfern gedreht. Ich wollte von Anfang an diese räumliche Begrenzung. Ich wollte diese Gemeinschaft fast wie eine Nation mit eigener Flagge, eigenen Liedern und eigenen Ritualen darstellen. Menschen, die ihre Identität über dieses kleine Stück Land definieren, auf dem sie geboren wurden. Und dieser ganz besondere Ort kann zum Symbol für viele andere Orte auf der Welt werden. Das Wetter war entscheidend, deshalb haben wir einen flexiblen Drehplan entwickelt. Eine dunkle Wolke, heftiger Wind, schnell wechselndes Sonnenlicht können die Landschaft verändern. Völlig andere Farben sind genauso wichtig wie ein Schauspieler in einer Szene. Manchmal haben wir unsere Pläne eine halbe Stunde vor Drehbeginn geändert, je nach Wolken oder Wind. An manchen Tagen waren wir 30 Leute, an anderen nur zu dritt, immer auf der Jagd nach dem Sturm mit einer 16-mm-Kamera. Aber Gerrit kennt die Gegend so gut, weil er dort seit seiner Kindheit lebt. Er kann in den Himmel schauen und direkt sagen, ob sich das Wetter ändert oder nicht.

DEADLINE: Das passt für mich sehr gut, denn Johan erinnerte mich an einen erfahrenen Seemann, der sich in seinem Element auskennt und doch isoliert ist.

Bresser: Das kann ich nachvollziehen. Der Verfall von Gemeinschaft und Landschaft ist mit Einsamkeit verbunden. Und nachdem das Mädchen gefunden wurde, verschärft sich alles.

DEADLINE: Es gibt nicht viele Dialoge im Film. War das von Anfang an so geplant?

Bresser: Viele Dialogszenen wurden im Schnitt entfernt. Nicht, weil sie schlecht waren, sondern weil sie nicht mehr passten. Und die verbliebenen Dialoge sind in einem starken regionalen Dialekt, den ich nicht schreiben kann. Also hat Gerrit viel angepasst und improvisiert. Das Filmemachen war hier ein Balanceakt zwischen Kontrolle und Loslassen.

DEADLINE: Letzte Frage: Wie schaust du selbst Filme?

Bresser: Wenn ich einen Film drehe, vermeide ich es, zu viel zu sehen. Ansonsten schaue ich viele Filme und liebe Kinos. Sie sind einer der wenigen Orte heutzutage, an denen man nicht abgelenkt wird. Aber großartige Filmerlebnisse kann man auch zu Hause haben. Streamingdienste haben ihre Berechtigung, obwohl einige zu algorithmengesteuert sind.

Knobbe: Ich schaue meistens zu Hause. Und jetzt achte ich mehr auf technische Aspekte. Kontinuität, Schnitt und so weiter.

DEADLINE: Das war deine allererste Schauspielerfahrung, Gerrit. Wirst du weitermachen?

Knobbe: Sag niemals nie. Wenn er (zeigt auf Sven Bresser) fragt, sage ich Ja.

Regisseur Tim Fehlbaum im Interview

Tim Fehlbaum Porträt by Tom Ziora

Kurz vor seiner Masterclass im Rahmen des Festivals hatten wir die Gelegenheit, Regisseur Tim Fehlbaum zu interviewen. Nach seinen Filmen HELL (2011) und TIDES (2021) wurde der gebürtige Schweizer vor allem durch seinen Thriller SEPTEMBER 5 – THE DAY TERROR WENT LIVE (2024) bekannt. Der Film erzählt die Geschichte der Geiselnahme bei den Olympischen Spielen 1972 eindrücklich aus medialer Perspektive und brachte ihm den internationalen Durchbruch. SEPTEMBER 5 erhielt eine Oscar-Nominierung für das beste Originaldrehbuch (gemeinsam geschrieben von Tim Fehlbaum und Moritz Binder) und gewann neun Lolas beim Deutschen Filmpreis 2025, darunter für den besten Spielfilm und die beste Regie. Im Rahmen des IFFMH 2025 wurde Tim Fehlbaum mit dem Grand IFFMH Award ausgezeichnet. Die Jury würdigte damit Fehlbaums eigenständige, stilprägende Vision, die sich virtuos im Spannungsfeld des modernen Genrekinos bewegt und dabei stets die Macht der Bilder und mediale Reflexionen in den Fokus rückt. In der DEADLINE #29 könnt ihr auch ein Interview zu HELL finden.

DEADLINE: Du bist Regisseur und Drehbuchautor. Wenn du schreibst, hast du dann immer schon im Kopf, wie du das auch filmisch umsetzt, also zum Beispiel, wie praktikabel etwas ist, oder bist du da relativ frei?

Tim Fehlbaum: Das sind jetzt zwei Aspekte: Das eine sind produktionstechnische Fragen, also wie man das praktisch umsetzen kann, und das andere ist die Frage, ob man beim Schreiben schon die Inszenierung vor sich hat. Ich würde sagen, dass ich beides beim Schreiben schon stark mitdenke. Das ist gar nicht unbedingt ein Vorteil. Vielleicht sollte man sich beim Schreiben auf die Geschichte und die Charaktere fokussieren, aber ich kann das nicht ausblenden. Also die Fragen: Wie würde man das drehen? Wie würde ich das inszenieren? Welche Einstellungen sehe ich da? Ich muss mich dann auch immer eher bremsen, nicht zu viele Kameraanweisungen und inszenatorische Punkte mit aufzunehmen, weil das natürlich den Lesefluss bremst.

DEADLINE: Es gab eine lange Pause von zehn Jahren zwischen deinem Debüt und dem zweiten Film. Was war der Grund dafür?

Fehlbaum: Ja, das war eine lange Pause, und darauf bin ich auch nicht stolz. Da gab es mehrere Faktoren. Ich war wahrscheinlich ein bisschen überfordert und überwältigt von dem, was mit meinem Debütfilm HELL passiert ist, der ganzen Aufmerksamkeit. Dann hatte ich eine lange Orientierungsphase und habe lange gezögert und überlegt: Was soll ich als Nächstes machen? Und dann war TIDES in der Entwicklung, und das ging sehr lange, weil der Film auch sehr komplex vorzubereiten war mit der ganzen Wasserthematik. So sind dann die Jahre dahingegangen.

SEPTEMBER 5

DEADLINE: Dein Film SEPTEMBER 5 ist aus Perspektive der Reporter gedreht. Wann ist die Entscheidung gefallen, die Geschichte so zu erzählen?

Fehlbaum: Das ist relativ spät entstanden, und ich wünschte, ich könnte sagen, das wäre meine oder unsere geniale Idee gewesen. Aber das war wie so oft bei guten Ideen, dass sie aus einer Not heraus geboren wurde. Wir hatten ursprünglich geplant, den Film aus diversen Perspektiven zu erzählen: der Perspektive der Polizei, der Täter, der Opfer, der Angehörigen, der Politik. Die Medien waren nur eine von vielen Storylines. Es war ein sehr aufwendiger Film, auch wegen der historischen Komponente. Gleichzeitig habe ich auch ein bisschen ein ungutes Gefühl bekommen bei der Frage: Wer kann worüber eine Geschichte erzählen? Weil es auch um die Täterperspektive ging. Deswegen habe ich mir überlegt: Wie kann ich überhaupt etwas darüber erzählen innerhalb eines filmischen Kontextes? Über die komplexen politischen Verstrickungen, die diesem Tag vorausgegangen sind. Gleichzeitig war auch nicht klar, wie wir das überhaupt finanzieren können. Und dann kam irgendwann der Tag, an dem wir realisiert haben: Das wird nicht passieren. Eines Tages haben wir gesagt: Weißt du noch, als wir dieses Interview hatten mit dem Zeitzeugen, der in dem ABC-Control-Room war? Also der Sportredaktion, die an dem Tag den Wechsel von der Sport- zur Krisenberichterstattung vollziehen musste. Wir haben fast schon scherzhaft gesagt: Eigentlich könnten wir den Film nur dort spielen lassen. Das war so spannend, und das haben wir dann einfach ausprobiert, und es hat sofort sich richtig angefühlt.

DEADLINE: Ich fand das auch spannend. Ich habe mich zum Beispiel daran erinnert, wie die Berichterstattung am 11. September 2001 aussah. Das war ja eine Marathonleistung, was die da Journalisten da vollbracht haben. Deswegen fand ich deine Perspektive sehr interessant, denn das Thema hätte ja auch andere Ansätze erlaubt.

Fehlbaum: Das freut mich zu hören. Dieses Fernseherlebnis war wichtig für unsere Geschichte, weil es laut unserer Recherche das erste Mal war, dass im Live-Fernsehen so berichtet wurde. Hinzu kommt noch die Besonderheit, dass es keine Truppe von ausgebildeten Leuten war, sondern Sportjournalisten und Sportjournalistinnen, die diesen Wechsel machen mussten. Diese beiden Faktoren haben dazu geführt, dass es so ein interessanter Präzedenzfall ist. Anhand dessen kann man durch diese historische Linse reflektieren, wie wir heute Medien konsumieren und wie die Verbindung von Medien und Krisen ist. Wie darüber berichtet wird und was das für unsere Wahrnehmung geopolitischer Ereignisse bedeutet.

TIDES

DEADLINE: Im Film gibt es eine Szene, in der die Journalisten sich fragen: Dürfen wir live zeigen, wenn jemand erschossen wird? Das sind schwierige ethische Fragen, mit denen die Menschen in dieser Ausnahmesituation konfrontiert waren.

Fehlbaum: Genau das war uns wichtig. Auch vor dem Hintergrund einer tickenden Uhr, dass man in ein paar Minuten live gehen muss. Das war laut unserer Recherche absolut neu. Gleichzeitig gab es diese Diskussion darüber, wie viele bestätigte Quellen man braucht, bevor man etwas rauslässt. Das war ganz tragisch in München. Damals war es auch nicht die ABC, die das als Erstes verbreitet hat, sondern da wurden wirklich schon Zeitungen gedruckt mit der Falschmeldung (Anm.: Während des Polizeieinsatzes auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck, bei dem alle israelischen Geiseln ums Leben kamen, verbreiteten einige Medien fälschlicherweise die Nachricht, die Geiseln seien befreit worden). Insofern ein sehr tragischer Fall, dass Nachrichten zu schnell rausgelassen wurden. Das ist ein weiteres Thema, das im Film vorkommt und das bis heute aktuell ist. Es geht um den Zeitpunkt einer Veröffentlichung und das Wording. Welche Begriffe verwenden wir für diese Krise? Wie bezeichnen wir die Täter? Das ist alles höchst sensibel.

DEADLINE: Ich habe deine Dankesrede vom Deutschen Filmpreis gesehen. Du wurdest als Regisseur ausgezeichnet und hast zuerst deiner Crew gedankt. Du hast eine Anekdote erzählt, als du wegen Covid mal nicht direkt am Set sein konntest und trotzdem alles lief. Wie viel Eigenbrötler bist du und wie viel Teamplayer?

Fehlbaum: Ich glaube, das ist einfach ein Zeichen dafür, was für eine eingespielte Truppe wir auch sind. Die kennen mich natürlich alle. Für den Großteil war das der dritte Film, den wir gemeinsam gemacht haben. Der Editor Hans-Jörg Weisbrich etwa hat eine ganz entscheidende Rolle dabei gespielt, wie dieser Film schlussendlich wirkt. Er hatte ein sehr gutes Gespür dafür, inhaltlich das richtige Maß zu treffen. Es hat natürlich geholfen, dass man sich so gut kennt. Ansonsten, würde ich sagen, bin ich jemand, der sehr von der Teamarbeit und Kollaboration profitiert. Vielleicht würde die Crew was anderes sagen (lacht), aber ich denke, dass ich sehr kollaborativ und auf den Input von den unterschiedlichen Departments angewiesen bin. Ich habe zwar an allen meinen Drehbüchern mitgeschrieben, aber ich habe unglaubliche Angst vor dem weißen Papier. Moritz Binder, der Autor, mit dem ich jetzt SEPTEMBER 5 gemacht habe, schreibt halt einfach drauflos. Das ist ein tolles Beispiel, wo man sich so super ergänzt.

HELL

DEADLINE: Du fühlst dich ja scheinbar sehr wohl in deinem Genre. Kannst du dir auch vorstellen, mal komplett zu wechseln? Könnte es mal eine Komödie von dir geben?

Fehlbaum: Ich glaube, eine Komödie wird es nicht geben. Ich denke übrigens, dass Komödien das Allerschwierigste sind. Das ist die Königsdisziplin. Das würde ich mir sozusagen auch nicht zutrauen. Ich sehe mich schon im Spannungskino verortet. Mich haben die Recherche und die Arbeit an einem Stoff, der auf einer historischen Begebenheit basiert, sehr erfüllt. Auf der anderen Seite hatten wir uns auch bei SEPTEMBER 5 von Anfang an gesagt: Wir wollen, dass es ein historischer Film ist, aber wir wollen es angehen wie einen Heist-Film, also auch ein ganz bestimmtes Genre. Nur dass in diesem Fall eben unsere Truppe nicht auf der Jagd nach einem Schatz oder Geld ist.

DEADLINE: Gerade aufgrund der Themen in deinen Filmen, aber auch generell: Findest du, Filmemacher haben eine Verantwortung, gesellschaftlich wichtige Themen zu behandeln? Also nicht nur zu unterhalten, sondern auch wie eine Art Brennglas zu funktionieren? Schaut mal: Das läuft falsch.

Fehlbaum: Das ist eine gute Frage. Ich glaube, man kann das nicht so pauschal beantworten. Ich finde zum Beispiel, Eskapismus zu bieten, eine gute Komödie und Unterhaltung zu bieten, ist etwas, das wir als Gesellschaft brauchen. Ich finde aber auch, dass es durchaus in der Verantwortung von Filmemachern und Filmemacherinnen liegen kann, wichtige Fragen zu thematisieren. Ich glaube, wenn dich ein Thema selbst beschäftigt, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass es auch die Gesellschaft beschäftigt. Deshalb glaube ich immer, dass man etwas machen muss, das von Herzen kommt. Das ist so das Allerwichtigste. Das kann aber auch bedeuten: Ich will einen Film machen, der unterhält. Der in diesen turbulenten Zeiten, in denen wir leben, einfach nur eine Form von Eskapismus ist. Aber es ist eben genauso wichtig, dass es Filme gibt, die zur Reflexion anregen. Ich glaube, es ist schwer, als Filmemacher einfach eine Antwort zu geben. Ich finde es immer spannender, wenn Filme, anstatt klare Antworten zu geben, eher versuchen, Fragen aufzuwerfen und zur Diskussion anzuregen.

DEADLINE: Wie konsumierst du denn Filme? Schaust du ausschließlich auf dem Big Screen im Kino oder bist du auch ein Fan von Streaming?

Fehlbaum: Ich konsumiere grundsätzlich sehr viel und ich liebe es, Filme zu schauen. Und ich liebe es vor allem, Filme mehrmals zu schauen. Manchmal schaue ich einen Film zum fünften, zwanzigsten oder sogar fünfzigsten Mal, und ich entdecke etwas Neues. Genau das liebe ich. Ich versuche natürlich immer, möglichst viele Filme im Kino zu sehen, und ich liebe auch Retrospektiven. Es geht aber gar nicht nur um die Größe der Leinwand und das Bild, sondern um den Ton. Das ist oft ein unterschätzter Punkt. Ton ist für mich absolut entscheidend dafür, wie immersiv ein Film ist. Das kann einen Film sehr viel dreidimensionaler machen als jede 3D-Gestaltung oder so. Deshalb ist bei mir auch die Größe des Bildschirms privat gar nicht so wichtig, sondern, dass ich dann mit Kopfhörern schaue. Dann wird man auch richtig reingesogen.

DEADLINE: Arbeitest du schon am nächsten Projekt oder machst du erst mal Pause?

Fehlbaum: Ich arbeite tatsächlich wieder an etwas. In einer ähnlichen Konstellation mit Moritz Binder als Autor und Thomas Wöbke und Philipp Trauer als Produzenten.

DEADLINE. Okay, dann dürfen wir gespannt bleiben. Danke für deine Zeit.

Tim Fehlbaum und Jessica

Das IFFMH: ein Festival der Begegnung und wichtiger Impulsgeber der Branche

Über die reinen Filmvorführungen hinaus bot das IFFMH 2025 eine Fülle von Veranstaltungen: Zahlreiche Filmgespräche ermöglichten den direkten Austausch zwischen Publikum und internationalen Filmgästen. Das Cutting Edge Talent Camp startete in seine sechste Ausgabe und unterstützte den Filmnachwuchs. Das Junge Filmfest lud Kinder und Jugendliche zur Entdeckung der Welt im Kino ein. Mit seinem breiten Spektrum, dem klaren Fokus auf Debütwerke und der Stärkung des Dokumentarfilms unterstrich das 74. Internationale Filmfestival Mannheim–Heidelberg seine zentrale Rolle als Impulsgeber und Vernetzungsplattform für die Zukunft des internationalen Kinos.

Weitere Infos unter: https://www.iffmh.de/

Texte und Interviews von Jessica Wittmann-Naun

INTERNATIONALES FILMFESTIVAL MANNHEIM-HEIDELBERG 2025