Hier erhältlich als E-Paper
Warenkorb

INTERVIEW MIT DEV PATEL UND JORDAN PEELE ZU MONKEY MAN

DER MANN, DER SICH NIEMALS HINSETZT

 

AUSTIN, TEXAS – MARCH 11: Dev Patel speaks on stage as Universal Pictures presents the SXSW premiere of „Monkey Man“ at The Paramount Theater on March 11, 2024 in Austin, Texas. (Photo by Roger Kisby/Getty Images for Universal Pictures)

Es ist MONKEY MAN anzumerken, dass Regisseur, Co-Autor und Hauptdarsteller Dev Patel viel Herzblut in sein Regiedebüt gesteckt hat. Dasselbe Feuer ist auch beim Gespräch mit dem 33-jährigen Briten indischer Herkunft zu spüren. War er bisher vor allem in (preisgekrönten) Dramen zu sehen (u. a. SLUMDOG MILLIONÄR, LION), ist MONKEY MAN ein Actionkracher in bester JOHN WICK-Manier – was nicht ganz zufällig ist, wie Patel und Produzent Jordan Peele (Regisseur von GET OUT, WIR und NOPE) im Interview in London erzählen.

 

DEADLINE: Dev, du wolltest mit MONKEY MAN auch deinen indischen Wurzeln Tribut zollen. Wie hart war das, weil du dich nicht für ein Drama oder eine Culture-Clash-Komödie entschieden hast, sondern für einen kompromisslosen Actionfilm?

 

DEV PATEL: Es war hart! (lacht) Ich glaube, es war die bisher größte Herausforderung meines Lebens. Ich wollte etwas über die indische Kultur machen, aber nicht zum bloßen Selbstzweck. MONKEY MAN ist wie ein trojanisches Pferd, ich wollte ein Publikum erreichen, das ich normalweise nicht erreiche, und Themen ansprechen, die ihm vielleicht unbekannt sind, wie Politik und Religion oder Gewalt gegen Frauen, das Kastensystem und so weiter. Und ich wollte das Ganze in einen Genrefilm verpacken. Zugleich wollte ich auch, dass angeschnittene Themen und Motive vielleicht auf Interesse stoßen und sich die ZuschauerInnen mehr dafür interessieren.

 

DEADLINE: Als ein Motiv hast du die Geschichte des Gottes Hanuman (ein Muskelmann mit Affenkopf, Anm.) gewählt. Was hat dich daran fasziniert?

 

DEV PATEL: Er ist eine der coolsten Figuren der indischen Mythologie. Als ich Kind war, trug mein Vater diese Kette mit Hanuman. Ich hab ihn immer gefragt: „Was ist das?“, und er meinte: „Warte, bis dein Großvater zurückkommt, er wird dir davon erzählen.“ Mein Großvater war dieser fantastische Geschichtenerzähler, er erzählte mir von epischen Mythen, und diese Figur stach für mich immer heraus. Wenn du in irgendein Fitnessstudio in den Slums von Mumbai oder sonst wo in Indien gehst, hängen da Bilder von Arnold Schwarzenegger, Ronnie Coleman und eben Hanuman. (lacht) Er ist für viele junge Männer eine Ikone.

 

DEADLINE: Jordan, du hast bereits einige Filme und Serien produziert, vor allem auch die, die du selbst inszeniert hast. Was hat dich an Devs Film interessiert, und ab welchem Stadium warst du involviert?

 

JORDAN PEELE: Dev hatte bereits einen umfangreichen Dreh hinter sich und war zu 90 Prozent mit dem Schnitt fertig, zumindest fühlte es sich so an. Wir hatten uns noch nie getroffen, aber ich wollte unbedingt mal mit ihm arbeiten. Er ist auf mich zugekommen und meinte: „Ich weiß nicht, wie ich den Film fertigstellen soll.“ Als Regiedebütant war ihm nicht klar, wie viel von all dem, was er erzählen wollte, für ZuschauerInnen beim Erstkontakt verständlich ist. Beim Schnitt ist man so involviert, dass man irgendwann mit all dem, was man reingesteckt hat, entnervt nicht mehr weiterweiß. Ich sah mir diesen Film an und wurde weggeblasen. Und zugleich merkte ich, dass Dev eine freie Startbahn brauchte, um den Film dahin zu bekommen, wo er sein sollte. Und das war die perfekte Stelle, um mit meiner Produktionsfirma Monkeypaw Productions einzusteigen und zu helfen.

 

DEADLINE: Dev, du hattest schon lange vor dem Film Kampfsporterfahrung, richtig?

 

DEV PATEL: Als ich aufgewachsen bin, hab ich Kampfsportarten gelernt, Taekwondo und Karate. Aber das ging alles verloren, weil ich es jahrelang nicht mehr trainiert hatte. Aber meine Muskeln erinnerten sich daran, und alles war wieder da, als ich begann, mit den Stuntleuten zu trainieren. Der Stil, den ich im Film kämpfe, ist ein ursprünglicher, sehr brutaler Nahkampf, nichts Angeberisches. Ein Stil, der sich eignet, wenn du mit Handschellen gefesselt bist und ein Irrer mit einer Axt ist hinter dir her ist. Was würdest du tun? Beißen, Kratzen, Spucken, alles, was nötig ist, um zu überleben.

 

DEADLINE: Und wie schwer war das, wenn du zugleich schauspielern und Regie führen musstest? Und zusätzlich noch körperlich in Form bleiben?

 

DEV PATEL: Hart, sehr hart. Der Tag hatte nicht genug Stunden für mich.

 

JORDAN PEELE: Du bliebst an diesem Punkt vermutlich schon alleine durchs Existieren in Form. (beide lachen)

 

DEV PATEL: Ja, alleine durch das Adrenalin und das ganze Chaos. Einfach gesagt: Ich glaube, mein Hintern hat monatelang am Set niemals einen Sessel berührt. (lacht)

 

DEADLINE: Es gibt ein paar nette Referenzen zu den JOHN WICK-Filmen in MONKEY MAN, und auch einige aus dem Team sind bei beiden Filmen dabei gewesen. Kann man diese Hinweise im Film als vorauseilende, humorvolle Vorsichtsmaßnahme sehen für einen Vergleich, der sicher kommen wird?

 

DEV PATEL: In der westlichen Kultur ist JOHN WICK eine Referenz, an der ich schon alleine deshalb nicht vorbeikomme, weil ein Typ in einem Anzug Rache sucht. Dabei ist das die einzige Gemeinsamkeit, auch wenn JOHN WICK ein fantastischer Film ist. Ich traf Chad Stahelski, er ist ein netter, großzügiger Kerl, und ich bin ein großer Fan seiner Filme. Ich wollte mich über dieses große Phänomen ein wenig lustig machen, weil es sich nicht vermeiden lässt. Aber der größte Einfluss für mich war das koreanische oder indonesische Kino wie THE RAID.

 

DEADLINE: Der Held des Films, Kid, erhält Hilfe von einer Gruppe namens Hirjas, in der sich auch transsexuelle Kämpferinnen befinden, die auch von transsexuellen Schauspielerinnen gespielt werden. Ich finde das in einem eher konservativen Genre großartig und wichtig, auch Randgruppen in den Fokus zu stellen. War das die Intention dahinter?

 

DEV PATEL: Ich wusste anfangs gar nicht, ob ich einen Actionfilm mache. Dennoch kann das kreative Genre in gewisser Hinsicht erstaunlich unkreativ sein. Ich hab mir einfach vorgestellt, was ich auf der Leinwand sehen möchte. Und da gibt es keine Limits oder Einschränkungen. Was diese Community betrifft: MONKEY MAN ist die Geschichte von Underdogs. Ob es der 1,20 Meter große Alphonso ist, der humpelt, aber dennoch ein Hustler mit schnellem Mundwerk ist, oder Kid, der sprichwörtlich ein Affe in einem Boxring ist. Oder eben die Hirjas, die in der Geschichte des Films an den gesellschaftlichen Rand gedrängt werden. Alle diese Underdogs kommen zusammen, um für das Gute zu kämpfen. Und ja, es war tatsächlich nicht so einfach, LGBTQ+-SchauspielerInnen zu finden. Wir haben während der Pandemie einen Aufruf über die sozialen Medien gemacht und konnten ein, zwei Darstellerinnen in Indonesien casten, bevor die Grenzen geschlossen wurden. Mit ihnen zu arbeiten war eine großartige Erfahrung.

 

DEADLINE: MONKEY MAN erzählt auch davon, dass sich die Mächtigen aus Politik, Exekutive und Religion zusammenschließen, um die Armen zu unterdrücken. Das ist ein sehr universelles Thema, warum war es euch wichtig, das zu erzählen?

 

DEV PATEL: Im Kern ist MONKEY MAN ein Rachefilm über Glauben. Glaube kann viel bewegen, er kann den Massen Hoffnung geben, aber es kann auch zu Konflikten kommen. Mit solchen mächtigen Werkzeugen ist es umso wichtiger, sehr vorsichtig umzugehen.

 

DEADLINE: Zugleich habt ihr euch dazu entschlossen, die Geschichte in einer anonymen indischen Großstadt zu erzählen, obwohl es überall, auch im Westen, genug Städte gibt, wo Arm und Reich Tür an Tür leben.

 

DEV PATEL: Ich glaube, du hast das selbst gerade beantwortet, denn MONKEY MAN ist nicht nur eine indische Geschichte. Als Jordan und ich uns zum ersten Mal zusammengesetzt haben, haben wir darüber gesprochen, dass es auch in Amerika schlimme Fälle von Korruption und Polizeigewalt gibt. Die Themen, die wir ansprechen, sind global. Es an eine bestimmte Postleitzahl zu heften hätte ich als Einschränkung empfunden, es ist eine überhöhte Erzählung.

 

JORDAN PEELE: Diesen überhöhten Stil bewundere ich sehr an Devs Film. Mich erinnert er an einige meiner Lieblingsfilme aus den 80ern und 90ern. Filme, deren Titel prinzipiell nur aus Großbuchstaben bestanden. Sie erschufen ihre eigene Welt und überschritten Grenzen darin.

 

AUSTIN, TEXAS – MARCH 11: Jordan Peele speaks on stage as Universal Pictures presents the SXSW premiere of „Monkey Man“ at The Paramount Theater on March 11, 2024 in Austin, Texas. (Photo by Roger Kisby/Getty Images for Universal Pictures)

 

DEV PATEL: Der Name der Stadt leitet sich aus dem indischen Wort für Fegefeuer ab, was auch sehr passend ist.

 

DEADLINE: Ursprünglich hätte MONKEY MAN bei einem Streamer veröffentlicht werden sollen, nun kommt er doch in die Kinos. Wie wichtig war euch das?

 

DEV PATEL: Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben, dass mein Film jemals auf der großen Leinwand laufen würde. Dann kam Jordan ins Spiel. Wir haben ihm MONKEY MAN zeigen können, und Jordan schaut wirklich sehr viele Filme an. Im Anschluss haben wir telefoniert, und es war großartig, dass ein Autorenfilmer und Kinogigant wie er seine Zeit in meinen ersten Spielfilm als Regisseur investierte. Ich fühlte mich wie eine Kaulquappe, die einem Weißen Hai gegenübersteht. Er war der Erste, der mich gefragt hat, wie der Prozess des Drehens für mich als Mensch gewesen sei. Ihm dabei zuzuhören, wie er mit mir über meinen Film redete, war für mich wie ein Traum, der real wurde. Und er meinte ganz bescheiden: „Ich habe deinen Film Universal gezeigt, und sie werden einsteigen.“ Ich konnte mein Glück kaum fassen. Dass er seinen ganzen Einfluss geltend gemacht hat und etwas von seiner Strahlkraft auf mich hat scheinen lassen, hat den Weg meines Films entscheidend geprägt.

 

JORDAN PEELE: Abschließend möchte ich hinzufügen, dass ich Dev über alles respektiere und er eigentlich schon Filme gemacht hat, lange bevor ich damit begonnen habe. Und diese Erfahrung zeigt sein Regiedebüt. Alle Filme enden irgendwann im Streaming. Aber es gibt bestimmte Filme, bei denen es das Publikum verdient, sie mit einem Haufen Menschen gemeinsam zu sehen. MONKEY MAN ist so ein Film. Und alle, die daran beteiligt waren, werden dem zustimmen.

 

Interview geführt von Patrick Winkler

 

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

INTERVIEW MIT DEV PATEL UND JORDAN PEELE ZU MONKEY MAN