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Interview mit Klaus Lemke

Klaus Lemke Special

Klaus Lemke – ein unerschütterlicher Fels in der Brandung des deutschen Kinos. Seit über 40 Jahren macht er Filme, hat Stars und Sternchen wie Thomas Kretschmann, Dolly Dollar oder Cleo Kretschmer entdeckt. Trotz seiner 71 Jahre ist er vermutlich der jüngste Filmemacher Deutschlands: Seine Filme erzählen von sympathischen Losern, die sich durchs Leben kämpfen und sich, wenn es sein muss, dabei gegenseitig auf die Füße treten. Auf der VIENNALE 2011 war er mit 3 KREUZE FÜR EINEN BESTSELLER zu Gast, in dem die junge Autorin Tini ihren Freund auf Sexentzug setzt und nach Fuerteventura reist, um dort ihren ersten großen Roman zu schreiben. Aber es kommt – wie immer bei Lemke – alles anders. Beim Gespräch am Tag nach der Premiere war Klaus in absoluter Plauderlaune – eine Stunde mit dem Meister, hier in (fast) ungekürzter Länge:

Lemke Special

Klaus Lemke:
Florian, ich lese keine Interviews gegen, du kannst machen, was du willst! Ich hasse das! Das ist dein Interview und nicht meins.

 

 

DEADLINE:

Aber du machst schließlich auch mit.

 

 

Klaus Lemke:
Ja, richtig, aber wenn das nicht deine Sicht ist, ist das vollkommen, äh … Die Leute wollen eigentlich … na, du weißt ja Bescheid!

 

 

DEADLINE:

Klaus, du hast gestern erzählt, dass bei dir am Set strenges Essverbot herrscht. Wo seid ihr gestern nach der Premiere noch hin?

 

 

Klaus Lemke:

Ich konnte die Mannschaft gerade davon abhalten, eine Einladung des Festivals anzunehmen, irgendwo ein Riesending zu essen. Als Kompromiss sind wir da hin, wo ich, wenn überhaupt, hingehe: McDonald’s. Ich meine, was ist besser als das?

 

 

DEADLINE:

Burger King?

 

 

Klaus Lemke:

Also ich finde, beim Burger King ist der ganz einfache Hamburger besser, das andere ist wiederum zu barock. Also wenn alles fünffach ist. Das Allerbeste, was ich je gesehen habe, war in AMERICAN GANGSTER, wie sich der Hauptdarsteller selbst einen Hamburger macht und den dann von oben so zusammendrückt.

 

 

DEADLINE:

Ich habe gehört, du bist ein großer Fan von Ridley und Tony Scott.

 

 

Klaus Lemke:

Das ist für mich das moderne Kino. Wie etwa UNSTOPPABLE. Da weiß man nicht mehr als die Hauptperson, und wenn man in einen Raum kommt, ist es so wie im Leben: Man hat keine Ahnung, wo der Böse sitzt. Ein normaler Film, so aus dem 18. Jahrhundert, funktioniert nach der klassischen Dramaturgie: Ein Autor, der liebe Gott, steuert von oben alles. In modernen Filmen geht es um das subjektive Erleben der Leute. Und wenn man etwas subjektiv erlebt, dann weiß man nicht, wer der Böse im Raum ist. Das muss man erst mal rauskriegen. Und das ist modernes Kino.

 

 

DEADLINE:

Du hast nach 3 KREUZE FÜR EINEN BESTSELLER, der hier in Wien zu sehen ist, bereits einen weiteren Film gedreht, und zwar in Berlin!

 

 

Klaus Lemke:

Genau, BERLIN FÜR HELDEN. Ich habe diese Stadt 40 Jahre lang nicht mehr betreten, weil ich nichts an ihr ausstehen konnte. Ich war zum Beispiel vor ROCKER niemals in Hamburg und habe ROCKER gedreht ohne jede Ahnung und war weitgehend auch betrunken – sonst geht das gar nicht, mit Rockern und in einer fremden Stadt. In Berlin war ich natürlich weniger betrunken. Und jetzt war es das Größte für mich: Berlin ist wie Barcelona vor 10 Jahren: alles kaputt, alle auf Drogen, alles auf Subvention, alles balla-balla. Berlin ist das, was ich für die modernste Reaktion auf diese Welt halte: Alles, was wir machen, endet in einer Katastrophe. Und es gibt nur eine Rettung: nicht nach den Gründen für die Katastrophe suchen, sondern sich in die nächste, größere Katastrophe retten. Also nicht in die kleinere und nachgeben, denn dann ist man verloren. Das kann man alles wunderbar am amerikanischen Kino lernen. Das ist die Philosophie von Ridley Scott und auch von Soderbergh, obwohl der neue Film so scheiße ist.

 

 

DEADLINE:

CONTAGION?

 

 

Klaus Lemke:

Ja, furchtbar. Einer meiner Lieblingsfilme ist selbstverständlich TRAFFIC. Ich meine, das ist ein Super-Meisterwerk. Ich weiß auch nicht, warum der heute so einen Quatsch macht, keine Ahnung.

 

 

DEADLINE:

Er will ja eh aufhören.

 

 

Klaus Lemke:

Das redet er schon seit fünf Jahren, der soll mal aufhören.

 

 

DEADLINE:

Aber du hast doch sicher auch THE GIRLFRIEND EXPERIENCE gesehen – der hat mich ja fast auch ein bisschen an deine Filme erinnert.

 

 

Klaus Lemke:

Ja. (kurze Pause) Es ist so furchtbar bei Soderbergh, TRAFFIC ist einfach so genial! Wie dieser Film auseinanderfällt, wie dieser Film immer gerade so wieder die Kurve kriegt, und genau das ist es, was einen immer wieder reinzieht. Plötzlich versteht man, was es bedeutet, wenn der Oberstaatsanwalt bei der Drogenbekämpfung eine Tochter hat, die auf Drogen ist. Denn gewöhnlich ist es so: In Deutschland wird das behauptet, und dann ziehen die so ein Gesicht, sagen fünf Sätze, und dann ist das abgehakt – das wird immer nur so wie Werbung, weißt du. Ganz selbstverständlich hat in Deutschland der Oberstaatsanwalt eine Tochter, die auch mal Marihuana nimmt. Aber es ist einem vollkommen egal. Und bei TRAFFIC ist einem das nicht egal. Besonders wo dieses Kindchen mit diesem Neger da so rumfickt, das ist so unglaublich, und wie der Vater dazukommt, und plötzlich versteht man das alles wirklich. Das ist das, worum es geht.

 

 

DEADLINE:

Einer der Wenigen im deutschen Kino, die du magst, ist Dominik Graf.

 

 

Klaus Lemke:

Der ist ein Wahnsinn! Sein Geheimnis ist, dass er der Einzige ist, der nicht gefressen wird von diesem unfassbaren Apparat von Catering und Schienen und Kameras. Dominik kann diesen Apparat beherrschen, als hätte er eine 8mm-Kamera in der Hand. Er ist eine echte Autorität: Bei ihm traut sich keine Maskenbildnerin dazwischenzugehen und ein bisschen an den Haaren zu zupfen. Normalerweise geht jeder Tonmann noch mal hin und zieht am BH, damit der Ton stimmt. Und das alles, während das Entscheidende geschieht, nämlich dass man diese armen Schauspieler zu irgendwas bringt. Bei Dominik ist so was überhaupt nicht drin. Und ich hab auch gehört, dass er alles tut, um die Mittagspause ausfallen zu lassen, denn wenn man eine Mittagspause macht, braucht man nicht weiterdrehen. Total sinnlos. Das ist so, als wenn man zu Weihnachten zu den Eltern fährt und sagt: Diesmal will ich aber nicht so viel essen. Beim Film fressen die Leute, weil sie frustriert und fertig sind. Und weil sie längst in dieses Massengrab allerbester Absichten gehören, wo sie auch alle landen werden.

 

 

 

 

DEADLINE:

Du hast auch mal bei Dominik mitgespielt, in einem Polizeiruf!

 

 

Klaus Lemke:

Ja, das war fantastisch. Einen Drogendealer, das ist eine seiner Lieblingsszenen, die in seinen Büchern auch immer wieder vorkommt. Aber ich kann mich gar nicht mehr so wirklich daran erinnern.

 

 

DEADLINE:

Ein anderer, mit dem du auch mal gearbeitet hast, war Rainer Knepperges in DIE QUEREINSTEIGERINNEN.

 

 

Klaus Lemke:

Das hab ich auch gerne gemacht, der hat mich für einen Tag eingeladen, da hinzukommen. Die Rolle fällt auch vollkommen raus, weil ich mich nicht informiert habe, worum es in dem Film geht, und ich habe einfach mal eine halbe Stunde losgelegt – und dann hat das einfach gepasst. Dass da plötzlich einer in den Film hineinkommt – das machen die Amerikaner ja laufend, so als würde er den Film umwerfen. Natürlich darf der Film dann nicht umgeworfen werden. Da kommt plötzlich jemand und macht etwas ganz Konträres zu dem, was gerade passiert ist. In meinem Film hier, 3 KREUZE FÜR EINEN BESTSELLER, ist das dieser Bayer, dieser Franz, der plötzlich mit seiner ganz anderen Art als meiner oder der der beiden Helden für 10 Minuten so etwas „Normales“ in diese merkwürdige Geschichte reinbringt, die eigentlich nur damit losgeht, dass die kleine Schlampe ihn einfach auf Sexentzug setzt. Und das macht sie, weil ihr sonst nichts einfällt. Ihr fällt weder etwas zu ihrem Roman, ihrer Geschichte ein – mir fällt ja ihre Geschichte ein, und die klaut sie mir dann –, es ist zwar ihre eigene, aber ihr fällt gar nichts ein, außer dass sie den Typ auf Sexentzug setzt, und das hilft. Wenn man jemanden auf Sexentzug setzt, kann es sogar so weit gehen, dass der nicht mal die Wahrheit ausplaudert und dann dafür stirbt. So mächtig ist diese Waffe, und das zeigt dieser Film.

 

 

DEADLINE:

Der beginnt, wenn ich mich richtig erinnere, in Hamburg …

 

 

Klaus Lemke:

Er beginnt im Vorspann auf Fuerteventura … ich sage das ja auch mal im Laufe des Films: „Film ist, wenn man etwas ahnt, lange bevor man es weiß, sodass der Zuschauer den Eindruck bekommt, dass es seine Vorahnungen sind, die die Handlung herbeiziehen“ – Wenn das passiert, ist das Meisterwerk da. Das zu erreichen ist mir oder irgendwelchen anderen Leuten ganz selten gelungen. Es geht nur darum, dass der Zuschauer etwas sieht und: „Oh, ich hätte gerne, dass die jetzt gefickt wird – aber nein, besser nicht!“ Und dann sieht er plötzlich, dass die tatsächlich gefickt wird. Ich will das nur als drastisches Beispiel bringen, aber das ist das, warum wir ins Kino gehen. Wir gehen nicht ins Kino, um irgendwelche Antworten zu bekommen oder klüger zu werden, sondern um zu einer besseren Selbsteinschätzung zu gelangen. Im Kino können die Zuschauer eine Zeit lang im Kopf eines ganz anderen Menschen leben – mit ihm entscheiden oder ihn kritisieren –, sie leben aber im Kopf dieser Person. Und nach dem Film lebt man noch ein bisschen so wie Belmondo in AUSSER ATEM, aber dann geht man wieder zurück in sich selbst … reinstes Voodoo. Plötzlich ist man etwas befreiter und sieht die Dinge spielerischer, was auch der einzige Weg ist, die Dinge zu sehen.

 

 

DEADLINE:

Du hast von der Flucht in die größere Katastrophe gesprochen. Worin liegt die für dich in dem Film?

 

 

Klaus Lemke:

Also Tini, diese kleine Schlampe aus Hamburg, ist ein Mädchen, das so ein bisschen auf Model macht, aber alles bei ihr ist Fake. Man würde 100-prozentig sagen, dass die es nicht schafft, dass die gar nichts schafft. Aber sie macht trotzdem weiter. Sie ist in ihrem Umgang mit der Welt einfach kreativ, obwohl sie keine Begabung hat … Also man sagt mir ja oft: Lemke, Sie haben ja Leute … – Ich finde, die Frauen, die ich zeige, sind schwer missbrauchsanfällig. Aber ich sage mir immer, besser eine Frau ist missbrauchsanfällig, als dass sie für überhaupt nichts zu gebrauchen ist! Das gibt dir jetzt ein paar gute Worte …

 

 

DEADLINE:

Super!

 

 

Klaus Lemke:

Das ist ‘ne gute Überschrift: Lieber missbrauchsanfällig als für überhaupt nichts zu gebrauchen. Aber das ist die Wahrheit. Wir werden alle zu Industrieschrott im Laufe der Zeit, das kann man auch nicht ändern, aber man muss sich da nur ein bisschen dagegen wehren.

 

 

DEADLINE:

Super! Woher kriegst du diese Frauen eigentlich immer für deine Filme? Saralisa hat ja, glaub ich, bei H&M gearbeitet.

 

 

Klaus Lemke:

Ja, die war dort Verkäuferin. Und Tini hat in einem Musikstudio als Sekretärin gearbeitet. Aber jetzt ganz ehrlich: Es geht nicht um das Aussehen! Das klingt jetzt absurd, deshalb erzähl ich es lieber andersrum: Thomas Kretschmann, mit dem ich DIE RATTE, ein schlechtes Remake von ROCKER, gedreht hab, ist mit dem Film nach Amerika gegangen. Eines Tages ruft er mich an und sagt: „Lemke, pass auf, das ist totaler Wahnsinn – Polanski hat eben angerufen, und ich nur: Soll ich dir Bilder nach Paris schicken, und er hat gesagt, ich soll auf einem Tape irgendwas aus der Zeitung vorlesen und er würde sich alleine aufgrund der Stimme entscheiden, welches Bild das in ihm macht.“ Tatsächlich ist das aber die älteste Art, Leute zu besetzen. Orson Welles hat schon mal gesagt, wenn etwas gut klingt, dann sieht es auch gut aus. Und das ist die ganze Wahrheit. Film ist lediglich, wie deNiro in CASINO den Spießer spielt, der keiner sein will. Und das ist alles in der Stimme. Wir sehen alle mehr oder weniger gleich aus – was uns unterscheidet, ist der Subtext, den unsere Sprache dem anderen vermittelt, ohne dass der etwas dagegen machen kann, und bei Film geht es nur darum. Du findest, ein Mädchen sieht ganz geil aus, mit riesig dicken Möpsen – ja, wenn sie nur die Stimme wie die Möpse hat! Die Bilder sind nur die schönen Lügen, die wir uns vormachen. Der Subtext durch die Stimme – das ist amerikanischer Film. Es zählt nur das und nicht, wie man aussieht.

 

 

DEADLINE:

Da ist es aber interessant, dass du eigentlich nur mit sehr jungen Menschen arbeitest, bei denen ist die Stimme …

 

 

Klaus Lemke:

… noch gar nicht trainiert. Ganz genau! In 3 KREUZE… verrät der Teenager so viel mehr über den Zustand, in dem er ist, in dem, was er nicht sagt, oder indem er es falsch sagt, aber das ist alles vollkommen live. Deswegen mache ich Filme meistens mit Leuten unter 27, weil da die Gegensätze noch unvermittelt aufeinanderprallen. Aber ich kann und will mir auch gar keine anderen leisten. Niemand über 27 will mit mir so einen Unsinn machen, das geht nur mit jungen Leuten.

Klaus Lemke Special