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INTERVIEW MIT MARVIN KREN ZU 4 BLOCKS

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INTEGRATION IST ALLES!

Interview mit Marvin Kren – 4 BLOCKS

 

Der Österreicher Marvin Kren studierte an der Hamburg Media School Regie, bevor er 2010 mit RAMMBOCK nicht nur seinen Langfilm-, sondern auch seinen überzeugenden Genre-Einstand ablieferte. Mittlerweile hat der sympathische 37-Jährige bereits drei Folgen der Fernsehinstitution TATORT auf dem Kerbholz und lieferte mit 4 BLOCKS – wo er am Drehbuch mitschrieb und alle (!) Folgen der ersten Staffel inszenierte – eine der aktuell besten deutschen Serien ab, die sich gekonnt zwischen Gangster-Fiction und Realität ansiedelt.

Eye See Movies bringt die Serie am 8. Dezember als DVD/BD und auch als Steelbook-Version. Dort könnt ihr im Bonus-Material noch ein anderes Video-Interview mit Marvin Kren von uns finden.

Wir sprachen mit Marvin über die Dreharbeiten im „Problembezirk“ Berlin-Neukölln, die Bedeutung von Integration und darüber, warum Horror für ihn ein wichtiges Genre geblieben ist. Zunächst eröffnet der Interviewte aber das Gespräch gleich selbst:

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MARVIN KREN: Und du schreibst für die DEADLINE?

 

DEADLINE: Ja, schon seit sechs Jahren.

 

MARVIN KREN: Ich liebe die DEADLINE!

 

DEADLINE: Das freut uns natürlich, du bist also auch einer unserer Leser?

 

MARVIN KREN: Ja, zu meiner Horrorhochphase mit RAMMBOCK und BLUTGLETSCHER wart ihr ein enorm wichtiger Recherchepool für mich, um zu sehen, was andere Regisseure machen. Aber hast du auch das Gefühl, dass Horror- und Science-Fiction-Filme in der Zeit von 2008 bis 2013 stärker waren, als sie es jetzt sind? Also jetzt kommt wieder viel Großes auf uns zu, aber ich meine, eher im kleineren Bereich, da war die damalige Zeit aufregender, oder nicht?

 

DEADLINE: Ich sehe eher um die Jahrtausendwende eine große Veränderung als zuletzt, wo extrem brutale Filme wie z. B. HIGH TENSION plötzlich zu einer Art Norm wurden. Aber lass uns mal über 4 BLOCKS reden, die Serie hab ich vor Kurzem für mich entdeckt, weil ich in der Nähe der Gegend in Berlin-Neukölln lebe, wo sie spielt. Erzähl doch mal, wie und ab wann du zu dem Projekt gekommen bist.

 

MARVIN KREN: Die Idee stammte von Quirin Berg, einem Tausendsassa-Produzenten von Wiedemann & Berg, der u. a. für DAS LEBEN DER ANDEREN und die neue Netflix-Serie DARK verantwortlich ist. Er hat mich durch meine Horrorfilme und die TATORTE, die ich inszeniert habe, entdeckt und mir dann einen Tatort als so eine Art Bewährungsprobe gegeben. Danach habe ich einen Eventfilm für Sat.1, MORDKOMMISSION BERLIN 1, für ihn inszeniert, und da das sehr gut lief, meinte er darauf: „Ich habe etwas Heikleres für dich namens 4 BLOCKS, wo es um arabische Familienklans in Berlin-Neukölln geht, hättest du da generell Interesse?“ Als ich das Thema hörte, „Gangster, Echtheit, vier Blocks, Berlin“, war für mich klar: Es gibt keine Diskussion, ich muss das machen! Man braucht einen Mike Tyson als Regisseur für so was, aber ich wollte es unbedingt durchboxen. (lacht) Quirin hat den anderen Verantwortlichen meine bisherigen Filme gezeigt, und sie sahen mich als jungen, frischen Wind mit einer interessanten Vision. Ich kannte einige der Schauspieler, wie Kida (Khodr Ramadan, Anm.) oder Sami (Nasser, Anm.), und hab im Vorfeld einiges über die Welt, in der die Serie spielt, in Erfahrung gebracht, weil ich mit ihnen rumgehangen bin. Die Geschichte von 4 BLOCKS war eigentlich aus einer ganz einer anderen Perspektive geschrieben, nämlich aus der von Vince (gespielt von Frederick Lau, Anm.), einem verdeckten Ermittler. Eine der verantwortlichen Redakteurinnen, Anke Greifeneder, war sehr offen für Neues. Sie meinte, wenn wir Pay-TV machen, muss es etwas Besonderes sein und auch eine besondere Erzählperspektive haben. Wir wollten DIE SOPRANOS von Berlin machen, aus der Sicht der Neuköllner. Zum Glück durfte ich auch am Drehbuch mitarbeiten und hab sie zu der Form gebracht, die wir nun sehen können. Das hat aber nur mit extrem viel Recherche funktioniert und indem wir echte Menschen von dort auch in die Besetzung nahmen. Dazu gehörte es auch, sehr viel mit dem Auto nachts durch diese Gegend zu fahren und bei „Deals“ dabei zu sein. Ich hab sozusagen einen Schnellkurs in Kriminalität gemacht.

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DEADLINE: Wie komplett waren die Drehbücher, als du sie überarbeitet hast?

 

MARVIN KREN: Die Bücher waren Outlines, grobe Versionen, aber aus der Sicht des Ermittlers, und die haben wir dann in mehreren Schreibsessions umgemodelt, sodass es die Geschichte von Toni Hamadi wurde (in der Serie dargestellt von Kida Khodr Ramadan, Anm.), also die Geschichte des Klan-Chefs selbst. Das war insofern spannend, als dass der Drehstart feststand, und die Bücher waren noch nicht dort, wo sie sein sollten. Und was die DEADLINE-Leser sicher interessiert, ist, dass ich Benjamin Hessler dazugewinnen konnte, meinen Compagnon, der auch RAMMBOCK und BLUTGLETSCHER geschrieben hat, meine beiden Horrorfilme, der sich dann um die letzten beiden Drehbücher von 4 BLOCKS mit gekümmert hat.

 

DEADLINE: Würdest du 4 BLOCKS eher als fiktive Serie bezeichnen oder als eine, die ein realistisches Bild von Berlin-Neukölln zeigt?

 

MARVIN KREN: Es ist eine Mischung aus beidem, aber es ist immer wichtig, dass man, wenn man sich an Stoffe wagt, die im kriminellen Milieu spielen, eine ganz klare Entscheidung treffen muss. Und bei uns war diese Entscheidung: Es soll das Gesicht einer Gangsterserie sein, und in ihr haben die Stadt Berlin und ihr soziales Gefüge sehr viel Platz. Das ist das Tolle an einer Serie, weil man das da machen kann. Aber im Grunde ist es Unterhaltung, spielt im Gangster-Genre, es feiert und verurteilt zugleich das Kriminelle. Aber es erzählt auch, woher Menschen, die sich so verhalten, kommen, und auch, warum sie kommen. Aber machen wir uns nichts vor, es ist eine Gangsterserie und gehört auch in dieses Genre.

 

DEADLINE: Aber habt ihr euch beim Schreiben und Drehen auch Gedanken gemacht, dass die Darstellung von Arabern als Gangster rassistische Vorurteile schüren könnte? Es gibt nämlich diesen starken Satz in 4 BLOCKS, „In Berlin wird jetzt Arabisch gesprochen“, der im Kontext der Serie großartig ist, aber man kann ihn auch völlig missverstehen.

 

MARVIN KREN: Den Satz hab ich lustigerweise von einem Wiener Gangster gehört, den ich getroffen habe und zu dem ich im Scherz meinte, im Milieu gebe es doch vor allem Jugoslawen und Tschetschenen, woraufhin er erwiderte: „In Wien spricht ma Deutsch!“ (lacht), daher hab ich den Satz umgemodelt. Aber man macht sich natürlich Gedanken über Klischees wie das, dass alle Italiener in der Mafia tätig sind. Es ist eine Verdrehung der Realität, auch bei uns. Genauso ist es bei uns ein Abbild der Realität, dass sehr viele arabischstämmige Familien mit dem Verbrechen in Verbindung gebracht werden. Und das ist bei uns dann auch insofern dokumentarisch, als dass wir versuchen zu erzählen, woher das kommt. Was hat der Staat für eine Schuld daran? Wenn man einen Verbrecher porträtiert, woher er kommt, was er für Charakterzüge hat, dann ist es eine vergleichbare Porträtierung wie die eines Bäckers. Wie von einem normalen Menschen, für den man Sympathien entwickelt, auch wenn er nicht nur moralisch Einwandfreies tut. Und ich glaube nicht, dass so etwas z. B. die AfD unterstützt, sondern es hilft aufzuklären, wer diese Menschen sind und woher sie kommen. Sie machen natürlich ihre Geschäfte, aber sie sind nicht verantwortlich für den Untergang Europas.

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DEADLINE: Eines der stärksten Motive von 4 BLOCKS ist, wenn man Gangsterboss Toni auf der Einwanderungsbehörde sieht, ein Mafiaboss als Bittsteller vor dem mächtigen deutschen Beamtentum. War diese Nebenhandlung von Anfang an drin?

 

MARVIN KREN: Das entstand mit der Umwandlung der Hauptfigur von Vince, dem verdeckten Ermittler, zu Toni, dem Gangster. Eine Hauptfigur muss mit vielen Hindernissen konfrontiert werden, damit sie interessant ist, und es entspricht der Realität, dass viele Kriminelle keinen Aufenthaltsstatus besitzen. Die libanesisch-kurdischen Familien sind in den 70er-Jahren in Beirut selbst ganz schlecht behandelt worden, sie waren dort selbst Flüchtlinge und keine „richtigen“ Araber. Sie sprechen zwar Arabisch, aber das kurdische und verschiedene Akzente, und kommen eigentlich aus dem Gebiet der Türkei, wo früher kurdische Familien angesiedelt waren. Am Ende des Ersten Weltkrieges haben sie begonnen, sich über den gesamten arabischen Raum zu verteilen, und diese Familie in Beirut. Dann kam der Bürgerkrieg, und viele dieser Familien haben sich in Berlin oder in NRW niedergelassen. In Deutschland wollte sie eigentlich niemand haben. Die türkische Minderheit war schon lange ansässig und integriert, und an den starken Strukturen der arabischen Familien hat sich der deutsche Staat gestoßen. Man hat ihnen eine Aufenthaltsgenehmigung für ein Jahr gegeben und ihnen mit staatlichen Mitteln zu verstehen gegeben, dass man sie eigentlich hier nicht haben will. Sie bekamen kein Geld, sondern nur Essensmarken, es fand also keine wirkliche Integration statt, mit dem Hintergrund, dass man über diplomatische Beziehungen mit dem Libanon plante, dass sie alle wieder dorthin zurückgehen. Das Problem war, dass der Libanon sie auch nicht mehr wollte, weil sie Sunniten sind und keine Schiiten. Es waren Familien mit starken Strukturen, aber noch lange keine Verbrecher. Und als sie endlich in Deutschland ankamen, war klar, dass sie hier nicht gleich wieder wegwollten. Der deutsche Staat hat es aber in zehn Jahren nicht zustande gebracht, die neue, heranwachsende Generation zu integrieren. Ich vermute, du bist so um die 30?

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DEADLINE: Eher um die 40.

 

MARVIN KREN: Ich bin auch 37, aber um diese Kids, die etwa auch um die Zeit wie wir geboren wurden, um die hat man sich nicht gekümmert und hat nicht versucht, sie aus ihren Familienstrukturen zu befreien und sie in die deutsche Gesellschaft zu integrieren. Dadurch ist Neukölln entstanden, dadurch ist diese Sonnenallee entstanden, dadurch ist das alles so stark manifestiert. Und wenn man das auch so darstellt, dann zeigt man auch, was auf uns zukommt, wenn weitere Flüchtlinge kommen. Integration ist alles, sonst entsteht eine „Parallelgesellschaft“ mit eigenen Gesetzen.

 

DEADLINE: Ein tolles Motiv ist auch die Veränderung von Tonis Frau Kalila (dargestellt von Maryam Zaree, Anm.), die am Anfang ohne Kopftuch zu sehen ist, und als der Druck auf ihre Familie und ihren Mann größer wird, sieht man sie mit Kopftuch und auch mal betend. Wird sie zum Glauben quasi „gedrängt“, weil ihr normales Leben auseinanderbricht?

 

MARVIN KREN: Ja, das ist schon richtig interpretiert. Bei unseren Recherchen in Frauenhäusern, die sich um muslimische Frauen kümmern, wurde uns die Information gegeben, dass sehr viele junge Mädchen – das betrifft also nicht nur die Person der Kalila – sich in den Glauben retten, weil die Welt immer komplizierter wird. Der Glaube gibt ihnen Struktur und Klarheit und lässt das Universum auch kleiner erscheinen, als es gerade ist. Mit der Sexualität im Internet, den vielen Angeboten, mit „jeder kann ein König oder eine Prinzessin werden“ ist es für viele Menschen einfach zu viel. Und sie retten sich in den Glauben und in die Limitierung der Wahrnehmung der Welt. Bei Kalila war unsere Idee die, dass das Böse in ihr Haus Einzug hält, mit Toni, der erneut zum Verbrecher, zur „Bestie“ wird, und sie versucht sich mit dem Glauben zu schützen. Wir erzählen also, dass der Glaube für den Einzelnen etwas Gutes, ein Schutz sein kann, das war die Idee dahinter.

 

DEADLINE: Zwei andere Rollen, die sehr herausstechen, sind Frederick Laus Vince, aber vor allem Roland Zehrfeld als Bikerboss Rainer „Ruffi“ Ruff, den ich noch nie so hart gesehen hab. Wie hast du die so weit gebracht, ohne dass es künstlich oder aufgesetzt wirkt?

 

MARVIN KREN: Na ja, der Freddy ist einfach eine harte Sau. (lacht) Frederick Lau ist ein richtiger Berliner Straßenjunge, der in seinem Leben ungefähr schon 50 Raufereien hatte, alleine mit mir zwei. (lacht) Er ist ein stahlharter Kerl, der von den anderen Jungs im Cast extrem respektiert wird, und es war gar keine so große Aufgabe, ihn in diese Rolle zu bringen. Er hat schon sehr gut verstanden, was er da macht und wie er sich gegenüber diesen „echten“ Jungs behaupten muss. Mir kommt es fast so vor, als ob er sich für seine anderen Rollen verstellen musste, während er in 4 BLOCKS so ist, wie er nun mal ist. Das Schöne war, mit ihm das Gefühl herauszufinden, was es bedeutet, ein Betrüger zu sein. Denn er ist zwar ein Cop, aber er mag diese Leute auch, und er hat eine Mission zu erfüllen. Das zu erzählen, wie man diese privaten Momente des Zweifelns findet, weil er im Hintergrund einen wirklich fiesen Plan verfolgt, das fand ich so das Aufregendste an seiner Rolle. Und Zehrfeld ist so, wie man ihn sieht, fast 1,95 m groß, 100 Kilo, fast nur Muskelmasse, und er ist es auch einfach leid, immer den Sympathen zu spielen, und hat sich einfach gefreut wie 15 Kindergeburtstage hintereinander, dass er mal einen fiesen Typen spielen darf. Er war sehr sportlich, wenn es darum ging, sich in so eine dunkle Rolle hineinfallen zu lassen.

Marvin und Patrick
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