„Becka stellt Fragen, die sie eigentlich nicht stellen darf“
THE TESTAMENTS: DIE ZEUGINNEN ist seit dem 8. April auf Disney+ zu sehen. Das große Finale läuft am 27. Mai. HIER DER LINK!
Hier findet ihr ein ausführliches Review!
Schauspielerin Mattea Conforti über queere Identität, Freundschaft und stille Rebellion in THE TESTAMENTS.
In THE TESTAMENTS, der Fortsetzung von THE HANDMAID’S TALE, spielt Mattea Conforti die junge Becka – Agnes’ beste Freundin, die in Gilead auf ihre Rolle als Ehefrau vorbereitet wird. Im Gespräch spricht sie über die innere Zerrissenheit ihrer Figur, queere Gefühle in einer repressiven Gesellschaft und darüber, warum die Geschichte gerade für junge Zuschauer:innen heute so nahbar wirkt.
DEADLINE: Du spielst Becka, die beste Freundin von Agnes. Sie wird in Gilead auf die Ehe vorbereitet. Was war dein erster Zugang zu dieser Figur?
Mattea Conforti: Es war zunächst eine Herausforderung, in diese Rolle hineinzufinden, weil Becka von Anfang an Zweifel an einer Welt hat, mit der sie sich eigentlich einfach arrangieren sollte. Diese Mädchen kennen ja nichts anderes – sie haben keinen Bezug zu einer Außenwelt, in der es Alternativen zu der Rolle als Ehefrau oder Mutter gibt. Interessant an Becka ist aber, dass sie schon früh spürt, dass sie diesen Weg nicht gehen möchte. Sie fühlt sich anders als die anderen Mädchen, ringt mit ihrer Sexualität und mit ihrer eigenen Identität. Diese Gespräche darüber, wie man das glaubwürdig erzählt – und wie sich ihre Beziehung zu Agnes entwickelt –, waren entscheidend für meinen Zugang zur Figur.

DEADLINE: Becka ist eine sogenannte „Plum“ und wächst mit klaren Erwartungen an ihre Zukunft auf. Wie würdest du ihren inneren Konflikt beschreiben?
Mattea Conforti: Becka will nicht heiraten. Sie möchte nicht erwachsen werden und ihre Freundinnen verlieren. Sie will ihre Beziehung zu Agnes und zu den anderen Mädchen weiterentwickeln. Aber je älter sie wird, desto näher rückt dieser Moment, in dem sie einem Commander zugeteilt und verheiratet werden soll. Sie hat keine echte Wahl. Das ist wie etwas, das lange weit weg erscheint – und plötzlich holt es dich ein. Genau so erleben diese Mädchen ihre Angst.
DEADLINE: Im Verlauf der Geschichte fühlt sich Becka deutlich zu Agnes hingezogen und reagiert eifersüchtig auf Daisy. Welche Bedeutung hat diese queere Dimension für ihre Figur – gerade im Kontext von Gilead?
Mattea Conforti: In Gilead sind selbst enge Freundschaften eigentlich nicht erlaubt. Trotzdem finden die Mädchen Wege, Nähe zueinander aufzubauen. Gleichzeitig ist Becka heimlich in Agnes verliebt und versucht zu verstehen, was diese Gefühle bedeuten – und wie sie sich selbst akzeptieren kann. Als Daisy auftaucht und Agnes plötzlich viel Zeit mit ihr verbringt, löst das Eifersucht aus. Romantisch, aber auch platonisch. Das kennt man ja aus der Jugend: Wenn die beste Freundin plötzlich jemand anderem näherkommt. Für Becka steht in diesen Momenten unglaublich viel auf dem Spiel.

DEADLINE: Becka erfährt von Agnes vom Missbrauch durch ihren Vater – ein Moment, der alles verändert und schließlich zu einer extremen Entscheidung führt. Wie hast du diesen Wendepunkt für deine Figur interpretiert?
Mattea Conforti: Für Becka ist das ein Moment, der alles, was sie bisher über ihre Familie und ihre Welt geglaubt hat, komplett erschüttert. Es ist kein plötzliches, impulsives Handeln, sondern eine Reaktion auf etwas, das sich innerlich lange angestaut hat – Schock, Überforderung und das Gefühl, keine Kontrolle mehr zu haben. Für mich war wichtig zu verstehen, dass sie in diesem Moment aus einer Mischung aus Angst, Loyalität zu Agnes und tiefer Verzweiflung handelt. Danach gibt es für sie kein Zurück in ein normales Leben mehr.
DEADLINE: THE HANDMAID’S TALE fiel zeitlich mit der #MeToo-Debatte zusammen und wurde oft politisch gelesen. Führt THE TESTAMENTS diese gesellschaftlichen Diskussionen aus deiner Sicht weiter?
Mattea Conforti: Ja, auf jeden Fall. Was ich besonders spannend finde, ist, dass wir diese Themen aus einer jüngeren Perspektive erzählen – durch Mädchen, die beginnen, ihre Welt und die Regeln um sie herum infrage zu stellen. Dadurch entsteht ein sehr unmittelbarer Zugang. Die Serie gibt dabei keine einfachen Antworten, sondern lässt bewusst Raum für Interpretation.

DEADLINE: Die politische Dimension wirkt dabei gar nicht so weit entfernt von der Realität.
Mattea Conforti: Absolut. Unsere Serie greift politische, gesellschaftliche und persönliche Themen auf, die heute relevant sind und es auch bleiben werden. Im Zentrum stehen dabei sehr persönliche Erfahrungen: Diese jungen Frauen beginnen, Fragen zu stellen, die sie eigentlich nicht stellen dürfen, und versuchen, ihren Platz in einem System zu finden, das kaum Raum für Zweifel lässt. Diese Spannung zwischen Anpassung und stillem Widerstand fühlt sich, glaube ich, für viele näher an der eigenen Realität an, als man zunächst denkt.
DEADLINE: Besonders eindrücklich ist die Darstellung von Freundschaft zwischen den Mädchen. Welche Rolle spielen diese kleinen Räume von Nähe in einer so repressiven Welt?
Mattea Conforti: Diese Momente von Nähe sind für die Mädchen eine Art emotionaler Schutzraum. Durch ihre Freundschaften finden sie Halt, Vertrauen und letztlich auch den Mut, sich selbst und ihre Welt zu hinterfragen. Gerade in einer so kontrollierten Umgebung wird diese Verbindung untereinander unglaublich wichtig. Daraus entsteht eine Form von Stärke und Empowerment, die für viele Figuren überlebenswichtig ist.

DEADLINE: Gab es Momente während der Dreharbeiten oder Szenen im Drehbuch, die dich persönlich besonders bewegt haben?
Mattea Conforti: Die großen Versammlungsszenen waren emotional sehr intensiv, weil wir dort all die Wut und Gefühle herauslassen konnten, die in Gilead sonst unterdrückt werden. Besonders berührt haben mich aber die kleinen Momente zwischen den Mädchen – diese heimlichen Blicke oder stillen Gesten, in denen man alles ausdrückt, ohne etwas sagen zu dürfen. Diese Szenen waren für mich die schönsten beim Dreh.
DEADLINE: Hast du eine Lieblingsszene aus der Serie?
Mattea Conforti: Die Ball-Episode war eine meiner liebsten Dreherfahrungen. Sie zeigt eine Version von Gilead, die wir so noch nie gesehen haben. Sie war visuell sehr schön, wir haben die Tanzszenen einstudiert, und es war einfach eine ganz besondere Erfahrung für uns alle.
DEADLINE: Du kanntest die Romanvorlage bereits?
Mattea Conforti: Ja, ich habe THE TESTAMENTS von Margaret Atwood gelesen und war schon vorher ein großer Fan von ihr. Gleichzeitig wollte ich Buch und Serie als zwei unterschiedliche Erfahrungen betrachten, weil es einige Änderungen gibt – besonders bei Beckas emotionaler Entwicklung und ihren Beziehungen. Die Serie erzählt vieles unmittelbarer und aus einer jüngeren Perspektive. Aber die zentralen Themen und Botschaften bleiben erhalten. Deshalb glaube ich, dass Fans des Buches auch die Serie lieben werden.
DEADLINE: Warum wirkt die Geschichte gerade für junge Zuschauer:innen heute so nahbar?
Mattea Conforti: Im Kern ist es auch eine Coming-of-Age-Geschichte. Diese Mädchen versuchen herauszufinden, wer sie sind. Sie beginnen, ihre Umgebung infrage zu stellen, navigieren Freundschaften und neue Beziehungen. Ich konnte viele Parallelen zu meiner eigenen Jugend ziehen. Und ich glaube, viele Zuschauer:innen werden Momente ihrer eigenen Kindheit oder Jugend darin wiederfinden.

DEADLINE: Was hoffst du, nehmen Zuschauer:innen aus der Geschichte mit – gerade im Spannungsfeld zwischen Anpassung, Angst und dem Wunsch nach Selbstbestimmung?
Mattea Conforti: Ich hoffe, dass die Menschen sehen, wie kraftvoll Freundschaft sein kann. Durch ihren Zusammenhalt finden diese jungen Frauen auch zu ihrer eigenen Stärke und Identität. Und natürlich hoffe ich, dass sich das Publikum in die Figuren verliebt, an denen alle mit so viel Leidenschaft gearbeitet haben – und dass die Botschaften der Serie die Menschen erreichen.
DEADLINE: Vielen Dank für das Interview. Wir freuen uns auf das Staffelfinale am 27. Mai auf Disney+ und auf Staffel 2.
Interview geführt von Sarah Stutte.
(c) Disney
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