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NIPPON CONNECTION: JAPANISCHES HERZ AM MAIN

Mit rund 100 Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilmen bot die 17. Nippon Connection auch in diesem Jahr aufregende Einblicke in das aktuelle Filmschaffen Japans. Ein Erlebnis – nicht nur wegen Filmauswahl und Rahmenprogramm, sondern vor allem dank der einzigartigen Festivalatmosphäre, die ein rund 70-köpfiges Team ehrenamtlich und mit viel Liebe zum Detail verantwortet. Neben aktuellen Produktionen widmete sich die Retrospektive dem Nikkatsu Roman Porno, Schauspieler Koji Yakusho erhielt den dritten Nippon Honor Award. Rückblick auf eine Woche voll intensiver Momente und aufregender Begegnungen.

 

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“Die Nächte sind lang, die Tage auch, und draußen wird es immer heißer”, sagte Festivalleiterin Marion Klomfaß an einem Abend der 17. Nippon Connection. Allen Hitzerekorden zum Trotz war so einiges los beim größten japanischen Filmfestival außerhalb Japans: Zahlreiche Filmvorführungen waren ausverkauft, das umfangreiche Kultur- und Rahmenprogramm durchweg gut besucht. Für rund 50 Filmemacher, Fachgäste aus aller Welt und weit über 16.000 Besucher schlug das Herz des japanischen Kinos wieder eine Woche lang in Frankfurt am Main.

 

Honne und Tatemae: zwischen Erwartung und Exzess

 

Ihren vielleicht eindrücklichsten Moment hatte die Nippon Connection 2017 ausgerechnet beim Q&A nach einer knalligen Girlband-Doku, als Regisseur Atsushi Funahashi über ein markantes Wesensmerkmal der japanischen Kultur sprach: das Verhältnis von Honne, den inneren, wahren Gefühlen eines Menschen, und Tatemae, der öffentlichen Erscheinung, die sich den Erwartungen der Gesellschaft anpasst.

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(Regisseur Atsushi Funahashi)

 

In RAISE YOUR ARMS AND TWIST, Funahashis hintergründigem Dokumentarfilm über das japanische Pop-Phänomen der Idol-Group NMB48, heißt das: Auch ohne ausgesprochene Regel wissen die Mädchen, dass sie keinen festen Freund haben dürfen. Gesamtgesellschaftlich hingegen: Auch wenn es nach außen – Tatemae – so scheint, als interessierten sich viele Japaner nicht für das Geschehen im eigenen Land, sei das in Wahrheit – Honne – ganz anders. Für Funahashi Anlass für ein glühendes Bekenntnis zur pazifistischen Grundhaltung Japans und eine Warnung vor der angestrebten Verfassungsänderung von Premierminister Shinzô Abe, die jenen verankerten Pazifismus zu verwerfen droht.

 

Überhaupt war das Verhältnis von offen Gesagtem und Unausgesprochenem von großem Interesse in Frankfurt. Zum Beispiel, als ein Mann auf dem Handy seiner bei einem tragischen Unfall verstorbenen Frau eine nie versendete Mail findet, wie im Publikumsliebling THE LONG EXCUSE von Miwa Nishikawa: „Ich liebe dich nicht mehr“, ist darin zu lesen. “Kein Stück.” Und das, wohlgemerkt, nachdem er zum Zeitpunkt ihres Todes mit einer anderen im Bett lag. Oder auch im wunderbaren Zombiestreifen I AM A HERO von Shinsuke Sato, der gleichermaßen die Manga-Kultur ehrt und eine, nun ja, liebevolle Romero-Referenz präsentiert – erweitert um eine nicht uninteressante Facette fürs Genre. Die Zombies in I AM A HERO quasseln nämlich munter drauflos und legen so mit oft nur wenigen Worten tief verwurzelte Charakterzüge der Menschen offen, die sie einmal gewesen sind, was mitunter für herzliche Lacher sorgt – aber auch Anlass für äußerst drastische Momente bietet.

 

Am intensivsten, erschütterndsten jedoch trat die Sprachlosigkeit in DESTRUCTION BABIES hervor.

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(Tetsuya Mariko, Regisseur von DESTRUCTION BABIES)

 

Nach der Logik von Honne und Tatemae vollzieht DESTRUCTION BABIES einen radikalen Bruch mit jeder öffentlichen, sozialen Erwartung und zeigt ein exzessives Nach-außen-Kehren innerer Triebe: Taira (Yûya Yagira) verwickelt wahllos Passanten in brutale Schlägereien und lässt auch dann nicht locker, wenn er eigentlich schon längst verloren hat. Beeindruckt schließt sich ihm der feige Schüler Yuya (Masaki Yuda) an. Vier Jahre nahm die Produktion des Films in Anspruch, für den Tetsuya Mariko in Locarno als bester Nachwuchsregisseur ausgezeichnet wurde. In Großbritannien heißt es zu dem pessimistischen Werk: “Die 108 extremsten Minuten der japanischen Filmgeschichte”. Festivalleiterin Klomfaß: “Eine unglaublich physische Erfahrung.” 

 

 

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