„Ist es möglich, ein und dieselbe Person zur gleichen Zeit zu sein – ich meine, zwei Personen?“
Schwester Alma in Ingmar Bergmans PERSONA
Bereits Ende der 1990er Jahre sorgte Satoshi Kons Debütfilm PERFECT BLUE auf dem Internationalen Trickfilm-Festival Stuttgart für Aufsehen und hinterließ einen nachhaltigen Eindruck. Damals galten Anime mit Erwachsenenthemen noch als Nischenphänomen für ein vergleichsweise kleines Publikum; meist verband man das Medium mit eher kindgerechten Serien und Filmen wie SAILOR MOON. Natürlich gab es Ausnahmen wie AKIRA oder GHOST IN THE SHELL, die heute als Klassiker ihres Genres gelten, doch auch sie erreichten außerhalb einer eingefleischten Fan-Community nur begrenzte Aufmerksamkeit. PERFECT BLUE darf heute mit diesen Meisterwerken des japanischen Zeichentrickfilms in einem Atemzug genannt werden, war er doch ebenso originell und frisch wie diese zum Zeitpunkt ihres Erscheinens. Im Gegensatz zu den genannten Science-Fiction-Dystopien siedelt Satoshi Kon seine Geschichte im Tokio der Gegenwart der späten 1990er Jahre an.

Im Mittelpunkt steht die junge Mima Kirigoe, Mitglied einer erfolgreichen J-Pop-Girlgroup. Ihre wohl ausschließlich männlichen Fans (im Japanischen mit dem Begriff „Otaku“ bezeichnet) feiern sie frenetisch und sind schockiert, als Mima auf der Bühne ihren Ausstieg verkündet und mitteilt, dass dies ihr letzter Auftritt sei. Mima will ihre Karriere in Richtung Schauspielerei verlagern und hat ein Angebot für die Thriller-Serie DOUBLE BIND bekommen, das sie nicht ablehnen kann, will sie sich doch künstlerisch weiterentwickeln. Doch wird sie nicht nur in eine Richtung gedrängt, die ihr physisch und psychisch einiges abverlangt (sie stimmt einer fordernden, belastenden Vergewaltigungsszene zu und lässt sich sogar zu Nacktaufnahmen überreden). Ihr radikaler Bruch mit dem Image des Popsternchens verärgert auch ihre ehemaligen Fans. Zeitgleich stößt sie im Internet auf der Website „Mima’s Home“ auf ihr eigenes Online-Tagebuch – das sie allerdings gar nicht selbst geschrieben hat. Dennoch werden dort persönlichste Details ihres Privatlebens preisgegeben, die eigentlich kein Außenstehender wissen kann. Wer betreibt diese Website? Beobachtet dieser Unbekannte sie permanent? Ist es vielleicht der junge, entstellte Fan, der ihr wiederholt begegnet und der wie besessen von ihr scheint? Drohbriefe tauchen auf, am Filmset detoniert eine Briefbombe. Und dann geschehen die ersten brutalen Morde in Mimas Umfeld.

Das Tokio in PERFECT BLUE ist ein glitzernder Moloch, in dem zwar viele Menschen nebeneinander leben, aber nicht miteinander. Der entstellte Otaku sitzt einsam vor dem Computer und fantasiert sich sehnsüchtig die Nähe zum idealisierten Popidol Mima herbei. Und auch Mima selbst verbringt ihre Freizeit meist allein in ihrer kleinen Wohnung, ihre sozialen Kontakte scheinen sich vor allem auf ihre Arbeitsbeziehungen, insbesondere auf ihre Agentin Rumi, zu beschränken.

Im Gegensatz zu den damals populären Animes, die vornehmlich Cyborgs, Roboter, Tentakelmonster oder kindgerechte Figuren thematisierten und meist in der Zukunft spielten, wagte Satoshi Kon hier einen komplexen Thriller, der ganz bewusst auf ein erwachsenes Publikum zugeschnitten war. Die Frage nach der Identität des Mörders und nach Mimas eigener Identität, die immer wieder in Zwiegesprächen zwischen der ausgebeuteten, psychisch labilen Schauspielerin und der um ein klinisch reines Image bemühten Sängerin hinterfragt wird, erinnert an Vorbilder wie Hitchcock (VERTIGO), De Palma (DRESSED TO KILL, BODY DOUBLE) oder Lynch (LOST HIGHWAY). Die expliziten Morde knüpfen stellenweise an die Drastik italienischer Gialli an (Augäpfel werden durchstochen, spitze Gegenstände dringen in Körper ein). Die obsessive Fankultur der Otakus, die einerseits ihr mädchenhaftes Idol durchaus begehren und sexualisieren, andererseits aber bei jeder „unpassenden“ Übertretung der engen Grenzen dieses vermeintlich unschuldigen Images mit Wut und Empörung reagieren, wird thematisiert. Auch das damals noch junge Internet ist ein Schlüsselthema – heute wäre „Mima’s Home“ wohl ein Instagram- oder TikTok-Kanal. Überhaupt hat Kon schon 1997 viele Mechanismen der heutigen Empörungs(un)kultur in den sozialen Medien vorweggenommen. Grenzen verschwimmen hier bereits, das Digitale schwappt hinüber in die analoge Welt, beides greift ineinander, bedingt einander.

Ebenso verhält es sich mit dem Unterbewussten und dem, was wir Realität nennen: Für Mima und den Zuschauer geht beides zunehmend ineinander über. Immer wieder werden im Film Spiegel motivisch eingesetzt, eine Metapher für innere Konflikte, möglicherweise aber auch Selbsterkenntnis oder die Parallelität zweier Welten. Szenen, die sich auf Mima zu beziehen scheinen, entpuppen sich als Sequenzen aus DOUBLE BIND. Was geschieht wirklich, was ist Teil von Mimas Rolle als Schauspielerin, was findet nur in ihrer Imagination statt? Leidet die junge Frau am Ende an Schizophrenie oder ist sie Opfer eines sinistren Komplotts? Und sind wir letztlich als Zuschauer nicht auch wie Stalker, die die bedauernswerte Mima beobachten, tiefe Einblicke in ihr Innerstes bekommen?

Auch nach fast 30 Jahren schafft es PERFECT BLUE noch immer, zu verstören und zu begeistern. Satoshi Kon hat hier nicht weniger als ein Meisterwerk des Anime geschaffen, ein surreales Vexierspiel, das seine Spuren in der Popkultur hinterließ (bekanntestes Beispiel ist sicherlich Darren Aronofskys BLACK SWAN). Was zunächst wie die alte Geschichte vom Aufstieg und Fall eines Starlets scheint und dann zu einem harten Thriller wird, ist vor allem eine komplexe und kluge Meditation über Identität im Angesicht von Öffentlichkeit, Medien und dem Privaten, dem, wer man ist, wer man sein möchte und wer man für die anderen ist. Satoshi Kon verstarb 2010 an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Er hinterlässt ein überschaubares, aber prägendes Werk. Eine tiefere Auseinandersetzung lohnt sich, selbst wenn man ansonsten mit Anime weniger anfangen kann (an dieser Stelle sei noch PAPRIKA von 2006 empfohlen). (Jan Urnau)
PERFECT BLUE kann man derzeit in ausgesuchten Kinos auf der großen Leinwand erleben.
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