Die geerdeten Superhelden
Seit letzten Sonntag läuft die neue DC-Serie LANTERNS auf HBO bzw. in Deutschland auf HBO MAX. (Hier zu sehen) Und schon mit der ersten Episode steht ganz klar im Raum, dass die Serie ein Gewinner ist, die sich mit ihrem überraschend ruppigen Grundton ganz klar an ein erwachsenes Publikum richtet. Der Mix aus grandiosen Schauspielern, ein wenig Comic-Action und ganz viel Mystery kann zweifellos zu den besten Serien des Jahres gezählt werden, die das von James Gunn überwachte DC-Universum ungemein erweitert, gar um neue und ungewohnte Schattierungen bereichert. Es ist schön, zu sehen, dass der Schatten, der im Vorfeld von LANTERNS geworfen wurde, vollkommen verdient ist.
Im Zuge der Veröffentlichung haben wir uns daher noch so gerne in ein großes Press-Junket gestürzt: Wir haben uns mit Chris Mundy über seine Rolle als Showrunner unterhalten. Ebenso haben wir mit den beiden Produzenten der Serie gesprochen, soll heißen: Wir haben uns mit LOST-Schöpfer Damon Lindelof und dem legendären Comicbuch-Autor Tom King zum Gespräch getroffen. Und dann war da auch noch das sehr sympathische Gespräch mit Schauspielerin Poorna Jagannathan und Schauspieler Garret Dillahunt, die uns ebenfalls viel über die Serie zu erzählen hatten.
Im Gespräch mit Chris Mundy

(c) Kevin Paul / Wikimedia Commons / CC BY 4.0
DEADLINE: Du hast zuvor an Polizeiserien wie TRUE DETECTIVE und CRIMINAL MINDS gearbeitet. Wie anders war es, diese Art des Storytellings nun in ein Superhelden-Setting zu übertragen?
Chris Mundy: Es war beängstigend und hat Spaß gemacht. Letztendlich erzählt man immer Geschichten über Menschen. Es war eine Herausforderung, den Kanon zu respektieren – schon der Ausgangspunkt, dass wir glauben, Aliens seien für die Vorfälle in der Stadt verantwortlich, ist natürlich weit entfernt von CRIMINAL MINDS oder OZARK. Gleichzeitig wird einem bewusst, dass man in diesem Universum als Geschichtenerzähler viel mehr Werkzeuge zur Verfügung hat. Besonders durch die unglaubliche Kreativität, die der Ring ermöglicht. Die Herausforderung bestand darin, das im Kopf zu behalten und bestmöglich zu ehren.
DEADLINE: Wenn man den Ton und Produktionsstil der Serie mit den eher unbeschwerten SUPERMAN- und SUPERGIRL-Filmen vergleicht – wie viel Freiheit hattet ihr, in diesem DC-Universum etwas völlig Neues zu erschaffen?
Chris Mundy: Wir hatten großes Glück und sehr viel kreative Freiheit. Wir wussten von Anfang an, welchen Look und welche Atmosphäre wir wollten, und alle ließen uns einfach machen. Sogar bei fiktiven Dingen – wie einer Pistole in Episode 2, die einem Erinnerungen einpflanzt – wollten wir, dass sie mechanisch und real wirkt, wie ein rostiges Werkzeug in einem echten Werkzeugkasten. Selbst das völlig Erfundene sollte sich organisch einfügen. Wir hatten die volle Unterstützung, genau das umzusetzen. Das macht die Arbeit für alle, vom Produktionsdesign bis zu den Kostümen, so viel leichter und spaßiger, wenn alle an einem Strang ziehen.

DEADLINE: Bei GREEN LANTERN denkt man oft an familienfreundliche Unterhaltung. Was war der Reiz daran, aus diesem Stoff eine erwachsenere Version für das Fernsehen zu machen?
Chris Mundy: Wir wollten GREEN LANTERN von Anfang an ehren, wussten aber auch, dass wir eine HBO-Sonntagabendserie machen. Seit THE SOPRANOS ist dieser Sendeplatz etwas ganz Besonderes, und man hofft immer, irgendwann das Glück zu haben, genau das machen zu dürfen. Die Herausforderung bestand also darin, beides zu sein: eine echte GREEN LANTERN-Serie, die aber auch das HBO-Publikum anspricht. Daher war von Anfang an klar, dass es eine erwachsenere Version wird – wir fluchen definitiv mehr, als wir es im Samstagmorgen-Programm tun würden. Das war immer so geplant und genau das machte den Spaß an der Sache aus.
DEADLINE: Es gibt thematische Parallelen zwischen der Geschichte der Serie – diesem Gefühl von „Aliens gegen Amerikaner“ – und den aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen in den USA. War das eine bewusste Entscheidung beim Schreiben?
Chris Mundy: Es war eher ein Zusammentreffen von Umständen zur richtigen Zeit. Im Piloten sprechen wir über Kolonialismus, Einwanderung und die Ängste, die darauf basieren. Wir haben mit dem Schreiben der Serie jedoch schon vor der aktuellen Regierung begonnen. Manche Themen liegen einfach in der Luft. Wir haben es nicht als direkte Reaktion auf etwas geschrieben; es war die Geschichte, die wir ohnehin erzählen wollten. Manchmal erzeugt die Geschichte dann einfach ein Echo der echten Welt.

DEADLINE: Die Serie geht sehr subtil mit den Kräften der Green Lanterns um, wodurch deren Einsätze viel wirkungsvoller erscheinen. Warum habt ihr euch für diese Art der Erzählung entschieden?
Chris Mundy: Genau aus dem Grund, den du genannt hast: Wenn wir die Kräfte einsetzen, sollen sie eine Wirkung haben. Wenn man sie ständig für gigantische Dinge nutzt, verlieren sie an Bedeutung. Hal erklärt im Piloten, dass es beim Ring einzig und allein darauf ankommt, wann und wo man ihn einsetzt. Das galt auch für uns als Geschichtenerzähler. Wir wollten den Ring nicht als simple „Komm-aus-dem-Gefängnis-frei“-Karte überstrapazieren. Jeder Einsatz sollte Bedeutung haben, egal ob es nur ein erschaffener 20-Dollar-Schein ist, um denselben Song in der Jukebox abzuspielen, oder etwas riesig Großes. Es musste zum Moment passen. Aber wir sind eine GREEN LANTERN-Serie, also mussten wir die Kräfte natürlich auch zeigen. Diese Balance wollten wir finden.
DEADLINE: Um LANTERNS gab es im Vorfeld viel Geheimhaltung und große Erwartungen. Liegt das einfach an der Branche, oder hat es auch mit der GREEN LANTERN-Verfilmung von vor 15 Jahren und deren damaligen Problemen zu tun?
Chris Mundy: Nichts von dem, was wir tun, ist eine Reaktion auf den Film. Wir wollten unsere Geschichte so erzählen, wie wir es für richtig hielten. Zur Geheimhaltung: Wir Macher waren eigentlich gar nicht so geheimniskrämerisch. Aber GREEN LANTERN gibt es schon sehr lange, und wir sind nur für diesen kurzen Moment die Hüter der Geschichte. Es gab großartige Hüter vor uns und es wird welche nach uns geben. Fans haben eine sehr enge Bindung zu diesem Stoff und feste Vorstellungen davon, wie er sein sollte. Bei solchen Projekten hält man sich lieber etwas bedeckt, bis man genau weiß, was man da eigentlich erschaffen hat. Wir hoffen einfach, dass sowohl bestehende Fans als auch absolute Neulinge die Serie lieben werden.

DEADLINE: Wie lief der Casting-Prozess ab? Wie habt ihr Kyle Chandler und Aaron Pierre für die Hauptrollen gefunden?
Chris Mundy: Zuerst wirft man jeden Schauspielernamen in den Raum, den man je in seinem Leben gehört hat. Wir hatten mit Alexa Fogel eine fantastische Casting-Direktorin, mit der ich schon bei OZARK gearbeitet habe und die damals schon THE WIRE besetzt hat. Ich vertraue ihrem Urteilsvermögen blind. Bei Hal Jordan ging es vor allem darum, das richtige Alter festzulegen: Ist er 45, 60 oder 65? Wir wollten eine generationsbedingte Kluft zwischen Hal und John. Hal sollte noch vital und großartig sein, aber nah genug am Ruhestand, sodass die Leute sagen: „Komm schon, lass John übernehmen, er ist dran.“ Kyles Name fiel von Anfang an, und er passte perfekt: Er ist attraktiv, witzig und stark.
Danach suchten wir jemanden, der ein gutes Gegenstück zu ihm bildet. Für die Rolle von John haben wir bestimmt über 50 Leute besprochen, das grenzt man dann auf zehn und schließlich auf drei ein. Aaron brachte die perfekte Balance für John mit – er wirkte wie ein Marine, aber gleichzeitig wie ein Architekt und Künstler. Irgendwann wacht man auf und kann sich plötzlich niemanden anderen mehr in der Rolle vorstellen.
DEADLINE: LANTERNS wird für viele Zuschauer der erste Kontakt mit diesem Franchise sein. Was sollen sie über die Mythologie dieser Welt und dieser beiden Charaktere verstehen?
Chris Mundy: Was wir an der Mythologie von GREEN LANTERN so lieben, ist die Kraft des Rings: Er gibt dir die Macht deiner eigenen Vorstellungskraft, um Probleme zu lösen. Das unterscheidet sich stark von vielen anderen Superhelden-Geschichten, in denen die Figuren oft nur eine bestimmte, unumstößliche Fähigkeit haben. Green Lanterns nutzen ihr Gehirn und ihre Kreativität. Das ist einerseits fantastisch, andererseits aber auch sehr simpel und menschlich. Jeder von uns könnte es tun, wenn man uns diesen Ring gäbe. Und deine Entscheidungen wären völlig andere als meine. Jeder, der den Ring trägt, nutzt ihn anders als die anderen, und genau das liebe ich daran.

DEADLINE: TRUE DETECTIVE: NIGHT COUNTRY war eine der besten Serien der letzten Jahre. Wie groß ist der Druck für dich, mit LANTERNS einen ähnlichen Erfolg bei Publikum und Kritikern zu erzielen?
Chris Mundy: Ich glaube nicht, dass der Druck durch TRUE DETECTIVE: NIGHT COUNTRY größer ist – Druck gibt es bei jeder Produktion. Man arbeitet sehr lange und hart an etwas und möchte einfach, dass es gut wird. Wir haben zu diesem Zeitpunkt unser absolut Bestes gegeben und hoffen, dass es ankommt. Die Reaktionen kann man ohnehin nicht kontrollieren. Man kann nur kontrollieren, was das Team gemeinsam erschafft. Das Schreiben und die Vorproduktion mit Regisseur James Hawes haben unglaublich viel Spaß gemacht, und in der Postproduktion zogen alle am selben Strang. Ab einem gewissen Punkt muss ich mich davon distanzieren. Natürlich hoffe ich, dass die Leute es mögen. Und wenn nicht, dann gehe ich zurück an den Schreibtisch und versuche es beim nächsten Projekt erneut.
DEADLINE: Eine zentrale Frage der Serie ist: „Hast du Angst?“. Was macht dir persönlich und in deinem Job als Showrunner Angst?
Chris Mundy: Privat habe ich dieselben Ängste wie jeder andere. Ich habe zwei Töchter und sorge mich darum, dass es ihnen gut geht. Ansonsten bin ich kein besonders ängstlicher Mensch, mal abgesehen von Höhenangst und Klaustrophobie. Solange die Menschen, die ich liebe, in Sicherheit sind, ist alles gut.
Beruflich fürchte ich mich nie vor den Reaktionen auf eine Serie. Was mir wirklich schlaflose Nächte bereitet, ist die Angst davor, in der kreativen Umsetzung eingeschränkt zu werden. Wenn man sich selbst zensieren muss oder es künstliche Limits für Autoren, Schauspieler oder Regisseure gibt – das ist beängstigend. Die Kluft zwischen der kreativen Vision im Kopf und dem, was am Ende herauskommen darf. Bei dieser Serie hatten wir glücklicherweise absolut keine derartigen Einschränkungen.
Im Gespräch mit Damon Lindelof und Tom King


DEADLINE: Die Serie LANTERNS scheint sich stark um die Themen Furchtlosigkeit und Willenskraft zu drehen. Wurde diese Perspektive von Anfang an bewusst so geplant, oder hat sie sich während der Entwicklung der Geschichte organisch ergeben?
Tom King: Das passierte aus vielen Perspektiven, auch aus erzählerischer Sicht. Ich erinnere mich, dass das Erste, worüber wir sprachen, im Piloten vorkam. Es ist alles aus Johns Perspektive. Man sieht nie etwas, was John nicht sieht. Wir wollten mit einer Art unfertigem Mann beginnen, der am Anfang seiner Reise steht. Und wie er davon ausgeht, verändert er sowohl sich selbst als auch die Welt um sich herum. Diesen Wandel aus der Perspektive des Publikums zu sehen, war sozusagen die ursprüngliche Absicht: durch Johns Augen zu blicken und diese Welt so wahrzunehmen.
Damon Lindelof: Ja. Ich denke, ein großer Teil der Herausforderung bei der Einführung von Charakteren in James Gunns Version des DCU ist, dass ein Großteil des Publikums bereits eine Beziehung zu diesen Figuren hat. Aber man möchte es immer auch für Leute zugänglich machen, die überhaupt keine Beziehung zu ihnen haben. Da sagt man sich ständig: Wir wollen nicht, dass der Pilotfilm nur aus Erklärungen besteht. Aber gleichzeitig möchte man, dass sie die grundlegenden Regeln verstehen – was eine Green Lantern ist, wie der Ring funktioniert, und am wichtigsten: was die Charaktere wollen.
Wir gingen im Grunde von dem Standpunkt aus: Dies ist eine Serie über Beziehungen. Es geht um die Beziehung zwischen Hal und John. Wir wollen, dass diese Beziehung von dem Konflikt geprägt ist, dass die eine Person nicht wirklich zurücktreten und ihre Macht aufgeben will, während die andere das Gefühl hat, im Grunde ihr ganzes Leben lang dafür trainiert worden zu sein. Und irgendwo in diesem Konflikt beginnt ein gegenseitiger Respekt zu entstehen. Dann geht man zurück zum Piloten und fragt sich: Wie säen wir die Samen dafür, damit wir anfangen können, zu sehen, was daraus wachsen wird?
DEADLINE: Warum habt ihr euch dafür entschieden, eine Green Lantern-Geschichte ausgerechnet im Stil eines Mystery- und Buddy-Cop-Formats zu erzählen?
Damon Lindelof: Die Idee, dass es ein Noir-TRUE DETECTIVE-Konstrukt wird, wurde mir von James Gunn und Peter Safran erzählt, und sie schrieben die Idee Tom zu. Ich dachte, es sei eine großartige Idee, aber es war nicht meine.
Tom King: Sie wurde von WATCHMEN auf HBO inspiriert. Wenn man fragt: Was macht Green Lantern zu einem einzigartigen Superhelden im Vergleich zu Superman oder Captain America? Er ist im Grunde ein Weltraum-Polizist. Das Fernsehen hat von DRAGNET über HILL STREET BLUES bis hin zu TRUE DETECTIVE auf HBO immer wieder unglaubliche Cop-Geschichten erzählt. Diese Kraft wollten wir nutzen, um unglaubliche Space-Cop-Geschichten zu erzählen. Ich wollte Genres zusammenbringen und die Ernsthaftigkeit von Leuten wie Damon Lindelof in ein Superhelden-Projekt einbringen.
Damon Lindelof: Wenn man an einen staffelübergreifenden Handlungsbogen herangeht, zieht es mich immer zu Mysterien. Es gibt diese Trope der „Totes-Mädchen-Serie“, bei der am Ende des Piloten ein totes Mädchen auftaucht und sich die Staffel um das „Whodunit“ dreht. Wir dachten uns: Was wäre, wenn wir kein totes Mädchen, sondern ein totes Alien nehmen?
Außerdem hat WATCHMEN von Alan Moore in den 80ern die gesamte Idee um ein Mordkomplott gehängt. Die Antwort, wer den Comedian getötet hat, ist relativ profan, aber das Motiv ist extrem vielschichtig gestapelt – es geht darum, die Welt zu retten. Es gibt einfach ein Vermächtnis innerhalb von DC, Batman ist schließlich auch ein Detektiv. Die Idee, dass zwei Green Lanterns ein Rätsel hier auf der Erde lösen müssen, schien einfach viel origineller, als dass sie in der Stadt gegen ein Monster kämpfen.

DEADLINE: Wer hat bei all den kreativen Köpfen hinter der Kamera letztendlich das letzte Wort, wenn es um das Storytelling und die inhaltliche Richtung geht?
Damon Lindelof: Keiner von uns beiden. Wenn man an eine Kreuzung kommt, muss jemand sagen, welchen Weg wir gehen. Ich habe im Grunde den Großteil des Lebens meines Sohnes damit verpasst, Serien zu leiten. Als ich die Idee für LANTERNS hörte, hatten James und Peter bereits mit Chris Mundy gesprochen. Ich war ein riesiger Fan seiner Arbeit bei OZARK und TRUE DETECTIVE: NIGHT COUNTRY. Es war sehr klar, dass Chris die Serie leiten würde, und ich empfand eine enorme Erleichterung, von einem 80-Stunden-Job zu einem 40-Stunden-Job überzugehen. Man kann einfach dabei helfen, jemand anderem bei diesen Entscheidungen zur Seite zu stehen. Es war schön, bei diesem Projekt nicht den Druck der Führung zu spüren.
Tom King: Showrunning ist ein 24-Stunden-Job, bei dem man vom Aufwachen bis zum Schlafengehen besessen ist. Chris Mundy leitet diese Serie und verdient die Anerkennung als großartiger Leader. Damon war mir ein unglaublicher Mentor, der mir gezeigt hat: Wir sind hier, um einem Showrunner zu helfen, seine Vision zu verwirklichen und ihm alle Werkzeuge zu geben, die er braucht.
DEADLINE: Stand beim Schreiben der Beziehung zwischen Hal Jordan und John Stewart eher eine Mentor-Schüler-Dynamik, eine Partnerschaft auf Augenhöhe oder der Konflikt zweier völlig unterschiedlicher Ideale im Vordergrund?
Damon Lindelof: Alles davon. Es gibt immer eine gewisse Reibung in einer Mentorenschaft. Oft ist sie ein Ersatz für die Beziehung zu den eigenen Eltern. Der Lehrling will den Meister übertreffen. Ein großzügiger Mentor wünscht sich das auch. Aber das ist leider am Anfang nicht Hals Ansatz. Er ist an einem Punkt in seinem Leben, an dem viele Männer mittleren Alters sind: Wir wollen Platz für die nächste Generation machen, wollen aber nicht anerkennen, dass wir dem Ende näher sind als dem Anfang. Wenn man buchstäblich diese absolute Macht am Finger trägt, weckt die Vorstellung, sie abzugeben, einen gewissen Groll.
Der spannendste Konflikt für uns: Hal hat den Ring durch Zufall bekommen, ein totes Alien hat ihn einfach ausgewählt. John hingegen musste sein ganzes Leben lang hart arbeiten, um in diese Position zu kommen. Dieses Durchhaltevermögen und das Investieren von unzähligen Stunden ist tief in ihrem Konflikt eingebettet.
Tom King: Damon und ich sind uns immer einig darin, Klischees zu vermeiden. Eine echte Partnerschaft ist so viel komplizierter. Es kann das eine am Morgen sein, das andere beim Mittagessen und alle drei auf einmal beim Abendessen. Sie bewundern sich, sie sind eifersüchtig, sie finden den anderen schrecklich und großartig zugleich. All das existiert gleichzeitig. Das schafft ein Gefühl von Familie, entfacht aber auch Funken von Groll und Hass. Genau das macht es real und HBO-mäßig.

DEADLINE: Hal Jordan wird durch den Satz „Er weiß alles und er irrt sich nie“ definiert. Stammt diese Aussage direkt aus den Comic-Vorlagen und wie seid ihr darauf gekommen, ihn genau so zu charakterisieren?
Tom King: Das kommt direkt von den Anfängen aus den Comics. Hal wurde in den frühen 60ern erschaffen und basierte auf dem Paul-Newman-Ideal: Der Rennfahrer, der Mann am Limit während des Wettlaufs ins All. Er sieht nur das, was vor ihm liegt und was er erobern kann. Aber dieses extreme Selbstvertrauen kommt nicht immer von einem Ort des Glücks. Um dorthin zu gelangen, muss man in der Lage sein, niemals hinter sich zu schauen und viel loszulassen.
Warum blickt ein Mann nicht zurück? Warum hat er keine Bindungen und ist bereit, alles zu riskieren? Ich selbst könnte das nicht, ich habe drei Kinder und eine Frau, die ich innig liebe. Ich kann nicht Hal Jordan sein. Herauszufinden, warum er es kann, ist das absolute Herzstück dieses Charakters.
DEADLINE: Was wird eurer Meinung nach die Zuschauer an der Geschichte am meisten fesseln, die bisher noch gar keine Berührungspunkte mit der Mythologie von Green Lantern hatten?
Damon Lindelof: Erstens hat man sehr selten die Gelegenheit, ein Duo zu machen. Wir machen nicht Batman oder Superman, wir machen LANTERNS. Das bringt die Vertrautheit des Buddy-Cop-Genres mit sich, kombiniert mit den fantastischen Elementen des DC-Universums.
Als nerdiges Kind fand ich Superhelden, die Konstrukte aus ihrer Vorstellungskraft manifestieren können, viel greifbarer als Batman – ich habe Höhenangst, ich würde keine Greifhaken benutzen. Science-Fiction kann manchmal befremdlich wirken. Aber genau wie GAME OF THRONES Leute begeistert hat, die eigentlich keine Drachen und Zauberer mögen – weil es einen realistischen, humanistischen Ansatz hat –, wollen wir diese Prämisse erden. Es gibt dieses verrückte Universum mit Space-Cops und Aliens, aber was wir eigentlich sehen, ist ein Mord in Nebraska mit intergalaktischen Konsequenzen. Das Wichtigste, worum das Publikum sich kümmern soll, ist die Frage: Werden diese beiden Typen in der Lage sein, miteinander auszukommen?
Im Gespräch mit Garret Dillahunt und Poorna Jagannathan


DEADLINE: Was macht die Serie LANTERNS so einzigartig?
Poorna Jagannathan: Ich war anfangs zögerlich, weil ich dachte, ich würde viel vor dem Greenscreen arbeiten. Normalerweise spielen wir in sehr realistischen Serien. Aber als ich das Drehbuch las, war ich beeindruckt, wie nahbar und zutiefst menschlich es ist. Es revolutioniert das Genre. Normalerweise gibt es im Superheldengenre ein klares Gut gegen Böse. Hier hat jedoch jeder Gutes und Böses in sich und schwankt ständig zwischen diesen Extremen.
Garret Dillahunt: Ich war vor allem von dem Team beeindruckt, das zusammengestellt wurde. Die Schauspieler waren durch die Bank großartig. Es war eine wirklich schöne Erfahrung, und ich mochte ausnahmslos jeden aufrichtig. Außer Poorna Jagannathan natürlich (lacht).
DEADLINE: Wie aufregend war es für euch, an einem Superhelden-Projekt mitzuwirken, da ihr das in eurer bisherigen Karriere eher selten gemacht habt?
Garret Dillahunt: Es war großartig, Teil von etwas so Hochwertigem zu sein. Das Projekt begann kurz nach den Streiks, daher waren wir alle froh, wieder zu arbeiten – besonders an einer so stark unterstützten Produktion mit so tollen Schauspielern. Es war fantastisch, in L.A. ans Set zu kommen, mit 150 Komparsen und dieser riesigen Crew zu drehen. Ich bin ohnehin ein alter Comic-Nerd, deshalb hat es riesigen Spaß gemacht, Teil dieses Universums zu sein.
Poorna Jagannathan: Für mich war es eine Freude und ein absoluter Karrierehöhepunkt. Ich dachte immer, dieses Genre sei nichts für mich, aber Filme wie E.T. und DISTRICT 9 gehören zu meinen absoluten Lieblingsfilmen. Als ich das Drehbuch las, fand ich es so stimmig, dass ich wusste: Das ist auch meine Welt. Ich fühlte mich beim Lesen überhaupt nicht fremd.

DEADLINE: LANTERNS vereint viele Genres wie Sci-Fi, Mystery, Buddy-Comedy und Western. Wie würdet ihr die Serie beschreiben?
Garret Dillahunt: Du hast das bereits wunderbar zusammengefasst. Hoffentlich ist für jeden etwas dabei. Es erinnert mich an meine Lieblingscomics: Die Superhelden sind fehlerhafte Menschen in Graustufen. Ich decke dabei wohl den Western-Aspekt ab. Für mich ist es eine düstere Serie im TRUE DETECTIVE-Stil mit einer Prise Superkräften.
Poorna Jagannathan: Die Serie untergräbt alle Regeln des Genres und stellt sie auf den Kopf. Ich hätte mit meiner Rolle nie gerechnet und dachte, sie würde von einem weißen Mann gespielt werden. Ich war völlig überrascht, als ich das Drehbuch las. Ich rief Showrunner Chris Mundy um Mitternacht an und sagte ihm, dass die Serie wirklich jede Erwartungshaltung bricht und mutig damit spielt. Im Kern ist es GREEN LANTERN, aber alles Drumherum ist neu interpretiert. Für die Kernzielgruppe wird es sehr befriedigend sein, aber es lädt auch Zuschauer ein, die normalerweise nichts mit dem Genre anfangen können.
DEADLINE: Zoe sagt in der Serie, dass Bequemlichkeit einen nicht stärker macht. Stimmt ihr zu, dass wir manchmal unbequeme Wege gehen müssen, um bessere Menschen zu werden?
Garret Dillahunt: Leider scheint das zu stimmen.
Poorna Jagannathan: Ja, leider. Ich liebe es, es bequem zu haben. Aber der Geist wird erst durch großen Druck wie ein Diamant geformt. Das gilt für jeden, ganz besonders aber für Zoe. Sie hat viele Leben lang große Unbequemlichkeiten ertragen und aufgrund ihrer Programmierung Dinge getan, die sie nicht wollte. Jetzt ist sie auf die Erde gekommen, um endlich in Frieden zu leben. Die Ankunft der Green Lanterns ist für sie daher eine massive Störung.

DEADLINE: Wie war die Zusammenarbeit mit Tom King, der als einer der besten Comicautoren unserer Zeit gilt?
Garret Dillahunt: Mir war bis zur Comic-Con gar nicht klar, wie sehr wir unsere Liebe zu Comics teilen. Er hat dort meine absolute Lieblingsrede gehalten. Wir haben uns später bei einer gemeinsamen Fahrt stundenlang über verschiedene Comiczeichner unterhalten. Es verleiht der Serie unglaubliche Glaubwürdigkeit, wenn Geschichtenerzähler wie Chris Mundy und Damon Lindelof mit einem echten Comic-Experten wie Tom King zusammenarbeiten. Ich habe sehr hohe Erwartungen an die Serie.
DEADLINE: Habt ihr euch bereits Fan-Theorien zu euren Charakteren durchgelesen und gibt es darunter schon einen Favoriten?
Garret Dillahunt: Ich möchte keine Theorie bestätigen oder dementieren, denn die Fans sind extrem clever. Aber ich liebe es, wie sehr sie involviert sind. Einige dachten, ich könnte Black Hand oder Green Arrow sein – was teilweise an einem Post lag, den ich veröffentlicht habe. Sie werden es bald genug erfahren. In ein paar Wochen werden sie an einem Sonntag mehr von mir zu sehen bekommen, als ihnen vielleicht lieb ist.
Poorna Jagannathan: Viel mehr, als irgendjemand erwartet hätte, mich eingeschlossen.

DEADLINE: Ein zentrales Thema der Serie ist Angst. Green Lanterns dürfen keine Angst haben, aber heutzutage ist das oft schwer. Wie sollten wir im echten Leben mit Angst umgehen?
Garret Dillahunt: Ich weiß nicht, ob ich der Richtige für diese Frage bin. Ich wäre eine furchtbare Green Lantern, ich hätte andauernd Angst. Aber wie kann man mutig sein, wenn man gar keine Angst hat? Es ist ein enormer Akt der Tapferkeit, angesichts von Angst und Unsicherheit trotzdem weiterzumachen. Wir müssen die Angst einfach akzeptieren und für das schätzen, was sie uns lehrt.
Poorna Jagannathan: Ich liebe es, dass Hal am Ende offenbart, dass er furchtlos ist, weil er innerlich zerbrochen ist. Das ist wunderschön und berührend. Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben, sondern trotz der Angst einen Fuß vor den anderen zu setzen. John Stewarts Charakter durfte als Kind nie Angst empfinden. Die psychologischen Konsequenzen, wenn einem vorgeschrieben wird, was man fühlen darf, und die spätere Ablehnung dessen ist zutiefst menschlich und nachvollziehbar. Auch unsere Charaktere müssen ständig so viel kontrollieren, weil sie voller Zukunftsängste stecken.

DEADLINE: Eure Charaktere haben viel gemeinsame Bildschirmzeit. Wie war die Zusammenarbeit zwischen euch beiden?
Poorna Jagannathan: Es war eine unglaubliche Ehre, mit Garret Dillahunt zu arbeiten. Er ist so ein herzlicher Mensch und war während des gesamten Drehs mein Ruhepol.
Garret Dillahunt: Das ist sehr süß zu hören. Ich bin ein eher schüchterner Typ und kannte Poorna Jagannathan vor diesem Job nicht. Ich glaube, ich habe noch nie mit jemandem zusammengearbeitet, der so freundlich und einladend war. Sie hat immer dafür gesorgt, dass ich bei allem integriert wurde. Sie ist ein wundervoller Mensch. Wir betonen zwar oft im Scherz, wie sehr wir uns lieben, aber es stimmt wirklich. Die Zusammenarbeit war einfach leicht, und wir hatten einen unfassbar tollen, herzlichen Cast.
Interviews geführt von Nando Rohner
Lantern – Fotocredit
Photograph by John P. Johnson/HBO Max
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