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REGISSEUR ROBERT SCHWENTKE IM INTERVIEW ZU SNAKE EYES: G.I. JOE ORIGINS

„Loslassen ist ganz wichtig“ – Im Interview mit Robert Schwentke

Vor zehn, zwanzig Jahren waren Roland Emmerich und Wolfgang Petersen noch unsere Exportschlager für Hollywood-Blockbuster. Doch während die beiden nach verdienten Erfolgen immer seltener und weniger bombastisch an den Kinokassen einschlagen, ist der Stuttgarter Robert Schwentke seit über 15 Jahren in der (Alb-)Traumfabrik sehr gefragt.

Nachdem ihm in Deutschland kaum die Möglichkeit zur Entfaltung eigener Projekte gegeben wurde, akzeptierte er die Regie von TATTOO und schuf einen bis heute international angesehenen Genrefilm. Nach EIERDIEBE folgten in Hollywood FLIGHTPLAN, DIE FRAU DES ZEITREISENDEN, R.E.D., R.I.P.D., INSURGENT und ALLEGIANT – mit unterschiedlichem Kritiker- und Publikumserfolg, und auch Schwentke selbst steht seinen US-Erfahrungen sehr kritisch gegenüber. Dabei verliert er nicht das Bewusstsein für die Chancen, die solch große Filmprojekte bieten, und versteht es, seinen persönlichen Stil auch bei schwierigen Produktionsbedingungen durchscheinen zu lassen. Ein Robert-Schwentke-Film nimmt sein Sujet ernst, fügt ihm eine absurde Note bei, einen schwarzen Irrwitz. Die großen Produktionen geben ihm die Möglichkeit, seine Herzensprojekte zu verwirklichen, wie zuletzt den grandiosen DER HAUPTMANN, der verbildlicht, wofür Schwentkes Kino – wenn freigelassen – steht: unangepasst, durchkomponiert, nicht lehrreich, sondern zum Nachdenken anstoßend.

Schwentke atmet Kino, ist Anhänger des italienischen Genrekinos, des japanischen Films und liebt John Cassavetes, sammelt Filme und Filmliteratur. Jetzt im Kino: sein SNAKE EYES: G.I. JOE ORIGINS, bei dem er wieder einmal den Balanceakt zwischen Franchise und persönlicher Filmkultur gewagt hat, vor allem aber seine Leidenschaft für den Martial-Arts-Film ausleben konnte.

 

Snake Eyes: G.I. Joe Origins

DEADLINE: Wie kam es zu deiner Regie bei SNAKE EYES: G.I. JOE ORIGINS?

 

Robert Schwentke: Ich bin mit dem Produzenten Lorenzo di Bonaventura befreundet, wir hatten auch schon R.E.D. zusammen gemacht. Danach hatte ich auch schon die Chance, die anderen G.I.-JOE-Filme zu inszenieren, lehnte jedoch ab. Man sollte schon sehr an das Martialisch-Militaristische glauben. Ich hätte eher versucht, das zu subversiver zu gestalten, was eher nicht das war, was das Studio im Sinn hatte.

Als es dann später aber darum ging, etwas mit der Figur des Snake Eyes zu machen, hat mich das sofort interessiert. Mein liebstes nationales Kino ist das japanische, schon seit über 35 Jahren. Noch jede Woche finde ich einen neuen japanischen Film, der grandios ist. Da gibt es unzählige Meisterwerke. In diesem Metier kenne ich mich gut aus und habe bestimmte Vorlieben. SNAKE EYES war nun die Möglichkeit für mich, selbst einmal so einen Film zu machen. Das hat mich gereizt. Ich habe jetzt mein Leben lang Filme von Fukasaku und Kosaku geschaut und möchte nun meinen Blick auf diese Filmkultur einem Publikum zeigen. Jetzt konnte ich endlich auch einmal Schwertkämpfe inszenieren – das ist wohl eine einmalige Gelegenheit für einen westlichen Regisseur.

 

DEADLINE: Wie lief dann die eigentliche Arbeit am Film? Oft können ja Vorfreude und Vorstellung sowie der tatsächliche Dreh eine große Diskrepanz aufweisen.

 

Robert Schwentke: Es hat sich super angefühlt. Ich habe es absolut geliebt, den Film zu machen. Wir hatten gute Leute, ein tolles Team. Wir haben sehr lange mit den Schauspielern geprobt – im Drehbuch gab es die Charaktere so noch gar nicht. Es gab auch kaum Konflikte zwischen den Figuren, so wie wir sie jetzt im fertigen Film sehen können. Das haben wir mit den Darstellern gemeinsam entwickelt.

Was die Kampfszenen angeht, sind wir so vorgegangen, dass die Stile der Kämpfer auf ihren Charaktereigenschaften basieren. So wie Musicals und alle guten Martial-Arts-Filme gestaltet man die körperliche Action so, dass sie den Plot und das Thema weiterverfolgt und neue Wendungen etabliert. Leider sind dann beim Schnitt viele von diesen Elementen rausgefallen, es ist nicht mehr ganz so stark im Film spürbar. Jeder hat natürlich noch seine individuellen Waffen und spezifischen Kampfstile. Aber es gab eben auch Momente in den Kämpfen, in denen Freundschaften geschlossen wurden – davon ist jedoch einiges rausgefallen, weil es vielleicht sonst zu viele Kämpfe geworden wären.

Snake Eyes: G.I. Joe Origins

DEADLINE: Warst du bei SNAKE EYES nicht so stark in den Schnitt involviert?

 

Robert Schwentke: Doch, schon. Allerdings darf man in Hollywood nie die Bedeutung von Testvorführungen vergessen. Wenn dir bei der dritten Vorstellung das Testpublikum immer noch sagt, dass zu viel gekämpft werde, dann muss man eben reagieren. Das mag für mich als Filmemacher ein Verlust sein, aber ich bin eben auch nicht der Kinogänger, den die Produzenten im Blick haben. Viele machen dann später einen Director’s Cut, aber das möchte ich nicht.

Einerseits möchte ich als Regisseur den Film so machen, wie ich ihn mir vorstelle, andererseits möchte ich auch persönlich, dass er beim Publikum funktioniert. Das ist ein zweischneidiges Schwert, und deswegen sind Fokusgruppen und Testscreenings auch gar nicht gänzlich abzulehnen: Sie helfen dir, auch eine andere Einstellung und Wahrnehmung als die eigene im Blick zu haben. Klar gibt es auch da immer noch Raum für Interpretation, aber wenn einen die Zuschauer immer wieder mit den gleichen Aussagen und Wünschen konfrontieren, sollte man nicht zu stur sein und eben doch auf ihre Rezeption reagieren. Als einsamer Kämpfer für die ganz persönliche Filmfassung wird man in dieser Unterhaltungsindustrie nicht gewinnen können.

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DEADLINE: Die G.I.-JOE-Filme basieren auf den Cartoons und Comics, die wiederum ihren Ursprung in einer sehr populären Reihe von Actionfiguren mit Playsets und Fahrzeugen und allem Drum und Dran haben. Hast du dich damit intensiv auseinandergesetzt?

 

Robert Schwentke: Zunächst kannte ich da gar nichts von. Aber in die Produktion des Films war auch Larry Hama involviert, der über 150 G.I.-JOE-Comichefte verfasst hat und vor allem den fernöstlichen Einfluss in die Reihe einbrachte. Ich schätze Larry sehr und habe mir dann die Comics intensiver angesehen – da sind hervorragende Geschichten und Illustrationen dabei. In dem ersten Heft, in dem Snake Eyes auftaucht, hat er ja gar keine Dialoge. Das ist schon beeindruckend gelöst. Ich würde mich selbst durchaus als Comicfan bezeichnen – das allein hat die Arbeit am Film für mich spannend gemacht.

Trotz der umfangreichen Vorgeschichte und der Ansprüche der Produzenten und des Publikums hatte ich dennoch nie das Gefühl, eine Liste abarbeiten zu müssen – Vorbereitung, Dreh und Postproduktion haben sich immer noch sehr kreativ angefühlt. Klar macht man auch Zugeständnisse. Im ersten Drehbuchentwurf tauchten Cobra oder G.I. Joe gar nicht auf, es ging nur um Snake Eyes. Bestimmte Figuren, Namen und Branding mussten wir dann doch schon integrieren. Für einen Franchise-Film hielt sich das aber alles im Rahmen. Hätte ich jetzt das Gefühl gehabt, ich hätte, wie bei einem Baukasten, etwas basteln müssen, was da genau reinpasst, hätte ich das gar nicht gekonnt. Dafür wäre ich der vollkommen falsche Regisseur.

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DEADLINE: Musste dein Film sich an den beiden vorangegangen G.I.-JOE-Filmen orientieren und ihren Stil oder Plot aufgreifen oder in Form einer Origin-Story vorbereiten?

 

Robert Schwentke: Ich hatte von vornherein die Erlaubnis, etwas komplett anderes zu machen. Das war sogar direkt die Ansage der Produzenten und des Studios: Wir wollen etwas ganz anderes machen als die anderen beiden Filme. Natürlich kenne ich die ersten beiden Filme, und ich finde die auch unterhaltsam, aber ich hätte die so nicht drehen können.

 

DEADLINE: Noch mehr als ein G.I.-JOE-Film ist SNAKE EYES natürlich ein Martial-Arts-Film. Wie bist du bei der Choreografie und Inszenierung der Kampfszenen vorgegangen?

 

Robert Schwentke: Ich hatte damals nach R.I.P.D. das Gefühl, etwas an meiner Arbeitsweise ändern zu müssen. Wenn man plötzlich 150 Millionen Dollar als Budget hat, glaubt man, etwas anders angehen zu müssen. Aber man versteht recht schnell, dass das gar nicht geht. Der Film muss auch auf einen selbst zukommen, und man darf sich seinen Vorgaben nicht total unterordnen.

Genauso sind wir auch bei SNAKE EYES vorgegangen. Womit ich mich wirklich intensiv befasst habe, sind Figuren und Charaktere. Wenn ich nicht verstehe, welche Persönlichkeiten meinen Film bevölkern und was sie tun und warum sie es tun, kann ich den Film nicht machen. Denn irgendwann kommt der Punkt, wo die Darsteller vor mir stehen, und ich muss ihnen etwas vermitteln. Wenn ich dann nicht weiß, wovon ich spreche, führt das nirgendwohin. Für die Kampf- und Actionszenen war vor allem Kenji Tanigaki verantwortlich. Ich hatte mich vorher mit seiner Arbeit befasst und 98 Prozent der Filme gesehen, an denen er beteiligt war. In gemeinsamer Arbeit haben wir dann die Kämpfe designt. Der Einsatz von Katanas war zum Beispiel meine Idee – die waren vorher gar kein Thema. Auch dass die Story eine echte Yakuza-Geschichte wird, habe ich forciert. Ich habe Tanigaki klar gesagt, von welchen japanischen Regisseuren ich sehr beeinflusst bin und dass ich gern etwas in diese Richtung machen würde. Ich finde seine Arbeit toll, aber mir war wichtig, dass wir alles aus den Figuren heraus entwickeln würden. Ich muss den Schauspielern erklären, warum sie eine bestimmte Bewegung oder Handlung machen. Das hat Tanigaki sehr gefallen, und wir haben hier gut zueinander gefunden. Wir beide waren immer früh um sechs die Ersten im Büro. Wir haben uns dann erst mal eine halbe Stunde lang Szenen aus verschiedenen Filmen angeschaut, z. B von Misumi. Tanigaki ist dann losgezogen, hat mit den Stuntleuten im selben Gebäude Szenen erarbeitet, sie für mich aufgenommen, und dann haben wir sie gemeinsam diskutiert. Und je weiter wir da vorankamen, umso besser konnte ich auch den Darstellern ihre Rollen erklären. Man kann Szenen verschieden auslegen, aber es muss immer ein Rückgrat vorhanden sein.

Nachdem alles mit Stuntmen und Schauspielern einstudiert war, habe ich mich entschieden, die Kämpfe chronologisch zu drehen – was ungewöhnlich ist. Wir haben das dann in Blöcken gedreht – zunächst nimmt man die äußere Action, das Geschehen um die Protagonisten herum, auf, und dann haben wir uns langsam vorgearbeitet. Dadurch konnten wir reagieren, wenn etwas zu viel erschien oder verändert werden musste. Wir haben uns dann auch einfach den Luxus erlaubt, noch am Drehtag Dinge zu verändern. Klar führt das manchmal zu Kämpfen, aber ich habe dem Studio gesagt: Ein Film ist ein Organismus, der lebt. Klar kann man ihm lange sagen, wie er sein soll – aber irgendwann wird er dir klarmachen, was er sein will. Da muss man dann zuhören, sonst wird es eine Totgeburt. Vielleicht wird es auch so eine Totgeburt, aber andernfalls wird es sicher eine.

Wir hatten auch recht wenig Second-Unit-Aufnahmen, um ein paar kommt man nicht herum. Stilistisch wollte ich auch die Einstellungen an die Kampf-Fotografie anlehnen. Ich habe jetzt in Kritiken immer mal wieder gelesen, dass ich mich zu sehr der Wackelkamera anvertrauen würde. Aber das ist doch gerade, was ich toll finde: wenn sich Bewegungen nur noch in Farbschlieren ausdrücken. Ich finde es toll, wenn man das Gefühlt hat, mittendrin zu sein. Der Einsatz der Kampf-Fotografie ist uns vielleicht am besten beim letzten Kampf, in dem Snake Eyes und Storm Shadow zusammen kämpfen, gelungen. Das sind ästhetische Entscheidungen. Klar kann man auch im Jackie-Chan-Stil drehen, der oft recht weit weg bei seinen Einstellungen ist und lange draufhält, damit man alles genau sehen kann – das war aber nicht der Film, den wir machen wollten.

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DEADLINE: Setzt du dich mit und nach dem Erscheinen von SNAKE EYES noch mit seiner Resonanz bei Kritik und Publikum auseinander oder ist der Film bereits für dich abgeschlossen?

 

Robert Schwentke: Ich bin schon voll in der Entwicklung meines nächsten Films, den wir auch in Kürze drehen werden. Man muss loslassen. Bei R.I.P.D. habe ich lange Zeit nicht losgelassen, das hat mir sehr zu schaffen gemacht. Ich hatte das Gefühl, dass da etwas auf meinem Rücken ausgetragen wurde, womit ich eigentlich nichts zu tun hatte. Das war ein Negativ-Lehrstück für mich. Loslassen ist da ganz wichtig. Das gehört einem dann nicht mehr, und man schaut sie auch nicht mehr. Einige Filme, die ich gemacht habe, sind mir egal, und ich habe welche, die ich lieber mag als andere. Es gibt „meine“ Filme und jene, über die ich sehr ambivalent denke.

 

DEADLINE: Vielen Dank für dieses offene und ehrliche Interview!

 

Interview geführt von Leonhard Elias Lemke

 

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