Wir schreiben den 17.09.2026. Nicht sehr häufig wurde einem Datum in der Kino- und Gaming-Geschichte so viel Aufmerksamkeit zuteil. Schon am Vorabend sind die Previews nahezu ausgebucht – durch Cineasten und Gamer zu gleichen Maßen. Spannung liegt in der Luft, ein aufregendes Kribbeln wirbelt durch die Popcorn-knuspernde Masse. Denn heute erblickt ein neuer RESIDENT EVIL das Licht der Welt. Und das von niemand Geringerem als der Horrorgröße Zach Cregger. Haben wir ihn jetzt, DEN Film, auf den man seit Beginn der Spielereihe 1996 gewartet hat?
Brian, ein schmächtiger Typ mit Strickmütze, aufgeweckt, doch mit müdem Blick, ist Lieferbote für Organe. Noch eine Lieferung bis Feierabend. Der Tag scheint gut gelaufen, jetzt bitte nur weg hier und entspannen in den Armen der geliebten Freundin. Innerlich schon ausgestempelt, erreicht ihn unerwartet die Anfrage einer Ärztin: eine Lieferung ins Krankenhaus von Raccoon City, doppelte Bezahlung, da außerhalb des Zuständigkeitskreises. Angesichts des Geldsegens erhellt sich Brians Gesicht sofort merklich. Die Fragen, ob er winterfest in Sachen Kleidung und Fahrzeug ist, ignoriert er schlichtweg mit einem unbesorgten Grinsen und den Worten: „Yeah, sure, I can do it!“

Die grüne Box unbekannten Inhalts auf die Rückbank bugsiert, fährt Brian zuversichtlich über eine schneebedeckte Straße durch waldige Natur. Schnell bemerkt er, warum auf Schneeketten hingewiesen wurde, was ihn jedoch nicht davon abhält, sich schlängelnderweise hitzig mit seiner Freundin zu telefonieren. Nicht überraschend, dass er folglich ein plötzliches Hindernis in Form einer Frau über die Motorhaube fliegen lässt. Schockiert und fluchend sucht er nach dem Opfer und findet es im Halbschatten des Waldes in leicht obskurer, anatomisch fragwürdiger Körperhaltung. Die derangierte Dame auf den Beifahrersitz verfrachtet, geht die Fahrt weiter Richtung Raccoon City. Doch was als erste Hilfe begann, soll hier das erste Tor zur Hölle werden. Aus einem scheinbar alltäglichen, jedoch gewinnbringenden Auftrag wird nicht mal schleichend, sondern ziemlich knackig schnell ein zombieesker Alptraum. Von Kreaturen und Mutationen gejagt, wird Brians Lieferbotendasein zu einem surrealen Survivalkampf, bei dem er jedoch interessanterweise nie seinen Auftrag vernachlässigt. Denn Film hin oder her – das ist das Spiel!

Womit wir hier auch gar nicht lange um den heißen Brei herumschwafeln wollen. Denn die Kernfrage, die dieser Tage viele Fans umtreibt, ist und bleibt: Macht das alles Sinn? Ohne Zweifel, Zach Cregger hat mehr als einmal bewiesen, dass er nicht nur weiß, wie man starken Horror erzeugt. Vor allem ist er ein Virtuose in Sachen kreativer Erzählweisen mit einem gekonnt subtilen Schuss Humor. Mit seiner ersten Punktlandung BARBARIAN (2022) hat er nicht nur Größen wie Bill Skarsgard (THE CROW, IT) und Justin Long (DRAG ME TO HELL, TUSK) vor die Kamera genagelt, sondern auch aussagekräftige Kritiker und das Publikum überzeugt. Durch WEAPONS (2025) hat er seine individuelle Handschrift etabliert. Mit Josh Brolin und Julia Garner hat er ein Szenario in sechs POV-(Point-of-View-)Episoden geschaffen, welches sich in aller Intimität und Individualität nur schleichend erschließt und in einem absurd grandiosen Finale ausufert, das wohl so noch nie ein Horrorfilm für sich beanspruchen konnte. Ein Sieg für Ami Madigan als beste weibliche Nebenrolle brachte ihn zu den Oscars und damit das Genre einmal mehr ins verdiente Spotlight.

Für Cineasten war vor allem wichtig: Einen Zach Cregger verlässt man mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht. Zum einen für seine kompromisslose Brutalität, zum anderen für sein eigenständiges, mutiges Narrativ, welches auch Humor zulässt, ohne die Ernsthaftigkeit und Spannung der Situation zu vernachlässigen.
Doch wie passt all das Handwerk und diese spezielle Expertise nun in das RESIDENT-EVIL-Universum? Nach Ausgabe der ersten Trailer und Teaser hat die Fanbase natürlich aufgeschrien. Nur subtil gab es Futter für die Gamer, die Diskussionen sind zu Recht entflammt. Betrachten wir die frustrierende filmische Vorgeschichte: Nach Start der Videospiel-Reihe 1996 etablierte Paul W. S. Anderson (Drehbuch, vereinzelt Regie) einen neuen Charakter in Form seiner Ehefrau Milla Jovovich als Alice, welche sich tapfer und beständig ab 2002 über sechs Teile durch die Lore von RESIDENT EVIL metzelte. Weder Filmfreunde noch Gamer konnten hier auch annähernd Fuß fassen und die Zusammenhänge zu den Spielen verloren sich zunehmend. 2021 versuchte man mit RESIDENT EVIL: WELCOME TO RACCOON CITY dies auszugleichen und verkrampft eine wilde Verbindung zu konstruieren, die so desolat ausfiel, dass der Film maximal für ein Trinkspiel herhält.

Doch bevor hier das Urteil gefällt wird, wollen wir natürlich ALLE Leser einmal umarmen und einschließen: Worum geht es in den Games von RESIDENT EVIL? Um es schlicht zu halten: Die sogenannte Umbrella Corporation ist ein Pharmakonzern, der rücksichtslos seinen Platz auf dem Weltmarkt verteidigt, indem er biologische und genetische Waffen mittels verschiedener Viren entwickelt, welche Menschen und Tiere in Zombies und/oder Mutanten mannigfaltiger Couleur verwandeln. Und grob zusammengefasst können wir uns dann mit den ambitionierten Charakteren wie Leon (2,4,9), Jill (1,3), Chris (1,5,8), Claire (2) oder Ethan (7,8) herzlich unerfreulich schön in diversen düsteren Settings und unterschiedlichsten Storylines herumschlagen.
Aber nun stehen wir einem völlig neuen Genexperiment gegenüber, nämlich dem zwischen Zach Cregger und RESIDENT EVIL. Die Ansprüche sind einerseits klein, dank der dürftigen filmischen Vorgeschichte, und gleichzeitig sind sie riesengroß, angesichts der durstigen und ebenso hoch kritischen Fangemeinde. Im Vorfeld hat Cregger schon sehr deutlich formuliert: Er ist ein großer Fan der Gaming-Serie und möchte genau das Gefühl vermitteln, das man als Gamer selbst empfindet. Er verfasst damit einen Liebesbrief an das eigentliche Spielerlebnis, ohne bereits erzählte Geschichten unnötig erneut wiederzugeben. Die Umbrella Corporation sowie einzelne Charaktere stehen folglich nicht im Mittelpunkt, stattdessen wird ein völlig neuer Charakter etabliert.
Zeitlich angesiedelt zwischen Teil 2 und 3 der Spielereihe, stoßen wir in Creggers Neuinterpretation unmittelbar auf den beliebigen und doch sofort sympathischen Medizinkurier Brian, in Form von Austin Abrams (EUPHORIA, SCARY STORIES TO TELL IN THE DARK), der schon in Zach’s Vorgänger WEAPONS als obdachloser Junkie brillierte. Und mit einem ganz ähnlichen Gesichtsausdruck zwischen ständiger Ratlosigkeit, Panik und Überforderung trägt er uns mit einer unfassbar guten Performance durch diesen Höllenritt Richtung Raccoon City. Was als simpler Auftrag begann, ufert nach einem kurzen, doch effektiven Stimmungsaufbau vollständig aus und Brian sieht sich konsequent mit Mutanten und Kreaturen konfrontiert – egal, ob Mensch oder Tier, einfach alles will ihm den Arsch bis zum Stehkragen aufreißen. Als völlig überforderter, orthonormaler Zivilist ist es ein Fest, ihm zu lauschen. Seine Monologe sind eine stetig anhaltende Symphonie aus Fuck!, Shit! und Why? in herrlich vielfältigen Tonlagen, was sehr originär an das Verhalten als Gamer zur Selbstberuhigung erinnert.

Und ähnlich wie im Spiel stößt Brian konsequent an seine Grenzen. Im Gegensatz zu den Charakteren im Spiel kann er schlichtweg nichts! Er findet eine Waffe, weiß nicht, wie man sie nutzt. Die Munition muss er ebenfalls erst finden. Panisch fummelt er damit herum, um dann doch irgendwie in letzter Sekunde einen Treffer zu landen. Dann mutiert die Leiche, verbindet sich mit anderen Körpern und er wird gejagt. Wie auch im Spiel gibt es hier den einen Supermutanten-Gegenspieler, der ihn durchweg verfolgt. Wir haben unterschiedliche Level: das Auto, die Farm, die Stadt, die Kanalisation, das Krankenhaus. Und in jeder dieser durchweg aufreibenden Etappen auf dieser Mission gibt es unzählige Easter Eggs, die einfach nur unfassbar viel Spaß machen. Die Waffen-Upgrades, Schlösser, die Speicher-Schreibmaschine, Heilpflanzen, First-Aid-Spray, Rätsel und ständig neue Point-to-Point-Challenges lassen dich unmittelbar in das Erlebnis eintauchen. Hinzu kommen die dabei wirklich einmaligen Kameraeinstellungen, die nicht nur überraschend vielfältig und bewegt sind, sondern auch häufig die First-Person-Perspektive vieler Spiele spürbar machen.

Für die Cineasten weitaus wichtiger ist natürlich das überwältigend kreative Creature-Design. Hier wurde viel mit praktischen Elementen gearbeitet, was den Horror sehr nahbar macht. Darüber hinaus ist die Vielfalt der Mutationen in all ihren Formen, in ihrer Geschwindigkeit und ihren ethisch fragwürdigen Übergangsmomenten so erschreckend und unerwartet extrem, dass einem schlichtweg der Atem stockt. Ich möchte so weit gehen und behaupten: Seit THE THING (1982, 2011) gab es keinen so dramatischen und effektiv verstörenden Body-Horror in dieser Form. Gleichzeitig wird auch mit Splatter nicht gegeizt. Was weg muss, wird weggeblasen, aufgeplatzt, zerlegt, zerquetscht – es ist ein Fest!
Klingt doch alles nach einem Riesenspaß? Ja, verdammt, genau das ist es auch! Aber es wird hier viele kritische Stimmen geben, die genau das monieren – den Spaß. Denn in klassischer Cregger-Manier haben wir trotz des hohen Tempos an Handlung, Gore und der liebevollen bis grenzwertig brutalen Verweise tatsächlich viel Humor impliziert. Daher sind Stimmen nachvollziehbar, die darin eine Degradierung der Ernsthaftigkeit und der Spannung sehen. Und das muss man einfach respektieren. Ein so komplexes Thema kann und wird nie jeden zufrieden stellen können.

Aus voller Überzeugung kommen wir jedoch zu folgendem Schluss: Zach Cregger hat sich erneut selbst übertroffen und mit RESIDENT EVIL erneut einen Horrorfilm geschaffen, der wie auch seine Vorgänger völlig unvergleichlich und unfassbar mitreißend ist. Wie auch einige der Spiele ist er schlichtweg völlig individuell und bringt nicht zu viel der Lore ins Spiel, aber dennoch genug, um das Setting zu verstehen. Das eigenständige Erlebnis in dieser völlig aus den Fugen geratenen Welt hat er mit einer so großen Liebe und einer herrlich wahnsinnigen Kreativität absolut überzeugend zum Leben erweckt. Ein Experiment, ein Wagnis – aber gleichzeitig auch mit Abstand der beste Horrorfilm des Jahres. (Susanne Müller)
Endlich DER RESIDENT EVIL, auf den wir 25 Jahre gewartet haben!
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