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ROSEBUSH PRUNING

Regie: Karim Aïnouz / Deutschland, Italien, Spanien, Großbritannien 2026 / 97 Min

Besetzung: Callum Turner, Riley Keough, Elle Fanning, Jamie Bell, Tracy Letts, Pamela Anderson, Elena Anaya, Lukas Gage

Produktion: Michael Weber, Viola Fügen, Simone Gattoni, Annamaria Morelli, Andreas Wentz, Vladimir Zemtsov

Freigabe: FSK 16

Verleih: MUBI

Start: 23.04.2026

Meerblaues Meer. Rosenrote Rosen. Edward „Ed“ Taylor (Callum Turner) sitzt wie ein Podcaster vor einem Mikro und erzählt von seiner Familie. Sechs Jahre ist es her, dass die Taylors von New York nach Spanien, in die Nähe von Barcelona, gezogen sind. Seitdem ihre Mutter (Pamela Anderson) auf mysteriöse Weise von ihnen gegangen ist, hat ihr enormes Erbe sie von jeglicher Arbeit befreit. Sie leben in Luxus, interessieren sich nur noch für teure Designermode und Popmusik – von Balenciaga bis PET SHOP BOYS. Mit Schreiben und Lesen kann Ed nichts anfangen. Stattdessen erfindet er Sprichwörter wie „Wenn eine Banane zu Boden fällt, passiert nichts. Wenn eine Melone zu Boden fällt, ist alles vorbei“ – oder: „Menschen sind Rosen, Familien sind Rosenstöcke – und Rosenstöcke müssen gestutzt werden“.

Die Taylors bilden einen maximal dysfunktionalen Rosenstock. Der blinde, tyrannische Vater (Tracy Letts) ist ein absolutes Ekel, das von seinen erwachsenen Kindern wie eine unselbstständige Wachsfigur gepflegt werden muss. Neben Ed wohnen seine Schwester Anna (Riley Keough) und seine Brüder Robert (Lukas Gage) und Jack (Jamie Bell) mit ihm in einem abgeschiedenen Anwesen auf dem Land. Die Mutter wurde der offiziellen Familienlegende nach von Wölfen zerfleischt. Regelmäßig fahren sie gemeinsam in einen Wald, um an einem Gedenkkreuz tote Tiere niederzulegen – damit die Wölfe zu fressen haben und niemanden das Schicksal der Mutter ereilt.

In der dekadenten Isolation bringt keines der Familienmitglieder irgendetwas Sinnvolles zustande. „Wir sind alle faule, mittelmäßige, oberflächliche Egoisten“, meint Ed; bis auf seinen ältesten Bruder Jack, denn der sei aufrichtig, höflich, attraktiv und sexy – und daher der Einzige, der es verdient habe, zu leben. Und Jack hat eine Freundin: Martha (Elle Fanning), eine angehende Gitarristin aus einfacheren Verhältnissen, die das toxische Gleichgewicht der Familie aufwühlt, als Jack sie den anderen bei einem Lunch präsentiert. Anna hasst sie (weil sie sich nicht ebenso hochpreisig anzieht und mutmaßlich nur Jacks Kohle will), der Vater macht anzügliche Kommentare über ihre Brüste, Robert betrachtet sie mit obsessiver Faszination, und Ed findet sie immerhin nett.

Unter den Geschwistern herrscht eine merkwürdige Intimität, mal pubertäre Anmache, mal kalkulierte, ejakulierende Grenzüberschreitung, die immer wieder ins Perverse bis Inzestuöse umschlägt. Zum einen werden Jack und Martha, die sich eine eigene Luxusvilla suchen wollen (wobei sich Jack nicht so sicher ist, ob er die Geschwister verlassen kann), beständig von den anderen verfolgt und beobachtet; zum anderen hat sich Ed beigebracht, die Stimme seines Bruders Jack zu imitieren – eine Fähigkeit, die er für manipulative Zwecke nutzt. Als dann der Mythos um den Tod der Mutter zu bröckeln beginnt und unbeschreibliche patriarchale Abartigkeiten zum Vorschein kommen, kippt Eds Erzählung zunehmend in Richtung True Crime.

Luxus-Remake einer Familienhölle

Vorlage für diesen grotesken, satirischen Thriller des brasilianischen Regisseurs Karim Aïnouz war das italienische Familiendrama MIT DER FAUST IN DER TASCHE (1965) von Marco Bellocchio. Die Legende besagt, dass Aïnouz diesen Klassiker während eines Corona-Lockdowns entdeckte und darin ein perfektes Vorbild sah, um zeitgemäße Themen wie Isolation und Privilegien zu verhandeln. Während Bellocchios Film in einer bürgerlichen Familie in der italienischen Provinz spielt, verschiebt Aïnouz in seiner Neuinterpretation das Setting in eine hyperreiche, modesüchtige Gegenwart, in der toxische Abgründe und ein übergriffiges Patriarchat den Nährboden für Gewalt bilden. Gemeinsam sind den beiden Filmen die erdrückend neurotischen Familienkonstellationen und konsequent nihilistische Protagonisten, die ihre Verwandten als Ballast empfinden und sich von ihnen befreien wollen.

Das Drehbuch schrieb Efthymis Filippou, der für seine Zusammenarbeit mit Yorgos Lanthimos bekannt wurde, unter anderem bei THE LOBSTER (2015) und THE KILLING OF A SACRED DEER (2017) – wobei man hier insbesondere an DOGTOOTH (2009) erinnert wird, was die abgeschottete, dysfunktionale Familienhölle betrifft. ROSEBUSH PRUNING wirkt jedoch für Filippou‑Verhältnisse im Weirdness‑Faktor fast konventionell und deutlich zugänglicher, weniger kühl absurd und weniger surreal in der Zeichnung der Figuren und ihrer Psychologie.

Absurdes Antimelodram

Besonders spannend ist, wie sich Filippous Handschrift mit der von Aïnouz verschränkt, der das Geschehen in einer sehr eigenen Bild- und Farbsprache inszeniert. Seine Filme fallen generell durch stark gesättigte, übersteigerte Farben auf. In einigen seiner Werke, wie beispielsweise DIE SEHNSUCHT DER SCHWESTERN GUSMÃO (2019), lässt sich seine üppige Farbpalette zudem als melodramatisch bezeichnen, insofern die Dinge nicht einfach irgendwelche Farben haben, sondern bestimmte Farben bewusst in den Vordergrund gerückt und mit Bedeutungen aufgeladen werden – wie im klassischen Melodram, in dem Farben innere Gefühle sichtbar machen, emotionale Beziehungen oder auch soziale Spannungen markieren.

Das Rot der Rosen lässt sich somit im Zusammenspiel mit dem allgegenwärtigen Blut als Gleichzeitigkeit von sexuellem Begehren und gewaltsamer Gefahr lesen. Das Blau des Meeres taucht – ähnlich wie das Rot – in zahlreichen einfarbigen Kleidungsstücken auf und kann mit Ordnung und Rationalität, aber auch mit Kontrolle und Unterdrückung assoziiert werden.

Insgesamt stechen über den gesamten Film hinweg insbesondere diese beiden Farben in überdrehter Sättigung ins Auge – und es stellt sich natürlich die Frage: Was bedeutet das? Aïnouz scheint damit plakativ die fragile Balance zu veranschaulichen, in der diese Familienbande permanent lebt, wie sehr sie zwischen Überhitzung und Erstarrung schwankt – und wie dünn die Grenze ist, an der das Zurechtstutzen des Rosenstocks zur blutigen Eskalation wird.

Während das klassische Melodram durch solch eine farbliche Gestaltung (aber auch durch Musik) unausgesprochene Gefühle und verborgene Konflikte sichtbar macht, scheint es bei den Taylors keine Geheimnisse mehr zu geben, was ihre Sexualität, ihre Perversionen und auch ihre ökonomischen Begehren anbelangt. Alles ist offensichtlich, oberflächlich, es muss nichts verborgen werden, es wird sich nicht geschämt. Roses are red, the ocean is blue – es gibt keine Tabus. Demgemäß könnte man diesen Film als eine Art Antimelodram bezeichnen – so wie es sich vielleicht im Falle von MIDSOMMAR (2019) von Ari Aster um einen Antihorrorfilm handelt, der das Grauen ans grelle Tageslicht holt.

ROSEBUSH PRUNING ist eine Gesellschaftssatire ohne Geheimnisse, ein überdrehter „Eat the rich“-Albtraum. Wer eine ebenso stark ästhetisierte schwarze Komödie wie SALTBURN (2023) schätzte, der könnte auch hieran Gefallen finden. Ihre kritische Reichweite ist schon nach wenigen Minuten ausgemessen: diese reiche Familie ohne Kontakt zur Außenwelt, deren einziger Sinn nur noch darin besteht, keinen Sinn mehr zu haben, ist als Kommentar zu einer saturierten Oberschicht gemeint, die sich buchstäblich selbst zerfleischt. Wie eine Art WHITE LOTUS ohne Hotel und ohne andere Gäste – aber mit zu viel Blumendünger. ROSEBUSH PRUNING ist somit auch ein bisschen wie Designermode und Popmusik – aber genau darum geht es. (Martin Martin Schlesinger)

Sehr rot und sehr blau

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Regie: Karim Aïnouz / Deutschland, Italien, Spanien, Großbritannien 2026 / 97 Min

Besetzung: Callum Turner, Riley Keough, Elle Fanning, Jamie Bell, Tracy Letts, Pamela Anderson, Elena Anaya, Lukas Gage

Produktion: Michael Weber, Viola Fügen, Simone Gattoni, Annamaria Morelli, Andreas Wentz, Vladimir Zemtsov

Freigabe: FSK 16

Verleih: MUBI

Start: 23.04.2026