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SCREAM + 25 JAHRE SCREAM-SPECIAL!

Regie: Matt Bettinelli-Olpin, Tyler Gillett / USA 2022/ 115 Min.

Besetzung: Neve Campbell, Melissa Barrera, Jack Quaid, David Arquette, Courtney Cox

Produktion: Paul Neinstein, William Sherak, James Vanderbilt

Freigabe: FSK 16

Verleih: Paramount Pictures

Start: 13.01.2022

Pünktlich 25 Jahre nachdem in der kalifornischen Kleinstadt Woodsboro ein fieser Maskenmörder einige junge Seelen ins Jenseits beförderte, schleicht erneut ein Serienkiller in den gepflegten Vorgärten herum. Ausgeguckt hat er sich als allererstes Tara Carpenter (wieder einmal einer von vielen Verweisen auf den guten alten John!), die gerade mit ihrem Handy beschäftigt ist und sich dabei über das permanent-nervende Klingeln des Festnetztelefons ärgert. Irgendwann nimmt sie dennoch ab und die ihr fremde Stimme am anderen Ende fragt sie natürlich nach ihrem Lieblingshorrorfilm.

 

Als Tara dann THE BABADOOK raushaut und erklärt, dass solch intelligenter Arthouse-Horror dem Slasher-Scary-Mist aus den 1990ern haushoch überlegen sei, wird der mysteriöse Anrufer ein bisschen ungehalten. Auch sein Quiz mit Fragen zur fiktiven STAB-Reihe, welche die Vorkommnisse in Woodsboro nachstellte, kommt beim jungen Gemüse gar nicht gut an. «Frag mich doch was zu IT FOLLOWS oder THE WITCH. STAB habe ich nie gesehen», versucht Tara noch die Kurve zu bekommen. Aber zu spät – der neue Widersacher steht schon auf der Matte und Tara wird aufs Brutalste niedergestochen.

Das führt ihre seit langem entfremdete Schwester Sam wieder in die alte Heimat, die bis anhin ein düsteres Geheimnis über ihre Verbindung zu den ursprünglichen Morden hütete. Zusammen mit ihrem Freund Richie bittet Sam den ehemaligen Sheriff und Ghostface-Veteran Dewey Riley um Hilfe, dessen Beteiligung ebenfalls Sidney Prescott und Gale Weathers auf den Plan ruft, die dem Geist ihrer Vergangenheit ein für allemal den Garaus machen wollen.

 

Es gab im Horrorgenre eine Zeit vor SCREAM und eine Zeit nach SCREAM und es ist quasi unmöglich, über den neuesten Teil der Reihe zu sprechen, ohne zuerst über die monumentale Veränderung nachzudenken, die Wes Cravens Film von 1996 für eine ganze Branche bedeutete. Nur etwas mehr als ein Jahrzehnt, nachdem er mit A NIGHTMARE ON ELM STREET den Slashern eine kräftige Dosis übernatürlicher Traumlogik verpasst hatte, veränderte Craven – nach dem Drehbuch von Kevin Williamson – erneut das Gesicht des Horrors, indem er seine eigenen Tropen sezierte, die Eingeweide und Knorpel durchtrennte, um das schlagende Herz des Genres in der Hand zu halten. SCREAM machte das Publikum mit dem Regelwerk vertraut und schmiss es dann aus dem Fenster – das Regelwerk, nicht das Publikum – nur um sich im nächsten Moment wieder heranzuschleichen, das Goldene Buch vom Dreck zu befreien und es den Zuschauern auf den Hinterkopf zu hauen.

Jeder einzelne Aspekt von Screams Welleneffekt, positiv und negativ und alles dazwischen, zieht sich noch immer durch die heutige Popkulturlandschaft; man sieht es in FEAR STREET von Netflix, der auch die queere Community miteinbezieht, die 1996 noch nicht viel Platz am Tisch hatte; man spürt es in David Gordon Greens mal mehr mal weniger gelungenen HALLOWEEN-Fortsetzungen, bei denen es in erster Linie darum geht, die Idee zu dekonstruieren, dass HALLOWEEN zu einem Franchise wurde, als denn eine HALLOWEEN-Geschichte zu erzählen. All dies existiert heute nur, weil es SCREAM gab und weil die heutigen Filmemacher davon massgeblich beeinflusst wurden. Ihr Instinkt für das Erzählen von Geschichten ist deshalb nicht nur von «den Regeln» geprägt, sondern auch von den Meta-Regeln, die diese Regeln untergraben.

 

Als jedoch bekannt wurde, dass ein neuer SCREAM-Film die revolutionäre Horrorfilmreihe aus den 1990ern wieder zum Leben erwecken sollte, war erst einmal das ungläubige Staunen groß. Genauso wie die Angst der Fans, die mit dem Franchise aufgewachsen sind. Sie fragten sich, ob ein weiterer Teil überhaupt notwendig sei. Ob dieser ohne den verstorbenen Horroraltmeister Wes Craven überhaupt gut werden könnte. Ob die Transformation in die Neuzeit überhaupt funktionieren würde. All dies lässt sich nun erfreulicherweise klar mit Ja beantworten. SCREAM 2022 verwebt auf beeindruckend leichtfüssige Art und Weise das Bewährte mit dem Frischen, die alten Regeln, nach denen man in einem Horrorfilm überlebt mit den neuen, nennt das Ganze Requel (ein Film, der irgendwo zwischen Fortsetzung, Reboot und Remake angesiedelt ist) und schöpft aus dem Vollen.

 

Das spiegelt sich schon im Titel wider. Eigentlich war dieser als Scream 5 angedacht. Man entschied sich aber dafür, die Nummer wegzulassen, damit Langlebigkeit dem neuesten Teil nicht automatisch den Status eines Klassikers verleiht. Matt Bettinelli-Olpin und Tyler Gillett (READY OR NOT, 2019) auf dem Regiestuhl sowie James Vanderbilt und Guy Busick als Autoren wollten der Story und Wes Craven Tribut zollen, gleichzeitig der Geschichte aber auch einen eigenen Stempel aufdrücken. Das gelingt ihnen nicht nur, indem sie altbekannte Motive aus den Vorgängern anders interpretieren, wovon vor allem die clevere Anfangssequenz zeugt oder die berühmte «Randy Meeks-Halloween-Szene».

 

Auch in der Kameraführung wirkt dieser SCREAM frisch und elegant. Brett Jutkiewicz fängt den Killer auf eine Art und Weise ein, die sich besonders unwirklich anfühlt: als Silhouette vor Autoscheinwerfern oder aus dem Blickwinkel eines auf dem Rücken liegenden Opfers. Trotzdem ist selbst dieser Ghostface dann aber wieder genauso tolpatschig-ungestüm unterwegs, wenn er durch allerhand Mobiliar erstmal ausser Gefecht gesetzt wird, was ihn wiederum erdet.

 

Waren Wes Craven sowie Kevin Williamson, der hier diesmal «nur» als ausführender Produzent beteiligt ist, früher doch recht sparsam mit dem Blut, gibt es hier davon reichlich und der Brutalitätspegel erreicht ebenfalls ungeahnte Höhen. Weil das aber alles noch mit dem doppelbödigen Witz und auch der Liebe für das ureigene Genre erzählt wird, mit dem die Reihe damals auch massgeblich das Horrorgenre revolutionierte, hat man hier einfach wieder einen Heidenspaß.

 

Die Fans der ersten Stunde können sich über die Wiedervereinigung freuen, insbesondere über den Auftritt von Sidney «Fucking» Prescott. Obwohl sie womöglich den Braten, wer diesmal unter der Gummimaske steckt, schon sehr bald riechen. Die Newbies der Jordan Peele-Generation werden in dem jungen Cast gute, sympathische und durchaus auch gegen den Strich besetzte Role Models finden und vielleicht noch vom ein oder anderen Twist überrascht werden. Kurzum: es ist für alle etwas dabei. (Sarah Stutte)

 

Clever, witzig, Wes wäre stolz!

 

Mit freundlicher Genehmigung von TOT ABER LUSTIG

 

 

 GHOSTFACE-PHÖNIX AUS DER HORROR-ASCHE

25 JAHRE SCREAM

 

 

Seit den ausklingenden 1980er-Jahren dümpelte das Slasher-Subgenre mehr oder weniger vor sich hin. Dann kam es 1996 zu seiner überraschenden Wiederauferstehung: Wes Cravens SCREAM wurde zum Kassenschlager. Der Horrorfilm-Altmeister definierte damit die Regeln des Genres neu, verband postmodernen Humor mit viszeralem Horror und spielte mit der Nostalgie der Blütezeit des Slashers. Dadurch und mit einer Riege junger Schauspieler sowie populärer Musik katapultierte er das angestaubte Genre in die Neuzeit.

Sein Goldenes Zeitalter erlebte der «Schlitzerfilm» zwei Jahrzehnte zuvor. In seiner modernen Form, wie wir ihn heute kennen, wurde er 1978 zum Leben erweckt, durch John Carpenters Low-Budget-Produktion HALLOWEEN, in der Jamie Lee Curtis als das erste «Final Girl» überhaupt um ihr Leben rannte. Mit dem gefühllosen Serienkiller Michael Myers, der mordend durch die Nachbarschaft zog, hob Carpenter die bis dahin sicher geglaubte Welt der kleinstädtischen Idylle aus den Angeln. Der relativ unblutige Slasher löste einen Boom aus. Neben ihm waren die großen Franchises in diesen Jahren FREITAG DER 13. (1980, Sean S. Cunningham) und A NIGHTMARE ON ELM STREET, 1984, Wes Craven). Deren enormer Erfolg führte zu zahlreichen Fortsetzungen, die sich in immer blutigeren und brutaleren Bildern ergossen, der Originalstory aber selten etwas wirklich Neues hinzufügen konnten. Das Interesse flaute Ende der 1980er-Jahre ab, wofür auch die zunehmende – vor allem in den USA und Großbritannien – geführte Kontroverse um Gewalt in den Medien sowie der aufkommende Videomarkt verantwortlich waren.

 

Die Akzeptanz des Regelwerks

Dann kam 1996 Wes Cravens SCREAM und war der Film, den das Genre für seine Weiterentwicklung und Existenzberechtigung dringend benötigte. Er machte sich die Tropen des Horrors zu eigen, nahm sich selbst auf die Schippe und versuchte etwas Neues zu kreieren, statt an etwas Ausgelutschtes anzuknüpfen. Indem er von den didaktischen Regeln des Genres abwich, legte SCREAM einen Rahmen für die verschiedenen Klischees anderer Horrorfilme fest. Der raffinierte visuelle Stil Cravens verbunden mit dem cleveren Drehbuch von Kevin Williamson schaffte ein fantastisches Gleichgewicht zwischen den witzigen Subversionen und den erschreckenden Momenten von filmischer Mystik und Gewalt.

 

Einer der klugen Schachzüge war dabei, die Figur des Videotheken-Angestellten und begeisterten Horrorfans Randy Meeks (Jamie Kennedy) dazu zu benutzen, einen Überlebensleitfaden zu formulieren, um die Fehler der Opfer aus früheren Werken nicht zu wiederholen. Diese wurden immer dann getötet, wenn sie sich von der Gruppe trennten oder sich Drogen, Sex und Alkohol hingaben. Seit man diese Regeln in den späten 1970er-Jahren für den Slasher festgelegt hatte, wurde das Subgenre schnell zu einem Klischee, das sich leicht parodieren und nur schwer ernsthaft nachahmen ließ. SCREAM gelang es jedoch, beides zu kombinieren und die Norm überraschenderweise auch an gewissen Stellen zu brechen.

Die Figuren in SCREAM

Williamson, ein bekennender Fan von HALLOWEEN, schrieb die Charaktere so, als seien sie mit der Geschichte des Horrorfilms vertraut und würden alle Stereotype kennen, die auch dem Publikum bekannt sind. An charismatischen Figuren, die nicht dem üblichen Horrorfilmpersonal – Streber, Cheerleader, Sportler – entsprechen, mangelt es SCREAM deshalb keineswegs. Alle sind ein bisschen nerdig, jeder Charakter ist vielschichtig angelegt. Vom Scherzkeks mit ernster Seite über den schusseligen, herzensguten Polizisten bis zur egozentrischen Klatschreporterin, die an Menschlichkeit gewinnt. Die Hauptfiguren sind klug, witzig, schlagfertig, ehrlich und keinesfalls perfekt, weshalb sie dem Publikum auch gerade aufgrund ihrer Fehler ans Herz wachsen. Sie sind nicht derart austauschbar wie in anderen Horrorfilmen und bleiben spannend, weil sie an ihren Erfahrungen wachsen und so den Killern der Reihe ebenbürtige Gegner sind.

 

Einige von ihnen kommen aus dysfunktionalen Familien und haben schon in jungen Jahren traumatische Erfahrungen gemacht: So wie Sidney Prescott (Neve Campbell), deren Mutter ein Jahr zuvor vergewaltigt und ermordet wurde. Doch ihr größtes Trauma erweist sich als ihre größte Stärke. Sidney ist eine junge Frau, die definitiv kein hilfloses Opfer spielt. Sie ist sich ihrer eigenen Kultur und der ihr zur Verfügung stehenden Mittel bewusst und setzt diese in vollem Umfang ein, um Ghostface zu bekämpfen. Mit ihrem Selbstbewusstsein und Mut widersetzt sie sich den Erwartungen des Publikums. Der Film versucht nicht, ihr Trauma zu diskreditieren, indem er die dauerhaften Auswirkungen ignoriert, die eine solche Tortur auf jeden Menschen haben kann. In den nachfolgenden Filmen der SCREAM-Reihe zeigt sich, wie sie ihre Identität auf der Grundlage ihrer beunruhigenden Vergangenheit formt, was ihre einzigartige Geschichte in einen realistischen Rahmen stellt. Gerade diese andersartige Perspektive auf seine weibliche Hauptfigur trägt wesentlich zur Wahrnehmung des Horrorgenres in der Populärkultur bei.

Das Spiel mit den Ängsten

Die Horrorfilme der 1970er-Jahre verarbeiteten Vietnam, den 1980ern saß die Serienkiller-Zeit in den Knochen, Wes Craven und Kevin Williamson aber brachten die Psychopathen aufs Tapet. Die Darstellung des Killers in SCREAM unterscheidet sich von derjenigen bisheriger Psychokiller. Ghostface hat einen grausamen Sinn für Humor, was sich in originellen Tötungsszenarien niederschlägt. Er scheint in seiner Mordlust mehr von willkürlichem Hass getrieben zu sein als von anderen Motiven, ist jedoch kein fehlerfreier Sadist, sondern manchmal auch ein wenig ungeschickt. Seine Persönlichkeit spiegelt sich schon in den ersten zwölf Minuten von SCREAM, die bis heute als kongeniale Horror-Eröffnungsszene gelten.

 

Legendär ist inzwischen der spielerische Dialog von Mörder und erstem Opfer, überzeugend gespielt von Drew Barrymore. Diese wird am anderen Ende der Leitung von einer seltsamen Geisterstimme nach ihrem Lieblingshorrorfilm gefragt und glaubt an einen offensichtlichen Scherz, der sich dann allzu schnell ins Gegenteil verkehrt. Das «Der Killer ist im Haus»-Thema wurde 1974 das erste Mal im kanadischen Horrorfilm BLACK CHRISTMAS verwendet und war damals schon effektiv. Williamson stellte es der Story voran, um von Anfang an das Publikum zu verunsichern, das unmittelbar in die Situation auf der Leinwand hineingezwungen wird und dieselbe Angst zu spüren bekommt wie das Opfer.

 

Der augenzwinkernde Humor

SCREAM und seine Nachfolger hatten noch etwas, was anderen Horrorfilmen bis dato meist fehlte: Man konnte herzhaft lachen. Aber nicht über die Figuren, weil sie sich dämlich verhielten, sondern mit ihnen, weil sie mit ihren Sprüchen und ihrem Gebaren extrem unterhaltsam waren. Die Situationskomik war ebenfalls immer auf den Punkt. Beispielsweise, als sich Randy Meeks in SCREAM 2 betrunken HALLOWEEN anschaute und zu Jamie Lee Curtis‘ Laurie sagte: «Pass auf, Jamie, hinter dir!» – während sich Ghostface gerade an ihn heranschlich. Darüber hinaus nahm SCREAM nicht nur das Horrorgenre aufs Korn, sondern machte sich auch darüber lustig, dass es ein Kind seiner Zeit war. Von den Backstein-Mobiltelefonen über die wundersame Welt der Videotheken bis hin zu Courteney Cox‘ leuchtend gelbem Anzug in der ersten Szene ihrer Figur Gale Weathers – der Film schrie förmlich nach den 90ern.

 

Die filmreferenzielle Metaebene

Überall im Film finden sich kurze Anspielungen auf andere berühmte Horrorfilme. Als beispielsweise Direktor Arthur Himbry (Henry Winkler) die Tür zu seinem Büro öffnet und auf den trostlosen Highschool-Flur hinausblickt, sitzt dort ein einsamer Hausmeister namens Fred (gespielt von Wes Craven selbst), der einen ähnlichen Pullover trägt wie Freddy Krueger in A NIGHTMARE ON ELM STREET. Zitate wie «Du fängst an, wie ein Wes-Carpenter-Film zu klingen» oder «Was soll das werden? Ich spuck in deine Garage» als Anspielung auf I SPIT ON YOUR GRAVE ziehen sich durch den gesamten Film. Auch mit Charakternamen, Gastauftritten von Horrorikonen wie Linda Blair aus DER EXORZIST und speziellen Kameraeinstellungen verneigen sich Craven und Williamson vor dem Genre.

 

Man kann die Filme wieder und wieder anschauen und findet stets neue Hinweise aus Klassikern wie PSYCHO, CANDYMAN, PROM NIGHT, THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE, SUSPIRIA, THE SHINING, DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER, NIGHT OF THE LIVING DEAD, CARRIE und vielen mehr. Ein dramaturgisch sehr erfolgreiches Mittel der SCREAM-Reihe waren überdies die vielen Haken, die die Geschichte schlug. Man glaubte, den Täter zu kennen, dann führte der Weg wieder ganz woanders hin. Jeder wirkte irgendwie verdächtig, bis uns am Ende die große Erkenntnis trotz allem kalt erwischte.

Das weitreichende Erbe

SCREAM spielte bei einem Budget von 15 Millionen US-Dollar weltweit 173 Millionen US-Dollar ein und wurde sowohl zum erfolgreichsten Slasherfilm aller Zeiten als auch zum ersten Film, der an den heimischen Kinokassen die 100-Millionen-Dollar-Marke überschritt. Nicht nur, dass die ikonische Maske, Edvard Munchs Gemälde «Der Schrei» nachempfunden, fortan der Renner auf jeder Halloween-Feier war – drei Fortsetzungen und eine TV-Serie in drei Staffeln folgten auf das Original. Zwar übertraf keines der Sequels die Brillanz des ersten Teils (ein Schicksal, das fast jedes Franchise ereilt und sowohl mit und in SCREAM 2 persifliert wird), trotzdem waren sie definitiv sehenswert und setzten die Geschichte auf interessante Weise fort.

 

Der dritte Teil der Reihe, der einzige, an dem Kevin Williamson nicht beteiligt war, hob sogar die Selbstreferenzialität mit einer Film-im-Film-Story nochmals auf eine neue Stufe. Mit SCREAM 3, der 2000 in die Kinos kam und damit ein Jahr nach dem Columbine-Massaker, holte aber auch die Realität die Fiktion ein. Das ursprüngliche Drehbuch sah eine Highschool als Schauplatz der neuerlichen Verbrechen vor und eine größere Anzahl blutiger Gewaltszenen. Beides wurde gestrichen und zu einer Kritik an Hollywood und der darin verborgenen dunklen Korruption umgeschrieben – ein Thema, mit dem sich die beiden ausführenden Produzenten Bob und Harvey Weinstein ironischerweise wohler fühlten.

 

Wechsel in die Neuzeit

Die ersten drei Filme bilden die SCREAM-Trilogie und wurden in einem Zeitraum von fünf Jahren veröffentlicht, während der vierte Film 2011 der Versuch einer Wiederbelebung der Reihe war, bei der die Originalbesetzung abermals zusammenkam. Da Kevin Williamson sich mit Produzent Bob Weinstein verkrachte und aus dem Projekt ausstieg, übernahm Ehren Kruger, Autor des vielleicht schwächsten dritten Teils der Reihe, das Drehbuchruder. Doch obwohl Kruger das Skript nochmals überarbeitete, blieb Williamsons Handschrift zum Glück unverkennbar. SCREAM 4 schaffte inhaltlich den Sprung von der Endneunziger-Handlung in die Neuzeit.

 

Im Ganzen überzeugte der Film genauso durch seine inhaltliche Nähe zum ersten Teil wie durch die vielen ironischen Spitzen. So diskutierte das Noch-Ehepaar Arquette seine realen Eheprobleme vor der Kamera aus, und Craven übte mit Seitenhieben auf Remakes alter Klassiker und Torture-Porn-Movies à la SAW unverhohlen Kritik an der derzeitigen Entwicklung des US-Horrorfilms. Doch auch die heutige (Hollywood-)Jugend bekam ordentlich ihr Fett weg. In SCREAM 4 wurde getwittert, gefacebookt und gelivestreamt, was das Zeug hielt. Trotzdem scheiterte der Versuch, damit eine neue Trilogie ins Rollen zu bringen, vermutlich auch, weil sich das Genre inzwischen selbst weiterentwickelt hatte.

 

GHOSTFACE (TV-Serie)

Gut gealtert

SCREAM entfachte nicht nur wieder das Feuer für den Horror und auch die Auseinandersetzung damit. Der inzwischen selbst zum Kult gewordene Film veränderte die Sensibilität des Genres nachhaltig. Der einzigartige Ton des Franchises ebnete den Weg für viele neue Verästelungen im Genre. Plötzlich gab es Teenie-Horror-Slasher wie I KNOW WHAT YOU DID LAST SUMMER – der 1997 in die Kinos kam und für dessen Drehbuch auch Kevin Williamson verantwortlich war – oder Parodie-Slasher wie SCARY MOVIE (2000), die erfolgreich auf der SCREAM-Welle mitschwammen. Auch die Stoffe wurden mutiger und origineller. So sah sich in FINAL DESTINATION (2000) eine Gruppe junger Freunde buchstäblich mit den fiesen Tricks von Gevatter Tod selbst konfrontiert. Selbst nach 25 Jahren ist das enorme Erbe von SCREAM unbestreitbar, der Film bleibt eines der bahnbrechenden Werke des Horrors und bemerkenswert gegenwärtig, weil er bei jedem neuerlichen Betrachten eine ureigene Kraft entwickelt.

2022: nächstes Kapitel ohne Wes Craven

Der fünfte Teil von SCREAM, der sich genauso nennen wird, soll nun am 13. Januar in den Kinos starten. Wieder mit Kevin Williamson an Bord, diesmal als ausführender Produzent, jedoch zum ersten Mal ohne Regie-Mastermind Wes Craven, der 2015 verstarb. Ihre Jobs haben für den neuen Film je zwei Duos übernommen. Das Drehbuch schrieben James Vanderbilt und Guy Busick, die schon 2019 am Horrorfilm READY OR NOT beteiligt waren. Bei diesem Film, der wie SCREAM dem Horror einen satirischen Unterton verpasste, führten Matt Bettinelli-Olpen und Tyler Gillett Regie, die nun den Stab von Craven übernehmen. Eine Metaebene soll es hier zwar nicht mehr geben, dafür ist aber wieder die alte, robuste Garde mit an Bord: Neve Campbell, Courteney Cox und David Arquette. Man darf gespannt sein, ob dieser Film, der Hommage an Craven sowie Neuentwicklung der Geschichte zugleich sein soll, neue wie alte Fans des Franchises gleichermaßen begeistern kann.

 

(Sarah Stutte)

 

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SCREAM + 25 JAHRE SCREAM-SPECIAL!

Regie: Matt Bettinelli-Olpin, Tyler Gillett / USA 2022/ 115 Min.

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