Es gibt diese Filme, die sich wie ein Schlag in die Magengrube anfühlen. Die nachhaltig verstören. Die einem noch lange nach dem Sehen nicht aus dem Kopf gehen. Filme, die buchstäblich wehtun und die doch ein treffenderes Bild unserer Gesellschaft zeichnen, als es einem lieb sein mag. Anfang der 2000er-Jahre wurden in der fortlaufenden DVD-Reihe „Kino kontrovers“ einige dieser Filme gewürdigt, die, so unterschiedlich sie auch sein mochten, alle diese Gemeinsamkeit hatten. Man fand dort Titel wie KEN PARK, MENSCHENFEIND, DIE 120 TAGE VON SODOM, TWENTYNINE PALMS oder EX DRUMMER. Letzterer (der gerne als der „flämische TRAINSPOTTING“ bezeichnet wird, was es aber nur bedingt trifft) war das wilde Langfilmdebüt von Koen Mortier, der nun mit SKUNK seinen vierten Film vorlegt. Und auch SKUNK hätte nahtlos in diese Reihe gepasst.

Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Geert Taghon, der sich als forensischer Kinder- und Jugendpsychiater auf eigene Erfahrungen berufen kann, zeigt uns Koen Mortier schonungslos das Leben des Jugendlichen Liam (beeindruckend intensiv: Thibaud Dooms). Der Alltag in seiner sozial randständigen Familie ist geprägt von Gewalt und Missbrauch. Sein Vater (Colin van Eeckhout) prügelt und demütigt ihn bei jeder Gelegenheit. Zusammen mit seiner Mutter (Sarah Vandeursen) feiert er in ihrem heruntergekommenen Haus wilde Sexorgien und Drogenexzesse, während Liam – oft über viele Stunden – im Keller eingesperrt ist. Hier aber ist er zumindest vorläufig nicht der physischen Gewalt durch die Eltern ausgeliefert. Doch die Gewalt prägt ihn auch an diesem Ort, er flüchtet sich in blutige Exploitationfilme. Insbesondere einen Film, einen Western, in dem blutig-detailliert Skalpierungen gezeigt werden, sieht er sich immer und immer wieder an. Wahrscheinlich handelt es sich hierbei um Bruno Matteis Exploitationwestern SCALP – zunächst kommt einem SOLDIER BLUE aka DAS WIEGENLIED VOM TOTSCHLAG in den Sinn, für diesen waren aber laut Mortier die Rechte zu teuer, sodass er auf einen günstigeren Film ausweichen musste (tatsächlich dankt er im Abspann seinem Großvater dafür, dass er ihn damals SOLDIER BLUE sehen ließ). Später wird Liam diesen Film begeistert vor seinen Klassenkameraden als seinen Lieblingsfilm preisen, den er laut eigenem Bekunden bestimmt tausendmal gesehen habe.

Gleich zu Beginn wird der Zuschauer ohne Vorwarnung in diese Hölle gestoßen. Doch nach wenigen Filmminuten scheint Liam, apathisch auf dem Rücksitz eines Autos sitzend, aus seinem Martyrium befreit zu sein. Die Behörden sind endlich aktiv geworden und bringen ihn in eine Einrichtung für traumatisierte Jugendliche. Egal wohin, es kann nur besser sein als in seinem Elternhaus. Und wirklich, trotz einiger Probleme, sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden, scheint es Hoffnungsschimmer zu geben. Die Betreuer sind sichtlich engagiert und bemüht, zu helfen und den Jugendlichen so etwas wie ein funktionierendes soziales Gefüge zu geben. Da ist Jos (Dirk Roofthooft), der Älteste im Team, da ist der junge David (Boris Van Severen), der sich den Jungs gegenüber auf dem Sportplatz und beim Raufen als manchmal fast zu sehr auf Augenhöhe gibt, und vor allem Pauline (Natali Broods), die es tatsächlich schafft, Liams Panzer zu durchbrechen. Liam sucht bei ihr immer wieder die Nähe und Zärtlichkeit, die ihm die Mutter verwehrt hat – auch hier wird er allerdings noch von der Heftigkeit seiner Gefühle überfordert werden. Und dann sind da noch die anderen Jungen, allesamt gezeichnet von Gewalt und Missbrauch, wie Liam selbst. Zaghaft fügt sich der Außenseiter in die Gemeinschaft ein. Am ehesten entwickelt er wohl freundschaftliche Gefühle für Johan (Flo Pauwels).

Doch es zeigt sich, dass trotz aller positiven Vorzeichen die Gewalt auch hier dominiert, in Gestalt des brutalen Momo (Soufian Farih). Dieser gibt die selbst erlebte Gewalt kalt und brutal an die anderen Jugendlichen weiter, übt Macht und Kontrolle aus. Von Anfang an schikaniert er Liam, der sich ihm gegenüber nicht unterwürfig zeigt. Als dieser sich wehrt, ist der nächste Schritt von Momo umso brutaler, bis er schließlich in einem Akt grausamsten Missbrauchs endgültig zu weit geht. Das Ende ist so konsequent wie niederschmetternd.
Koen Mortier besetzte für die Rollen der Jugendlichen bis auf Thibaud Dooms ausschließlich Laiendarsteller, von der Straße weg gecastet. Das verleiht dem Film in den Heimsequenzen einen rohen, intensiven Realismus. Der Umgang der Jugendlichen untereinander und mit ihren allesamt von bekannteren Schauspielern verkörperten Betreuern wirkt absolut glaubhaft. Dazwischen werden immer wieder Rückblenden zu Liams Elternhaus gezeigt, die das Ausmaß der erlittenen Gewalt immer mehr vor Augen führen. SKUNK ist ein niederschmetternder, ein schmerzhafter Film. Doch gibt es diese Momente der Hoffnung, ja der Schönheit. Die Szene, als Liam im Stall erstmals ein Pferd berühren darf. Als Pauline ihm Trost spendet. Als die Jungen ausgelassen miteinander raufen oder Sport machen. Und auch nach dem schockierenden Ende des Films scheint die letzte Einstellung bei all dem Schmerz, all der Gewalt doch einen Lichtschimmer der Hoffnung, eine Illusion der Erlösung zuzulassen. Wenn auch nur für einen kurzen, vergänglichen Moment.

Wie schon in EX DRUMMER schreckt Mortier nicht vor dem Hässlichen, dem Kaputten zurück. Er zeigt, was man eigentlich nicht sehen möchte. Wo dies jedoch bei EX DRUMMER manchmal fast etwas selbstzweckhaft erschien, geht der Regisseur bei SKUNK ernsthafter und überlegter vor. Auch formal ist SKUNK näher an einem düsteren Sozialdrama als an dem entfesselten visuellen Drogenrausch eines EX DRUMMER, ohne diese Wurzeln jedoch gänzlich zu verleugnen. SKUNK geht auch der schwarze Humor von Mortiers Debütfilm gänzlich ab, was ihn noch unangenehmer macht. Trotzdem wird nicht gänzlich auf Genrebezüge verzichtet, und so manchem mag die Gewalt gerade im Finale zu übertrieben und teilweise zu grafisch sein. Und doch flackern in SKUNK Momente der Schönheit und Zärtlichkeit auf, die in EX DRUMMER noch nicht waren.
War in EX DRUMMER Musik ein zentrales Thema, so spielt sie auch hier eine nicht zu unterschätzende Rolle. Die belgische Post-Metal-Band AMENRA, die mit ihren kathartisch-apokalyptischen Sounds und Liveauftritten und ihrer „Church of Ra“ schon fast ein eigenes Universum geschaffen hat, steuert den düsteren, eher untypisch ambient- und dronehaften Soundtrack bei, der die Intensität des Films noch verstärkt. Besonders unerwartet: eine sphärische Dream-Pop-Interpretation des Tim-Buckley-Klassikers „Song to the Siren“. Folgerichtig wird Liams Vater von AMENRA-Sänger Colin van Eeckhout verkörpert. Und während einer Autofahrt spielt David Liam einen Song der Band MADENSUYU vor, die auch schon auf dem EX DRUMMER-Soundtrack vertreten war.

Der neue Film von Koen Mortier ist wie seine Vorgänger wieder kein Film, der ein breiteres Publikum ansprechen wird. Zu eigen, zu radikal, zu sehr sich Erwartungshaltungen verweigernd, macht er es dem Zuschauer nicht einfach. Er bietet keine Lösungen an, zeigt stattdessen die reale Überforderung staatlicher Institutionen und eigentlich wohlwollender Sozialarbeiter und die schrecklichen Folgen von jahrelang erlebter physischer und psychischer Gewalt, die hier in einer grausamen Logik aus den Opfern Täter machen. Wer sich dieser cineastischen Zumutung aussetzen kann und möchte, wer Film als radikale Erfahrung ohne Gebrauchsanweisung versteht, dem sei SKUNK hiermit unbedingt empfohlen. Es ist ein Film, der einem noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Nicht zuletzt wegen Thibaud Dooms erschütternd intensiver Darstellung eines Jugendlichen, der durch die Hölle gegangen ist. Auch das Sounddesign und die Kameraarbeit von Nicolas Karakatsanis machen viel von der Intensität des Films aus. Koen Mortier hat längst eine eigene Handschrift entwickelt, die ihn ein weiteres Mal als einen der interessantesten und radikalsten flämischen Filmemacher empfiehlt. Man darf auf seine kommenden Werke gespannt sein. (Jan Urnau)
Hier die Kinos die vorerst SKUNK zeigen werden:
★Baden-Baden, moviac (10.04.2026)
★Baden-Baden, moviac (16.04.2026)
★Baden-Baden, moviac (19.04.2026)
★Bamberg, Lichtspiel (07.05.2026-13.05.2026)
★Berlin, Kino in der Brotfabrik (09.04.2026-15.04.2026)
★Frankfurt am Main, Harmonie (08.04.2026, in der Reihe (Dis-)Harmonie)
★Hamburg, 3001 Kino (10.04.2026-13.04.2026)
★Hamburg, 3001 Kino (20.04.2026)
★Hannover, Kommunales Kino (29.04.2026)
★Hannover, Kommunales Kino (02.05.2026-06.05.2026)
★Hannover, Kommunales Kino (08.05.2026)
★Hannover, Kommunales Kino (28.05.2026)
★Kassel, Kiez-Kino (09.04.2026-11.04.2026)
★Köln, Lichtspiele Kalk (09.04.2026-15.04.2026)
★München, Arena (19.03.2026, Preview!)
★München, Werkstattkino (13.04.2026-15.04.2026)
★Münster, Cinema (09.04.2026-15.04.2026)
★Nürnberg, Meisengeige (09.04.2026-15.04.2026)
★Nürnberg, kommkino (14.04.2026)
★Nürnberg, kommkino (18.04.2026)
★Regensburg, Ostentorkino (09.04.2026-15.04.2026)

