Regie: Danny Boyle / Großbritannien 2017 / 117 Min.

Darsteller: Ewan McGregor, Ewen Bremner, Robert Carlyle, Jonny Lee Miller, Kelly McDonald

Produktion: Irvine Welsh, Danny Boyle

Freigabe: FSK 16

Verleih: Sony Pictures Germany

Start: 16.02.2017

 

PRO

 

Erst bietet sich eine Gelegenheit, dann folgt Verrat. Vor 20 Jahren hat Mark Renton (Ewan McGregor) seine (Junkie-)Freunde Simon “Sick Boy” (Jonny Lee Miller), Spud (Ewen Bremner) und Begbie (Robert Carlyle) um 16.000 Pfund erleichtert und sich aus dem Staub gemacht. Das geschah in TRAINSPOTTING, einem Film vom damals relativ unbekannten Danny Boyle, der basierend auf dem gleichnamigen Buch aus der Beobachtung des Zeitgeistes einen Kultfilm der Popkultur geschaffen hat – ob man den Begriff mag oder nicht. 20 Jahre später macht sich Boyle daran, auch den Nachfolger Porno zu verfilmen, mit der gleichen Crew.

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Mark ist inzwischen nach Schottland zurückgekehrt, um … seine Freunde auszubezahlen? Sie zu besuchen? Oder eine alte neue Perspektive zu entdecken? Der Antwort ist sich Mark selbst noch nicht ganz bewusst, und ehe er sichs versieht, ist er als Mittvierziger wieder in seiner alten Hood und mit alten Problemen konfrontiert. Er rettet Spud das Leben, rauft sich mit Simon zusammen (kommt seiner Freundin Veronika sehr nahe) und versucht, dem mittlerweile aus dem Gefängnis entkommenen Begbie – der auf erbitterte Rache sinnt – aus dem Weg zu gehen. Und dazwischen versuchen die vier liebenswerten Loser, ihr Leben auf die Reihe zu kriegen, Geld zu beschaffen oder einfach nur den Sinn in allem zu sehen/finden. Zum Beispiel mit der Eröffnung eines Bordells – Verzeihung, einer Sauna natürlich. 

 

T2: TRAINSPOTTING 2 ist mehr, als man sich hätte erwarten können: witzig, traurig, melancholisch, ehrlich, fies und spannend. Die Figuren sind – ebenso wie deren Macher und eben das Publikum – 20 Jahre älter, aber nicht unbedingt weiter. Es geht um Vergangenheitsbewältigung und darum, einen Sinn oder zumindest eine Aufgabe im Leben zu finden. Mark haben selbst 20 Jahre Heroin-Abstinenz und ein Wandel zum Hobbysportler nichts gebracht außer einem Herzinfarkt. Manchmal muss man die Konfrontation mit der Vergangenheit suchen, sie verarbeiten, um sie dann begraben zu können. Denn man kann sie nicht ohne Weiteres verdrängen oder verraten, ohne als Tourist in seiner eigenen Nostagie zu enden. Boyle erhebt aber nie den Zeigefinger oder bietet eindeutige Antworten.

Er zeigt uns jedoch, was passieren kann, wenn man zu sehr in der Vergangenheit lebt, die Gegenwart ignoriert und die Zukunft ausblendet. Selbst ein engstirniger Choleriker wie Begbie, dessen Handeln von Wut, Enttäuschung und Rache bestimmt ist, kommt auf diesen Trichter – doch was wird er daraus lernen? Das ist das Spannende: T2 ist nie vorhersehbar, seine Figuren – so gut wir sie auch kennen – stets für eine oder mehrere Überraschungen gut.

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T2 stellt das Wesentliche in den Fokus, und das extrem unterhaltend, ohne den ersten Teil einfach zu kopieren. Die Figuren stehen oft in diversen Konstellationen gegeneinander, aber es fühlt sich echt an. Vor allem, wenn das Geschehen durch die Dreiecksbeziehung Mark-Simon-Veronika immer wieder angetrieben wird. Aber auch Spud ist auf dem besten Wege, seine Bestimmung zu finden. Und Begbies Jagd auf Mark wird mehrfach von unangenehmen wie herzergreifenden Szenen mit seiner Familie unterbrochen.

 

Es gibt zahlreiche Anspielungen auf den ersten Film aus dem Jahr 1996, T2 bewahrt jedoch immer genug Selbstständigkeit. Es geht glücklicherweise nicht darum, bereits Gesehenes und Erlebtes zu reproduzieren. Die Welt hat sich nun mal in all der Zeit geändert, auch wenn manche nicht Teil dieser Veränderung sind oder gar sein wollen. Eine harte Lektion für viele der Hauptfiguren. Der Film wird seiner eigenen Aussage bzw. Fragestellung aber dann immer etwas untreu, wenn er sich visuell wie auch in Dialogform ganz nah am Vorgänger orientiert. Das konterkariert stellenweise den Rest des Films unnötig. Dennoch erfreuen den Fanboy die Zitate, und es gibt einige Aha-Momente zu erleben. Etwas aufgesetzt und erzwungen wirkt einzig der “Choose life”-Dialog, schlecht oder gar langweilig wird es aber nie. Ebenfalls wird wieder das Thema Eltern aufgegriffen, die vier Antihelden benötigen da eine gehörige Portion Orientierungshilfe. Neben der visuellen Stärke eines Danny Boyle, der hier mit ausgefallener Ausleuchtung, Projektionen und Kameraeinstellungen im Stile eines Dario Argento einen neuen Höhepunkt erlebt, sticht die Spielfreude der  Akteure hervor. Jeder einzelne hatte merkbar Bock auf dieses Projekt. Und so spielt T2: TRAINSPOTTING 2 in derselben Sequel-Liga wie DER PATE 2 oder T2: TERMINATOR 2. So muss ein schwarzhumoriges “Coming-of-Age-Drama” nach 20 Jahren aussehen: immer noch den Zeitgeist treffend, die essenziellen Fragen des Lebens stellend, nicht zu bemüht um einen Kult. (Manuel Magno)

 

Choose life, choose TRAINSPOTTING 2