Es gibt in THAT’S WHY THE LADY IS A CHAMP viele Schläge. Auf Körper, gegen Wände, auf Sandsäcke, vor allem aber auf Gesichter. Gesichter, die getroffen werden, und Gesichter, die zurückschauen. Vielleicht ist das der eigentliche Boxfilm, den David Michôd hier erzählt.
Christy Martin (Sydney Sweeney) wächst im West Virginia der späten 1980er-Jahre auf. Eigentlich scheint für sie ein Leben in der Kleinstadt vorgezeichnet. Doch dann entdeckt sie das Boxen. Was zunächst wie eine Laune beginnt, wird schnell zu ihrem großen Talent. Christy schlägt sich durch die Männerwelt des Boxsports, wird von Trainer Jim Martin (Ben Foster) unter seine Fittiche genommen und steigt in den 1990er-Jahren zu einer der bekanntesten Boxerinnen der USA auf. Sie wird zur ersten Frau, die beim legendären Promoter Don King unter Vertrag steht, und zu einer Wegbereiterin des Frauenboxens.

Doch während Christy im Ring immer erfolgreicher wird, gerät ihr Leben außerhalb des Rings zunehmend außer Kontrolle. Jim, der zunächst Trainer, Manager und Förderer ist, wird zu ihrem Ehemann und immer stärker zu ihrem Gefängniswärter. Christy muss nicht nur gegen ihre Gegnerinnen kämpfen, sondern auch gegen die Erwartungen ihrer Familie, die eigene unterdrückte Sexualität und eine Beziehung, aus der sie sich lange nicht befreien kann. Aus dem klassischen Aufstiegsdrama einer Außenseiterin wird so zunehmend die (wahre) Geschichte einer Frau, die in ihrem größten Erfolg gleichzeitig gefangen ist.

David Michôds im Original noch schlicht betitelter CHRISTY (der deutsche Verleih wollte wohl mit einem (zugegeben etwas sperrigen) neuen deutschen Verleihtitel etwas davon ablenken, dass der Film in den USA vor allen Dingen leider als finanzieller Flop Schlagzeilen machte), erzählt diese Geschichte erstaunlich oft über Gesichter. Es ist ein Film der Gesichter. Und es sind vor allem Gesichter, die etwas aushalten müssen.
Da sind zunächst die Gesichter im Ring. Sie werden getroffen, verformt, blutig geschlagen. Christy schlägt auf Gesichter ein, und ihr eigenes Gesicht wird zum Schlachtfeld. Der Boxkampf wird dadurch weniger zu einer Abfolge spektakulärer Bewegungen als zu einer Begegnung von Blicken. Zwei Menschen stehen sich gegenüber und versuchen, im Gesicht der anderen zu lesen, was als Nächstes kommt. Angst, Entschlossenheit, Erschöpfung, Überlegenheit. Der entscheidende Moment liegt oft schon in einem Blick, bevor die Faust überhaupt kommt.

Noch interessanter wird das außerhalb des Rings. Immer wieder schaut Christy andere Menschen an, als könnte sie in deren Gesicht eine Antwort finden. Bei ihrer Mutter. Bei Jim. Bei ihren Gegnerinnen. Bei Menschen, die ihr helfen könnten. Sie starrt die Gesichter der anderen an, hoffnungsvoll und manchmal fast verzweifelt, als müsste dort irgendwo eine Erklärung verborgen sein. Warum behandelt mich dieser Mensch so? Warum reicht das, was ich tue, nicht? Warum kann ich ihm nicht einfach vertrauen? Warum komme ich hier nicht heraus?
Sydney Sweeney spielt Christy dabei mit einer bemerkenswerten Zurückhaltung. Gerade weil die Figur so vieles nicht ausspricht, wird ihr Gesicht zum zentralen Ausdrucksmittel. Christy ist eine Frau, die gelernt hat zu kämpfen, lange bevor sie gelernt hat, über sich selbst zu sprechen. Im Ring kann sie ihre Aggression in eine klare Richtung lenken. Außerhalb davon bleibt sie häufig sprachlos. Sweeney muss deshalb vieles über kleinste Veränderungen im Gesicht vermitteln: ein kurzes Lächeln, das sofort wieder verschwindet, einen Blick, der zu lange auf einem anderen Menschen ruht, die Hoffnung, die sich in einem Moment zeigt und im nächsten wieder zurückgezogen wird.

Das macht auch die Beziehung zu Jim so beklemmend. Ben Foster spielt ihn weniger als eindimensionalen Bösewicht denn als jemanden, dessen Gesicht permanent nach Kontrolle sucht. Christy beobachtet ihn. Wir beobachten Christy dabei, wie sie ihn beobachtet. Und irgendwann wird deutlich, dass sie in seinem Gesicht immer noch nach dem Menschen sucht, der er einmal für sie gewesen sein könnte. Genau darin liegt die Tragik dieser Beziehung. Sie weiß längst, was er ihr antut. Trotzdem sucht sie in seinem Gesicht weiter nach einem Grund, warum er es nicht tun sollte.
Der Film interessiert sich damit für eine merkwürdige Form des Sehens: für den Versuch, andere Menschen zu verstehen, obwohl sie sich einem Verständnis längst entziehen. Gesichter werden zu Projektionsflächen. Man sucht in ihnen nach Liebe, Anerkennung, Entschuldigung oder wenigstens nach einem Hinweis darauf, wie man selbst weiterleben soll.

Und dann ist da noch das Gesicht von Christy selbst. Ein Gesicht, das im Verlauf des Films immer wieder geschlagen wird und sich trotzdem verändert, ohne dass die Veränderung immer ausgesprochen werden müsste. Im Boxring ist es eine Waffe. Zu Hause wird es zum Beweis ihrer Verletzlichkeit. Die gleiche Frau, die ihre Gegnerinnen mit aller Kraft attackiert, sitzt irgendwann jemandem gegenüber und scheint nicht mehr zu wissen, wohin mit ihrem Blick.
Michôd findet darin einige seiner stärksten Momente. Gerade dann, wenn er nicht erklärt, sondern beobachtet. Wenn er Christy einfach in einem Raum sitzen lässt und wartet, wohin sie schaut. Wenn ein Schlag länger nachwirkt als der eigentliche Treffer. Wenn wir nicht die Antwort bekommen, sondern nur das Gesicht einer Frau, die auf eine Antwort wartet.

Da ist es dann auch verschmerzbar, dass der Film an anderen Stellen immer wieder auf die vertrauten Mechanismen des Sportlerinnen-Biopics zurückfällt. Aufstieg, Rückschlag, Training, Montage, Sieg. Vieles davon funktioniert, irritierend sind da zuweilen eher nur die harten Zeitsprünge, die größere zeitliche Lücken entstehen lassen, die nicht immer ganz nachvollziehbar gefüllt werden können. Am Ende sind es deshalb weniger die Kämpfe, die von diesem Film bleiben, als die Gesichter. (Manuel Föhl)
Zu Unrecht in den USA K. o. gegangen.

