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UNDER THE SKIN-REGISSEUR JONATHAN GLAZER IM INTERVIEW

Jonathan Glazer Portrait

UNTER DER HAUT IST MAN IST IMMER ALLEINE …
… im Gespräch mit UNDER THE SKIN-Regisseur Jonathan Glazer

 

Der vor knapp 50 Jahren in London geborene Jonathan Glazer ist ein faszinierender Filmemacher. Faszinierend genau und direkt in dem Inhalt, den er kommunizieren möchte, und faszinierend kreativ in der visuellen Umsetzung seiner Gedanken in bewegte Bilder. Mit Künstlern wie Glazer wird das Leben immer das Blut des Kinos bleiben.
Seine Musikvideos für RADIOHEAD, BLUR und MASSIVE ATTACK könnten auf den ersten Blick eigenständige, großartige Kunstwerke sein, doch ist es ihre Symbiose mit der Musik, die das Talent Jonathan Glazers ausmacht. Seien seine Inszenierungen noch so spektakulär, so ist für ihn der Inhalt doch für die Form maßgeblich. Das Thema ist dabei nie ein fiktives, sondern immer unser Leben. In seinen Tiefpunkten, Kontrasten und Fluchtversuchen. Und immer mal wieder ein Aufkeimen von Hoffnung. Schwerelos über dem Strudel schweben, während wir tiefer in die Ungewissheit des Dunkels treiben.
Mehrfach ausgezeichnet sind auch seine Werbespots für verschiedene große Marken. Letztendlich sind sie immer noch Werbung, doch für Momente glaubt man in ihnen Leben zu finden. Die Industrie ist ihm sicher dankbar für die hoffnungsvollen Rollen, die er den zu bewerbenden Produkten in seinen Spots gibt. Jeans, mit denen man durch Wände gehen und aus diesem Leben ausbrechen kann. Neubaugebiete, die in Farbfontänen eine Berechtigung finden. Bier, welches uns zu einem anderen, jedoch keinem neuen Leben führt. Wieder Flucht, Kontraste und ein bisschen Hoffnung. Glazer ist ein Beobachter und Kommunikator, und dass er heute so geschätzt wird, lässt einen doch schon wieder an die Schönheit des Lebens glauben.
UNDER THE SKIN, dessen Review in der aktuellen DEADLINE #47 nachlesen könnt, ist nach SEXY BEAST und BIRTH sein dritter Kinofilm. Technisch und dramaturgisch höchst unterschiedlich, weisen dabei vor allem UNDER THE SKIN und BIRTH atmosphärische und thematische Gemeinsamkeiten auf. Nicole Kidman ist in ihrer Beziehung zu der Reinkarnation ihres verstorbenen Mannes in Form eines Zehnjährigen genauso einsam wie Scarlett Johanssons Alien bei dem Versuch, ein Leben der Liebe zu führen, und auf ihrer Jagd nach Hoffnung.
Als ich mich im Hotel mit Jonathan Glazer treffe, habe ich David Bowies Soundtrack von LABYRINTH unter dem Arm, gerade auf dem Flohmarkt erworben. Als er mich fragt, ob es eine gute Kopie sei, sage ich, dass mir das egal ist. Jonathan Glazer nickt zustimmend und sagt: „Ja, die Kratzer gehören zum Leben dazu.“
Ich sprach mit ihm für euch über UNDER THE SKIN, was bedeutet, dass wir über das Leben sprachen. UNDER THE SKIN ist DIE Bestandsaufnahme der Welt, in die wir jeden Tag hineingehen. Aber vielleicht gibt es ja doch Hoffnung, dass wir nicht alleine sind. Ich weiß es (noch) nicht …

 

UNDER THE SKIN ist jetzt als Blu-ray und DVD erhältlich und läuft ebenso in 40 sehr guten Kinos!

https://undertheskin-film.de/

 

 

 

Deadline: Ich habe UNDER THE SKIN zum ersten Mal vor ein paar Tagen gesehen und mutmaßte bereits nach dem Ansehen des Trailers, dass er einer meiner Lieblingsfilme werden könnte. Genau so ist es dann auch gekommen. Er hat mich tief bewegt, und ich konnte mich eins zu eins in ihm wiederfinden.
Das Erste, was mir nach dem Film durch den Kopf ging, war: Gibt es eine Möglichkeit, nicht alleine zu sein?

 

Jonathan Glazer: (lacht bestätigend) Nein, ich denke, es gibt keine Möglichkeit. Du kannst mit dir selbst alleine sein, oder du kannst mit jemand anderem gemeinsam alleine sein, aber du wirst immer alleine bleiben. Das ist das uns auferlegte Gesetz, oder?

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Deadline: Aber ist es nicht das Ziel eines jeden Lebens, diese Einsamkeit zu überwinden?

 

Jonathan Glazer: Du kannst mit einer anderen Person zusammenleben, aber auch dann werdet ihr eben nur gemeinsam alleine sein. Man ist ganz alleine. Mit oder ohne jemand anderen. Du bist alleine. So sind wir gemacht. Das ist ein sehr interessantes Statement, denn das ist eine Schlüsselfrage im Film. Eine Frage, die in allen Momenten des Films präsent ist.

 

Deadline: Was hat dich am meisten berührt, als du zum ersten Mal mit der Vorlage von Michel Faber in Kontakt gekommen bist?

 

Jonathan Glazer: Ich mochte es, während der Geschichte nah bei ihrem Charakter, Scarletts späterer Figur, zu sein. Und dann gibt es einen Moment, nach circa 50 Seiten, in dem die Person, über die sie spricht, Amlis Vess, zu dem Planeten kommt, und man sieht ihn, wie er geschaffen ist, nicht in der verkleidenden Haut, in der sie sich befindet. Das ist ein sehr starker Moment im Buch. Außerdem gibt es noch zwei bis drei andere Schlüsselmomente, an die ich mich sehr gut erinnern kann. Ich hatte das Gefühl, dieses Buch erforschen zu wollen. Ich wollte nicht das Buch verfilmen. Ich wollte einen Film ausgehend von dem Buch machen. Also begann ich nachzudenken und zu verstehen, worum es in dem Buch geht und warum es so eine starke Wirkung auf mich gehabt hat.

 

Deadline: Wenn ich ein Buch lese oder einen Film schaue, muss er mich nicht unbedingt als Ganzes überzeugen, aber es gibt manchmal diese einzelnen Momente, die einem den Atem stocken lassen und derart faszinieren, dass diese paar Sekunden oder Zeilen das Werk zu einem großen Kunstwerk emporheben. Ging es dir ähnlich mit dem Buch?

 

Jonathan Glazer: Ja, dass Buch hatte für mich ganz bestimmte Momente, welche die Geschichte tragen und voranbringen. Diese habe ich versucht, auch für den Film zu benutzen. Aber alles andere im Film ist komplett verschieden. Es gibt nichts im Film, was durch das Buch dramatisiert wurde. Es gibt keine einzige Szene, die in Gänze vom Buch auf den Film übertragen wurde. Das Buch war ein Startpunkt, kein Endpunkt.

 

Deadline: Ich bin ein großer Anhänger der Filme von Stanley Kubrick, und du hast einmal gesagt, dass 2001 dich bei der Umsetzung von UNDER THE SKIN inspiriert hat.

 

Jonathan Glazer: 2001 hatte ich im Hinterkopf für die Konstruktion der Eröffnungsszene des Films, mit dem Auge. Es ist nicht nur 2001, aber die Ähnlichkeit der visuellen Sprache dieser Szene zu 2001 ist sehr deutlich. Gleiches gilt für die Ausrichtung der Formen zu Beginn, welche Planeten zu sein scheinen, die wiederum an die andockenden Raumschiffe in 2001 erinnern. Wir verstehen die visuelle Sprache von Science-Fiction-Filmen bereits so gut, dass wir derartige Elemente und Bewegungen sofort mit dem Genre verbinden. Diese Konstellation wird dann zu etwas anderem, es erfolgt eine Dekonstruktion, und wir sehen ein Auge, ein menschliches Auge, in dessen Zentrum sich jedoch ein außerirdisches Element befindet. Es ging darum, dieses vorangegangene Element (aus 2001) zu benutzen, um den Zuschauer in die Geschichte gleiten zu lassen. Es gibt also eine Gemeinsamkeit, die dann jedoch umgestoßen wird.
Andererseits versuche ich nicht, irgendjemanden an irgendetwas zu erinnern. Ich möchte 2001 beim Zuschauer nicht bewusst in Erinnerung rufen. Der Film muss außerhalb dieser Konventionen stattfinden und für sich selbst stehen. Im Guten wie im Schlechten.

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Deadline: Ist es deiner Meinung nach ein Science-Fiction-Film?

 

Jonathan Glazer: Für mich ist Science-Fiction der Körper. Der Körper ist das Raumschiff. Das ist die stärkste Science-Fiction im Film. Was ist der menschliche Körper und was die Haut? Es geht um das Paradoxon von Körper und Seele. Das eine steckt in dem anderen, und das Nachdenken darüber ist für mich Science-Fiction.

 

Deadline: Mir hat die Musik des Films von Mica Levi sehr imponiert. Wie bist du auf sie gekommen?

 

Jonathan Glazer: Sie spielt für den Film eine sehr große Rolle. Zu Beginn des Projekts wusste ich noch nicht, mit wem ich für die Musik zusammenarbeiten würde. Wenn ich filme, versuche ich nicht, an eine spezielle Musik zu denken. Die Szene soll sich nicht auf eine bestimmte Musik verlassen können. Erst an einem gewissen Punkt kommt die Idee der Musik zum Film. Der Musikproduzent Peter Raeburn hatte mir ein paar Komponisten vorgeschlagen. Ich dachte von Anfang an, dass ich einen Komponisten brauchen würde, der noch nie zuvor so eine Arbeit abgeliefert hatte und aus einer ganz anderen Welt kommen würde. Er oder sie sollte keine Ahnung von Filmschulen haben oder davon, wie man Musik zu einem Film hinzufügt. Neben einigen großen und bekannten Komponisten schlug er mir mit weiser Auswahl auch Mica vor. Ich hörte mir dann die Musik der verschiedenen Komponisten an und wusste dabei nicht, welches Stück von welcher Person war, aber als ich ihres gehört habe, wusste ich sofort, dass sie die richtige Person sein würde. Danach habe ich mir nichts anderes mehr angehört, meine Entscheidung war gefallen. Ich wollte sie unbedingt treffen. Wir begegneten uns, redeten, und von dem Tag an arbeiteten wir an dem Film. Sie war bestimmt neun bis zehn Monate an UNDER THE SKIN beteiligt. Es war ein sehr intensiver Prozess. Es wurde viel Musik geschrieben, viele Sachen wurden wieder verworfen. Ich habe versucht zu verstehen, wie die Musik in dem Film klingen könnte. Die Musik war für uns das Blut des Films. Wenn es überhaupt eine Exposition in dem Film gibt, dann ist es die Musik. Ich wollte keine elektronische Musik im Film, ich wollte, dass es wirklich „gespielte“ Musik ist, mit echten Instrumenten. Aber Mica hat es geschafft, eine Kombination verschiedener Elemente zusammenzubringen. Es sind echte Instrumente, die von echten Musikern gespielt werden, aber die Art, wie sie die Stücke zusammenfügt, ist einzigartig. Man weiß nicht, wo ein Instrument aufhört und wo das nächste beginnt. Oder ob man gerade ein Geräusch oder richtige Musik hört. Auch das wurde zu etwas Fremdartigem (alien = fremdartig), in der Art und Weise, wie sie mit der Musik umging. Die Musik war eine der Hauptzutaten für den Film, die Seele von Scarletts Charakter.

 

Deadline: Für deine Kinofilme arbeitest du immer mit neuen Leuten zusammen, vor allem in den wichtigen Bereichen Kamera, Schnitt und Musik. Ist es dir besonders wichtig, immer neue Erfahrungen mit verschiedenen Personen zu machen?

 

Jonathan Glazer: Ich habe bisher nur drei Filme gemacht, die sich auch sehr voneinander unterscheiden. Ich möchte jedes Mal eine neue Herausforderung, etwas tun, was ich vorher noch nicht gemacht und worüber ich auch noch nicht nachgedacht habe. In manchen Bereichen arbeite ich durchaus mit den gleichen Leuten zusammen, aber in den von dir genannten Schlüsselpositionen möchte ich immer wieder neue Wege gehen. Man wählt seine Crew genauso sorgfältig aus, wie man es bei seinen Schauspielern tut. Es gibt Menschen, die haben den richtigen Geist und die Motivation für genau ein ganz spezifisches Projekt und nicht unbedingt auch für ein anderes. Hätte ich mehr Filme gemacht, gäbe es vielleicht eine kontinuierlichere Linie in diesem Bereich. Vielleicht würde ich dann immer mit demselben Komponisten und demselben Cutter zusammenarbeiten, wer weiß … Man schaut immer, was jedes Projekt benötigt. Und wenn du Glück hast, findest du die idealen Mitstreiter.

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Deadline: In einem anderen Interview hast du gesagt, dass die ästhetische Seite und der technische Stil von UNDER THE SKIN nicht so wichtig seien. Wenn man deine Musikvideos und anderen Spielfilme, BIRTH und SEXY BEAST, ansieht, fällt auf, dass die Bildsprache eine gänzlich andere ist. Man könnte also einerseits sagen, dass UNDER THE SKIN visuell nicht so ästhetisch ist, aber gleichzeitig auch behaupten, dass er besonders ästhetisch ist, da du absichtlich die Bilder einfach gehalten hast.

 

Jonathan Glazer: UNDER THE SKIN ist ästhetisch. Urteile über die Ästhetik sind immer wenig vertrauenswürdig. Ich denke, dass die Ästhetik von der Emotion des Films kommt. In diesem Fall war es sehr wichtig, die Schauspielerin zu verwandeln, sie zu verstecken und sie nicht als solche von den Menschen erkennen zu lassen. Die Kameracrew musste unsichtbar sein, und sie durfte in der realen Welt nicht auffallen. Ich wollte nur natürliches Licht. Ich wollte alles so filmen, wie es ist. Mit Menschen, denen nicht klar ist, dass gerade gefilmt wird. Unser Stichwort war Schlichtheit. Alles sollte schlicht und ungeschminkt sein. Jedes Mal wurde geprüft, ob wir gerade genug Licht für die Szene hatten. Hätte ich den Film auf einem iPhone gedreht, hätte es mir auch nichts ausgemacht, diese Art der Ästhetik hat mich nicht interessiert. Mir war es wichtig, sie so in unserer Welt zu filmen, wie sie ist.
Aber wenn man dann anfängt, die versteckten Kameras zu positionieren, etwa für die Szenen, in denen sie den Transporter fährt, beginnt man sich vorzustellen, wie die Aufnahmen später aussehen könnten. Dann wächst natürlich die Ästhetik und beginnt sich zu entwickeln. Ich wollte, dass die Kamera nie aufgeregt war. Ich wollte dem Zuschauer das Gefühl geben, dass er etwas beobachtet und alles jetzt gerade in diesem Moment geschieht. Was gerade passierte, konnte nur in diesem Moment geschehen. Würde man etwas später kommen, wäre alles anders. Es ging also darum, etwas einzufangen und zu beobachten, was gerade geschieht. Es gab Szenen, in denen wir einfach Leben gefilmt haben, und Szenen, die wir vorbereiten und inszenieren mussten. Doch auch diese Szenen mussten zu unserer Idee der Beobachtung und den übrigen Einstellungen passen. Wir haben also ganz bestimmte Entscheidungen für die Kameraarbeit getroffen und darüber, was diese dann dem Zuschauer kommunizieren würde. Das war eine schwierige Aufgabe. Die Ästhetik hat uns nicht geführt, sondern der Film hat die Ästhetik geführt, so könnte man es beschreiben. Aber Ästhetik gibt es natürlich immer, egal, ob sie beabsichtigt ist oder nicht. Ich denke, Ästhetik sollte nicht führen, sie sollte folgen.

 

Deadline: Adam Pearson ist einer der Darsteller im Film. War es für ihn nicht besonders bewegend, die Rolle eines entstellten, einsamen Mannes zu spielen, da er ja selber aufgrund seiner Krankheit ein Gesicht hat, welches sicher viele Menschen abschreckt? Aus seiner Perspektive könnte UNDER THE SKIN ja auch ein Film über sein Leben sein. Über seine Probleme und Hoffnungen, darüber, was er hat und was ihm fehlt.

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