Vom 20. bis 23. November fand zum dritten Mal das Weird Weekender International Film Festival in Stuttgart statt. In den Innenstadtkinos Stuttgart zeigte das erste internationale Festival der Kesselstadt für weirdes, wildes und wundervolles Genre- und Indie-Kino eine erlesene Auswahl an Filmen. Eine kleine, aber feine cineastische Sause für Geeks und Filmenthusiasten.
Vor drei Jahren bekam der Weird Wednesday 0711, die monatliche Reihe für abwegige, abgründige und abgefahrene Filmkunst in den Innenstadtkinos, sozusagen eine passende Festival-Mutter. Das Weird Weekender International Film Festival Stuttgart war geboren. Eine lang ersehnte Antwort für alle Filmfans aus Stuttgart und der Region, deren Herz für Besonderes und Schräges schlägt. Für unangepasstes Kino voller Humor, Spannung und herzerfüllender „WTF?!“-Momente. Auch in diesem Jahr lud das Festival mit so mancher Genreperle zum Gruseln, Wundern, Weinen und Mitfiebern ein. Neben dem bekannten Publikumspreis gab es zudem erstmals zwei waschechte Jury-Wettbewerbe: Neun Spielfilme aus der Official Selection gingen ins Rennen um den Weird Weekender Jury Award. Ebenso neu dazu gesellte sich die Weird Shorts Competition, in deren Rahmen aus elf Kurzfilmen der Preisträger des Weird Shorts Jury Award sowie des Weird Shorts Audience Award erkoren wurde. Die für diese beiden Wettbewerbe ausgewählten Filme sind überwiegend unabhängig produzierte Indie-Produktionen aus aller Welt. Ein liebevoll kuratiertes Rahmenprogramm machte das Weird Weekender zur runden Sache: Panels und Q&As gaben tiefere Einblicke in die Filme und Szene, und beim Aftershow-Programm im Club Lerche, Metal-Club Schwarzer Keiler und Kulturbunker konnte ausgiebig nachbesprochen und gefeiert werden. Bei dem prallen Programm haben wir es nicht zu allen Filmen geschafft, hier folgend aber Reviews zu einigen der gezeigten Filmperlen:
I FELL IN LOVE WITH A Z-GRADE DIRECTOR IN BROOKLYN

Der Film von Kenichi Ugana erzählt unter zugegeben sperrigem Namen die Geschichte der japanischen Schauspielerin Shina Shina (Ui Mihara). Zerfetzt von einer deprimierenden Konsumkultur, in der Popularität mehr zählt als Authentizität, flieht sie nach New York. Nach einem Streit mit ihrem Freund landet sie ohne Handy, Gepäck, Geldbörse – und englische Sprachkenntnisse, was überhaupt dafür sorgt, dass die Story so gut funktioniert – in einer Metal-Bar irgendwo in Brooklyn. Nach einer durchzechten Nacht trifft sie dort auf den erfolglosen Regisseur Jack (Estevan Muñoz). Der befindet sich in einer mittelschweren Krise, denn die Hauptdarstellerin seines ersten Spielfilms ist gerade abgesprungen. Zwei erschöpfte Seelen prallen in einer dunklen Seitengasse aufeinander. Sie krabbelt auf dem Boden, kotzt all ihre Verzweiflung heraus – er glüht auf und erkennt in diesem Moment der Offenbarung die Rettung seines Films. Shina wird zur Heldin seiner No-Budget-Horror-Rom-Com „Love vs. Death“ – einer delirierenden Liebesgeschichte zwischen einem Serienkiller und einem charmanten Geist. Doch nicht nur vor der Kamera gibt es eine Romanze zwischen zwei Welten: Auch Shina und Jack entwickeln Gefühle füreinander – trotz oder gerade wegen einer unüberbrückbaren Sprachbarriere.
I FELL IN LOVE WITH A Z-GRADE DIRECTOR IN BROOKLYN besticht mit absurdem Humor, oft gespeist durch „Lost in Translation“-Momente mangels einer gemeinsamen Sprache, in denen sich die Charaktere ironischerweise aber gerade nahekommen. Es ist eine Hommage an die Leidenschaft fürs Filmemachen und Filmeschauen, eine kleine, charmante Erinnerung an die Liebe zum Kino – losgelöst von Kommerz und Popularität. Ein Film, der rebellischen Indie-Geist atmet und sich vor allem durch die ansteckende kindliche Begeisterung von Hauptdarsteller Jack überträgt. Cameo-Auftritte von Larry Fessenden und Lloyd Kaufman setzen augenzwinkernde Akzente für Kultfilmfans.
FUCKTOYS

Dumm gelaufen: Das Universum hat die arme AP (Annapurna Sriram) mit einem Fluch belegt. Das hat jedenfalls ein Medium beim Kartenlegen herausgefunden, und auch dass sie 1.000 Dollar sowie ein Opferlamm benötigt, um aus dieser Misere wieder herauszukommen. Also begibt sich die chaotische Teilzeit-Sexarbeiterin auf eine überaus wilde, aber ebenso unterhaltsame Reise durch Trashtown, USA, mit dem Ziel, ihr Schicksal endlich in die richtigen Bahnen zu lenken.
Annapurna Srirams in satte 16-mm-Neonfarben getränkter, dystopisch-charmanter Fiebertraum-Trip oszilliert zwischen Zuckerwatte-Romantik und Gesellschaftskritik. Ein Mix aus FEAR AND LOATHING IN LAS VEGAS und THELMA UND LOUISE. Die Bilder wie einem Lana-Del-Rey-Musikvideo entrissen, die Erzählstruktur zu keiner Zeit vorhersehbar und jeder Charakter ein Original. FUCKTOYS schockiert, berührt und überrascht. In ihrem Universum zwischen Sexarbeit, Sehnsucht nach echter Nähe und kosmischer Verfolgung entspinnt sich APSs tragisch-mitreißende Geschichte. Die Kirsche auf dieser Genretorte: der Soundtrack, der Nostalgie, Lebensfreude und den Absturz in die harte Realität perfekt widerspiegelt.
THEATRE OF HORRORS: THE SORDID STORY OF PARIS’ GRAND GUIGNOL

Die Dokumentation feierte beim Weird Weekender Deutschlandpremiere inklusive Anwesenheit von Regisseur und Gründer des US-Labels Severin Films David Gregory. Sie erzählt die unglaubliche Geschichte des berühmt-berüchtigten Theaters „Théâtre du Grand Guignol“, das 1897 in Paris seine Pforten öffnete und mit seinen grenzüberschreitenden, in Kunstblut getränkten Inszenierungen bis in die 1960er für etliche Skandale und Kontroversen sorgte.
Der Film ist eine faszinierende Zeitreise, die die Historie dieses besonderen Theaters mit faszinierenden Hintergrundinformationen und Expertenstimmen beleuchtet. Die Einblicke in dieses abgefahrene Etablissement, das mit einer Anziehungskraft zwischen Horror, Ekel und Erotik von sich reden machte, sind vereinnahmend. Die Dokumentation zeigt die Faszination an Horror lange vor der Zeit von Film und Internet und beleuchtet die psychologische und gesellschaftliche Bedeutung dieser speziellen Form des Eskapismus. Der Einfluss des Theaters auf die Filmszene ist dabei besonders spannend. Die Bedeutung des berüchtigten „Horror-Theaters“ insbesondere in Frankreich zeigt auch der Eingang einer Vokabel in den Sprachgebrauch: Das Adjektiv „grand-guignolesque“ kann laut den Experten im Film nicht richtig erklärt werden. Es ein Ausdruck für etwas Negatives, Extremes, Schockierendes, Blutiges oder Groteskes.
FLUSH

Achtung: Ein starker Magen ist Grundvoraussetzung für diesen Film! FLUSH begleitet den absurden persönliche Albtraum von Luc (Jonathan Lambert). Nach einem Streit mit einem Dealer und Clubbesitzer steckt er mit dem Kopf im Abflussloch der Urinalrinne eines schäbigen Nachtclubs fest. Nun ist guter Rat teuer in dieser pechschwarzen französischen Groteske, die bereits beim Fantasia in Montreal zum veritablen Publikumshit avancierte. Obwohl sich die ganze Handlung auf minimalem Raum in der Toilette abspielt, zeigt Regisseur Grégory Morin jede Facette menschlicher Verzweiflung und zahlreiche spannende Wendungen. Das gelingt durch den hervorragenden Cast – allen voran natürlich Protagonist Luc. Die immer absurder werdende Kette von Ereignissen stürzt ihn immer tiefer in die wortwörtliche Scheiße. Dabei machen die Bilder und der Sound vor keiner Ekelgrenze halt: Kot, Urin, Tampons – alles, was sich in einer Clubtoilette findet, schwimmt, über die Leinwand und damit quasi direkt in die Gehirngänge der Zuschauer. Für Zartbesaitete auf jeden Fall teilweise eine Herausforderung für die Beherrschung des Würgereflexes. Dennoch, und das ist die Stärke des Films: Die zutiefst groteske Story ist vor allem urkomisch. Während Luc sich verzweifelt mit unbändigem Kampfgeist aus seiner misslichen Lage befreien will, kann man nicht anders als mitzuleiden und gleichzeitig zu lachen.
Das Weird Weekender ist ein lieb gewonnenes cineastisches Auffangbecken für alle in Stuttgart und der Region, die sich nach etwas weird-wundervollem Kinogenuss sehnen. Sich im grauen Novemberwetter für drei Tage in absurd-schönes, skurriles Genrekino zu stürzen, ist manchmal genau das, was der Geist braucht. Daher danke an das engagierte Team fürs Organisieren, Kuratieren und Inspirieren. Hoffentlich bis nächstes Jahr.
Weitere Infos: https://weirdweekender.de/
Jessica Wittmann-Naun

