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Paul Hyett Interview

ZWISCHEN DEN WÄNDEN – Im Gespräch mit Paul Hyett

Mit THE SEASONING HOUSE wird eine Kriegstrilogie in völlig neuem Maßstab eröffnet. Das Erstlingswerk Paul Hyetts, der bisher für die Special-Make-up-Effekte in etwa sechzig Horror-, Splatter- und Actionfilmen (u.a. THE DESCENT, DOOMSDAY, UNKNOWN IDENTITY etc.) verantwortlich zeichnete, beschäftigt sich auf radikale Weise mit dem Thema Menschenhandel. Als Hauptdarstellerin und taubstumme Überlebenskämpferin steht ihm dabei die zum Zeitpunkt des Drehs erst siebzehnjährige Rosie Day zur Seite.

 Paul Hyett Interview

 

DEADLINE:

Bezogen auf das Thema Menschenhandel, Zwangsprostitution und wie du in THE SEASONING HOUSE damit umgehst, hast du unterschiedliche Reaktionen männlicher und weiblicher Zuschauer beobachten können?

 

 

PAUL HYETT:

Was ich mit dem Film vor allem erreichen wollte, war eine positive Reaktion vom weiblichen Publikum. Bei den Festivals, auf denen mein Film gezeigt wurde, meinten dann zwar einige, dass ich auch nichts anderes täte, als Frauen auszubeuten, der Großteil der Frauen und Mädchen war aber wirklich begeistert. Es sei ein echter feministischer Survival-Film, der zeigt, wie stark Frauen sein können, und zwar ohne ihre Körper auf billige Weise auszustellen. Es war einfach nicht notwendig, die Mädchen ständig nackt zu zeigen, weil es nicht unbedingt das ist, was die meisten Zuschauer sehen wollen. Im Zusammenhang mit diesem sensiblen Thema hätte ich eine solche Inszenierung auch als sehr gewalttätig empfunden. Für die Liebhaber von Action und spannenden Kämpfen gibt es trotzdem noch genug Material, mir war es aber wichtig, nicht einen weiteren Kriegsfilm zu machen, bei dem man nur sieht, wie Männer in den Krieg ziehen und erschossen werden. Auch Frauen leiden im Krieg und an seinen Folgen.

 

 

DEADLINE:

Obwohl es in deinem Film sehr viel Blut und Gewalt gibt, spürt man diese spezielle Intelligenz, die hinter allem liegt und es auch ermöglicht, übliche Genrenormen und -grenzen zu überschreiten. Ich musste dabei vor allem an französische Filme wie etwa IN MY SKIN oder TROUBLE EVERY DAY denken, die ja auch völlig anders mit Nacktheit und Gewalt umgehen. Hatten solche Filme auch Einfluss auf deine Arbeit?

 

 

PAUL HYETT:

Ja, das hatten sie absolut. Filme wie MARTYRS, FRONTIERS, INSIDE oder PAN’S LABYRINTH sind brutal und sehr herausfordernd, regen aber gleichzeitig zum Nachdenken an. Man könnte sie durchaus zum Horrorgenre zählen, was mich aber besonders an ihnen interessiert, ist, wie sie sich mit dem Thema Vergänglichkeit und den Graubereichen des menschlichen Verhaltens beschäftigen. Natürlich funktionieren in dieser Art Genre auch vier Teenager in einer Hütte im Wald, die von irgendeinem unheimlichen Monster angegriffen werden, trotzdem hatte ich das Gefühl, dass ein Film wie PAN’S LABYRINTH viel besser zu der Geschichte passt, die ich erzählen wollte. THE SEASONING HOUSE sollte ganz normale Menschen in außergewöhnlichen Umständen zeigen und wie sie körperlich und emotional damit umgehen. Dabei wollte ich auch die Zuschauer dazu bringen, sich wirklich intensiv mit dem Thema auseinanderzusetzen. Man ist schockiert darüber, was diese jungen Mädchen alles durchmachen müssen und dass sie für die Männer nichts anderes als Waren sind, mit denen ebenso gehandelt wird wie mit Waffen oder Drogen. Zugleich erfährt man aber auch etwas über den Hintergrund ebendieser Männer und welche Auswirkungen ein Krieg auf Menschen und das alltägliche Leben haben kann.

seasoning houseDEADLINE:

Viktor, der Bordellbesitzer, und Goran, der Armeeführer, der ihm die Mädchen liefert, sind beide sehr subtil gezeichnete Charaktere. Wie sehr war es deine Absicht, über ihre Figuren einen großen Teil der Geschichte und die Konsequenzen des Krieges zu transportieren?

 

 

PAUL HYETT:

Was mich dabei besonders interessierte, war, herauszufinden, was einem Menschen zustoßen muss, um so völlig desensibilisiert zu werden, dass er fähig ist, anderen Lebewesen derart grauenvolle Dinge anzutun. Viktor (Kevin Howarth) ist ein Opportunist, der niemals ein solches Bordell betreiben wollte, und es ist auch entscheidend zu verstehen, dass es ihm keinerlei Vergnügen bereitet, die Mädchen zu foltern oder umzubringen. Er sieht es vielmehr als eine unumgängliche Notwendigkeit, um sich Respekt zu verschaffen und seinen Standpunkt klarzumachen. Wir mussten also in sein Denken eindringen, um zu zeigen, wie sehr ihn der Krieg verändert hat, bis zu einem Punkt, wo es nicht mehr möglich war, umzukehren und einen anderen Weg einzuschlagen. Im Gegensatz zu ihm wurde Goran (Sean Pertwee) regelrecht eingetrichtert, dass es seine Bestimmung wäre, sein Land zu verteidigen und vom Feind zu befreien. Er kämpft gegen eine Art Chaos an, bei dem Menschen, denen du früher vertraut hast, die vielleicht sogar deine Nachbarn waren, auf einmal beginnen, sich gegenseitig umzubringen. Es gibt da diese eine Szene, wo Viktor und Goran ein Gespräch über Listen und spezielle Vereinbarungen führen, während man im Hintergrund hört, wie Mädchen in den Räumen über ihnen vergewaltigt und misshandelt werden. Im Gegensatz zu jedem anderen „normalen“ Typen von der Straße, der sofort fragen würde, was da vor sich geht, oder versuchen würde, den Mädchen zu helfen, bleiben die beiden vollkommen ungerührt und lassen sich nicht von ihrer Unterhaltung ablenken. So ein Verhalten ist die Folge von etwas viel Größerem und nicht bloß ein Schalter, den man umlegen muss, und plötzlich hat man die Fähigkeit, anderen Menschen große Schmerzen und Leid zuzufügen.

 

 

DEADLINE:

War der Kriegshintergrund für dich entscheidend, um das Thema Menschenhandel und Zwangsprostitution zu bearbeiten? Schließlich geschehen solche schrecklichen Dinge jeden Tag, auch in Ländern, wo derzeit kein Kriegszustand herrscht.

 

 

PAUL HYETT:

Ich denke, dass es heute kaum mehr ein Land gibt, das in seiner Geschichte nicht irgendwann einen Krieg zu verzeichnen hätte. Wenn dann auch noch die Infrastruktur zusammenbricht und die Polizei oder das Rechtssystem an Einfluss verliert, können auf diese Weise ganze Dörfer oder Ortschaften zerstört werden. In Kriegsgebieten übernimmt dann meist das Militär die Kontrolle und versucht mit dem ganzen Chaos und Tod zurechtzukommen. Das ist kein einfacher Job, und oft geschehen fürchterliche Dinge aus einer Überforderung der Zuständigkeiten heraus. Junge Mädchen, die verletzt oder misshandelt werden, sieht man dabei eher als ein Randproblem, das einfach unter den Teppich gekehrt wird.

 

 

DEADLINE:

Gerade deshalb ist es so enorm wichtig, dieses prekäre Thema in die fiktionale Welt des Spielfilms zu bringen und sich damit nicht nur in Dokumentationen oder Berichten auseinanderzusetzen, die nur ein geringes oder sehr bestimmtes Publikum erreichen.

 

 

PAUL HYETT:

Absolut. Hat man einen Zeitungsbericht oder eine Fernsehreportage über das Thema Menschenhandel, überfliegen die meisten Leute den Artikel und blättern dann einfach weiter oder wechseln den Sender. Viele wissen auch einfach gar nicht, was auf der Welt alles passiert, und wenn man gewissermaßen gezwungen ist, zwei Stunden lang der Geschichte eines Spielfilms zu folgen, bekommt das Ganze eine völlig andere Kraft und Energie. Sehr viele Zuschauer, sowohl männliche als auch weibliche, kamen später auf mich zu und meinten, sie hätten sich nach dem Film tagelang mit der Thematik beschäftigt und im Internet alle möglichen Informationen darüber zusammengesammelt. Genau das war es, was ich erreichen wollte, weil ich, als ich mit meiner Recherche begonnen habe, selbst fassungslos darüber war, dass das alles hier und heute im 21. Jahrhundert geschieht.

Seasoning house

DEADLINE:

Das erinnert mich auch an die Arbeiter, die beim großen Showdown zwischen Angel und Goran die Fabrik verlassen, als er ihnen die Anweisung dazu gibt. Sie kümmern sich nicht weiter darum, was mit diesem kleinen, unschuldigen Mädchen passieren wird, und man fragt sich unweigerlich, was diese Männer durchmachen mussten, um derart abgestumpft und hörig zu werden.

 

 

PAUL HYETT:

Sie haben wahrscheinlich selbst mit ansehen müssen, wie ihre eigenen Töchter, Familienmitglieder oder Freunde umgebracht wurden. Angel ist einfach nur irgendein weiteres Mädchen, dem Schreckliches angetan werden wird. Es ist natürlich unglaublich traurig, wenn man die Männer dabei beobachtet, wie resigniert sie weggehen, ohne sich noch einmal umzudrehen. Das waren wahrscheinlich mal alles richtig gute Kerle, aber jetzt gibt es nichts mehr, was sie tun könnten, um irgendetwas zu verändern. So ähnlich ging es mir auch mit den Soldaten. Viele von ihnen sind noch wahnsinnig jung, und trotzdem fahren sie mit dem Lastwagen durch Dörfer, rotten ganze Familien aus, um dann ihre Töchter einzusammeln, sie in eines von diesen Bordellen zu bringen und dort einem grauenhaften Schicksal zu überlassen. Was mich dabei interessiert, ist, warum diese Soldaten nicht absolut schockiert sind von dem, was da vor sich geht, aber auch von ihrem eigenen Verhalten.

 

 

DEADLINE:

Wie und wo hast du denn die Recherche zu deinem Film betrieben und die ganzen Informationen gefunden?

 

 

PAUL HYETT:

Das Drehbuch habe ich zusammen mit Conal Palmer, einem guten Freund von mir, geschrieben. Als Co-Autorin hatten wir außerdem Helen Solomon, die auch die Grundidee zu der Geschichte und bereits einen Großteil der Recherche im Vorfeld betrieben hatte. Sie konnte sogar mit einigen Mädchen in Kontakt treten, die selbst durch diese Hölle gehen mussten. Nur sehr wenige können diesen schrecklichen Umständen entkommen, und die paar, die es schaffen, verlieren sich oft in der Vergangenheit und den grauenhaften Dingen, die sie erlebt haben. Viele Ärzte, die solche Mädchen nach ihrer Gefangenschaft behandeln, meinen, dass auch jahrelange Therapie und Rehabilitation diese jungen Frauen nicht zurückbringen können. Sie haben sich von dieser Welt verabschiedet, und oft sehen sie Selbstmord als einzigen Ausweg. Es gibt einfach nur ein bestimmtes Maß an Qualen, das ein menschlicher Geist und Körper ertragen kann, und diese Mädchen werden etwa zwanzigmal am Tag vergewaltigt, verprügelt und gefoltert, ihre ungefähre Lebenserwartung liegt dabei zwischen vier und acht Wochen. Wir hatten wirklich eine Unmenge solcher Informationen, und oft konnten wir es gar nicht ertragen, diese vielen schrecklichen und traurigen Geschichten der Mädchen zu hören.

Seasoning House