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5. HARD:LINE FestEVIL – 28.09.–01.10.2017 – Eine Rückschau

 sdr

Nach etwas Aufbereitungszeit bekommt ihr noch als Wintergeschenk das Paket des 5. HARD:LINE-Festivals geboten, das vom 28.09.–01.10.2017 in Regensburg stattfand und das wir sehr gerne erneut als Medienpartner präsentierten. Und eins vorweg: Das Festival ist weiter gewachsen, man muss sagen, es ist richtig groß geworden! So viele internationale Gäste wie nie zuvor gaben sich die Klinke in die Hand, darüber hinaus war das 4-Tage-Event perfekt durchorganisiert. Die Gäste mussten sich einfach wohlfühlen, egal ob in den ausverkauften Hauptprogrammen oder bereits nachmittags in den Nebensparten.

Begonnen hatte alles 2010 mit der Filmreihe HARD:LINE, die einmal monatlich Grenzgänger des guten Geschmacks präsentierte, ab und an auch den einen oder anderen Klassiker wie VOODOO – SCHRECKENSINSEL DER ZOMBIES oder John Carpenters THE THING. Nun standen die treuen Gäste, die Zuschauer wie auch die Festivalmacher vor der entscheidenden Auflage des Festivals, die – wie es programmatisch im Begleitheft hieß – das Event endgültig auf der Festivallandkarte verzeichnet. Dennoch, und das ist das Entscheidende, sind die Macher immer noch so wild und ungestüm wie zur ersten Stunde. Das heißt, es erwartet die Zuschauer immer noch extremes Kino in all seinen Facetten – Survivalthriller, absurde Mockumentaries, bitterböse schwarze Komödien und natürlich waschechter Horror samt Splatter-Overkills.

 

Dem umtriebigen Kanadier Chad Archibald (Black Fawn Film Distribution) war das diesjährige Director’s Spotlight gewidmet, also seine drei jüngsten Filme THE DROWNSMAN (2014), BITE (2015) und als Deutschlandpremiere der brandaktuelle THE HERETICS. Gabriel Carrer, Archibalds Landsmann, präsentierte indes gar als exklusive Weltpremiere seinen jüngst abgedrehten DEATH ON SCENIC DRIVE.

v.l.n.r.: Stefan mit Ángel González, Jose-Hernandez, Chad Archibald, Gabriel-Carrer und Manager C.F.-Benne
v.l.n.r.-Stefan mit Ángel González, Jose-Hernandez, Chad Archibald, Gabriel-Carrer und Manager C.F.-Benne

Am ersten und zweiten Tag sah ich zunächst die angesprochene Deutschlandpremiere von THE HERETICS, Archibalds jüngstem und auch bisher bestem Werk, wobei die Vorgängerfilme schon sehr gut waren. Archibald stand – und hier muss man die vollendete Organisationsleistung des Festivals bereits durch und durch loben – nach jedem Film persönlich im Kino zu 30-minütigen Q&As zur Verfügung. Er war zusammen mit Darsteller Ry Barrett und seinem Manager CF Benner durchweg zum Greifen nah, war super drauf, hatte eben auch wirklich Bock auf das Publikum und das ganze Festival. Er verabschiedete sich am letzten Abend sichtlich gerührt, bevor er am Montag nach dem Festival sofort in den Flieger und ab nach Schweden zur dortigen Premiere seines HERETICS düsen musste. THE HERETICS erzählt eine atmosphärisch dichte Hexenhorror-Story, in der eine junge Frau zunächst im nächtlichen Vorort gekidnappt und raus ins abgelegene, wilde Walddickicht gekarrt wird. In der abgelegensten Waldhütte überhaupt – die Macher errichteten selbst die Bauten in den kanadischen Wäldern – darbt Gloria (Nina Kiri) vor sich hin. Sie muss die schwärzeste Nacht ihres Lebens überstehen, nach der eine finstere Teufelsbrut, von der sie besessen ist, bis zum Morgengrauen schließlich aus ihr herausbrechen kann. Wer schon einmal was von Chad Archibald gehört hat oder endlich mehr von ihm sehen möchte, den erwarten bei jedem seiner Filme eine überaus geradlinig erzählte, spannend montierte Story mit düsteren, atmosphärischen Bildern und – das Markenzeichen von ihm und seiner Firma Black Fawn Films – handgemachte Spezialeffekte und irres Creature-Design. Seine Filme wirken oftmals wie Back to the roots, weg vom CGI und hin zu zu spürbaren, haptischen Maskeneffekten, die wir ja immer so gerne in den 1980er-Horrorfilmen konsumiert haben.

V.l.n.r.: Ry-Barrett, Chad Archibald, CF Benner, Colin Harrington
V.l.n.r.: Ry-Barrett, Chad Archibald, CF Benner, Colin Harrington

Chad Archibald war aber „nur“ in Anführungsstrichen einer von mehreren. Gabriel Carrer konnte ich ebenfalls kurz ein paar Antworten entlocken. Der zurückhaltende und geradezu schüchterne Filmemacher drehte nach seinem zuvor recht großen THE DEMOLISHER (2015), bei dessen Produktion sich Carrer selbst aufarbeitete, wieder einen kleinen Film. DEATH ON SCENIC DRIVE, gespickt mit persönlicher Note, besitzt Anklänge an die Werke Nicolas Winding Refns und auch THE SHINING. Carrers jüngster Film beeindruckt vor allem im Kino mit toll durchkomponierten Bildern und einer ganz eigenen, Unwohlsein vermittelnden Atmosphäre. Es ist ein Film, den man im Normalfall nicht zu sehen bekommt, vielleicht sogar nicht mal auf DVD, doch DEATH ON SCENIC DRIVE besitzt seine ganz eigenen Qualitäten.

Am zweiten Festivaltag überzeugten mich dann Regisseur Ángel Gonzáles Martínez und dessen Produzent José Pastor mit dem stilistisch überwältigenden, mit 75 Minuten sehr kompakten COMPULSIÓN. Der in nur 10 Tagen gedrehte, dafür in filmischer Sprache (Kamera, Sounddesign) und Intensität astreine Survivalthriller ist mit seinem an die Nieren gehenden Spiel der teilweise völlig unbekannten Darsteller mehr als denkwürdig. Klar, Survivalthriller in vielen Richtungen gab es bereits, Vorreiter waren ja die Franzosen mit HAUTE TENSION, A L’INTERIEUR (INSIDE), MARTYRS usw. Und durchaus gibt sich Martínez auch im Q&A nach dem Film sowie auf mein Nachfragen deutlich von diesen Werken beeinflusst. Sein Film, der erste spanische Survivalthriller dieser Art, geht aber völlig eigene Wege. Gesprochen wird so gut wie gar nicht, die Bildsprache erinnert teilweise an die des Stummfilms. COMPULSIÓN hat mich von der ersten bis zur letzten Sekunde nicht mehr losgelassen. Martínez’ Werk möchte ich an dieser Stelle als überwältigende Sinneserfahrung beschreiben, vor allem bei der Sichtung im Kino, und weniger als typischen Genrefilm seiner Art. Der Film hebt sich deutlich davon ab und blieb über das gesamte Festival mein persönlicher Favorit.

THE NIGHT OF THE VIRGIN-Roberto San Sebastian l. und-Kevin-Iglesias
THE NIGHT OF THE VIRGIN-Roberto San Sebastian l. und-Kevin-Iglesias

Als Kontrastprogramm dazu gab es in der 23-Uhr-Schiene den Gore-Tempel THE NIGHT OF THE VIRGIN zu durchleben oder zu ertragen, wie man es auch nennen möchte. Der erste Kommentar nach dem partyähnlichen 2-Stunden-Marathon kam vom Kanadier Chad Archibald an die spanischen Kollegen Roberto San Sebastian samt Produzenten: „You sick fucks!“ – und genau mit dieser Art von Lob können die Spanier optimal leben: „Thank you, that’s a big compliment!“ Wer von euch Gorehounds also nach mehreren Jahren endlich mal wieder ein würdiges Pendant zu den frühen Peter-Jackson-Filmen à la BAD TASTE und DEAD ALIVE gesucht hat: Hier habt ihr es! Minutenlange Splatter-Einstellungen, literweise Kunstblut und ein spanischer Hauptdarsteller, der, gleichwohl in spanischen TV-Produktionen bekannt und beliebt, sich für sein Spielfilmdebüt mehr als die Seele aus seinem Leib spielt. Nicht nur hart und schockierend, sondern vor allem als schwarze Komödie funktioniert der Film sehr gut. THE NIGHT OF THE VIRGIN wird auch in der Mediabook-Auswertung via Pierrot le Fou (Uncut #10) von uns präsentiert. DEADLINE empfiehlt eben! Ich persönlich fände es allerdings schön, wenn hier irgendwann auch ein kürzerer Director’s Cut herauskommt, denn viele Zuschauer fanden Anfang, also Prolog, und auch die langen Minuten nach dem offensichtlichen Ende etwas zu viel, da passierte einfach zu wenig. 100 Minuten statt 120 … und wir hätten ein Meisterwerk für die Ewigkeit!

 

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5. HARD:LINE FestEVIL – 28.09.–01.10.2017 – Eine Rückschau

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