Hier erhältlich als E-Paper
Warenkorb

51. SOLOTHURNER FILMTAGE

35257_1_dl_sft51_plakate_de

Festival-Bericht und Interview von Sarah Stutte

 

 

Ein Jahr nach dem 50-jährigen Jubiläum des ältesten Schweizer Filmfestivals (in puncto Fokus auf Schweizer Filmen) präsentierte sich dieses vom 21. bis zum 28. Januar 2016 einmal mehr breit gefächert. Es spannte einen interessanten Bogen vom vergangenen bis zum gegenwärtigen einheimischen Filmschaffen, und auch für Genrefans war wieder einmal einiges dabei. Dies überrascht insofern positiv, da sich offenbar der Schweizer Genrefilm derart gut entwickelt, dass man in Solothurn immer wieder auf Entdeckungen stösst.

20160121_SolothurnerFilmtage_020
Festival-Impression

 

SWEET GIRLS

 

Vimeo

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von Vimeo.
Mehr erfahren

Video laden

 

SWEET GIRLS-Crew
SWEET GIRLS-Crew

Eine solche ist SWEET GIRLS von Xavier Ruiz. Der Genfer, der mit dem bösen Militär-Seitenhieb NEUTRE (2000) oder mit dem Psychothriller VERSO (2009) schon kreative Glanzstücke abgeliefert hat, führt in seinem neuen Film gleich mehrere Ideen und Handlungsstränge zusammen. Irgendwo zwischen Coming of Age, Satire, Thriller, Romcom, Generationenporträt und Gesellschaftsstudie bewegt sich die Geschichte der beiden Teenies Elodie und Marie. Diese kommen auf die aberwitzige Idee, die Wohnungsnot von Jugendlichen in ihrem Vorort zu bekämpfen, indem sie die Alten aus dem nahe liegenden Hochhaus kurzerhand abmurksen. In den frei werdenden Räumen sollen alsbald ihre arbeits-, geld- und manchmal auch hirnlosen Generationsgenossen einquartiert werden. Nur leider stellen sich die Mädels im Plastiktüten-über-den-Kopf-Ziehen nicht so helle an, weshalb man die Betagten lieber betrunken macht und in den Luftschutzkeller verfrachtet. SWEET GIRLS strotzt nur so vor innovativen Ideen; wie die Girls den Alten ihre Schlüssel abluchsen oder sie mit einer Seniorenparty hinters Licht führen, ist einfach herrlich komisch. Da die ganze Aktion nicht zu Ende gedacht wurde, kommen die Teenies bald an ihre Grenzen, während die Alten merken, dass sie eigentlich lieber zusammen unter der Erde sind, als alleine auf ihr. Gegen Schluss wird alles noch mal dermaßen hochgefahren, dass hier weniger doch mehr gewesen wäre. Dennoch ein kurzweiliger und sehr bissiger Genrebeitrag, der vor allem dank seiner storytechnischen Spielfreude durchwegs unterhalten kann.

20160318_SchweizerFilmpreis_7023
Festival-Impression

 

SANGUE DEL MIO SANGUE

 

 

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

 

Auch SANGUE DEL MIO SANGUE von Marco Bellocchio ist so ein ungewöhnliches Zwischending, das Satire, Drama sowie religiösen Fanatismus mit Horrorelementen vereint und auf drei Erzählebenen eine jahrhundertealte Geschichte entfaltet. 1630 reist der junge Offizier Federico ins Kloster von Bobbio (Bellocchios Geburtsort), um seinen Zwillingsbruder zu rehabilitieren. Dieser war Priester und nahm sich das Leben, nachdem er von der Nonne Benedetta verführt wurde. Benedetta wird deshalb der Hexerei bezichtigt und angeklagt. Während Federico dem grotesken Prozess beiwohnt, bei dem die junge Frau unsägliche Qualen über sich ergehen lassen muss, erliegt auch der Offizier ihrer Anziehung, denn Benedetta sieht in ihm den totgeglaubten Priester. Weil man ihr den Teufel offenbar nicht austreiben kann, wird sie letztendlich lebendig im Kloster eingemauert. Jahrhunderte später steht ein Inspektor des Ministeriums vor dem verlassen geglaubten Kloster, das er als Kaufobjekt anpreisen möchte, und stellt dabei fest, dass das alte Gemäuer doch noch bewohnt ist. Dies von einem mysteriösen Grafen, der scheinbar nur nachts seine Behausung verlässt. Zwar zeichnet sich jede einzelne Episode für sich aus, der Film funktioniert aber auch im großen Ganzen. Bellocchio schafft es, einen roten Faden zu weben und nicht nur die Geschichte, sondern auch die Genres und Figuren wahrlich gekonnt miteinander zu verknüpfen. Man ist gleichermaßen fasziniert von der unverhohlenen Kritik an der katholischen Kirche, am Irrglauben und Dogmatismus, aber auch belustigt über einen Vampir-Grafen, der beim Zahnarzt sitzt und sich mit diesem über die Globalisierung ärgert. SANGUE DEL MIO SANGUE ist auch ein Film über die Freiheit, darüber, wie man mit dem Andersartigen umgeht, heute wie damals, in Italien, aber sicher auch anderswo. Und er trauert darüber genauso offen, unter anderem in einer wunderschönen Unterwasserszene, dass sich die Zeit nicht aufhalten lässt und wir immer Gefangene unserer eigenen Vorstellungen bleiben werden. Bellocchio, bekannt für seinen Mut und seine eigenwillige Bildsprache, schuf mit der französisch-italienisch-schweizerischen Koproduktion ein Werk von betörender Intensität.

 

SYBILLE

 

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

 

Für einen kleinen Eklat bei der Erstaufführung sorgte SIBYLLE von Michael Krummenacher, der gleichzeitig auch mit HEIMATLAND und seiner Crew am Festival vertreten war. Krummenacher studierte an der Hochschule für Fernsehen und Film München und präsentierte mit dem Psychodrama-Horror SIBYLLE seinen Abschlussfilm. Erzählt wird die Geschichte der erfolgreichen gleichnamigen Architektin, die im Urlaub beim Joggen beobachtet, wie eine Frau, die ihr wie aus dem Gesicht geschnitten scheint, sich die Klippen herunterstürzt. Kurz vor ihrem Tod flüstert ihr diese noch etwas zu. Schockiert von diesem Vorfall, verändert sich Sibylle immer mehr, zieht sich von ihrer Familie zurück und nimmt die Welt um sie herum nur noch als Bedrohung wahr. SIBYLLE besticht nicht nur durch eine starke Hauptdarstellerin (Anne Ratte-Polle) und zahlreiche Anspielungen auf Horrorklassiker (Kubrick, Hitchcock, Polanski und Lynch lassen grüßen), sondern vor allem auch durch das gekonnte Spiel mit Realität und Fiktion. Wahrnehmungsebenen verschwimmen zusehends, und am Ende weiss man nicht mehr, was man genau zu sehen glaubte. Der vorher angesprochene Eklat ereignete sich in der anschliessenden Diskussion, bei der dem Regisseur vorgeworfen wurde, psychische Erkrankungen nur als Mittel zum Zweck benutzt zu haben. Dass dieser Vorwurf völlig haltlos ist, merkt jeder, der sich auf den Film einlässt und sieht, wie behutsam sich Krummenacher des Themas angenommen hat und wie detailliert er den Prozess einer solchen Erkrankung abbildet. SIBYLLE ist eine reife Reminiszenz an Horrorfilme aus den 70ern wie SHINING oder DER MIETER, intelligent, spannend, rätselhaft und im völligen Bewusstsein mit dem Bewusstsein spielend.

 

DIE SCHWALBE

 

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

DIE SCHWALBE-Crew
DIE SCHWALBE-Crew

Mit einer starken weiblichen Hauptfigur konnte auch DIE SCHWALBE auftrumpfen, der erste Spielfilm des mehrfach preisgekrönten Dokumentarfilmers Mano Khalil. Manon Pfrunder reist als Mira ins irakische Kurdistan, auf der Suche nach ihrem totgeglaubten Vater. Ihr einziger Anhaltspunkt sind die Absenderadressen auf einem Bündel Briefe, das sie auf dem Dachboden ihrer Mutter gefunden hat. Bald schon begegnet sie Ramo (Ismail Zagros), der sehr gut Deutsch spricht und ihr anbietet, sie zu begleiten. Doch das Treffen geschieht nicht zufällig, denn Ramo verfolgt ein eigenes Interesse daran, Miras Vater zu finden. Der in der Schweiz lebende Kurde Khalil zeigt uns ein Land, das einmal eines war und schon lange keines mehr ist. Die politischen Verstrickungen werden anhand der umkämpften Grenzgebiete, des kompromisslosen Vorgehens der Peschmerga-Kontrollposten oder einer Kalaschnikow visualisiert, die Ramo im Kofferraum versteckt hält. Beide Figuren sind gefangen in ihrer Vergangenheit, die sie nicht loslassen können. Ramo (Ismail Zagros ist eindrücklich in seiner Verzweiflung) kämpft zusätzlich mit seinem Gewissen, gegen das Vergessen und kann den Traditionen, Wertvorstellungen und Loyalitätsverpflichtungen, die ihn geprägt haben, trotzdem nicht entfliehen. DIE SCHWALBE ist kein Film, der einen mit einem guten Gefühl aus dem Kino entlässt. Die gebrochenen Figuren begleitet eine unterschwellige Traurigkeit, die so weit ist wie das Land, das sie durchqueren. Trotzdem verändert sie die Liebe, und das ist auch die Hoffnung, die am Ende mitschwingt.

20160121_SolothurnerFilmtage_075
Festival-Impression