Das wunderbar vielfältige und breite Genre der Phantastik hat auch im deutschsprachigen Raum viel zu bieten. Sei es im Film, im Comic, im illustrativen Bereich und natürlich auch in seiner literarischen Form.
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Die vierzehnte Story stammt aus der Anthologie IM ZEICHEN DER DREIZEHN. Denn die 13 ist mehr als nur eine Zahl. Sie lockt mit Unheil, lauert im Schatten, in Vorahnungen und Zufällen …
DER PAKT
von Sophia Rosenberger
Jim Grip war nervös. Eine völlig neue Erfahrung für ihn, er wurde sonst nicht nervös. Zumindest nicht so nervös. Doch hier stand er nun, in der Mitte eines verdammten Feenrings, im Herzen dieses gottverlassenen Waldes und überprüfte zum achttausendsten Mal, ob er auch alles richtig gemacht hatte. Es war stockfinster, die Nacht hatte längst alles Licht geschluckt. Einzig sein mit dem Display nach unten im Gras liegendes Handy und dessen Taschenlampe verströmten genug Helligkeit, um nicht in der Finsternis den nächstbesten Pilz des Feenrings zu zertreten. Jim bückte sich und sah auf seine Uhr.
Tatsächlich bewegten sich die Zeiger gerade unaufhaltsam auf die 1 zu. Anscheinend begann die offizielle Hexenstunde nämlich erst um ein Uhr morgens, nicht um Mitternacht. Mit dem Schlag der 13 auf der Hexenuhr. Warum auch nicht? Machte jetzt auch keinen großen Unterschied. Ein wenig armselig kam er sich schon vor, als er doch noch einmal die Zutatenliste für den Zauber durchging. Hatte er die Kräuter dabei? Klar, das ganze Bündel. Und den Hexenbeutel? Jep, auch noch in seiner Tasche, wie die letzten 7999 Male, die er danach getastet hatte. Aber hatte er auch an die gemahlenen Knochen gedacht? O Gott, was wenn – nein, da waren sie, sicher und luftdicht abgepackt in der Tupperdose seiner Oma. Zu guter Letzt das Zauberbuch. Das sich, o Wunder, noch immer in seiner rechten Hand befand und nicht spontan in einem Wurmloch verschwunden war. Er war also startklar. Und trotzdem war er immer noch so nervös. Doch was blieb ihm anderes übrig? Niemand sonst hatte ihm helfen wollen, und das ganze »Hilf dir selbst«-Ding hatte auch nicht hingehauen. Zeit für höhere Gewalt.
Sorgfältig malte er mit dem Knochenstaub die Runen für den Spruch auf den Boden, immer entlang der Innenseite des Pilzkreises. Dann platzierte er die Kräuter und den Hexenbeutel in der Mitte des Feenrings. Er riss ein Streichholz an – mit Feuerzeugen hatte er sich nie anfreunden können, irgendwie verbrannte er sich daran immer die Finger – und hielt es an die getrockneten Pflanzenreste. Das unerwartet strahlend violette Feuer verzehrte seine Opfergaben binnen Sekunden. Immerhin war das Ritual zeitsparend.
Jim trat aus dem Feenring heraus. Die Flammen tanzten jetzt einige Handbreit über dem Boden, genährt von nichts als Luft. Er klappte das Buch auf (eine Leistung für sich, so schwer wie es war) und begann, die Beschwörungsformel zu rezitieren. Er hatte die Worte zuvor unzählige Male durchgekaut. Altrunisch war widerlich schwierig in der Aussprache, die Mehrfachverknotung seiner Zunge beim Üben war kein Spaß gewesen. Doch jetzt glitt er beinahe mit Leichtigkeit in den Rhythmus aus seltsam verbogenen Vokalen und gutturalem Konsonantengebrummel.
Das Glühen des Feuers wurde heller, es loderte immer höher, bis es die umstehenden Bäume in angemessen geisterhaftes Licht tauchte. Und plötzlich, mit einem letzten, gleißenden Aufbäumen, implodierte die Flamme und hinterließ nichts als Schwärze, einen leeren Fleck in der Nacht. Ganz kurz blickte Jim von den Runen auf und erstarrte. Aus dem schwarzen Nichts schoben sich zwei Hände in seine Welt, langfingrig und knorrig, einen messerscharfen Fingernagel nach dem anderen. An jedem Daumen prangte ein Ring, gefertigt aus etwas, das verdächtig nach Knochen aussah. Die Hände schlossen sich um den Saum des Risses in Raum und Zeit und zogen ihn noch weiter auseinander, bis er breit genug war, um den Besitzer der Hände einzulassen.
Mit einem Mal begannen Jims Finger zu zittern, doch er hörte nicht auf, weiter seine Formeln zu rezitieren. Ein einsamer Schweißtropfen wanderte seine Stirn hinunter und bahnte sich einen Weg zu seiner Nasenspitze. Mit einem leisen Platschen landete er auf dem alten Papier. Jim brüllte die letzten Worte seines Zaubers heraus und schloss die Augen. Inzwischen zitterte sein gesamter Körper. Was war er denn plötzlich so ein Feigling? Er beschloss, die Augen noch ein bisschen länger geschlossen zu halten. Nur einen Moment noch.
»Wie sieht es nun aus? Hast du vor, mich in den nächsten Stunden noch anzusprechen, oder soll ich mich in mein Studierzimmer zurückziehen und warten, bis du den Mumm aufbringen kannst, mich anständig zu beschwören?«
Mit so einer Stimme hatte Jim nicht gerechnet. Er öffnete die Augen. Im Zentrum des Feenrings stand ein Mann. Das war … überraschend. Immerhin, das musste Jim zugeben, hatte er das richtige Alter für das, was er erwartet hatte. Seine Haut war dünn wie Pergament, und um die Augen und Mundwinkel hatten sich tiefe Furchen gegraben. Doch der Rest seiner Gestalt wirkte ungewöhnlich jung. Er war hochgewachsen, bestimmt einen Kopf größer als Jim, und er stand aufrecht. In seinem ganzen Leben hatte Jim noch nie jemanden so gerade stehen sehen. Dieses Auftreten bereitete Jim eine Gänsehaut. Der Mann trug einen grauen Nadelstreifenanzug, der ihm auf den schlanken Leib geschneidert war, hübsch akzentuiert durch ein blutrotes Einstecktuch. Sein Gesicht war geformt wie das eines Raubtiers, ganz hohe Wangenknochen, scharfe Kieferkanten und ein spitzes Kinn. Hinter einer runden Brille funkelten zwei gelbe Augen, die so profane Konzepte wie Alter eindeutig nicht kannten. Ebendiese Augen ruhten jetzt auf Jim, und der wand sich unter ihrem Blick.
»Äh … du … Sie? Sie sehen nicht aus wie eine … Vettel.« Die Worte purzelten einfach geradewegs aus Jims Mund und auf den Waldboden hinunter. Er war einfach zu verblüfft, um sich an die Formalitäten zu erinnern.
Der alte Mann verdrehte die Augen und faltete die Hände auf dem Rücken. Für einen Moment fixierte er Jim, als wolle er ihn niederstarren wie ein unzufriedener Mathematiklehrer.
»Wir präferieren heutzutage den Begriff ›Hexe‹, wenn das nicht zu viel verlangt ist. Darf ich fragen, was du sonst erwartet hattest, James Grip?«
Noch ehe Jim antworten konnte, hob die Hexe bereits eine Hand und erstickte die Worte in seiner Kehle.
»Nein, ich will es gar nicht hören. Ich habe mir weiß Hekate in meinem Leben genug alte Stereotype anhören dürfen. Machen wir es also kurz: Natürlich kenne ich deinen Namen. Ich weiß, dass du mich gerufen hast, um einen Pakt zu schließen. Und ich müsste lügen, behauptete ich, dass ich nicht zumindest ein bisschen beeindruckt bin, dass du das Ritual überlebt hast. Die meisten schaffen es gar nicht so weit. Also bin ich zumindest bereit, mir dein Anliegen anzuhören.«
Endlich fand Jim den Mut, etwas hervorzubringen, das am Ende immerhin einen vollständigen Satz ergab. »Ja, ganz genau. Sie sind auf meine Forderung und meinen Ruf hin hier. Um einen Pakt zu schließen. Und Sie … Sie müssen sich an die Regeln halten, meine Regeln, um genau zu sein, also verbitte ich mir diesen herablassenden Tonfall!«
Bei diesen Worten machte die Hexe einen einzelnen, unendlich langen Schritt vorwärts, sodass sie nun direkt vor Jim stand und sich ihre Nasenspitzen beinah berührten. Jim musste den Kopf in den Nacken legen, um zu ihr aufzusehen.
»James Grip, ich rate dir tunlichst davon ab, dich weiter zum Narren zu machen und auch nur eine Sekunde lang davon auszugehen, du hieltest hier die Zügel in der Hand. Du hast mich beschworen, doch du hast mich nicht gebunden. Es steht mir völlig frei, jederzeit zu gehen, wenn es mir beliebt. Das kommt dabei heraus, wenn man sich nicht anständig vorbereitet.«
Jim schluckte schwer. Die Hexe hatte sich mehr als klar ausgedrückt. Er nickte zerknirscht, und sein Gegenüber verschränkte erneut die Hände auf dem Rücken.
»Doch ich muss zugeben … du bist ein ganz amüsantes Menschlein. Und ich habe heute Nacht ohnehin nichts Besseres zu tun, also erzähl, was du zu erzählen hast. Was ist dein Begehr?«
Jim räusperte sich. Da war sie. Die Frage.
»Ich … ich möchte Assistant Manager von Cleaver Pharmaceuticals werden.« Da. Er hatte es gesagt. Er wollte diesen vermaledeiten Job, und er wollte ihn jetzt. Nichts hatte geholfen. Einschleimen hatte nicht funktioniert, Katzbuckelei und kleine Geschenke waren umsonst gewesen, er hatte jeden Trick, jeden Kniff versucht. Und nichts hatte zum gewünschten Ergebnis geführt. Also war er auf etwas Potenteres als Süßholzraspelei ausgewichen.
Die Hexe nickte bedächtig. »Du wünschst, die Karriereleiter zu erklimmen und eine Position einzunehmen, die weit über den dir gegebenen Fähigkeiten liegt.«
Jim rümpfte die Nase. »Klar, warum nicht auch noch ein paar Beleidigungen meiner Fähigkeiten, wenn wir schon dabei sind?«
»Gern. Du bist ein Wesen von niederer Natur, das kaum weiter entwickelt ist als die Würmer unter unseren Füßen.«
»Wenn Sie dann fertig sind, würde ich gerne zum Geschäftlichen kommen.«
Da zuckte die Hexe mit den Schultern und legte den Kopf schief. Die gelben Augen hielten Jim für einen langen, qualvollen Augenblick gefangen. Dann nickte sie. »Nun, ich kann dich zum Assistant Manager machen. Oder wollen wir noch einen drauflegen und daraus den Executive Manager machen, wenn wir schon dabei sind?«
Kurz zögerte Jim, schüttelte dann aber den Kopf. »Nee. Das wäre mir zu viel Arbeit.«
»Nun.« Wirkungsvolle, dramatische Pause. »Doch du weißt, du hast eine Hexe des dreizehnten Grades angerufen. Und jeder Zauber einer solchen Hexe hat seinen Preis. Unsere Magie ist wankelmütig.«
»Ich weiß.« Immer dasselbe mit dieser blöden Paktmagie. »Was wollen Sie im Gegenzug? Mein Erstgeborenes?«
Jetzt runzelte die Hexe die Stirn. »Wie ich bereits erwähnte, bin ich nicht allzu angetan von den Klischees, die über mein Berufsfeld kursieren. Nein, dein Erstgeborenes – sollte sich die Gelegenheit dafür überhaupt ergeben bei deinen Qualitäten – kannst du behalten. Ich nehme mir stattdessen ein Jahr deines Lebens.«
Überrascht hob Jim die Augenbrauen. »Echt jetzt? Nur ein Jahr? Sie wollen mir nicht … ich weiß auch nicht, stattdessen nur noch ein Jahr zu leben geben?«
»Ein Jahr deines Lebens. Ein Jahr Lebenszeit und Lebenskraft, die ich meinem eigenen Leben hinzufügen kann. Unsterblichkeit ist wirklich keine komplizierte Gleichung.«
Jim nickte. Er nickte und nickte, und mit jedem Nicken wurde er enthusiastischer.
»Perfekt. So machen wir’s. Sie kriegen ein Jahr meines Lebens, und ich bekomme den Managerposten.«
Zum ersten Mal, seit sie auf die Lichtung getreten war, lächelte die Hexe. Es war ein giftiges, wölfisches Lächeln, doch Jim war viel zu euphorisch, um es zu bemerken. »So sei es.« Die Hexe schnippte mit den Fingern.
»Moment mal. Das war’s schon? Kein Handschlag? Kein Blut, um den Pakt zu besiegeln?«
»Ich habe nicht die geringste Absicht, dein Blut irgendwo in meine oder die Nähe meines Anzugs zu lassen, James Grip. Unsere verbale Übereinkunft reicht vollkommen, um den Vertrag bindend zu machen.«
»Oh. Schön.«
Jim fühlte, wie die ganze Anspannung, die ihn aufrecht gehalten hatte, verpuffte. Die Hexe kehrte derweil zurück in den Feenring. »Ich wünsche, wohl zu ruhen, James Grip. Und ich freue mich auf unser Wiedersehen.«
Mit diesen Worten trat die Hexe durch den Riss, der sich augenblicklich hinter ihr schloss, und war verschwunden. Jim war allein. Er hob das Zauberbuch auf. Er hatte gar nicht bemerkt, dass er es hatte fallen lassen. Als er es zuklappte, hielt er plötzlich inne. Was hatte der Kerl mit Ich freue mich auf unser Wiedersehen gemeint?
Doch er sollte keine Zeit bekommen, sich den müden Kopf darüber zu zerbrechen. Er war zu beschäftigt damit, umzufallen, sich an die Brust zu greifen und an einem Herzinfarkt zu sterben. Alles war finster. Alles tat ihm weh. Jede Faser von Jims Körper schien gegen … nun, gegen etwas zu protestieren. Gegen das Existieren vielleicht. Tatsächlich war das gar keine so abwegige Annahme. Irgendwie hatte Jim das Gefühl, er sollte nicht existieren. Er konnte sich an nichts mehr erinnern als an Schmerz und Dunkelheit. Eine ganze Menge davon. Und eine ganz schön lange Zeit, in der es dunkel gewesen war.
Er versuchte, sich aufzusetzen, und rasselte prompt mit dem Schädel gegen etwas Neues. Er hob die Hände und tastete nach dem, was ihm da im Weg war. Holz. Viel Holz, direkt über ihm. Und um ihn herum. Auf allen Seiten. Und unter ihm. Und – er schrie. Er steckte in einem Sarg. Einem dreimal verfluchten Sarg. Oder einer anderen Art hölzerner Kiste, aber das erschien ihm leider unwahrscheinlich. Jim schrie noch ein bisschen weiter. Es fühlte sich gut an, befreiend, wenn auch leider nicht im buchstäblichen Sinne. Und dann begann er, zu kratzen und zu boxen. Er hatte Kill Bill gesehen, er wusste: Wenn man kräftig genug zuschlug, kam man auch aus einer Lebendig-Begraben-Situation heraus. Aber bei der verfluchten 13, das tat weh. Jim beschloss, er könnte noch ein Ründchen brüllen. Vielleicht half es ja.
Es half nicht. Aber zwei Gedanken trieben ihn unerbittlich an. Der erste lautete: »Wenn Zombies das mit nur einem Arm und verrottenden Muskeln schaffen, kann ich das auch.« Und da hatte er durchaus recht.
Der zweite Gedanke lautete: »Ich werde diese verdammte Hexe finden, und ich werde sie verdammt noch mal zum Reden bringen. Irgendwie hat sie mich übers Ohr gehauen, und dafür wird sie bezahlen.« Damit sollte er deutlich weniger recht behalten.
Jim schaffte es am Ende doch an die Oberfläche. Als seine rechte Hand endlich die letzte Erdschicht durchbrach und kühle Luft sie umwehte, quietschte Jim praktisch vor Freude.
Ein Siegesschrei war ihm nicht vergönnt, nachdem er ungefähr fünf Eimerladungen Erde geschluckt hatte. Doch er war überglücklich und fest entschlossen, nach Hause zu gehen, sein gesamtes okkultes Equipment einzupacken, die Hexe zu beschwören und diesmal zu binden. Irgendwie wurde er das Gefühl nicht los, dass er bis vor ein paar Stunden tatsächlich tot gewesen war, und das erschien ihm alles andere als vertragsgemäß.
Der Friedhof um ihn her war verlassen. Die letzten zu Tode erschrockenen Besucher stürzten gerade in der Ferne davon. Jim bemerkte sie gar nicht. Er bog um ein Mäuerchen. Er hatte keine Ahnung, auf welchem Friedhof er sich befand, und ebenso wenig wusste er, wo hier der Ausgang war. Er sah auf seine blutverschmierten Hände hinunter und begutachtete den Rest seines Körpers. Immerhin schien er in der Zwischenzeit nicht vergammelt zu sein. Er war intakt. Was leider auch bedeutete, dass er den unerträglichen Schmerz in seinen aufgerissenen Händen und den mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit gebrochenen Knochen seiner Finger nur zu deutlich spürte.
Eine Weile wanderte er ziellos umher und schmiedete Rachepläne gegen die Hexe, bis er endlich eines der Friedhofstore erreichte. Er wollte gerade losstürmen, um diesen unglücklichen Ort ein für alle Mal hinter sich zu lassen, da blieb sein Blick an einer Gestalt hängen, die auf einer Bank bei der Kapelle am Tor saß. Jim kam abrupt zum Stehen. Er ballte die Fäuste, was fürchterlich wehtat. Also ließ er es sofort wieder.
»Hallo, James Grip.«
Die Hexe tippte sich zum Gruß an die Krempe ihres grauen Huts. Vorsichtig trat Jim näher. Der Mann wies Jim freundlich an, sich zu setzen. Jim, in Ermangelung einer besseren Idee, gehorchte. Für ein paar Minuten saßen sie schweigend nebeneinander. Bis Jim die Worte fand, nach denen er gesucht hatte.
»Was zur Hölle?«
Sein Gegenüber lächelte milde. »Ah, ja. Mit dieser kindischen Reaktion hatte ich gerechnet.«
»Kindisch. Kindisch? Du hast mich umgebracht! Das war nicht Teil der Abmachung!«
»Natürlich war es das.«
»Wie? Habe ich das Kleingedruckte nicht gelesen? Wohl kaum! Es war ein mündlicher Vertrag!«
Die Hexe schüttelte den Kopf. »Natürlich gab es kein Kleingedrucktes. Das Patent für Kleingedrucktes haben die Dämonen gepachtet. Außerdem brauchte ich bei dir nichts so annähernd Ausgeklügeltes wie ein klein gedrucktes Addendum. Du warst einfach nur nicht präzise genug bei unseren Bedingungen.«
»Hä?«
»Du hast zugestimmt, mir ein Jahr deines Lebens zu überlassen. Du hast nie spezifiziert, dass ich dieses Jahr vom Ende deines Lebens nehmen musste.«
Jim kämpfte mit den sich überschlagenden Gedanken in seinem Kopf. Er öffnete den Mund, stellte fest, dass er nichts Sinnvolles zu sagen hatte, und ließ ihn einfach offen stehen.
Die Hexe fuhr fort: »Du warst exakt ein Jahr lang tot, James Grip. Im Gegenzug hat dein Chef direkt am Morgen nach unserer Begegnung beschlossen, dich zu befördern. Er hat es dir via E-Mail mitgeteilt, direkt zu Dienstbeginn, und du warst Assistant Manager. Leider warst du zu dem Zeitpunkt nicht am Leben.«
Jim glotzte die Hexe immer noch an wie ein ungläubiger Goldfisch.
»Es wird natürlich nicht leicht sein, in dein altes Leben zurückzufinden. Deine Freundin hat ihren Frieden damit gemacht und ist inzwischen in einer Beziehung mit einem wirklich charmanten jungen Mann, der dir durchaus einiges voraushat. Beispielsweise …«
Das war der Moment, in dem Jims Gehirn beschloss, wieder zu funktionieren.
»Was?«, unterbrach er die Hexe. Er sprang auf und holte mit der Faust aus. Die Hexe wehrte Jims traurigen Versuch, ihr die Nase zu brechen, mit einer einzigen flüssigen Bewegung mühelos ab. »Tu dir einen Gefallen und versuch das nicht noch einmal.«
Jim starrte sie an. Er zitterte vor Wut. »Du hast mich ausgetrickst!«
»Du wusstest, wen du beschworen hast.«
»Du … du aufgeblasener, selbstgefälliger Mistkerl! Du bist gerade bestimmt unglaublich zufrieden mit dir!«
»Ein bisschen.«
»Du hast meinen Wunsch gegen mich verwendet. Was bist du, ein verdammter Dschinn?«
Die Hexe erhob sich. Plötzlich erinnerte Jim sich wieder, wie unheimlich dieser Mann sein konnte. Er ragte über ihm auf wie ein drohender Schatten. Seine gelben Augen glühten in der Nacht. Sie starrten Jim an, bis er einen Schritt rückwärts machte.
Dann sagte er: »Ich bin kein Dschinn, James. Ich bin eine Hexe. Wir sind das weise Volk von einst. Wir sind die Berater der wahrlich Großen. Wir ebnen denen, die Größe besitzen, den Weg, und wir ersticken Verderbtheit im Keim. Und wenn wir es mit absoluter, beleidigend dreister Mittelmäßigkeit zu tun bekommen, wie in deinem Fall, dann erteilen wir ihr eine Lektion. Das Schlimmste ist, dass du ja nicht einmal dumm bist. Du bist zu so viel fähig, und doch wagst du nichts, riskierst nichts, bist rückgratlos und ekelerregend faul. Lieber wolltest du ein Jahr deines Lebens verschenken, das dir bedeutsame Erinnerungen, Liebe und Erfolg hätte bringen können, als auch nur eine Sekunde lang an jemand anderen als dich selbst zu denken. Es gibt keine Abkürzungen zu wahrer Größe. Es gibt Hilfe. Aber niemals Abkürzungen. Und du hast das eine abgelehnt und das andere gesucht.«
Die Hexe musterte Jim einmal von Kopf bis Fuß.
»Du tust mir leid, James Grip. Und ich hoffe, du hast deine Lektion gelernt. Ich wünsche noch ein schönes Leben.«
Damit wandte sie sich um und wollte gerade in das Nichts zwischen Hier und Dort treten, als Jims Stimme sie zurückhielt.
»Ich will einen neuen Vertrag.« Die Worte fielen wie Metallspäne zu Boden, herausgepresst zwischen gefletschten Zähnen. »Ich will einen neuen Vertrag, und diesmal kläre ich jedes Detail. Und am Ende bin ich Assistant Manager von dieser verdammten Firma!«
Die Hexe sah über die Schulter zurück zu dem wütenden, kleinen Mann, der da dreckverschmiert vor ihr stand. Und seufzte.
»Ich sehe schon. Ganz, wie du willst.«
Es war schon nach 22 Uhr an diesem Freitag. Die Mitarbeiter von Cleaver Pharmaceuticals waren bereits alle nach Hause zu ihren Familien gegangen. Alle? Nein, nicht alle. Der seinen Job mit brennender Leidenschaft hassende Assistant Manager saß noch in seinem Büro. Saß in seinem sehr schicken, sehr modernen Büro, ignorierte die Formulare und Anträge, die sich auf seinem Schreibtisch fast bis zur Decke stapelten, und brütete über seinem Zauberbuch.
Draußen auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand ein hochgewachsener, eleganter Mann im Schatten unter einer ausgebrannten Straßenlaterne. Er stand da und wartete darauf, gerufen zu werden. Er zog ein ledergebundenes, ebenfalls elegantes Notizbuch aus seiner Brusttasche und fügte einer langen Strichliste einen weiteren hinzu. Dann klappte er es zu und gab dem Ruf nach.
Hexen des dreizehnten Grades waren geduldige Lehrer. Und es würde noch lange, lange dauern, bis ihm die Lektionen ausgingen.
***
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IM ZEICHEN DER 13
228 Seiten
ISBN: 978-3695102709
Erstveröffentlichung: Dezember 2025
Verlag: self published, Book on Demand
Kurzbio SOPHIA ROSENBERGER

Sophia Rosenberger wurde 1995 im tiefsten bayerischen Schwaben geboren. Seit sie lesen kann, bleibt sie an jedem Stück Text hängen, das ihr unter die Nase kommt. Sie sammelt Geschichten, wo es nur geht: In Bildern, in Filmen, Serien, Comics und natürlich Büchern, weshalb ihre kleine Privatbibliothek beständig wächst. Seit 2017 arbeitet sie als freie Autorin und schreibt über Filme und Serien – über die sie im Podcast „Ruhe im Saal“ auch regelmäßig mit ihren Kollegen fachsimpelt.
Bisheriger Veröffentlichungen:
– zahlreiche Artikel auf moviepilot.de (unter Klarnamen und dem Kürzel pleasant28) und kino.de (als Sophia Rosenberger), tätig seit 2016
– „Therapiestunden des Todes“, Kurzgeschichte in der Anthologie Schnittergarn, Leseratten Verlag, 2018
– „Der Krieg der Universitäten“, Kurzgeschichte in der Anthologie Necrosteam, p.machinery, 2021
– „Erntefest“, Kurzgeschichte in der Spendenanthologie Rituale, Hrsg. Anne Polifka und Jennifer Schumann, 2022
– Weinprobe, Geschichtensammlung erschienen auf story.one, 2023
– „Der blühende Regen von Cenesh“, Kurzgeschichte in der Spendenanthologie Heimkehr, Hrsg. Anne Polifka und Jennifer Schumann, 2024

