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GERMAN ANGST – IM INTERVIEW MIT DEN REGISSEUREN

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DIE DREI GESICHTER DER FURCHT – Im Gespräch mit Jörg LOVE Buttgereit, Michal DEATH Kosakowski und Andreas SEX Marschall zu GERMAN ANGST.

 

 DEADLINE: Wie ist die Idee zu GERMAN ANGST aufgekommen?

 

Andreas Marschall: In den letzten Jahren sind eine Reihe von Episodenfilmen aus dem Genrebereich erschienen, bei denen sich verschiedene Regisseure zusammengetan haben, wie etwa THE ABCS OF DEATH. Derlei Werken mangelte es jedoch an deutscher Beteiligung. Als ich auf verschiedenen Festivals bei den Q&As immer mal wieder gefragt wurde, was eigentlich der Jörg gerade so macht, kam ich auf die Idee, doch Jörg zu fragen, ob wir nicht so einen deutschen Episodenfilm aufziehen wollen. Wir kennen uns ja schon seit 1987, als ich für Jörg das Plakat zu NEKROMANTIK gemacht habe. Jörg war von der Idee ganz angetan, und dann habe ich Michal in Transsilvanien auf einem Festival getroffen, wo er seinen ZERO KILLED vorgestellt hat, und damit hatten wir dann unser Trio komplett.

 

Michal Kosakowski: Andreas, mich würde interessieren, warum du auf Festivals so oft auf Jörg Buttgereit angesprochen wurdest.

 

Andreas Marschall: Nun, er hat lange keinen Film mehr gemacht. Das Thema waren immer deutsche Horrorfilme. Im Ausland ist das ja etwas anders als hier, da sind die Leute wirklich neugierig auf deutsche Horrorfilme. Einerseits gibt es einen ganz guten Ruf von einigen wenigen deutschen Horrorregisseuren, und andererseits gibt es diese große Undergroundszene, ohne da jetzt Namen nennen zu wollen. Es gibt also Interesse an diesem deutschen Stil, welches aber nicht bedient wird, da es keine große Produktion gibt. Die Leute im Ausland wollen auch nicht, dass deutsche Regisseure einen amerikanischen Stil nachahmen, sondern unter dem Begriff des deutschen Horrorfilms verstehen die Leute etwas ganz Eigenständiges. Das hängt natürlich auch mit unserer Tradition zusammen. In Europa zum Beispiel gab es die EDGAR WALLACE-Reihe, damals in den Zwanzigerjahren natürlich NOSFERATU und DAS CABINET DES DR. CALIGARI, Namen, die eigentlich bekannt sind in der Cineastenszene. Und da erscheint es den Leuten komisch, dass aus dieser Richtung heute nichts mehr kommt. Daher kommen die Fragen.

 

Jörg Buttgereit: Ich habe den Eindruck, dass gerade die Amerikaner denken, dass es hier eine florierende Filmszene gibt, die auf fruchtbaren Boden gestoßen ist. Ich kann mich erinnern, dass ich vor anderthalb Jahren ein Interview mit Fangoria gemacht habe, als sie etwas über den deutschen Horrorfilm machten. Dieser Bereich fing für sie bei mir an, und all die anderen Sachen, die sie so kannten, wie VIOLENT SHIT und PREMUTOS, waren dann für die so meine Kinder, und die taten so, als könnten wir davon leben. Für die Amerikaner war das kein Untergrund, da es für sie unfasslich ist, wie man mit Horrorfilmen kein Geld verdienen kann, bei denen da drüben ist das ja eine Riesenindustrie. Deswegen ist das für mich auch immer erstaunlich, was für Auflagen von meinen alten Filmen gerade jetzt in den USA verkauft werden. Da lande ich in den Amazon-Verkaufscharts plötzlich hinter THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE. Das hat ja aber überhaupt nichts mit der Realität hier drüben zu tun.

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DEADLINE: Hattet ihr euch von vornherein auf die Zahl Drei in Bezug auf Regisseure und Episoden für GERMAN ANGST eingeschossen? Die Drei ist ja sehr klassisch, gerade in Bezug auf Episodenfilme, ich denke da als Anhänger des italienischen Kinos etwa an I TRE VOLTI DELLA PAURA.

 

Andreas Marschall: Also ich finde drei schon wirklich sehr gut. Wenn man zu viele Leute hat, wird es erstens anstrengend für den Zuschauer, wie es beispielsweise bei den extrem kurzen Episoden von THE ABCS OF DEATH der Fall ist, und zweitens braucht man auch eine bestimmte Zeit, um eine Geschichte zu erzählen.

 

Michal Kosakowski: Abgesehen davon hätten wir sonst wohl auch niemanden gefunden, der uns das produziert. Ich habe ja jetzt als Produzent fungiert, da es noch eine überschaubare Zahl war.

 

Jörg Buttgereit: Ja, man braucht diese Zeit, um etwas entwickeln zu können. Aus dem Alter, in dem man Kurzfilme macht, sind wir einfach raus.

 

DEADLINE: Wie seid ihr auf den Titel GERMAN ANGST gekommen?

 

Andreas Marschall: „German Angst“ ist ein deutscher Begriff, der internationalisiert wurde, ähnlich wie „Weltschmerz“ oder „Kindergarten“, und er ist auch ein politischer Begriff, der für eine deutsche Zögerlichkeit stehen soll. Mit diesem politischen Begriff habe ich aber immer ein bisschen Probleme, weil man ihn immer dann hört, wenn beispielsweise Deutsche aus der Atomkraft aussteigen und sich die Lobbyisten aufregen und sagen: Das ist wieder einmal „German Angst“. Ich denke, dieser politische Begriff kommt daher, dass die Deutschen schon zweimal erzählt haben, dass sie jetzt die Welt besser machen werden mit ihren Systemen, während des „Dritten Reichs“ und auch danach, sodass nun die Leute misstrauisch gegenüber deutschem Fortschritt geworden sind. „German Angst“ kann man natürlich auch ganz wörtlich nehmen: Angst ist Furcht und Schrecken. Auch kann man es so als Synonym für ein deutsches Talent der Erzeugung von filmischer Furcht nehmen.

 

Jörg Buttgereit: Diesen Begriff umzudeuten bedeutet ja auch, dass man auf die Historie des deutschen Horrorfilms stolz ist. Da habe ich gerade ähnliche Erfahrungen mit meinem Theaterstück NOSFERATU LEBT gemacht, welches auch immer noch in Dortmund läuft. Da habe ich auch Sachen kombiniert, die mit dem „Dritten Reich“ zu tun haben, DIE TODESFUGE von Paul Celan etwa. Einige Theaterkritiker haben sich da auf den Schlips getreten gefühlt, weil ich NOSFERATU als historisches und durchaus politisches Stück deutscher Kultur beschreibe. In einem Kommentar auf Facebook fragte sich zum Beispiel jemand, wie man den Nationalsozialismus mit so einem „Horrorschinken“ kombiniere könne. Daran sieht man ja, wie groß das Missverständnis gegenüber dieser Horrorfilmkultur ist. Wer einen Film wie NOSFERATU als „Horrorschinken“ bezeichnet, hat offenbar Probleme damit, stolz auf die deutsche Horrorfilmvergangenheit zu sein. Das mag am realen Horror der Dreißiger- und Vierzigerjahre liegen, aber letztendlich sind wir ja eher stolz auf NOSFERATU und CALIGARI und so. Bei mir war also die Beschäftigung mit dem Thema und seinen Wurzeln eh schon da, daher fand ich den Titel GERMAN ANGST sehr passend. Das Theaterstück und meine Episode für GERMAN ANGST habe ich eigentlich gleichzeitig gemacht.

 

Michal Kosakowski: Für mich als polnischer Staatsbürger war es natürlich noch spannender, als Andreas mich eingeladen hat, etwas zu dem Projekt beizusteuern. Meine Perspektive auf Deutschland und die Deutschen ist ja noch mal eine andere. So bin ich auf die Idee zu MAKE A WISH gekommen. Das war für mich noch zusätzliche Freude, einfach jetzt das zu machen, was ich schon immer einmal machen wollte.

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DEADLINE: GERMAN ANGST wurde bereits vom Bekanntwerden des Projekts an von den Fans mit Spannung erwartet. Glaubt ihr, dass ihr mit dem fertigen Werk den Erwartungen der Anhängerschaft entsprecht? Schließlich ist GERMAN ANGST keine kathartische Horrorunterhaltung, sondern Stoff, der an die Nieren und in unser Innerstes gehen soll und geht.

 

Jörg Buttgereit: GERMAN ANGST ist eigentlich genau das, was ich schon immer gemacht habe, nichts anderes. Wenn man da enttäuscht ist, kennt man einfach meine Filme nicht.

Andreas Marschall: Ich glaube auch, dass die Leute eigentlich so was sehen wollen. Die Menschen erwarten gar nicht immer wieder das Gleiche. Wenn sich drei so unterschiedliche Regisseure wie wir zusammentun, erwarten die Zuschauer mit Sicherheit keinen Slasherhorror.

 

Michal Kosakowski: Schon allein wie unsere Konstellation zustande gekommen ist, beruht auf der Tatsache, dass wir eben nicht das klassische Horrorgenre bedienen. Sonst wären wir gar nicht zusammengekommen. Andreas hat meine Arbeit ZERO KILLED gesehen und wusste, dass es hier um kein Mainstreamprodukt, sondern ein vollkommen anderes Thema geht. Es geht um Tiefe, bestimmte gesellschaftspolitische Themen, und insofern war es klar, dass ich nichts zu GERMAN ANGST beisteuern würde, was leicht verkraftbar ist.

 

Jörg Buttgereit: Die Leute wären viel enttäuschter, wenn wir ihnen jetzt so einen 08/15-Horror vorgesetzt hätten. Abgesehen davon, dass wir so was gar nicht können. (lacht)

 

Michal Kosakowski: Mich freut an den deutschen Kritiken, die ich bisher zu GERMAN ANGST gelesen habe, dass sie wirklich den eigentlichen Wert des Films erkennen. Sie durchschauen das Potenzial jeder Episode und welche Aussagekraft dahinter steckt. Es ist eben kein klischeebehafteter Horrorfilm, sondern es gibt eine Message dahinter. Ich hatte mich im Vorfeld etwas davor gefürchtet, dass dies übersehen werden könnte. Als Zuschauer lässt man sich entweder auf den Film ein, versinkt in ihm und beschäftigt sich mit seinem Inhalt, oder man verweigert das und geht raus, ohne darüber zu sprechen. Sich einfach so berieseln lassen geht gar nicht bei GERMAN ANGST.

 

Jörg Buttgereit: Die Leute mit Genreerfahrung sind dankbar für GERMAN ANGST. Die Menschen ohne Genreerfahrung reagieren zum Teil sehr impulsiv, sind ziemlich geplättet davon. Manche haben bei der Premiere den Saal verlassen, und es gab auch Beschimpfungen. Da habe ich selber zum ersten Mal gemerkt, dass der Film doch ganz schön an die Substanz geht, das ist ja aber, was wir wollten. Deshalb wundern wir uns nicht darüber, sind aber auch etwas selbst schockiert, dass das alles so funktioniert, wie man sich das so denkt.

 

Michal Kosakowski: Ich persönliche schaue ja sehr viele Horrorfilme und beobachte in den letzten 3 bis 5 Jahren den Trend, dass du auf der einen Seite die Horrorslasher hast, die das Mainstreampublikum bedienen, wie EVIL DEAD und diese ganzen Sequels und Prequels und so, und dann gibt es Filme wie JOHN DIES AT THE END, UNDER THE SKIN oder TUSK, die einfach mit klasse Geschichten daherkommen, wie auch THE GUEST, wo richtig spannendes Genrekino geboten und gleichzeitig nicht das klassische Horrorfilmpublikum, sondern eher das Arthousepublikum bedient wird. Weil es wirklich um spannende Geschichten geht, dargestellt von Schauspielern, die wirklich was draufhaben und eine Message rüberbringen.

 

Andreas Marschall: Wenn du das Genre ernst nimmst, dann suchst du immer nach diesen Filmen, die ein bisschen rausragen und noch etwas zu sagen haben. Selbst als ich angefangen habe, das Horrorgenre zu mögen, waren es immer außergewöhnliche Horrorfilme, die mich wirklich beeindruckt haben. Rein über Slasherfilme wäre ich gar nicht zum Horrorfan geworden.

 

Jörg Buttgereit: Ein bisschen merkwürdig ist bei unserem Film jedoch durchaus, dass wir alle schon relativ alt sind. Eigentlich kommen ja die überraschendsten Horrorfilme von irgendwelchen Zwanzigjährigen. Wir haben uns also offensichtlich unseren jugendlichen Leichtsinn bewahrt. Beziehungsweise sind wir aufgrund des Fehlens eines finanziellen Nährbodens in Deutschland dazu gezwungen zu experimentieren, um uns bei Laune zu halten.

 

Michal Kosakowski: Letztendlich sind die Filme, die wir machen, auch jene, die wir selbst sehen wollen.

 

Andreas Marschall: Genau.

 

DEADLINE: Habt ihr euch überhaupt abgesprochen über eure einzelnen Episoden, wolltet ihr ein gemeinsames Oberthema? Man könnte etwa sagen, dass es in allen drei Episoden um das Thema Liebe geht, welches jedoch sowieso immer und überall allgegenwärtig ist.

 

Jörg Buttgereit: Wir haben uns einfach gegenseitig erzählt, was wir vorhaben, und haben das dann abgenickt. Das war eine relativ undemokratische Sache, die aber durch gegenseitigen Respekt gekennzeichnet war. Wir pfuschen uns da nicht rein, gestehen jedem zu, dass er weiß, was er tut, und haben das jetzt zusammengeschnitten und die Übergänge hinzugefügt. Das war so eine Art Betriebsausflug, bei dem wir mit der Super-8-Kamera losgezogen sind, und irgendwie hat es sich gefügt ohne ein großartiges dramaturgisches Konzept dahinter. Meine Episode sollte schon immer die erste sein, da sie vom Erzähltempo auch wohl nur vorne funktionieren kann. Andreas’ und Michals Episode sind eigentlich erst nach dem Schnitt vertauscht worden. Ursprünglich war es andersherum geplant.

 

Andreas Marschall: Wir haben auch insofern zusammengearbeitet, als dass wir immer das gleiche Team hatten, denselben Kameramann, denselben Setdesigner, und wir haben wechselseitig die „Behind-the-scenes“ mit der Super-8-Kamera gedreht. Michal bei Jörg und Jörg bei mir, dann haben wir kleine Cameo-Auftritte in den Folgen der anderen gemacht. Jörg ist bei mir in der Diskoszene zu sehen, Michal ist der Türsteher und solche Geschichten. Aber das war dann auch schon alles. Wir haben uns von Berlin inspirieren lassen, von der Idee, dass wir drei Geschichten hier erzählen, und das war es dann auch schon.

 

Michal Kosakowski: Wir haben uns schon ständig auf dem Laufenden gehalten, was gerade passiert. Jörgs Episode haben wir zuerst gedreht, und ich habe sie geschnitten. Ich habe ja auch alle drei Episoden produziert und war ständig in Kontakt mit allen. Es war ein gemeinschaftliches Abstimmen, was vor allem durch Neugier gekennzeichnet war.

 

Andreas Marschall: Wir haben alle Synergien genutzt.

 

Michal Kosakowski: Wir wollten immer, dass der Film fertig wird, und das Beste dabei herausholen. Gemeinsam. Es gab niemals das Gefühl von Wettbewerb, wer jetzt die bessere Episode macht oder wer cooler ist und so weiter. Wir wollten einfach ein super Gemeinschaftsprodukt abliefern. Keine Episode sollte besonders herausstechen, der Film als Ganzes sollte funktionieren. Der Film muss dramaturgisch einen solchen Bogen schaffen, dass dem Zuschauer niemals langweilig wird und dass er etwas erlebt.

 

Andreas Marschall: Insgesamt ist der Film mehr als seine Einzelteile. Die Einzelepisoden sind nicht so interessant wie die Kombination, die sich aus ihnen ergibt.

 

Michal Kosakowski: Absolut.

 

Jörg Buttgereit: Ja, irgendwas scheint ja zu funktionieren. Wir wissen es selbst noch nicht so genau, aber man kann ihn am Stück gucken, und er scheint etwas zu erzählen. (lacht)

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DEADLINE: Ihr habt Berlin als Schauplatz für eure Geschichten gewählt. Man könnte nun sagen, „naheliegenderweise“, oder aber das hinterfragen. Ist Berlin für euch eine typisch deutsche oder im Gegenteil eine atypische deutsche Stadt? Was bedeutet für euch Berlin?

 

Michal Kosakowski: Nun, wir leben alle hier.

 

Jörg Buttgereit: Ja, wir leben alle hier, und es wäre jetzt unsinnig gewesen, irgendwo anders hinzufahren. (lacht) Das hätte ja nur die Kosten in die Höhe getrieben. Ich bin ja geborener Berliner und sehe mit Sorge, dass Berlin hier so ein Fantasialand wird, so eine Touristenhochburg. Jetzt noch mal so zu tun, als wäre man in den Achtzigern, so einen apokalyptischen Film zu drehen, der überhaupt nicht in diese komische hippe Metropole passt, in die alle Hipster so fahren, das fand ich schon ganz schön. Ein Gegenentwurf zu dem, wie Berlin sich eigentlich präsentiert.

 

Andreas Marschall: Diese ALRAUNE-Partyszene hat ja sehr viel von den Achtzigern und dem Mauerberlin, mit den damaligen Geheimclubs, wo die Nächte durchgemacht wurden, Wahnsinns-Partys und Drogen. Das haben wir ja in den Achtzigerjahren live erlebt.

 

Michal Kosakowski: Und in meiner Episode hat man diese verlassene Location, eine ehemalige Konsum-Fleischwarenfabrik in Lichtenberg. Als ich vor drei Jahren nach Berlin gezogen bin, habe ich für ein anderes Projekt nach Locations gesucht, nach verlassenen Plätzen, und war total überrascht, wie viele es hier davon gibt, auch in der Umgebung in Brandenburg. Und dann wollte ich irgendwas damit machen, da sie optisch einfach sehr schön sind, gerade wenn man im Independent-Low-Budget-Bereich arbeitet, da diese Locations ohne viel Investition schon viel hergeben. Ich bin ja gebürtiger Stettiner, also ganz weit weg von Berlin, bin aber in Wien aufgewachsen, habe 20 Jahre dort gelebt. Jetzt bin ich hier gelandet und fühle mich hier am ehesten zu Hause. Sogar der Geruch der alten Häuser in Berlin ist eigentlich der gleiche wie in Stettin. (alle lachen)
Ja, das ist so, da es ja irgendwie die gleiche Gegend ist.

 

Andreas Marschall: Berlin hat auch diese Vielschichtigkeit, die es ermöglicht, dass solche verrückten Geschichten passieren können. In anderen, kleineren deutschen Städten könnte man sich gar nicht vorstellen, dass das, was in MAKE A WISH passiert, auch wirklich stattfinden kann. Da ist alles unter Kontrolle und viel Polizei und so, alles ein bisschen geregelter …

 

Jörg Buttgereit: … keine taubstummen polnischen Pärchen. (alle lachen) Die haben die alle schon verjagt. (alle lachen noch mehr)

 

Andreas Marschall: Alles, was in diesen drei Geschichten passiert, ist in Berlin eher möglich als anderswo.

 

Jörg Buttgereit: Eine gute Idee für den zweiten Teil wäre, jede Episode noch mal in einer anderen Stadt zu drehen. (lacht) Was wäre, wenn ..?

 

Andreas Marschall: Genau, mit Kommissaren, die ermitteln.

 

Jörg Buttgereit: Ja! Horst Tappert kehrt zurück! (alle lachen) (imitiert Tappert) „Lassen Sie bitte diesen jungen Mann in Ruhe, ich kann Ihre Gesinnung gut verstehen, junger Mann, aber das geht zu weit!“ (alle lachen)

 

Michal Kosakowski: Als ich nach Berlin gezogen bin und Andreas mit der Idee zu GERMAN ANGST zu mir gekommen ist, mit den Geschichten aus dem Berliner Untergrund, den Schattenwelten, habe ich immer die Zwanzigerjahre der Weimarer Republik im Kopf gehabt. Berlin als Ort der Inzucht, der Obsessionen, Völlerei und Todsünden. Das hat für mich einfach stimmungsmäßig gut dazu gepasst. Hier eine extreme Geschichte produzieren. Berlin ist für mich so stark gekennzeichnet durch diese Zwanziger- und Dreißigerjahre.

 

Andreas Marschall: Wir haben ja eigentlich auch alles drin. Dekadenz, diesen Partywahnsinn der Zwanziger, die Neonazis, und der aufkommende Faschismus ist auch wieder präsent.

 

Jörg Buttgereit: Und der Alltagsmief.

 

DEADLINE: Die vorhin bereits angesprochenen verbindenden Elemente zwischen den Episoden, die verschiedenen Statuen und düsteren Denkmäler, Gesichter und so, die ihr mit einer Super-8-Kamera gefilmt habt, haben mich sehr beeindruckt. Wie seid ihr dabei vorgegangen? Welche Rolle spielen sie innerhalb des Arrangements eurer drei Geschichten?

 

Jörg Buttgereit: Erst mal dienen sie zur Verortung, dass man tatsächlich in Berlin ist und die Stadt auch anders aussehen kann als die typischen Postkartenmotive oder die Bilder, die man eben so als Tourist im Kopf hat. Es sind alles Bilder aus Berlin, aber sie sehen eigentlich nicht so aus wie aus Berlin. Das fand ich das Spannende daran.

 

Michal Kosakowski: Wir haben uns lange Zeit überlegt, was wir als Zwischengeschichten machen könnten: ein Schattenmann, der durch dunkle Gassen läuft, oder ein Typ, der an der Bar sitzt oder so … Aber irgendwie waren das für uns zu konkrete Geschichten, die jetzt von unseren Episoden nur abgelenkt hätten, und da sind wir auf die Idee gekommen, etwas Neutraleres zu machen. Und dieses Neutralere waren eben diese Aufnahmen. Mir war aufgefallen, da ich sehr gerne beobachte, dass, wenn man hier in Charlottenburg und Wilmersdorf spazieren geht, was ich mit meiner Tochter jeden Samstag mache, diese Gesichter über den Eingängen überall sind. Das sind anonyme und stumme Zeugen der Geschichte, die jetzt da sind, da waren und wohl immer hier sein werden.

 

Jörg Buttgereit: Wenn man so ein Projekt im Kopf hat, dann guckt man ja auch anders. Mich hat das an eine Arbeit erinnert, die ich mal für arte gemacht habe. MONSTERLAND hieß das. Da habe ich in Japan Leute besucht und interviewt, die diese japanischen Monsterfilme machen. Dafür brauchte ich natürlich auch Stadtbilder aus Tokio, und da sind mir überall ständig Drachen und irgendwelche Monster aufgefallen, bis ich der Meinung war: Dieses Land ist voll mit Monstern. Aber wenn du als Tourist da hinfährst, siehst du das gar nicht. Und Berlin war plötzlich voll mit Schattengesichtern und weinenden Kindern, die aus Brunnen klettern, und Tentakeln, die aus dem Wasser kommen …

 

Andreas Marschall: Wir haben hier drei schreckliche Geschichten, und diese Gesichter sehen diese Geschichten mit derselben Gleichgültigkeit, wie sie die Schreckensgeschichten über die Jahrhunderte gesehen haben.

 

Michal Kosakowski: Und wie gesagt ist es natürlich auch günstig zu produzieren. Visuell gibt es extrem was her, wenn man es richtig anstellt.

 

Andreas Marschall: Ja, und vor allem machen diese Steingesichter auch genau das, was du von ihnen willst. (alle lachen)

 

Jörg Buttgereit: Ja, sie fangen nicht an zu lachen …

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DEADLINE: Gehen wir ein bisschen näher auf die einzelnen Episoden ein, und da würde ich chronologisch vorgehend mit FINAL GIRL anfangen. Das fühlt sich da ja alles sehr klaustrophobisch an, in dieser kleinen Wohnung, das Bett, was auch ein sehr beengender Ort sein kann … Jörg, wie bist du auf die Idee zur Geschichte gekommen?

 

Jörg Buttgereit: Ehrlich gesagt kann ich mich gar nicht mehr dran erinnern. (lacht) Mir geht es ja immer darum, Sachen auf Film einzufangen, die man normalerweise eben nicht zeigt. Der Axel Holst, der den Vater spielt, mit dem hatte ich auch schon bei dem Theaterstück KANNIBALE UND LIEBE über den Grabräuber Ed Gein zusammengearbeitet und bemerkt, dass er schauspielern konnte. Und hier hatte ich eben die Idee, ihn nicht spielen zu lassen, sondern ihn zu fesseln. Da ich durch meine alten Filme sehr viel Erfahrung mit der Arbeit mit Laien habe, wollte ich für die Rolle des Mädchens eine junge Schauspielerin, die zwar noch keine Erfahrung, dafür jedoch total Spaß an der Arbeit hat. Gerade aus Produzentensicht bedeuten diese Sachen natürlich ein Wagnis, da man nicht weiß, ob es schlussendlich funktioniert. Aber diese Sachen halten mich bei der Stange. Ansonsten langweile ich mich, wenn die Sachen zu glattgehen. Daher hatte ich den Wunsch, diese beiden entgegengesetzten Schauspielkomponenten in einem Film zu kombinieren. Irgendwie ist es ja auch dieses klassische Monstermotiv von der Schönen und dem Biest, was sich da ein bisschen drin wiederfindet.
Die Meerschweingeschichte hatte für mich einen persönlichen Zugang, da ich selber mal ein Meerschwein hatte und irgendwann über die Information gestolpert bin, dass Meerschweine überhaupt nicht gestreichelt werden wollen. Das hat mich extrem schockiert und war für mich eine super Metapher für Missbrauch. Und schon war die Geschichte irgendwie fertig. Hätte man wirklich einen Horrorfilm drehen wollen, hätte man eigentlich die Geschichte davor erzählen müssen. So eine Kampusch-Nummer. Aber ich wollte genau das machen, was normalerweise nicht abgebildet wird. Ähnlich wie ich bei SCHRAMM oder auch bei NEKROMANTIK Sachen gezeigt habe, die man eigentlich nicht in Horrorfilmen sieht. FINAL GIRL geht auch aufs Klo, und nun such mal nach Filmen, wo wirklich Leute dabei gezeigt werden, wie sie ihr Geschäft erledigen. Und das sind eben Sachen, so banal es jetzt auch klingt, die mich reizen. So was zu filmen. Und wenn man das jetzt noch in HD oder Cinemascope macht, ist es eigentlich völlig falsch. (lacht)

 

DEADLINE: Wo liegt denn deiner Meinung nach das fantastische Element in FINAL GIRL?

 

Jörg Buttgereit: Das gibt es nur insofern, als dass man ja eigentlich nicht weiß, was Realität ist und was nicht, also nur eingebildet. Das wirkt ja eigentlich alles sehr real, aber …

 

Andreas Marschall: … aber wie der Typ am Ende am Fenster steht, gibt einem doch irgendwie zu denken … (alle lachen)

 

Jörg Buttgereit: Das fantastische Element ist einfach diese surreale Komponente, also auch die ganzen Flashbacks. Nicht fantastisch im Sinne von HERR DER RINGE, sondern eher realbezogen. (lacht)

 

Michal Kosakowski: Bei der Einstellung, bei der das Mädchen nach dem Mord wieder im Badezimmer steht, ist sie sauber im Gesicht, blickt dann aber ins Waschbecken, wo der Penis und der abgeschnittene Kopf zu sehen sind, und dann sehen wir sie wieder voll mit Blut. Das ist schon ein surreales Bild, denn wieso ist sie auf einmal wieder blutig?