Schnell läuft das japanische Mädchen durch die kalte und raue Natur. Auf ihren Fersen ist ein kleiner Junge, dahinter folgt eine Horde wütender Männer. Wir sind auf den britischen Inseln des 18. Jahrhunderts, wie die Einblendung erläutert. Aber woher das Mädchen kommt und wohin sie läuft, warum sie verfolgt wird und was überhaupt da los ist, erfahren wir vorerst nicht. Sie kommt zu einem großen Herrenhaus und versteckt sich dort. Die Männerbande nimmt das Haus Stück für Stück auseinander, die Empörung der Bewohner wird niedergeprügelt.

TORNADO ist nicht, wie man anhand des Titels denken könnte, ein Katastrophenfilm à la TWISTER. Er ist ein ungewöhnlicher Mix aus Western und Samuraifilm, der dafür mit Großbritannien ein unübliches Setting bereithält. Tornado ist der Name des japanischen Mädchens (Koki), das zu Beginn des Films vor den Männern flieht. Sie zieht eigentlich mit ihrem Vater und dessen Puppentheater durchs Land. Doch ein Zufall führt dazu, dass Tornado mehrere Taschen Gold an sich nimmt. Das gefällt Sugarman (Tim Roth) und dessen Gang von skrupellosen Ganoven überhaupt nicht, denn sie hatten dieses Gold vorher aufwändig gestohlen. Bald wissen die Männer, wer ihre Beute genommen hat, und machen Jagd auf Tornado und ihren Vater. Das erfahren wir aber erst später in diesem nicht chronologisch erzählten Film.

TORNADO ist – ebenfalls anders, als man vom Titel her erwarten könnte – kein Film der krachenden Action, der rasanten Schnitte und des furiosen Tempos. Im Gegenteil: Diejenigen, die TikTok-mäßig alle zehn Sekunden neue Reize brauchen und sonst unruhig und ungeduldig werden, wird der Western-/Samuraifilm enttäuschen. Denn erzählt wird die Geschichte gemächlich. In Stimmung und Tempo ähnelt er dem grandiosen SLOW WEST (2015), was kein Zufall ist, denn Drehbuchautor und Regisseur ist derselbe: John Maclean.

Durch sein langsames Tempo, die unaufgeregte Inszenierung voller Brutalität und den malerischen Score entsteht eine einzigartige Atmosphäre, irgendwo zwischen Melancholie und düsterer Spannung. Düster ist dabei nicht nur die Handlung, sondern auch die farblose Landschaft: Es ist eine kalte, harte und unbarmherzige Natur, durch die die Figuren sich gegenseitig jagen. Die Menschen selbst sind ebenso kalt und unbarmherzig. Nicht wenige gehen in dieser rauen Landschaft zugrunde.

TORNADO ist kein klassischer Revenge-Thriller. Zwar sind grundlegende Motive da, doch erzählt werden sie auf für das Genre ungewöhnliche Weise. Das wird nicht jedem gefallen, dafür aber wirkt TORNADO dank seiner speziellen Atmosphäre deutlich länger nach als jeder 08/15-Genrefilm. (Benjamin Wirtz)
Wie SLOW WEST – nur als Genremix mit Samuraischwert
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