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IM GESPRÄCH MIT BRIAN O’MALLEY, DEM REGISSEUR VON LET US PREY

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BIG TROUBLE IN LITTLE SCOTLAND – LET US PREY NICHT NUR ZU HALLOWEEN

 

In der DEADLINE #50 haben wir eine kürzere Version des Interview mit dem gesprächigen Brian O´Malley gedruckt. Dort findet ihr neben dem Review von LET US PREY ebenso ein Interview mit Hauptdastellerin Pollyanna McIntosh. Hier diese Langversion des Interviews könnt ihr auch in der ungeschnittenen Mediabook-Version lesen.

 

DEADLINE: Wie sind die Produzenten von LET US PREY auf dich aufmerksam geworden?

 

Brian O’Malley: Ich hatte den Kurzfilm SCREWBACK mit Liam Cunningham in der Hauptrolle vor zehn Jahren gemacht. Eine Art Genrefilm, in dem es um den kriminellen Untergrund geht. Der schien den Produzenten gefallen zu haben. Um das Budget des Films in Grenzen zu halten, benötigten sie einen Regisseur, der bereits Erfahrung mit Genrefilmen hatte. Außerdem kannten sie meine TV-Spots, die ich seit vielen Jahren für die verschiedensten Marken gemacht habe, und auch daher hatten sie Vertrauen in meine Arbeit. Sie wussten, dass ich ein gutes Zeitmanagement habe. Wenn ich einen Spot drehe, frage ich immer, wie viel Zeit ich noch zur Verfügung habe, und dann setze ich es auch in der vorgegebenen Zeit um. Das ist eben auch sehr gut und kostensparend für einen Langfilm. Und zu guter Letzt bin ich Ire, was wohl für die Geschichte und Stimmung des Films auch durchaus förderlich war.

 

DEADLINE: Wie bist du überhaupt zum Film gekommen?

 

Brian O’Malley: Ich studierte bildende Kunst und hatte mich auf das Modellieren von Skulpturen spezialisiert. Aber während ich auf der Kunsthochschule war, hatte ich entschieden, dass ich nicht ein armer, verhungernder Künstler werden wollte. Ich liebte es, Skulpturen und Figuren anzufertigen, nicht am Computer, sondern mit richtigem Werkzeug. Ich dachte, ich könnte vielleicht Spezialeffekte für Filme kreieren. Also fing ich an, sehr viele Science-Fiction-Filme zu sehen, da sie mit den meisten Effekten gespickt sind. Ich ging in den Virgin Store, den wir damals hatten, und kaufte eine Videokassette von BLADE RUNNER und eine von David Lynchs DUNE. Ich schaute mir diese beiden Filme jeden Abend an. BLADE RUNNER habe ich einen Monat lang jeden Abend gesehen, und dann machte ich dasselbe mit DUNE. Ich hatte BLADE RUNNER zum ersten Mal gesehen, als ich elf Jahre alt war, aber er überstieg meinen Verstand. Als ich ihn dann als Erwachsener sah, hatte ich also bereits ein Vorwissen, entdeckte aber neue Bedeutungsebenen. Ich verliebte mich in den Film. Das war der Moment, in dem ich beschloss, dass ich lieber ein Regisseur als ein Bildhauer sein wollte. Ich kam in Kontakt mit dem Art Director des Films SPACE TRUCKERS, mit Dennis Hopper. Ich kam zu spät, um noch an dem Film mitzuarbeiten, aber er mochte meine Arbeit, und er wollte mich für ALIEN: RESURRECTION, was sehr aufregend klang. Aber aus irgendwelchen Gründen wurde das dann auch nichts. Hätte ich damals an dem Film mitgewirkt, würde ich jetzt wohl als Künstler für Spezialeffekte auf einem ziemlich hohen Niveau arbeiten und kein Regisseur sein. So gesehen war es auch ein gewisser Glücksfall, dass daraus nichts geworden ist. Ich machte dann ein paar kleinere Musikvideos. Während meiner Zeit an der Kunsthochschule machte ich einen kleinen Science-Fiction-Film mit dem Titel THE BOY WHO CAME BACK über einen Jungen, der in der Zeit zurückreist und sich selber als Kind rettet, eine von diesen Geschichten eben … Und ein Mädchen, welches ich kannte, spielte in einer Band und bat mich, ein Musikvideo für sie zu machen. Ich schaute mir dann ein bisschen MTV an und dachte, oh, das sind aber viele Schnitte, aber das kann ich machen. Dann nahmen wir uns drei Stunden Zeit und drehten das Ding. Ich investierte ziemlich viel Energie in den Schnitt und bekam verschiedene Auszeichnungen dafür. Es schien also, dass ich das ziemlich gut konnte, und so begann ich, immer mehr Musikvideos zu machen, und erreichte ein ziemlich hohes Niveau hier in Irland. Ich fand es toll, bekam aber kaum Geld dafür, und irgendwie hatte ich auch das Verlangen, richtige Geschichten zu erzählen. Ich zeigte dann dem Werbeclip-Produzenten von Red Rage Films meine Musikvideos und fing an, TV-Spots zu drehen. Zu Beginn wollte mich jedoch niemand verpflichten, denn sie wollen immer, dass du bereits Erfahrung hast. Aber irgendwann muss man ja anfangen. Ich drehte dann eine Fake-Werbung mit dem Titel TELETEXT, in der irischer Dialekt mittels Teletext für das Fernsehen untertitelt wurde. Dieser Spot wurde in Großbritannien ziemlich populär und öffnete mir verschiedene Türen. Ich liebe es, Spots zu machen, aber die wahre Erfüllung konnte ich nur als richtiger Regisseur finden. Ich schrieb einen Film mit dem Titel SISK. Ein sehr dunkler, shakespearesker Gangsterfilm. Ein guter Freund von mir, Mark O’Rowe, der unter anderem INTERMISSION geschrieben hat, schrieb die letzten Seiten des Drehbuchs, und es wurde ein sehr angesagtes Skript. Ein Produzent nahm sich dessen an, und viele Leute waren an dem Film interessiert, das war 2009, doch dann brach das Projekt zusammen. Mein Kurzfilm SCREWBACK basierte dann auf diesem Drehbuch. Liam Cunningham hätte die Rolle in SISK übernehmen sollen und machte dann aber für mich den Kurzfilm. 2010 kam dann einer meiner Produzenten mit einer Geschichte über ein kleines Mädchen, das von Burma nach Thailand flieht. Wir spürten, dass man daraus einen tollen Kurzfilm machen konnte, und ich fertigte aus seiner Geschichte ein Drehbuch an. Irland förderte den Film, CROSSING SALWEEN, den wir dann 2011 in Thailand drehten. Als ein Ergebnis von SCREWBACK, CROSSING SALWEEN und meinen TV-Spots bekam ich wohl den Regieposten für LET US PREY. Da mein erstes Langfilmprojekt kollabiert war, suchte ich dringend nach einem Film, den jemand anderes geschrieben hatte, und da kam LET US PREY. Ich wusste, dass das Budget niedrig sein würde, fand aber, dass man die Geschichte trotzdem gebührend umsetzen konnte. Ich wusste, dass, wenn ich gute Drehorte zur Verfügung haben würde, der Film sehr gut aussehen könnte. Meine Stärke ist es, alle Elemente des Films zu kontrollieren, um sicherzugehen, dass wir in der Zeit und im Budget bleiben, ohne dass darunter das Endergebnis leidet. Ich bekam die Gelegenheit, und ich bin sehr zufrieden mit dem fertigen Film.

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DEADLINE: Wie hast du damals den Kontakt zu Liam Cunningham hergestellt?

 

Brian O’Malley: Ich war auf der Premiere von INTERMISSION, und zusammen mit meinem Kumpel Mark O’Rowe stand da Liam Cunningham, und ich war sowohl von seinen physischen wie auch seinen psychischen Fähigkeiten begeistert. Ich arbeitete dann später mit einem Regieassistenten zusammen, der Liam kannte, und bat ihn um seinen Kontakt. Liam ist ein sehr aufrichtiger Mensch. Er schaut sich jedes Skript an, was man ihm zusendet, und er sagt dir klar, was er davon hält. Ihm geht es nicht um Namen oder Budget; wenn er das Skript mag, dann arbeitet er mit dir zusammen. Er unterstützt vor allem junge irische Regisseure. Er las das Drehbuch, rief mich an und sagte, dass er es großartig fände und den Film gerne machen würde. Es war so einfach. Das war der Kurzfilm SCREWBACK. Er ist bis heute sehr stolz auf ihn und bezeichnet ihn gerne als seinen Lieblingskurzfilm. Ursprünglich gab es mehr Dialog, aber er strich ihn und ersetzte ihn durch Blicke und pure Ausdruckskraft, darin ist er sehr gut. Wir wurden Freunde und arbeiten gerne zusammen. Er mag meine visuelle Art. Als es dann um LET US PREY ging, war er sofort Feuer und Flamme. Nachdem ich das Drehbuch gelesen hatte, hatte ich eine genaue Vorstellung von dieser Figur. Ähnliche wie sie hat man schon viele im Kino gesehen, aber ich wollte etwas Neues. Oft werden diese Rollen wie ein verrückter Rockstar gespielt. Ich wollte aber, dass er sehr ruhig dargestellt wird. Er hat es nicht nötig, irgendjemanden zu beeindrucken. Er ist von Natur aus beeindruckend. Er hat immer alles unter Kontrolle. Ich suchte also nach jemandem, der ohne große Worte sehr präsent ist. Und das ist Liam. Ich fragte die Produzenten, was sie von meiner Idee hielten, und sie waren begeistert, also rief ich ihn an, aber er war gerade in einem Flugzeug, und ich hinterließ ihm eine Nachricht. Er rief mich dann vom Flugplatz aus an und bat mich, ihm das Drehbuch zu schicken. Nach der Lektüre rief er mich zurück und sagte zu, den Film zu machen. Es war erneut sehr einfach. Für mich war es ein großes Glück, denn er sollte bereits mein Hauptdarsteller in meinem ersten, gescheiterten Projekt sein, und nun bekam ich ihn für LET US PREY. Er brachte selber viele Ideen mit in das Projekt ein, er wollte zum Beispiel weniger Dialog, was ich mir bereits dachte. Er kann sehr bedrohlich sein, auch wenn er im Film nicht das Böse verkörpert. Er hat nur einen Job zu erledigen, die anderen sind die Bösen und müssen sich vor seiner Bestrafung fürchten. Wir sahen beide den Charakter sehr ähnlich. Ich hoffe, dass ich erneut mit ihm zusammenarbeiten kann.

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DEADLINE: Wie ist Pollyanna McIntosh zu LET US PREY gestoßen?

 

Brian O’Malley: In dem Film steckt viel schottisches Geld, und entsprechend sollte auch etwas davon in dieses Land zurückfließen. Es gab auch irische Gelder, aber mit mir als Regisseur und anderen irischen Crewmitgliedern waren diese Bedingungen bereits erfüllt. Wir haben dann als Schauplatz für den Film Schottland gewählt und waren noch auf der Suche nach einer sehr starken schottischen Darstellerin für die Hauptrolle neben Liam Cunningham. Auch in Bezug auf den Akzent war es wichtig, echte Schotten in dem Film zu haben, um glaubwürdig zu bleiben. Pollyanna hatte die Qualitäten, nach denen ich suchte, Ripley in ALIEN nicht unähnlich. Ich wollte eine sehr feminine Frau, die aber die Fähigkeit hat, sehr stark zu sein. Sie passt perfekt. Es gibt Ähnlichkeiten zu Ripley im Film. Vor allem am Ende. Ich wollte keine abgebrühte, sondern eine starke Frau. Ich denke, da gibt es einen großen Unterschied. Sie ist verletzlich, aber trotzdem stark.

 

DEADLINE: Ich denke, in diesem Punkt gibt es Gemeinsamkeiten mit deinem Kurzfilm CROSSING SALWEEN. Dort ist die zentrale Figur ein kleines Mädchen, das sich auf den Weg über die Grenze nach Thailand macht.

 

Brian O’Malley: Es ist interessant, dass du das sagst. Als Pollyanna gefragt hatte, wer der Regisseur von LET US PREY sei, gaben wir ihr diesen Kurzfilm. Und er war einer der Gründe, dass sie mit uns zusammenarbeiten wollte. Sie hatte auch SCREWBACK gesehen, aber an CROSSING SALWEEN gefielen ihr die Emotionalität der Geschichte und der Fokus auf den Figuren. Das Kind ist der Held. Als sie das sah, sagte sie Ja.
Auch wenn ich wusste, dass ich einen stellenweise sehr brutalen Genrefilm machte, versuchte ich ihn anders als vergleichbare Werke anzugehen. Für mich war es einfach ein interessantes Drama mit einigen verrückten Elementen. Es ist ein sehr purer Genrefilm, aber die Stimmung und die visuelle Umsetzung sind ähnlich wie in CROSSING SALWEEN, genauso wie die Musik und wie die Personen durch Blicke miteinander interagieren. SCREWBACK ist bereits zehn Jahre alt, aber CROSSING SALWEEN liegt noch nicht so weit zurück, und es war zum Zeitpunkt von LET US PREY das Werk, welches mich am besten repräsentierte. Ich bin gewachsen. Mit SCREWBACK wollte ich einen coolen kleinen Gangsterfilm machen, und ich denke, das ist mir gelungen, aber CROSSING SALWEEN konzentriert sich mehr auf den inneren und äußeren Kampf des Mädchens. Ähnlich wie Pollyannas Figur Rachel in LET US PREY.

 

DEADLINE: Würdest du sagen, dass LET US PREY ein religiöser Film ist?

 

Brian O’Malley: Ja, ich denke, das ist er. Es gibt eine sehr tiefe religiöse Bedeutung. Sehr christlich und vielleicht sogar sehr katholisch, obwohl ich nicht weiß, ob die Autoren Katholiken sind. Ich bin keine religiöse Person, aber Religion fasziniert mich, vor allem im Kino. Filme hinterfragen Religion, genauso wie ich es tue. Das mag ich. Als ich klein war, habe ich mich dagegen verweigert, den Teufel als etwas Böses zu sehen. Denn der Teufel kommt nur, um dich zu bestrafen. Und ich habe mich immer gut benommen, also brauchte ich keine Angst vor ihm zu haben. Ich hatte immer das Gefühl, er stehe auf meiner Seite. Würde mir jemand etwas antuen wollen, würde er kommen und mich beschützen. Als ich den Film machte, wandte ich dieses Konzept auf die Geschichte an. Ich mag Liams Figur. Ich fühlte mich dadurch auch Pollyannas Charakter sehr nah. Die Bösen sind die anderen Personen innerhalb der Polizeiwache.

 

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