SPIDER-MAN hat als ganzes Franchise einen einzigartigen Weg hinter sich. Kaum ein Superheld wurde so oft neu interpretiert, analysiert und wieder neu erfunden – sei es als Animationsfilm, als Live-Action-Abenteuer oder irgendwo dazwischen.
Umso ernüchternder war es, als der neue Spidey im MCU beinahe nebenbei in CIVIL WAR eingeführt wurde und anschließend zwar durchaus unterhaltsame, aber sehr typische MCU-Auftritte erhielt. HOMECOMING und FAR FROM HOME waren keineswegs schlechte Vertreter des Genres, doch ihnen – und damit auch Tom Hollands Spider-Man – fehlte immer wieder die nötige Eigenständigkeit. Die Restriktionen des MCU wogen oftmals schwerer als die Maske des Spinnenhelden. Den essenziellen Fragen, die diese Figur seit jeher ausmachen, konnte man sich deshalb nur bedingt widmen.

BRAND NEW DAY eröffnet nun endlich diese Möglichkeit. Nachdem NO WAY HOME die Uhr praktisch auf null zurückgestellt hat, findet sich Peter Parker in einer Welt wieder, in der sich niemand mehr an ihn erinnert. Eine spannende Ausgangslage, die Regisseur Destin Daniel Cretton nutzt, um sich endlich auf das Wesentliche zu konzentrieren – befreit von zahllosen Querverweisen und Abhängigkeiten innerhalb des MCU.
Und man mag es kaum glauben: Nach Jahren der Mittelmäßigkeit ist BRAND NEW DAY tatsächlich der stärkste MCU-Film seit ENDGAME.

Das liegt vor allem am gelungenen Drehbuch, das die Beziehung zwischen Peter Parker und seiner verlorenen Liebe MJ konsequent in den Mittelpunkt stellt. Endlich besitzt ein MCU-Film wieder einen klaren Fokus. Nahezu jeder Charakter und jeder Handlungsstrang zahlt auf diese zentrale Beziehung ein und führt immer wieder zu Peter und MJ zurück – im MCU inzwischen fast schon eine Seltenheit.
Tom Holland und Zendaya verfügen erneut über eine unbestreitbare Chemie, die den Film erdet und seine Geschichte emotional zusammenhält. Wenn diese Verbindung bedroht, aufgelöst oder gar ausgelöscht wird, schmerzt das beim Zuschauen beinahe körperlich. Das ist starkes Charakterkino mit hervorragend aufgelegten Darstellern.

Genau deshalb stehen hier die Emotionen im Mittelpunkt. Die Action- und Schwungszenen sind hervorragend inszeniert und orientieren sich sichtbar an Sam Raimis SPIDER-MAN-Trilogie, drängen sich jedoch erfreulicherweise nie in den Vordergrund. Erst wenn Peter Parker und sein Alter Ego miteinander in Konflikt geraten, entfaltet die Figur ihre größte Stärke. Dann lässt uns der Film mitfühlen, hoffen und leiden – und genau das macht BRAND NEW DAY so besonders.

Ganz ohne Schwächen kommt der Film allerdings nicht aus. Einige Cameos wirken arg konstruiert, und ein paar Figuren weniger hätten der Erzählung ebenso wie dem Pacing gutgetan. Ganz abschütteln kann auch dieser Film das Korsett des MCU nicht. Unter den gegebenen Umständen gelingt ihm jedoch das Bestmögliche.
Unterm Strich ist dieser Spider-Man der beste seit Sam Raimis Trilogie aus den 2000er-Jahren – und das ist ein verdammt großes Kompliment.
Erstaunlich tiefgehend. So gut war das MCU schon lange nicht mehr!

