„La petite mort“, der kleine Tod, nennt man im Französischen den Zustand nach dem Orgasmus. Diese Nähe von Lust und Auslöschung ist eines der Hauptthemen in Jane Schoenbruns Hommage an den Slasherfilm der 1980er-Jahre. So heißt ihr Killer passenderweise „Little Death“. Wie seine Vorbilder trägt er einen Overall und eine ikonische Maske. Diese ist allerdings eine groteske Übersteigerung: die Abdeckung eines Luftschachts. Auch die Morde sind keine bloße Referenz, sondern eine Überbietung. Meterhoch spritzen hier die Blutfontänen, die Gewalt hat etwas Cartoonhaftes, Surreales. Dass Schoenbrun das Genre liebt und versteht, zeigt sich bereits im Vorspann. VHS-Kassetten, Sammelkarten, Actionfiguren – Memorabilia des fiktiven Franchise CAMP MIASMA, gestalterisch und typografisch klar an FREITAG, DER 13. angelehnt, ebenso detailliert und liebevoll aufbereitet wie bereits Schoenbruns Verneigung vor 90er-Jahre-TV-Serien wie BUFFY in I SAW THE TV GLOW. Und doch ist TEENAGE SEX AND DEATH AT CAMP MIASMA (was für ein Titel!) trotz unzähliger Anspielungen kein reiner Metafilm wie etwa Wes Cravens SCREAM.

Nachdem die Empörung über transphobe Untertöne im Internet hochgeschlagen war, ist das CAMP-MIASMA-Franchise praktisch tot. Nun soll die junge queere Filmemacherin Kris (großartig: Hanna Einbinder, HACKS) ein zeitgemäßes Reboot drehen, um sowohl alte Fans als auch die Gen Z ins Boot zu holen. Kris will das Final Girl des Originals, Billy Presley, ein letztes Mal zurückholen. Diese lebt mittlerweile abgeschieden von der Öffentlichkeit in Camp Trivoli, dem Originaldrehort der Saga. Gillian Anderson (AKTE X) brilliert hier als eine Wiedergängerin Norma Desmonds, eine Diva des Slashermovies, verführerisch, mit schwerem Südstaatenakzent. Zwischen ihr und der introvertierten Kris entsteht schnell mehr als ein professionelles Verhältnis. Da ist eine Anziehung, ein Spiel aus Begehren und Projektion, in dem Film und Realität immer mehr zu einer diffusen Traumwelt verschwimmen.

Jane Schoenbrun gelang ein sehr persönlicher Film über die Bedeutung von Popkultur für das Heranwachsen und die Identitätsfindung. Humorvoll und klug, unterhaltsam und komplex zugleich, ist TEENAGE SEX AND DEATH AT CAMP MIASMA subversiver und eigenständiger als viele reine Horrorfilme derzeit. Die Wildheit des Genrekinos wird zelebriert, und gleichzeitig verschiebt sich der voyeuristische männliche Blick hin zu einer weiblichen und queeren Lesart. So entfaltet das Final Girl ein eigenes, unbändiges Begehren, und selbst der Killer ringt mit seiner geschlechtlichen Identität. Auch wird eines der großen Versprechen des Kinos eingelöst: Der Blick mit den Augen des Anderen wird der eigene.

Und dennoch legt Billy in einer Szene eine andere Lesart nahe. Letztlich gehe es um nichts als „flesh and fluids“. Und genau darin liegt die Stärke von Schoenbruns Film: Intellektueller Überbau und rohe Körperlichkeit stehen nebeneinander, ohne sich für eines von beidem entscheiden zu müssen. (Jan Urnau)
„Dekonstruktion und liebevolle Hommage an den Slasherfilm zugleich.“
(P.S.: Passend zum Kinostart haben wir in der DEADLINE #118 ein ausführliches Gespräch mit Regisseurin Jane Schoenbrun geführt. Darin geht es um die Neuerfindung des Horrorgenres, die zahlreichen Slasher-Referenzen, Sex, Selbstfindung und Gender-Identität.)

