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THE KING’S MAN – THE BEGINNING

Regie: Matthew Vaughn / Großbritannien, USA 2021 / 131 Min.

Besetzung: Ralph Fiennes, Harris Dickinson, Gemma Arterton, Rhys Ifans, Djimon Hounsou, Charles Dance

Produktion: Matthew Vaughn, David Reid, Adam Bohling

Verleih: Walt Disney Germany

Start: 06.01.2022

Die Welt hat sich verändert. In Zeiten von Corona fühlt sich die Inszenierung von simplem, nicht weiter gehaltvollem Spaß fast schon ein wenig moralisch fragwürdig an – zumindest aber leicht fehl am Platz und unglaubwürdig, denn wer kann heutzutage bitte einfach ausblenden, wie die Pandemie uns beeinflusst und einen dunklen Schatten auf unser tägliches Leben wirft? Ein Film wie KINGSMAN: THE SECRET SERVICE hätte darum 2021 vermutlich einen etwas schwereren Stand gehabt als 2015, als man sich noch unbesorgt im Exzess um des Exzesses willen ergehen konnte und Freizeit noch Lockerheit bedeutete – nicht Lockdown.

Insofern erscheint es durchaus passend, dass das KINGSMAN-Prequel THE KING‘S MAN (hierzulande mit dem sicherheitshalber übererklärenden Untertitel THE BEGINNING versehen) eine dezidiert andere Tonart anschlägt als seine beiden Vorgängerfilme. Aber natürlich ist das nicht wirklich dem aktuellen Weltgeschehen geschuldet: Tatsächlich war der Kinostart ursprünglich bereits für den 9. November 2019 geplant und wurde dann mehrfach verschoben – einerseits wegen nötig gewordener Nachdrehs, andererseits aufgrund der Covid-Auswirkungen, die unter anderem auch zu Startverschiebungen der Filme aus der vierten Phase des Marvel Cinematic Universe und damit zu potenziellen Box-Office-Konflikten im Hause Disney führten.

 

Wie dem auch sei: Wer hier eine Fortsetzung der locker-flockigen Agentenfilmparodie-Lustigkeiten der ersten beiden Teile erwartet hatte, dürfte sich einigermaßen verwundert die Augen reiben. Denn THE KING‘S MAN ist weniger überdrehte Actionkomödie als vielmehr wuchtiges, oft emotional überaus nahegehendes Actiondrama – bei dem ein Film wie der düstere Oscar-Gewinner 1917 eher als Referenz taugt als ein OSS 117. Nein, das ist kein Scherz: Wir werden hier zwischenzeitlich in die Schützengräben des Ersten Weltkriegs versetzt und dürfen in epischer Breite Angst, Leiden und schmerzvollen Tod von meist namenlosen Soldaten aus nächster Nähe miterleben. Ein lässiger One-Liner ist das Letzte, das hier Platz finden würde. Und dabei war doch genau das ein Erkennungszeichen des KINGSMAN-Franchises. Bis jetzt.

 

Ob der Wandel in der Stimmungslage damit zu tun hat, dass Regisseur Matthew Vaughn erstmals in seiner Laufbahn ein Drehbuch NICHT zusammen mit Jane Goldman verfasst hat? An ihre Stelle ist hier Karl Gajdusek (unter anderem Autor von OBLIVION) gerückt, und die Handlungs- sowie Tonalitätsunterschiede zu den Vorgängern sind in jeder Hinsicht enorm. Ein oberflächliches Beispiel ist der Mangel an sexuell anzüglichen Szenen, die THE SECRET SERVICE und THE GOLDEN CIRCLE mitunter eine leicht sleazige Aura verliehen hatten. Hier wird nun zwar einmal kurz ein Pädophilie-Gerücht angesprochen, aber nicht weiter thematisiert. Ansonsten bleibt THE KING‘S MAN auf der „zwischenmenschlichen“ Ebene äußerst zurückhaltend.

Aber worum geht es im Film nun eigentlich? Vieles – vielleicht zu vieles. Prinzipiell natürlich um die Gründung des privatwirtschaftlich organisierten Geheimdienstes „Kingsman“ und vor allem dessen Vorgeschichte. Ganz konkret und in erster Linie dreht sich die Handlung jedoch um die Figur des Orlando Oxford (Ralph Fiennes), der im Laufe seiner Karriere als Freund und Berater der britischen Krone – personifiziert durch King George V. (Tom Hollander in einer Dreifachrolle, gleichzeitig als Kaiser Wilhelm II. und Zar Nikolaus II.) – erkennt, dass Krieg das Grundübel der Menschheit ist, und deshalb mit vollem persönlichen Einsatz versucht, den „Great War“, den Ersten Weltkrieg, zu beenden.

 

Nachdem er zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Mitarbeiter des Roten Kreuzes im Burenkrieg in Südafrika miterleben musste, wie seine Frau (Alexandra Maria Lara, DER UNTERGANG) einen sinnlosen Tod starb, hat Oxford sich geschworen, den gemeinsamen Sohn Conrad (Harris Dickinson, MALEFICENT) so weit wie möglich entfernt von kriegerischen Handlungen zu halten. Dieser findet im Laufe der Zeit jedoch zu einer ganz eigenen Einschätzung von dem, was richtig und was notwendig ist – und, so viel sei verraten, seine Laufbahn entwickelt sich nicht unbedingt analog zu der von „Eggsy“ aus den Vorgängerfilmen, als dessen (allerdings extrem blass bleibender) narrativer Ersatz er zunächst in Erscheinung tritt.

Als sich zwölf Jahre nach den Geschehnissen in Südafrika herausstellt, dass eine sinistre Geheimgesellschaft mit Mitgliedern aus aller Herren Länder versucht, die Militärmächte jener Zeit gegeneinander aufzustacheln und sie dazu zu bringen, in möglichst vernichtungsintensive Kampfhandlungen zu treten, organisiert Oxford Gegenmaßnahmen – und versucht, die getarnten, geheimnisvollen Kriegstreiber-Agent:innen auszuschalten, aus deren Reihen der russische „verrückte Mönch“ Rasputin die größte Rolle spielt. Der wird wunderbar überdreht und charismatisch gespielt von Rhys Ifans (THE AMAZING SPIDER-MAN) – und stellt als komplett over the top chargierender Charakter eins der wenigen Elemente des Films dar, die an die zumeist überbordend wilde Stimmung der Vorgängerwerke erinnern. Von all den mehr oder minder bunten Bösewichtern, die wir hier präsentiert bekommen, ist er allerdings auch so ziemlich der einzige, der wirklich in Erinnerung bleibt. Die meisten anderen haben eine Screentime von gefühlt nur ein paar Sekunden, und selbst ihr bis zum Filmfinale unerkannt bleibender Anführer bekommt letztendlich nur einen kurzen, reichlich unspektakulären Auftritt spendiert. Einer der gegnerischen Agenten, Erik Jan Hanussen, wird übrigens von Daniel Brühl gespielt – allzu routiniert, seine Leistung kann eher unter „war anwesend“ verbucht werden.

Dem einen oder der anderen könnte an dieser Stelle bereits aufgefallen sein, dass eine erstaunlich große Zahl der Figuren von THE KING‘S MAN als Interpretation von Persönlichkeiten der Zeitgeschichte angelegt ist. Das ist natürlich prinzipiell alles andere als uninteressant, allerdings zeigt sich spätestens an der Art und Weise dieser Interpretation, dass der Film mit einer gewissen Unwucht zu kämpfen hat, in Gänze betrachtet mangelhaft ausbalanciert wirkt. Denn dem spekulativen oder sogar exploitativen Umgang mit realen historischen Figuren und konkreten geschichtlichen Begebenheiten, der wunderbar zu einem lässigen B-Movie passen würde, steht die erwähnte Ernsthaftigkeit und Schwere der Geschehnisse und Emotionen in anderen Teilen des Films entgegen. Hier krachen immer wieder enorme Stimmungsunterschiede aufeinander, die schließlich für ein insgesamt zerrissenes Bild sorgen.

 

Was nicht heißen soll, dass Matthew Vaughns jüngste Regiearbeit nicht unterhaltsam wäre. Von der leicht überlang geratenen Laufzeit und der unnötig detailverliebten – und dadurch etwas überladen daherkommenden – Storyline einmal abgesehen, erwartet die Zuschauer:innen hier ein schönes Kinoerlebnis, das mit teilweise atemberaubenden Aufnahmen und einem überragenden Produktionsdesign die große Leinwand voll ausnutzt. Und auch die Mehrzahl der oft namhaften Darsteller:innen kann überzeugen.

Nur bekommt man einerseits eben nicht in vollem Umfang geboten, was der (Unter-)Titel verspricht: THE KING‘S MAN beschäftigt sich wesentlich ausschweifender mit der (teils fiktiven) Geschichte des Ersten Weltkriegs als mit der des „Secret Service“ – erst ganz am Ende erfahren wir etwa Details über seine Gründung und die Tradition der der Artussaga entlehnten Agentennamen. Und andererseits entspricht das Gebotene nur in Teilen dem, wofür das Franchise bislang stand: neben beeindruckend choreografierten Kampfszenen immer auch eine Menge (oft derben) Humors und eine grundsätzliche Nonchalance. Von den letztgenannten Aspekten ist hier nicht viel übrig geblieben; von britischem Style und britischer Lässigkeit fast nur der Style.

 

In mancher Hinsicht zwar gewohnt größenwahnsinnig, mit grotesk überzeichneten Figuren und buchstäblich comichaften Szenarien versehen, ist THE KING‘S MAN so doch kein wirklich stimmiger Teil der Reihe geworden. Ein Kinobesuch lohnt sich in jedem Fall – er lässt einen allerdings definitiv irgendwo etwas ratlos zurück.

 

(Dominic Saxl)

Zeitgeschichte, KINGSMAN-Style: größenwahnsinnig, nicht immer großartig

 

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THE KING’S MAN – THE BEGINNING

Regie: Matthew Vaughn / Großbritannien, USA 2021 / 131 Min.

Besetzung: Ralph Fiennes, Harris Dickinson, Gemma Arterton, Rhys Ifans, Djimon Hounsou, Charles Dance

Produktion: Matthew Vaughn, David Reid, Adam Bohling

Verleih: Walt Disney Germany

Start: 06.01.2022

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