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INTERVIEW MIT REGISSEURIN JULIA DUCOURNAU ZU TITANE

She is Titanium

Nach dem überwältigenden RAW waren die Erwartungen an Regisseurin Julia Ducournau groß – nicht so gewaltig jedoch wie ihr Anspruch an sich selbst. Nach einer Phase der künstlerischen Distanz konnte sie sich in TITANE einbetten und hat uns nach fünfjährigem Schaffen einen Film geschenkt, der schmerzt. Wie die Liebe es muss. Der preisgekrönte TITANE startet am 7. Oktober in den deutschen Kinos.

 

DEADLINE: Musstest du jemanden überzeugen, damit TITANE entstehen konnte?

 

Julia Ducournau: Ich habe noch nie in meinem Leben einen Film gepitcht. Wenn mich jemand gefragt hat, worum es in dem Film gehe, habe ich immer mit „Liebe“ geantwortet. Und dass diese nicht einfach zu bekommen ist. Mir gefällt es, wenn ich aus einem Film komme, der mich stark bewegt hat, aber ich nicht genau festmachen kann, wodurch. Ich weine gern zu einem Film, ohne zu wissen warum. Wichtig ist, dass ich in meiner Verletzlichkeit als Mensch berührt werde.

 

 

DEADLINE: Wie verfasst man ein Drehbuch zu einem derart ambivalenten Film? Oder bildet sich das erst beim Dreh heraus?

 

Julia Ducournau: Ich fange immer mit dem Ende an. Die Inspiration dazu kann von Bildern, Albträumen oder Wünschen kommen. Hier drehte sich alles um den Wunsch nach Liebe. Mir war gleich klar, dass es in meinem Film nicht viele Wörter geben würde. Ich kann nicht Worte auf ein absolutes, bedingungsloses Gefühl legen. Die Person in einer Szene bedeutet einem einerseits nichts, aber in Bezug auf Gefühle alles. Hier geht es nicht um Geschlecht, Herkunft etc., niemals.

Ausgehend vom Ende wähle ich einen Anfang, der möglichst weit entfernt liegt. Deswegen beginnt TITANE so barock und überladen. Alles ist zunächst in Bewegung, voll von Gewalt, und es gibt erst keinen Platz für Liebe. Da muss man erst durch. Die Beziehungen meiner Charaktere sind gar nicht so komplex, nach einem katastrophalen Start wird alles einfach immer besser und besser.

Nach dem Schreiben versuche ich mich von der Aktstruktur loszusagen, ich mag keine akademische Struktur. Sie muss instinktiv und organisch sein. Die Story verlegt sich immer mehr zum Ziel hin, bei dem sich eine Befreiung, ein frischer Wind einstellt nach all der Dunkelheit.

 

 

DEADLINE: Arbeitest du nach Bildern in deinem Kopf?

 

Julia Ducournau: Natürlich. Zum Beispiel dachte ich immer an die Schwangerschaft und die Symbiose mit Metall. Das ist einer meiner Albträume, und ich wollte das schon immer ausdrücken. Die Kombination aus der Gewalt und Größe, Leben zu geben, und der Kälte und Starre von Metall ist ein ästhetischer Schock für mich.

Man merkt beim Schreiben, dass man an etwas Gutem dran ist, wenn die Charaktere die Entwicklung bestimmen. Schreiben ist 95 Prozent Mühe und 5 Prozent Eingebung. Es ist sehr einsam. Manchmal will man in eine bestimmte Richtung gar nicht gehen, aber es ist eine der Figuren, die einen dazu auffordert, es zu versuchen. Dann hat man keine Wahl mehr, alles ist möglich, und es gibt keine Regeln mehr. Bei TITANE war dieser Prozess sehr nützlich, um nicht in auserzählte Muster zu verfallen.

Nach dem Erfolg von RAW habe ich sehr viel Druck verspürt, der mich künstlerisch paralysiert hat. Ich wusste, dass das Publikum auf meinen zweiten Film gespannt sein würde. Meine größte Angst war, den zweiten Film nicht so sehr lieben zu können wie RAW. Ich wollte die gleiche Energie in ihn stecken können. Irgendwann habe ich mir dann einfach gesagt: Was soll’s?, und gemacht, was ich wollte.

 

DEADLINE: Wie positionierst du dich gegenüber Parallelen zu David Cronenberg?

 

Julia Ducournau: Meine Filme sind natürlich sehr persönlich. Aber Cronenbergs Werk ist einfach in meiner DNA. Seine Arbeit hat meinen künstlerischen Geschmack geformt. Ich habe ihn damals auch von alleine entdeckt, niemand hat ihn mir empfohlen. Also kam schon dieses Interesse nur von mir. Dass er für mich wichtig ist, bedeutet aber nicht, dass ich mich an ihm bewusst orientiere. Grundsätzlich bin ich dagegen, von „Referenzen“ zu sprechen, mit „Einflüssen“ bin ich aber einverstanden. Niemand spricht mich auf Pasolini an, aber sein Schaffen war ein genauso großer Schock und Inspiration für mich wie Cronenberg.

Es ist überhaupt nur in der Retrospektive möglich, über Einflüsse oder Ähnlichkeiten zu sprechen, im Schaffensprozess habe ich das nicht präsent. Vielleicht bei der Vorbereitung einer Einstellung, etwa der Lichtwahl, gibt man der Crew bestimmte Szenen aus anderen Filmen zum Vorbild. Generell bin ich mehr von Gemälden beeinflusst. Bei TITANE wollte ich sehr starke Kontraste. Winslow Homer, vor allem sein Bild „Summer Night“, war wichtig. In der Szene, in der Alexia sich ins Meer übergibt, wollte ich es in einem anderen Kontext nachstellen. Auch „Das Reich der Lichter“ von Magritte war für TITANE relevant und sowieso alles von Caravaggio.

 

 

DEADLINE: RAW und TITANE sind Filme mit extremen Momenten, Grenzerfahrungen der Figuren. Gibt es hierfür persönliche Erfahrungen als Grund?

 

Julia Ducournau: Ich denke, dass jeder diese extremen Gefühle in sich trägt, nur dass ich sie als Filmemacherin ausdrücken kann. Dafür ist die Kunst ja da. Ich möchte das nicht zum Thema machen, aber ich habe durchaus das Gefühl, dass die Menschen geschockter sind, weil ich eine Frau bin und all diese brutalen Dinge zeige. Ich halte es allerdings für total gesund, das rauszulassen.

 

DEADLINE: War das Casting für solch spezielle Figuren schwierig?

 

Julia Ducournau: Ja, sehr. Für die Hauptrolle wollte ich offen und präzise zugleich bei der Besetzung sein. Ich wollte bewusst keine professionellen Schauspieler und war auch offen sowohl für Männer als auch Frauen. Das hat die Suche nicht gerade eingeschränkt. Allerdings musste die Person in jedem Fall sehr androgyn sein. Ich musste mit dem Gesicht mit Licht und Kamerawinkeln spielen können. Außerdem musste es möglich sein, auch größere Make-up-Effekte einzusetzen – das geht nicht bei jedem. Es war ein sehr langer Prozess. Wir haben uns zunächst androgyne Models auf Instagram angesehen. So sind wir auf Agathe Rousselles Profil gekommen. Ich bat sie fünfmal zum Vorsprechen, das ist sehr viel, über einen längeren Zeitraum. Ich musste bei den Tests sehr viel ausprobieren, denn bei Unerfahrenen weiß man häufig nicht, wie sie spielen, vielleicht frieren sie vor der Kamera ein. Garance Marillier hat mir hier sehr geholfen und bei den Castings die Partnerin gegeben, um zu sehen, wer geeignet wäre. Agathe hatte das perfekte Äußere und eine gute Energie für den Film. Es war klar, dass es psychisch und körperlich sehr anstrengend werden würde. Manchmal saß sie vier bis sechs Stunden im Make-up am Morgen. TITANE ist auch ein Actionfilm, da musste sie also auch fit sein. Nachdem ich mich für sie entschieden hatte, haben wir ein Jahr lang zusammen Szenen gemeinsam geprobt. Da es bei TITANE kaum Dialog geben würde, haben wir zum Beispiel Momente aus Sidney Lumets NETWORK, aber auch TWIN PEAKS und KILLING EVE nachgespielt. Diese Filme haben zu ihrer Rolle gepasst. Anschließend haben wir uns mit ihrem Körper befasst und viel Kampftraining angesetzt und die entsprechenden Szenen im Dojo einstudiert. Es musste glaubwürdig sein, dass sie wirklich jemanden töten könnte. Am Ende stand der Tanzkurs, bei dem sie Striptease lernen musste.

 

DEADLINE: Nicht nur sind viele Szenen in TITANE sehr extrem, sondern auch intim. Wie schaffst du dafür die passende Atmosphäre am Set?

 

Julia Ducournau: Mein oberster Grundsatz mit meinen Schauspielern ist Vertrauen. Ich bitte sie, mir zu vertrauen, denn ich zeige ihnen keine Aufnahmen von sich während des Drehs. Ich selbst schaue mir die Tagesaufnahmen auch nicht an, das macht nur mein Cutter, weil er mit seiner Arbeit schon am ersten Drehtag beginnt. Ich lasse normalerweise auch keine Dinge am Set noch mal spielen, also wissen meine Darsteller häufig nicht genau, wie sie wirken. Vertrauen ist da alles. Sie müssen sich mir überlassen. Gerade mit den Make-up-Effekten oder auch der Zunahme an Muskelmasse wären sie sich sonst ihrer körperlichen Veränderung zu sehr bewusst, was ihr wahres Spiel, diese gefühlvolle Einfachheit, nach der ich suche, verfälschen könnte. Für ihr Vertrauen bin ich im Gegenzug vollkommen ehrlich. Ich erkläre ihnen genau, was man von ihnen sieht und wie man es sehen wird, und halte mich daran ohne Ausnahme. Wenn sie wollen, dass etwas von ihnen nicht gezeigt wird, respektiere ich das. Sie sollen sich so sicher wie möglich fühlen. Bei Nacktszenen habe ich so wenig Leute wie möglich am Set, insgesamt hatten wir sowieso fast nur Frauen beim Dreh. Nur mit vollstem gegenseitigen Vertrauen kann ich arbeiten.

 

 

DEADLINE: Wie hast du dich nach dem Dreh gefühlt?

 

Julia Ducournau: Da bin ich immer sehr traurig. Zum Glück haben wir gleich erfahren, dass wir kurze Zeit später im Wettbewerb in Cannes laufen würden, so blieb nicht viel Zeit zum Weinen. (lacht) Wenn ein Film zu Ende geht, endet ein ganzes Kapitel – fünf Jahre habe ich an TITANE gearbeitet. Bei RAW war es genauso. Aber es muss so sein: Bevor man den Film dem Publikum überlässt, muss man ihn ausgiebig betrauert haben. (lacht)

 

DEADLINE: Vielen Dank, Julia, für TITANE und dieses Interview!

 

Interview geführt von Leonhard Elias Lemke

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